Märkte, Hoffnungsträger der Neuzeit

Auf Märkten gewinnen Gewinner leichter und verlieren Verlierer schneller. Was verkündet und was verschweigt der Markt als Symbol für Freiheit? Können Märkte sozial sein, wie es die soziale Marktwirtschaft verspricht? Teil 3 der Serie „Freiheit und Ausbeutung“.

Der Markt hat in der Neuzeit einen guten Namen, weil er als Verbündeter von Frieden und Freiheit wahrgenommen wird. Nach den Schlachten des 17. und 18. Jahrhunderts mit all ihren Toten und Verwüstungen war bei den Aufklärern der Glaube entstanden, Freihandel könne ein Garant für friedliches Zusammenleben sein. Es ging gar nicht um Moral oder Tugend, stattdessen um die Hoffnung auf eine weniger aggressive und tödliche Art, sich miteinander ins Benehmen zu setzen. So, wie es Händler und Kaufleute tun.

Noch die Gründung der Montanunion im April 1951 verfolgte ähnliche Intentionen: Gemeinsame ökonomische Interessen würden mögliche militärische Konflikte verhindern. Markt und Handel sollten die historische Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich beenden. Man kann also nachvollziehen, woher ein mögliches Grundvertrauen in die soziale, friedensstiftende oder kriegsverhindernde Macht des Marktes rührt. Weniger verständlich ist, wie der Markt allen anderen sozialen Beziehungen den Rang ablaufen konnte bis hin zu der Vorstellung, dass Bildung und Gesundheit frei verkäufliche Waren werden sollten. „Pay one, get two: Gipsarm in aktuellen Modefarben. Nur diese Woche bei Sportmediziner Dr. Zeh.“ „Summer Sale 2016: Fünf Tage liegen, nur drei Tage zahlen. Kommen Sie ins Krankenhaus Rechts der Isar.“ Aber dazu später.

Was verkündet und was verschweigt das Wort Markt als Symbol für Freiheit? In der Tat setzen Märkte Freiheiten voraus, die historisch alles andere als selbstverständlich sind. Das beginnt schon beim Marktplatz, für den ein gewalt- und herrschaftsfreier Sozialraum geschaffen und geschützt werden muss. Es ist ein rechtlich geregeltes – also letztlich politisch geordnetes – Beziehungsmuster zwischen Angebot und Nachfrage, das den Namen Markt trägt. Anbieter wie Interessenten haben Freiheitsrechte, die sie wechselseitig anerkennen: Die einen verfügen frei über das Angebot, das sie machen, und die anderen haben die freie Wahl, Angebote anzunehmen oder abzulehnen. Das ist, gemessen an den Abhängigkeitsverhältnissen früherer Zeiten mit Ablieferungs-, Arbeits-, Heirats- und anderen Zwängen, ein Füllhorn an Freiheiten, das keine Geringschätzung verdient. Aber auch keine glorifizierende Verabsolutierung. Ein „Deutscher Arbeitgeberverband“ schmückt sich mit dem Claim „Markt & Freiheit“ und suggeriert in seinen Publikationen, jenseits des Marktes habe Freiheit keine Heimat. Als ob Meinungs- und Pressefreiheit, freie politische Wahlen, die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft auf Märkte angewiesen seien.

Habenichtse haben auf dem Markt nichts verloren – oder eben alles

Wäre Freiheit das einzige, was sich auf Märkten ereignet, hätten wir die Rückkehr ins Paradies zu melden. Stattdessen haben wir festzuhalten: Wer sich auf den Markt begibt, muss etwas zu bieten haben. Um ihre Freiheitsrechte wahrzunehmen, brauchen Anbieter wie Interessenten das Vermögen, ein attraktives Angebot beziehungsweise ihre Nachfrage geltend zu machen. Dass Freiheiten ihren Wert verlieren für Menschen, die sie nicht zu praktizieren vermögen, darüber wird in den Freundeskreisen der Marktwirtschaft nicht so gerne geredet. Besonders Wirtschaftsmärkte kennen da kein Pardon. Der Preis ist nur dann heiß, wenn er aus der Sicht der Anbieter nicht zu niedrig und aus Sicht der Interessenten nicht zu hoch ist. Die dunklen Seiten des ökonomischen Marktes lernen alle Anbieter kennen, die nur unter Wert oder überhaupt nichts verkaufen, und alle Interessenten, deren Zahlungsfähigkeit hinten und vorne nicht ausreicht.

Im Brennpunkt der Kontroversen steht die Gleichgültigkeit des ökonomischen Marktes gegenüber Lebensnotwendigkeiten. Hunger und Durst, Obdach- und Hilflosigkeit sind auf dem Markt kein Argument. Weil Habenichtse auf Märkten nichts verloren haben (oder eben alles), muss in der Fankurve der Marktwirtschaft darauf bestanden werden, dass jeder Mensch selbst dafür verantwortlich ist, ob er zum Habenichts wird oder nicht – der Markt kann nichts dafür.

Doch, er kann! Zumindest trägt er dazu bei. Das neutrale Unschuldslamm, als das er präsentiert wird, ist er wirklich nicht. Indem er seine Akteure, die Personen und Organisationen, die sich auf ihm tummeln, gleich behandelt – zahlen oder nicht zahlen, das ist am Ende die einzige Frage – fördert er deren Ungleichheit. Macht hat, wer warten kann, sagt man. Kaufen oder verkaufen zu müssen, ist ein Nachteil, der in the long run Verlierer produziert; warten zu können, ein Vorteil, der Gewinner hervorbringt. Auf Märkten gewinnen Gewinner leichter und verlieren Verlierer schneller. Logisch, dass Gewinner den Markt mehr loben, während Verlierer ihn öfter kritisieren. Das nimmt der Fanclub der Marktwirtschaft als Steilvorlage auf und folgert forsch, nur Verlierer hätten etwas gegen den Markt. Dabei – der Vorwurf wird dann gern mehr oder weniger subtil hinterhergeschoben – seien sie doch selber Schuld daran, zu den Verlierern zu gehören.

Richtig lebendig ist das Wort Markt durch die Kombination mit Wirtschaft und die Beifügung des Adjektivs „sozial“ geworden. Denn damit ist die Metapher vom „sozialen Netz“ in die Welt gekommen und die mögen wir bis heute. Das soziale Netz entschädigt uns dafür, unsere Haut zu Markte tragen zu müssen, solange es geht. Jedoch: Soziales Netz beinhaltet ja auch die Erfassung aller Sozialfälle, die Kontrolle ihrer Lebensweise, die Trennung zwischen Arbeitslosen, Arbeitsscheuen, Obdachlosen. Es beinhaltet deren verwaltungsmäßige Erfassung und Aussonderung, bzw. Eingliederung über Zwang, eine Übereinkunft in der Gesellschaft, wer das Recht darauf hat, Nutznießerin oder Nutznießer des Adjektivs sozial in der Marktwirtschaft zu sein und wer nicht. Wir fragen uns nicht mehr, welche Vorstellung wir von einem Leben zusammen mit anderen entwickeln wollen, stattdessen wollen wir wissen, auf welcher Gehalts- oder Einkommensstufe sich unser Leben abspielen wird.

Inkarnation der Indoktrination

„Diese Dressur hat das Verhältnis der Menschen zu sich selbst und zu anderen so deformiert, dass Selbstbewusstsein und soziale Anerkennung einzig davon abhängig sind, ob jemand seine Arbeitskraft verkauft oder nicht.“ (Zeitschrift „Transit“, 1983, „Das Zappeln im sozialen Netz“)

Eine Inkarnation permanenter Indoktrination verkörpert die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“: Eigentum, Freiheit, Haftung, stabiles Geld, Wettbewerb und am Schluss als rotes Schleifchen Solidarität – diese Prinzipien verkünden deren Einflüsterer. Worte, die uns nicht ängstigen, stattdessen beruhigen. Wir sind bereit, das „neu“ vor der Sozialen Marktwirtschaft zu überlesen. Jenes „neu“, das die Initiative zum Beispiel zu einer eifrigen Kämpferin gegen den Mindestlohn macht. Haften bleibt in unseren Köpfen „Sozial“. Und eben Markt. We love it.

Die historischen Bande mit Frieden und Freiheit werden heute überwölbt von einer Suggestion des Marktes, die ihn zum Blutsbruder der Individualisierung macht. Wir begreifen und gefallen uns als unabhängige Individuen, die autonome Entscheidungen treffen. So wie es einst war, als man auf dem Marktplatz – so man Geld oder was zu tauschen hatte – entscheiden konnte, was man erwirbt und was nicht. Das tun wir auch heute, nur mit dem Unterschied: „Wir sind Konsumisten, weil wir uns selbst nur noch über bestimmte Aspekte des Kauf- und Verkaufsaktes verstehen können. Unser granulares Verständnis des sozialen Lebens ist ein Nebenprodukt der Tatsache, dass der Markt unsere Gehirne und Körper infiltriert hat. (…) Mit unserer fanatischen Hingabe an die Schaufenster heben wir die Bedeutung unserer persönlichen Entscheidungen hervor und verschleiern den Zusammenhang zwischen ihnen und der Ungleichheit zwischen Klassen.“ (Cèsar Rendueles, „Soziophobie“, edition suhrkamp, 2015)

Natürlich könnten wir noch einmal einen Schritt zurück gehen – zum Beispiel zu Walter Benjamin, der sich darüber Gedanken gemacht hat, dass erst der Massenkonsum zu einer Transformation führt, die uns letztlich zu dem gemacht hat, was wir heute sind: zuallererst Verbraucher, Konsumentinnen und Konsumenten. Benjamin glaubte noch, unsere Subjektivität als Konsumisten würde letztlich dazu führen, größere politische Scharfsicht oder Sensibilität zu erlangen; die aktuelle Performance der Demokratie widerspricht ihm. Der Markt mit seiner Überfülle an Waren hat unser Verständnis von der Welt grundlegend verändert. Den –ismen ist ein Konsumismus hinzugefügt worden, der uns nahelegt, über Kapitalismus und Marktwirtschaft nicht lange nachzudenken.

Folgt Teil 4: Konkurrenzfähigkeit, Bestform des Daseins?

Der Text ist zuerst auf Oxi erschienen.

 


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