Hillary Clintons apokalyptische Reiter

Die größte Schwäche der Präsidentschaftskandidatin könnte ihr selbst zum Verhängnis werden: Bei aller Erfahrenheit tut sie sich schwer damit, die Gefahren zu erkennen, die von den eigenen Thronhelfern ausgehen.

Hillary Rodham Clinton hat mit 68 Jahren die wichtigste Rede ihres Lebens gehalten. Sie hat ihre Sache gut gemacht auf dem Parteitag der Demokraten in Philadelphia, sehr gut, wie zu erwarten war. Die Maschine war auf den Punkt auf Hochtouren und geölt, alle Rädchen griffen ineinander: Die riesige Halle in Philadelphia voll bis auf den letzten Platz (doppelt wichtig im notorisch unzuverlässigen Pennsylvania, das mal republikanisch, mal demokratisch wählt), die erste Garde der Partei geschlossen vertreten, der störrische linke Flügel anfangs immerhin anwesend, später zu großen Teilen auf Seiten der Spitzenkandidatin.

Hillary, mit neuem Schwung so kurz vor dem großen Etappenziel und altbekannter Entschlossenheit, hat dem Druck standgehalten, praktisch fehlerfrei performt, ausgewogen, (in Ermangelung eines besseren Begriffs:) staatsmännisch. Hat sich ankündigen lassen von Michelle Obama. Von Bernie Sanders und Elizabeth Warren, den Speerspitzen der Linken, die sich nach den vorausgegangenen Scharmützeln überraschend entschlossen hinter sie stellen. Von den Müttern und Vätern, denen der Schrecken über die Gewalt, die ihren Kindern allein im letzten Jahr überall in den USA widerfahren ist, noch ins Gesicht geschrieben steht. Schließlich vom Präsidenten selbst, der beinahe enthusiastisch wird, als er ihre Qualitäten für das mächtigste Amt der Welt aufzählt, und von seinem Vorgänger im Amt aus den Reihen der Demokraten, Bill Clinton, der seine Sache gut und sich selbst ausnahmsweise zur Nebenfigur macht.

Wer will schon seine Stimme einer Maschine geben?

Das System Clinton funktioniert. Die Maschine ist perfekt eingestellt. Doch nicht für alle ist perfekt gleich optimal: Noch immer sehen viele in Hillary selbst eine Maschine, ein altes Problem für die Politikerin, die länger und besser in Washington verdrahtet ist als die meisten anderen: Wer will schon seine Stimme einer Maschine geben? Dieses Image wird Hillarys politischen Leistungen der letzten 30 Jahre nicht gerecht und ist doch von ihr selbst verschuldet. Es klingt paradox: Einerseits hat die Vollblutpolitikerin mit dem hartnäckigen Vorwurf zu kämpfen, wie niemand sonst für das zu stehen, was die Amerikaner „juggernaut“ nennen, die Regierungsmaschinerie, deren Wucht und schiere Masse aus Kontakten, Seilschaften und Deals alles überrollt, was sich ihr in den Weg stellt, gleich einem Lastzug, der – einmal in Bewegung – nicht aufzuhalten ist. Der den gesamten Highway einnimmt und nicht von seinem einprogrammierten Kurs abweicht, wenn dabei auch der ein oder andere Wähler unter die Räder kommen mag.

Clinton vs. Clinton

Andererseits zeigt Hillary allzu menschliche Schwächen, wenn es um das Elementare auf dem Weg ins Weiße Haus geht, das Menschliche-Allzumenschliche, ohne das die Amerikaner noch jedem Anwärter das höchste Amt verweigert haben. Wäre die Maschine derart optimiert wie oft behauptet, hätte ihr Heer der Spin-Doktoren, Analysten und Wahlkampfstrategen längst einen Weg gefunden, Clintons Sieg zu sichern – allemal in diesem Jahr gegen Trump, wohl auch schon vor acht Jahren gegen Obama.

Kurz: Clintons Triumph 2016 steht vor allem Clinton selbst im Weg. Ihre Performance ist beeindruckend, gewinnend ist sie nicht. Dabei hat Hillary Glück, dass ihrem Gegenspieler Trump das Kunststück gelingt, landesweit noch unbeliebter zu sein als sie: Noch nie waren beide Spitzenkandidaten dermaßen schlecht gelitten. „In Clintons Nähe hat man den Eindruck, es geht nur um sie“, ist eine Aussage, die man schon zu Beginn des Vorwahlkampfs allzu oft zu hören bekam, etwa im ländlichen Iowa, wohin Hillary im Wahlkampfbus fuhr, um Volksnähe zu demonstrieren, über 1.000 Meilen von ihrer Villa in Chappaqua vor den Toren New Yorks, nur um beim „Bratwurst-Test“ durchzufallen, dem ungezwungenen Gespräch mit Wählern am Hotdog-Stand.

Hillarys Schwächen sind bekannt: Ihr streberhafter Ehrgeiz, das Verbissene, die hölzerne Verkopftheit. Ihre Unbestimmtheit. Dementsprechend brutal sind die Umfragewerte, die Hillary beim Parteitag entgegenkommen und sie noch einige Zeit begleiten werden: 68% der Bevölkerung halten sie nach wie vor nicht für vertrauenswürdig; landesweit haben nur 39% eine generell eher positive Meinung zu ihr: so schlecht stand Clinton nicht einmal da, bevor sie damals als First Lady ins Weiße Haus einzog. Jeder zweite registrierte Wähler bei den Demokraten gibt in Umfragen an, mit dem Herzen nach wie vor an Sanders zu hängen; dies, obwohl Bernie seines nun der Partei zuliebe an die Spitzenkandidatin gehängt hat.

Gefahrenquelle: Die eigenen Thronhelfer

Hillarys größte Schwäche kommt bisher in der Berichterstattung weniger vor, dabei könnte sie ihr zum Verhängnis werden: Bei aller Erfahrenheit, aller Informiertheit und unbestritten hohen Intelligenz tut sie sich schwer damit, die Gefahren zu erkennen, die von jenen ausgehen, die unmittelbar um sie herum agieren. Um eine Anleihe bei der Bibel zu nehmen: Clintons Thronhelfer könnten sehr wohl zu ihren apokalyptischen Reitern werden. Sie machen ihre Mängel sichtbar, und sie werfen allesamt große Schatten. Da ist zunächst Bernie Sanders, der erste Reiter, den Hillary nur als biblische Plage ansehen kann. Er ist eine gefühlte Ewigkeit im Rennen geblieben, hat sie gequält, selbst als längst klar war, dass rechnerisch für ihn keine Chance mehr bestand. Sanders, der im Nachhinein Recht behielt mit seiner Vermutung, das Parteiestablishment arbeite gegen seine Kandidatur, der durch die geleakten Emails noch einmal rehabilitiert und ins Rampenlicht gehievt wurde, wo doch eigentlich längst nur noch eine stehen sollte.

Der zweite Reiter heißt Barack Obama. Seine Kriege hängen Hillary an, werden eines der bestimmenden Themen des Herbstes sein und sie bis zum Wahltag verfolgen: Die amerikanische Unentschlossenheit in Syrien, die Triumphe des sogenannten Islamischen Staates, die umstrittenen Drohnen. Auch das Desaster in Libyen fällt in Obamas Amtszeit, Hillary war Außenministerin. Während der Präsident das letzte Wort hat, verbinden die Menschen die Anschläge von Bengasi vor allem mit ihr; erst diese Woche haben Angehörige zweier Opfer Klage gegen Clinton eingereicht.

Der dritte Reiter hört auf den Namen Bill Clinton. In der Bibel trägt dieser Reiter eine Waage, das Symbol für Teuerung. Und in der Tat könnten Clintons moralische wie geschäftliche Grenzgänge seine Ehefrau noch teuer zu stehen kommen. Trump wird die undurchsichtigen Geschäfte der Clinton Stiftung im Herbst ausschlachten, und er wird Hillary die Lewinsky-Affäre nicht ersparen.

Schließlich der vierte Reiter, der für den Niedergang steht: Tim Kaine. Clintons Wahl als Vizepräsidentschaftskandidat ist die denkbar schlechteste Wahl, die sie treffen konnte. Sein Name an der Seite der Spitzenkandidatin wird keinen einzigen der jungen Unterstützer von Bernie Sanders in Clintons Lager locken. Im Gegenteil: Kaine ist der Prototyp des Establishment-Politikers aus der Hauptstadt, irgendwo zwischen kreuzbrav, langweilig und verdächtig, weil zu lange dabei. Sein Nicht-Charisma könnte Clinton die möglicherweise entscheidenden Stimmen der Jungen kosten, wenn es im Spätherbst eng werden sollte.

Nicht zuletzt Clintons potenziell apokalyptische Reiter könnten Donald Trump zum Erfolg verhelfen. Auch wegen ihnen hat er bis heute eine realistische Chance, trotz oder gerade wegen seiner Destruktivität, seiner perfiden Art, Angst zu schüren, die Wahl am Ende zu gewinnen. Wenn der 8. November für Hillary Rodham Clinton nicht zum Tag des Jüngsten Gerichts werden soll, darf sie sich nicht auf die Umfragen verlassen, die sie bis heute weitgehend vorne sehen.

 


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