Geordneter Rückzug

Die Hysterie, die sich im Rennen um die neuesten Neuigkeiten via Twitter und Co und permanenter Eil-Meldungen mit fraglichem Nachrichtenwert alleine auf meinem kleinen Handy abspielt. Die Frage, wie man das eigentlich alles (gemeinsam) aushält. Darüber nachdenken, wie ein Versuch des "geordneten Rückzugs" aussehen könnte.

Die Zeiten sind ernst, keine Frage.

Dass die Welt nicht „aus den Fugen ist“, sondern es in diesem Sinne schon immer war, halte ich jedoch auch für eine Tatsache. Ich habe diese Formulierung mit den Fugen in den letzten Wochen selbst bei Menschen gelesen und gehört, deren Meinung ich schätze. An diesem Punkt will ich ihrem irritierendem Reflex nicht folgen. Jonas Schaible hat bei CARTA dazu einen viel beachteten Text geschrieben.

Die neue „Qualität“ hat ja weniger etwas damit zu tun, dass es auf ein Mal mehr knallt, sondern vorrangig damit, dass wir näher dran sind, der lang gehegte und gepflegte Trugschluss einer (europäischen, deutschen, regionalen) „Insel der Glückseligkeit“ zerplatzt und dass das nie endende (mediale) Echo der Knalls hoch verstärkend und verzerrend wirkt. Siehe Sascha Lobos „Rauschhafte Nähe“ und ein Beitrag von Michael Hermann.

Unser Weltbild hingegen ist aus den Fugen, ja. Überall da, wo es in Europa schrecklich zuging in den letzten Monaten, sind wir schon selbst gewesen. Oder wir erkennen darin Orte, an denen wir waren. Sie sind ja austauschbar. Promenade von Nizza, Cafe in Paris, Zug bei Würzburg, Strasse in Ansbach, Einkaufszentrum… Drumherum Brexit, Ukraine, Türkei, Isis, noch mehr Terror, Krieg und Grenzen.

Die Grundnervosität, regelmäßiges Schlafdefizit, der innere Widerspruch, die Sorge um die Zukunft von Familie, Freunden, offener Gesellschaft und der Wunsch, nicht mehr Teil des zumeist sinnfreien, pausenlos triggernden „Rattenrennens“ zu sein und (deshalb) die Suche nach einer persönlichen Resilienzstrategie, sind Gründe für dieses Nachdenken über einen „geordneten Rückzug“ genug. Alleine auch deshalb: wir sind Vorbilder. Was wollen wir jetzt unseren Kindern vermitteln? Wie gehe ich um mit dem was passiert und wie gehe ich dabei um mit mir selbst?

Im Artikel „Mut zum Wegschauen“ erklärt Hannes Vollmuth: der amerikanische „Literaturwissenschaftler Mark Greif … beschreibt in seinem Essay ´Anästhetische Ideologien´, wie die erfahrungshungrigen Denkschulen von Platon und Aristoteles Epikurs Seelenruhe-Konzept verdrängten. Inzwischen dominieren der Erfahrungshunger und die Eventgier das westliche Denken. Sich zurückzunehmen, sich den Reizen und Stimulationen zu verweigern, ist dagegen kein gängiges Lebenskonzept“. Zeit für Stoa und Ataraxia. Also nicht wirklich neu. Die Suche nach Verortung und Haltung kehrt regelmäßig wieder: „Heroische Gelassenheit“ nannte das Herfried Münkler. Mehr dazu auch von Arno Frank.

„Wen nicht berührt die Außenwelt,

Wer klug sich hält von ihr zurück,

Wer in das Brahma sich versenkt,

Der findet in sich selbst das Glück.“

(Altindische Bhagavadgita)

Gleichzeitig geht so ein Rückzugsvorhaben auf den ersten Blick eben gegen die Neugier und Affinität zur laufenden Information, zur Einordnung, gegen den Wunsch am Ball zu bleiben. Es ist angesichts meines mittlerweile recht unerschütterlichen Glaubenssatzes, dass der weit verbreitete Eskapismus zwar irgendwie zu tolerieren, aber eigentlich inakzeptabel ist, weil er den aus meiner Sicht notwendigen Einsatz der eigenen Fähigkeiten – sagen wir – für die Gesellschaft unterschlägt, auch ein Experiment mit meinem eigenen Mindset. Angesichts dieser vermeintlichen Paradoxie ist also Lernen angesagt über den „seelischen Zustand der emotionalen Gelassenheit gegenüber Schicksalsschlägen und ähnlichen Außeneinwirkungen“ (Wikipedia).

„For the people living in the midst of this it is hard to see happening and hard to understand“, stand jüngst bei Medium. Leuchtet ein. Aber das Risiko, bei all dem kleinteiligen Kommunikationsfuror wesentliche Zusammenhänge zu übersehen oder mit unwesentlichen Kleinstpunkten sinnloses Schattenboxen zu betreiben, muss man auch nicht unbedingt zwanghaft ausufern lassen. Es geht ja um was. Wir befinden uns immerhin „auf Messers Schneide“ (Frank Stauss gestern bei CARTA).

Wer sich jedoch pausenlos und sinnlos verirrt und treiben lässt, vergeudet sich. Und nur wer für die eigene Regeneration sorgt, wird die Kraft haben, das was sie oder er bewegen will auch wirklich und konzentriert voran zu bringen.

Erschöpfungsdepression. Panik. Null Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Haltlos. Wir erkennen das im historischen Rückblick eindrucksvoll in „Der taumelnde Kontinent” von Philipp Blom, der aus dem beginnenden 20. Jahrhundert erzählt: „Neurasthenie war die männliche Volkskrankheit der Vorkriegsjahre, ein Gefühl ständiger Nervenschwäche und hoffnungsloser Überforderung, das heute gern als ´Burn-out´ bezeichnet wird. Nervosität war darum auch das Stigma der Zeit“.

Nur: Ohnmachtsgefühle und Ratlosgkeit beseitigt man ja eben gerade nicht durch Rückzug, man verstärkt sie nur. Ich habe etwas gebraucht, um mir den durch die Heinrich-Böll-Stiftung viel zitierten Satz ihres Namensgebers zu erschließen: „Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben“. Hält sich „klug“ zurück heißt es ja oben, also nicht ständig. Der ultrabrutale Rückzug über die Weltflucht und „Massenflucht in den Biedermeier“ (Julia Friedrichs) ist und bleibt ein bescheidenes Konzept.

Und: es ist die Sehnsucht mancher Babyboomer (und vieler, auch jüngerer, AfD-Wähler/innen) nach den guten alten Zeiten der einfachen Antworten der 50er Jahre ja nicht einfach zu ergänzen um die Sehnsucht nach den geordneten massenmedialen Verhältnissen der 80er (Sesamstrasse, Tatort, Tagesschau, Presseclub und dazu Flips).

Wie kann man also politisch, gesellschaftlich interessiert sein, sich nicht naiv verschließen und dennoch bzw. gerade deshalb souveränen Umgang mit den Möglichkeiten unserer Zeit pflegen. „Immer alles“ ist zwar technisch kein Problem, aber nach ca. 20 Jahren ebenso wie der Ruf nach dem vollständigen „Abschalten“ doch eine recht dürftige Essenz der Integration und Dienstbarmachung „neuer“ Medien und Technologien.

Also, mal sehen. Eben schnell alles umzuschalten ist vor dem Hintergrund oben genannter Paradoxie sowie systemischer aber auch eigener Handlungs- und Belohnungsmuster nicht so einfach. Aber mein Eindruck, täglich verstärkt durch viele Gespräche (auch über Menschen, die aufgegeben haben), dass es so nicht weiter geht, ist jetzt schon recht stabil.

Es ist ein Vortasten. Nicht mehr.

Ein “geordneter Rückzug“ könnte also beinhalten:

– Zeit für Einordnung schaffen. Z.B. einordnende Lektüre von Büchern wie „Gewalt“ von Steven Pinker – und auch seiner Kritiker, „Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers“ von Stefan Zweig, Jürgen Osterhammels „Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts“ lesen.

– Keinerlei Eil-Benachrichtigungen mehr via Whatsapp oder anderer Services dieser Art. Katwarn (trotz Verbesserungspotenzial) reicht.

– Social Media Checks und Beiträge nur noch zu bestimmten Zeiten und mit „professionellem“ Fokus. Die Zeiten von Facebook als Freundeskreisplattform sind aus meiner Sicht weitestgehend vorbei.

– Ob im linearen Programm oder in der Mediathek: ein zusammenfassendes Nachrichtenformat (wieder) zum zentralen Informationsmedium im eigenen Tagesablauf machen.

– Ob gedruckt, via Blendle oder sonstwie: Morgenlektüre von Zeitungen und Online-Publizistik (auch international) zum festen Ritual machen, statt in beinahe jeder „freien“ Minute kilometerweise Timleline zu fressen.

– CARTA (ja!) und andere einordnende Medien mit gewinnbringenden longreads regelmässig und vor allem direkt ansteuern.

– Fokus auf geradezu hermetische Rückzugsräume: Sport, Garten, Zeichenblock und Bibliothek.

– Ein persönliches Projekt suchen, das die Verbindung von aktuellem Geschehen und eigenem Tun herstellt. Damit praktisch Selbstermächtigung ggü. Ohnmachtsgefühl erfahren.

– Sehr viel stärker auf direkte Gespräche mit Freunden setzen und diesen Austausch weit, weit vor Chats mit ihnen kultivieren.

– In die direkte Debatte gehen, statt online Hate Speech zu glotzen und den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Ein Argumentationstraining mag helfen.

– Eine gute Debattenveranstaltung im Monat besuchen, statt jeden Tag Frusttiraden im Netz.

– To be continued.

Wer sammelt mit?

 


Möchten Sie regelmäßig über neue Texte und Debatten auf Carta informiert werden? Folgen (und unterstützen) Sie uns auf Facebook und Twitter.