Vormoderner Bann

In Frankreich haben einzelne Medien entschieden, keine Fotos oder Namen von terroristischen Tätern zu veröffentlichen. Doch die Vorstellung, Bilder oder Texte zu bannen, um eine Gesellschaft zu beruhigen, ist falsch.

Die Entscheidung einzelner Medien in Frankreich, keine Fotos oder Namen von terroristischen Tätern zu veröffentlichen, lässt sich aus der tiefen Verunsicherung der französischen Gesellschaft erklären. Peter Huth, der die BZ mit Pfiff und Frische gestaltet, ist dem französischen Beispiel nach dem Münchener Anschlag gefolgt. Als einzelner Boulevard Gag geht das. Als publizistische Leitlinie würde ein solches Verhalten die Pressefreiheit gefährden. Medien haben ihr Publikationsverhalten natürlich verantwortlich zu gestalten, aber sie sind keine Lehranstalten oder Erzieher der Nation. Es wäre eine neue Variante des Betroffenheits-Kults, wenn die mögliche im Zweifel post-mortale Selbsterregung von Terroristen zur Zensur von Berichten führt.

Die ihrem Anspruch nach liberale Süddeutsche Zeitung hat gleich in zwei Leitartikeln nach dem Münchener Amoklauf, einem vom Chefredakteur, „diese Hyperkommunikation, diese Aussicht auf größtmögliche Öffentlichkeit“ mitverantwortlich für die Anschläge gemacht. Der SZ Redakteur Ronen Steinke lobt gar die Polizei erleichtert dafür, dass sie ein Papier des Täters nicht veröffentlicht, und behauptet: „Schon wer ihre Botschaften analysiert, tut ihnen zu viel der Ehre an.“ Was für ein verräterisches Wort. Als wäre Ehre eine Kriterium für journalistische Entscheidungen. Wer sein Augenmerk vor allem auf die augenfällige Beschleunigung von Kommunikation und Information richtet, lenkt den Blick von den Ursachen der Krisen in vielen westlichen Gesellschaften ab. Hier gilt die alte Erfahrung, dass der Bote nicht für die Nachricht verantwortlich zu machen ist.

Medien haben zu informieren, mit Text, Ton, Film und Foto. Dazu gehören auch die Statements von Terroristen. Selbst in Frankreich herrscht trotz der ständiger Kriegsankündigungen aus der Regierung keinesfalls ein totaler Krieg, dem sich die Medien zu unterwerfen hätten. Je erbitterter die Auseinandersetzung mit den Terroristen geführt wird, desto wichtiger wird die Freiheit der Information. Sie ist eine, vielleicht sogar die ausschlaggebende Stärke freier Gesellschaften in der Abwehr von Gewalt.

Die Anschläge haben die Gesellschaften, je nach Nation in unterschiedlichem Maße, erschüttert. Diese Erschütterungen wider zu spiegeln, sie zu analysieren und ihnen nachzugehen, ist die Aufgabe freier Medien. Die Vorstellung, Bilder oder Texte zu bannen, um eine Gesellschaft zu beruhigen oder so die Bedrohung einzudämmen, stammt aus vormodernen Zeiten und verrät in beunruhigender Weise, wie die Anschläge freiheitliche Wertvorstellungen gefährden.

 


Möchten Sie regelmäßig über neue Texte und Debatten auf Carta informiert werden? Folgen (und unterstützen) Sie uns auf Facebook und Twitter.