Kapital und die Verantwortung seiner Funktionäre

Wäre Ausbeutung alles, was es kann, wäre das Kapital längst abgeschafft. Der Überschuss ist in der Tat sein Lebenselexier, aber solange es von menschlicher Hand ausgegeben wird, braucht Kapital nicht raffgierig zu sein. Teil 2 der Serie „Freiheit und Ausbeutung“.

Schauen wir auf das scheue Reh, das manche für einen geilen Bock halten. Was erhellt und was verdunkelt das Wort Kapital als Symbol für Ausbeutung? Ob eng ökonomisch verstanden oder als soziales und kulturelles Kapital, gleich welche Sorte, egal, wozu es dient: Kapital will sich nicht verzehren. Sein Sinn besteht darin, für Zwecke eingesetzt zu werden, die zugleich seinen Rückfluss ermöglichen. Das ist das Mindeste. Reichtum lässt sich verprassen. Kapital ist, was man investiert, um es zu vermehren – mit dem Risiko, es zu verlieren. Was daran Fortschritt bewirkt, was Ausbeutung sein kann, lässt sich entschlüsseln.

Die Internationale der Kapitalkritik hat eine stattliche Liste an Anklagepunkten aufzuweisen. Erstens die Ausbeutung der Arbeitskraft, deren Preis im Vergleich zum Wert ihrer Leistung zu niedrig ausfällt, teilweise sogar so tief gedrückt wird, dass er nicht zum Leben reicht. Zweitens die Ausbeutung der Natur bis zur Erschöpfung stofflicher Ressourcen und Zerstörungen der Lebensgrundlagen. Bis hierher halten wir uns noch in der „Real“-Wirtschaft auf. Solange Kapital in den Wirtschaftsprozess investiert wird, läuft immerhin auch Gebrauchswert-Produktion mit, das heißt, über die Kapitalvermehrung hinaus wird irgendein Nutzen erzeugt und sei es, den Hafen von St. Tropez mit Luxusyachten zu bestücken.

Ganz zu sich selbst kommt Kapital erst, und damit sind wir bei drittens, wenn es sich nur noch auf Tauschwert-Unterschiede stürzt und Spekulationsgeschäfte betreibt. Die Banken haben das Prinzip des Kapitals am besten verstanden: Geld, gerne auch das anderer Leute, mit dem Zweck auszugeben, mehr Geld einzunehmen. Banker sind allerdings auch Menschen, sie können auf etwas anderes Rücksicht nehmen. Solange es von menschlicher Hand verausgabt wird, muss Kapital nicht als reine Raffgier funktionieren.

Wäre Ausbeutung alles, was es kann…

Jeglicher menschliche Nebengedanke ist ausgeschaltet, nur noch Kapitallogik waltet, wenn der Computer auf Spekulation programmiert ist. Der Algorithmus hat keine Sinne und kennt keinen Sinn, seine Entscheidungen sind auf ein Plus fixiert. Er rechnet und rechnet und rechnet bis zur nächsten Krise, für wen auch immer sie zur Katastrophe wird. Natürlich können Algorithmen auch ethische Codes beinhalten. Vom selbstfahrenden Auto wissen wir, der Weg hin zu einer gewissen Verlässlichkeit in diesem Bereich ist lang und vielleicht noch gar nicht möglich. Allerdings ist nichts darüber bekannt, dass in der Finanzbranche an ähnlichen Dingen gearbeitet wird.

Kapital bildet keine Ausnahme. Alles, was an nichts als sich selbst denkt, instrumentalisiert seine Umwelt. Kapital will gewinnen, sonst glaubt es sich verloren. Der Überschuss ist sein Lebenselixier. Es kommt aus dem Plus und es muss, will es fortexistieren (und wer will das nicht), in einen Gewinn münden. Der Verlust ist sein Tod. Es sei denn, er wird durch staatliche Bürgschaften und eine gewaltige Umverteilungsmaschinerie immer wieder ausgeglichen. „To big to fall“ steht dann auf dem Resetknopf.

Ein Plus entsteht als positive Differenz zwischen Nehmen und Geben. Der Grundverdacht der Ausbeutung resultiert aus dieser einfachen Subtraktionsaufgabe: Kapital will mehr nehmen als geben. Das wird am besten erreicht, wenn man möglichst wenig ausgibt und möglichst viel einnimmt.

Wäre Ausbeutung alles, was es kann, hätte das Kapital das Zeitliche bald nach seinen ersten Einsätzen gesegnet. Wenn Genossen „zur Sonne, zur Freiheit“ singen, denken sie nicht an die Sonnenseiten des Kapitals. Die gibt es.

Früchte suchen, Tiere jagen Holz sammeln, so haben Menschen für ihre Subsistenz gearbeitet. Wirtschaftlich wird erst die Landwirtschaft, wenn nicht nur an die Versorgung, sondern auch an die Vorsorge gedacht wird. Arbeit ist der Anfang der Wirtschaft, Wirtschaften bedeutet mehr als zu arbeiten. Wirtschaften heißt, sich heute zu versorgen – deshalb nennt man Kneipen „Wirtschaften“ – und dafür zu sorgen, dass auch morgen und übermorgen wieder etwas da ist. Dieses „Und“, diese Vorsorge funktioniert nicht, wenn im Arbeitsprozess kein Plus, kein Überschuss entsteht, der dafür verwendet werden kann, ihn fortzusetzen. Wer nicht von der Hand in den Mund leben will, muss wirtschaften. Notfalls muss etwas vom Mund abgespart werden. Geschichten über das Kapital sind oft auch Geschichten über das Sparen, über Milliardäre, die jede Büroklammer aufheben oder damit angefangen haben, krumme Nägel wieder gerade zu klopfen, um sie ein zweites Mal benutzen zu können. So lächerlich diese Geschichten wirken, es gibt sie, weil über viele Jahrhunderte etwas Wahres dran war.

Entscheiden Charaktermasken oder Persönlichkeiten?

Die (notwendigen) Kontroversen über die richtige Verwendung der Überschüsse dürfen nicht vergessen machen, dass sie erst erwirtschaftet sein müssen. Ohne die ursprüngliche und die fortgesetzte Anhäufung von Kapital hätten menschliche und maschinelle Arbeitsleistungen nicht die Produktivität entfalten können, deretwegen das Kommunistische Manifest bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts bewundernd fragte, „welches frühere Jahrhundert ahnte, dass solche Produktionskräfte im Schoß der gesellschaftlichen Arbeit schlummerten“. Akkumulation ausschließlich auf enteignete Bauern und ausgebeutete Arbeiter zurückzuführen, blendet die klugen Köpfe und kreativen Kräfte aus, die mit Hilfe von Kapital zum Arbeiten gebracht werden.

Die Frage ist – und wir erleben die Antwort – was aus einer Gesellschaft wird, die dem Glauben verfällt, nur eine Wirtschaft, die dem Kapital dient, könne Menschen glücklich machen. Inzwischen sehen wir, wie Kapital und sein Streben nach Vermehrung die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Selbstbeschränkung pulverisiert und das Verantwortungsgefühl für den Erhalt der natürlichen Lebensvoraussetzungen unterdrückt. So entsteht kein Sinn für Grenzen, für Sparsamkeit im Sinne von Nachhaltigkeit und Suffizienz, geschweige denn ein kulturelles Empfinden der Sterblichkeit. Kapital drängt nur in eine Richtung, aber kein Mensch ist gezwungen, dem einfach nachzugeben. Dass ein Auto auf 240 Stundenkilometer beschleunigen kann, befreit niemanden von der Verantwortung, die Geschwindigkeit den Umständen anzupassen, bis zum Schritttempo in Spielstraßen – und in Fußgängerzonen darf es überhaupt nicht hinein.

Ob mit Kapital verantwortungsvoll umgegangen wird, darüber entscheidet nicht das Geld, das als Kapital eingesetzt wird. Erst einmal gilt es zu entscheiden, wer über die Verwendung von Kapital entscheidet. Welche Eigentumsformen und welche Mitbestimmungspraktiken vorherrschen, beruht nicht auf Naturgesetzen, sondern auf gesellschaftlichen Rechtsnormen. Wer immer die Investoren sind, die das Verfügungsrecht innehaben: Lassen sie sich zu bloßen Funktionären des Kapitals machen, sind sie in der Tat nur die „Charaktermasken“, als die Karl Marx sie bezeichnet hat.

Folgt Teil 3: Märkte, Hoffnungsträger der Neuzeit

Der Text ist zuerst auf Oxi erschienen.

Teil 1: Freiheit und Ausbeutung

 


Möchten Sie regelmäßig über neue Texte und Debatten auf Carta informiert werden? Folgen (und unterstützen) Sie uns auf Facebook und Twitter oder abonnieren Sie unseren Newsletter.