Wie Trump die Schwerkraft der Rationalität überlistet

Eine Binsenweisheit unter Biologen: Die Hummel kann nicht fliegen. Die nackten Zahlen der Physik sprechen dagegen. Ähnlich verhält es sich mit Donald Trump, dessen Höhenflug gegen jede Wahrscheinlichkeit andauert.

Der Mathematiker André Sainte-Laguë stellte schon Anfang des letzten Jahrhunderts klar, dass Hummelflügel nicht zum Fliegen taugen: Tragfläche, Krümmungswinkel, Luftströmung – nichts passt zusammen. Allerdings weiß das die Hummel nicht, und fliegt einfach trotzdem.

Liest man sich dieser Tage durch die Kommentare der USA-Experten in Politik und Medien, hat man den Eindruck, den Erben Sainte-Laguës über die Schulter zu schauen. Anfangs noch ungläubig, ist ihre Verwunderung über den Triumphzug Donald Trumps einer wachsenden Verzweiflung gewichen: Der Instinktmensch Trump verweigert sich den Zahlen, den Erfahrungswerten, den Berechnungen des Geschäfts mit der Macht. Sein Höhenflug hält an, er stürzt nicht ab, allen Statistiken zum Trotz. Mit Händen zu greifen ist die Verzweiflung beim US-amerikanischen „Gott der Algorithmen“, wie der Prognoseguru Nate Silver, Autor der Webseite FiveThirtyEight, von seinen Fans genannt wird. Trump, nach dem Parteitag der Republikaner in Cleveland nun auch offiziell Spitzenkandidat der Konservativen, verhöhnt die Rechenschieber vom Schlage Silvers mittlerweile öffentlich. Der Erfolg gibt ihm Recht: Die Wahl ins mächtigste Amt der Welt ist keine Zahlenschlacht. Sie folgt weder rationalen Überlegungen noch einer wie auch immer gearteten Strukturlogik. Das klingt zunächst kontraintuitiv: Kein Land der Erde ist scheinbar bis in die Verästelungen seines politischen Systems so berechenbar wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Nirgendwo sonst werden dermaßen viele Meinungsumfragen durchgeführt, Statistiken konzipiert, Wählermodelle erstellt. Doch ist genau dieser blinde Glaube an die Vorhersagbarkeit der Entscheidungen des rundum vermessenen Durchschnittswählers der Grund dafür, warum ein Phänomen wie Trump nicht vorhergesehen – und nach seiner späten Entdeckung chronisch unterschätzt – wurde. Der Anarcho-Politiker, der bei jeder Gelegenheit klarstellt, kein Politiker zu sein, führt Vorhersagen ad absurdum und den Beweis ins Feld, dass die Welt nicht in Formeln zu fassen ist.

Trump ist auf den ersten Blick ein dankbarer Gegner: Er vereint mehr Schwächen und Makel auf sich als alle anderen.

Trump ist auf den ersten Blick ein dankbarer Gegner: Er vereint mehr Schwächen und Makel auf sich als alle anderen. Seine Kampagne hätte schon längst implodieren müssen: das Hü und Hott seiner politischen Ideen, die verbalen Ausfälle, die zweifelhaften Geschäfte in der Immobilienbranche, der Skandal um die Trump University, nicht zuletzt der grenzenlose Narzissmus: Jeder Punkt für sich genommen hätte einem normalen Kandidaten zu diesem Zeitpunkt schon das Genick gebrochen. Trump ist aber nicht normal. Genauer: Die Konstellation unserer Zeit ist außergewöhnlich und hat einen Demagogen wie ihn erst möglich gemacht: Trump ist aus dem Chaos geboren, er ist nicht der Verursacher des Chaos. Die politische Führungsriege in den USA wirkt vielfach unbedarft, oder schlimmer: orientierungslos. Die konservative Opposition stellt sich nicht besser an, führt stattdessen das Land mehrfach an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Seit der Finanzkrise 2008 lahmt die Wirtschaft, doch den Ökonomen gelingt es nicht, sich von der Dogmatik ihrer Ansätze zu verabschieden und einen pragmatischen Kompromiss aufzustellen. Die Mehrheit der Amerikaner glaubt zum ersten Mal in der Geschichte des Landes, dass es ihre Kinder nicht besser haben werden als sie selbst.

Vor diesem Hintergrund ist Trump viel schwerer zu treffen als man annehmen sollte: Der Vorwurf hanebüchener Politikvorschläge zieht nicht in einer Zeit, in der die Menschen das Vertrauen in die Entscheidungen des politischen Establishments verloren haben. Der Vorwurf einer halbseidenen Business-Karriere aus Lug und Trug zieht nicht in einer Zeit, in der die Menschen das Wirtschaftssystem als Ganzes für mindestens abgekartet, wenn nicht gar hochgradig korrupt halten. Der Vorwurf der Wankelmütigkeit zieht nicht, wenn das Volk seine Amtsträger als von Eigennutz getrieben ansieht. Der Vorwurf der Widersprüchlichkeit kann jemandem, der gänzlich ohne politischen Track Record ist, nicht viel anhaben. Und kommt es doch einmal dazu, zieht Trump seinen stärksten Trumpf, seine Unverfrorenheit. Als ihm sein schärfster Rivale Ted Cruz im Fernsehen vorhält, dass Trump als US-Präsident gar nicht in der Lage wäre, einen 45%-Zoll auf chinesische Einfuhrgüter zu erheben wie von diesem angekündigt, entgegnet er schlicht, dass es sich überhaupt nicht um einen konkreten Handlungsvorsatz handele: „Das ist eine Drohung, Ted, eine Drohung.“

Schließlich verpufft auch die Warnung vor einem Choleriker im Weißen Haus, der nicht zuletzt über den Einsatz von Atomwaffen entscheidet, weil für viele US-Amerikaner die Gegenwart das größte Horrorszenario darstellt: Subjektiv betrachtet wächst die Bedrohung durch den islamistischen Terror, wenn auch die Zahlen dagegen sprechen. Das einst unangefochtene Amerika fühlt sich verwundbar; viele, die bei Trumps Krönungsmesse in Cleveland dabei sind und „Make America Great Again“ skandieren, erinnern sich noch gut an das Ende des Kalten Krieges, als es nur eine Supermacht gab.

Bisher jedoch schert sich Trump nicht um Konstellationen – wohl aber um Stimmungen. Für letztere hat er einen untrüglichen Riecher.

Trump weicht denn beim Parteitag auch nicht von seiner Linie ab. Er gibt sich in seinen Formulierungen zwar etwas gemäßigter, nicht jedoch in der Sache. Damit orientiert er sich nicht Richtung politischer Mitte und ignoriert eine eherne Regel des US-Wahlkampfs, nach der niemand das Weiße Haus erobern kann, ohne eben diese Mitte für sich zu gewinnen. Bisher jedoch schert sich Trump nicht um Konstellationen – wohl aber um Stimmungen. Für letztere hat er einen untrüglichen Riecher: In Cleveland war erneut zu beobachten, wie genau der Menschenfänger sein Publikum lesen kann, und dass er die Grand Old Party besser kennt als sie sich selbst. An der Basis ist der Frust über den vermeintlichen Nepotismus der Eliten groß. Trump sagt in Cleveland dazu, mit breitem Grinsen im Gesicht: „Niemand kennt das System besser als ich. Genau deshalb bin ich der Einzige, der es in Ordnung bringen kann.“ Dabei versucht er erst gar nicht, den ideologischen Riss zu kaschieren, der sich durch die Republikanische Partei zieht. Seine Fans legen ihm das als Geradlinigkeit aus. Trump sieht vielmehr die Kraft der Gesinnung, die seine Unterstützer vereint und ihm weitere bescheren wird. Während zahlreiche konservative Größen zusammenzucken, sobald sich Trump anschickt, etwa seine Vorstellungen zu Homosexuellenrechten oder zum Freihandel auszuführen, können sie sich offenkundig dem Sog seiner großspurigen Rhetorik, seiner Attitüde des „Genug!“ nicht entziehen. So steht Trump für die unverhohlene Zurückweisung der political correctness und Hypersensitivität in der Rassenfrage – derart empfinden es seine Unterstützer. Für sie spricht er aus, was vermeintlich viele denken.

„The Donald“ verkörpert wie vielleicht niemand vor ihm die Verweigerung des Status quo: Er steht für ein Nein zum bisher Dagewesenen, ohne eine wirkliche Alternative in Form eines Wahlprogramms, also konstruktiver Änderungsvorschläge, aufzuzeigen. Stattdessen drängt er seine Unterstützer dazu, augenblicklich die Notbremse zu ziehen, andernfalls fahre das Land gegen die Wand. Dabei weiß niemand, ob der Zug nicht aus den Schienen springt, wenn er aus voller Fahrt so abrupt zum Halten gebracht wird – doch soweit denkt (noch) keiner der Fahrgäste.

Währenddessen rätseln die allermeisten Beobachter außerhalb von Donalds Schöner Neuer Welt weiterhin, wie sich die dicke Hummel mit ihren Stummelflügeln in der Luft halten kann. Dabei liegt die Lösung des Problems nicht in der Beschaffenheit der Flügel, sondern in der Art und Weise, wie die Hummel sie bewegt. Die scheinbar simple Auf- und Abbewegung ist in Wirklichkeit eine in sich geschlossene Kreisbewegung, die einen äußerst effektiven Luftwirbel erzeugt. Trump verfährt genauso: Er hält das Erregungslevel permanent so hoch, dass der Wirbel ihn trägt. Seine politischen Gegner und die Vertreter der kritischen Medien, die versuchen, ihm auf die Schliche zu kommen, sind derweil fixiert auf das vermeintliche Hoch und Runter der Flügelbewegung, also jede einzelne seiner Behauptungen, auf die mit dem nächsten Flügelschlag die nächste Behauptung folgt. Diese müssten doch samt und sonders auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfbar sein (wie es hier der Guardian beim Thema Außenpolitik unternimmt)?! Nein, auf diese Art ist dem Geheimnis der Hummel nicht beizukommen. Trump wird weiterfliegen.

 


Im Dossier #Election2016 beschäftigt sich Carta mit den Kandidaten, Kampagnen und Konzepten von Demokraten und Republikanern. Wohin bewegen sich die Vereinigten Staaten von Amerika? Und welche Rolle wird Europa, wird Deutschland zukünftig spielen?

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