Die Welt ist nicht aus den Fugen. Warum kommt es uns trotzdem so vor?

Allenthalben heißt es, wir lebten in extrem unruhigen Zeiten, unruhigeren denn je. Tun wir das? Bei nüchterner Betrachtung sicher nicht. Woher rührt die verbreitete Weltuntergangsstimmung?

Prolog: Es ist etwas faul im Staate… ach, auf der ganzen Welt!

Die Welt, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier vor zwei Jahren, „ist aus den Fugen geraten”. Und weiter: „So lange ich denken kann, kann ich mich an keine Zeit erinnern, in der internationale Krisen in so großer Zahl an so vielen Orten gleichzeitig auf uns eingestürmt wären wie heute.” Er ist nicht der einzige, dem es so geht. Peter Scholl-Latour, der vorletzte deutsche Welterklärer (1), nannte sein 2012 erschienenes Buch so: „Die Welt aus den Fugen”. Die Münchner Sicherheitskonferenz 2015 lud ein zum Austausch über „Krisen ohne Grenzen”. Und Martin Schulz sagte Ende 2015: „Ein solches Jahr, das mit Terror startet und mit Terror aufhört, von Angst geprägt ist, von tiefen ökonomischen, sozialen und Arbeitsmarkt-Krisen, von einem Auseinanderdriften der Mitgliedstaaten, wie es noch nie der Fall war, ein solches Jahr habe ich jedenfalls noch nicht erlebt und kann nur hoffen, dass es 2016 besser wird.”

Kürzlich beschrieb Tina Hildebrandt in „Ratlos wie nie” in der ZEIT die Verunsicherung deutscher Spitzenpolitiker.

Nach dem Anschlag von Nizza und dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei häuften sich Tweets wie „Nachrichtenlage der letzten zwei Tage hätte früher mal zwei Jahre gefüllt. #NiceAttack #TurkeyCoup“ oder „Im Jahre #2016 fehlt sogar die Zeit zur Trauer #Turkey„.

Kurz: Irgendwie scheinen wir in interessanten Zeiten zu leben.

Oder?

 

I Was bisher geschah: Ein einzigartiges Jahrzehnt

Rufen wir uns zunächst ins Gedächtnis, was alles geschehen ist, seit das Jahrzehnt begann:

Nicht weit von Westeuropa erschüttert eine ganze Reihe von Revolutionen seit Jahrzehnten stabile Diktaturen. Die meisten laufen friedlich ab, einige davon enden in Gewalt und Bürgerkrieg, in einige mischt sich der Westen ein, in andere nicht und er wird dafür kritisiert, dass er grausame Massaker nicht verhindert hat. In Washington regiert ein moderater Demokrat, der ins Amt kam, kurz nachdem die USA Krieg im Irak geführt hatten. In der Peripherie der Europäischen Gemeinschaft bricht in Folge der Revolutionen ein Bürgerkrieg los, weil eine von Russland unterstützte Diktatur nicht anerkennen will, dass sie die Kontrolle über ihr Territorium verliert. Dschihadisten aus aller Welt reisen ins Kriegsgebiet. Der Konflikt dauert Jahre und kostet Hunderttausende das Leben. Noch mehr, ebenfalls Hunderttausende, fliehen und gelangen vom Balkan nach Europa. In Deutschland schießen die Asylbewerberzahlen in die Höhe, Asylbewerberheime brennen, Rechtsextreme machen Jagd auf Einwanderer, rechtsextreme Parteien feiern historische Wahlerfolge, schließlich setzt die konservative Regierung eine Verschärfung der Asylgesetze durch. In Israel kommt es zu einer Anschlagsserie und Gegenschlägen. Das Wahlergebnis der FPÖ schockt Europa. Währenddessen herrscht immer noch Krieg in Afghanistan. Russland führt Krieg in einem ehemaligen Sowjetstaat, der nicht länger eng an Mütterchen Russland gebunden sein will. In einem Referendum entscheidet sich die Bevölkerung eines EU-Staats gegen die Union. In Zentralafrika, vor allem im Ostkongo, will der Bürgerkrieg einfach nicht enden.

Was waren das doch für selige, glückliche, ruhige, gar nicht krisenhafte Zeiten, nicht?

Das war natürlich ein Trick, Sie haben es gewiss bemerkt. Das Jahrzehnt, das ich eben im Zeitraffer skizziert habe, das waren die 1990er-Jahre.

Zeiten des Aufbruchs und des politsystemischen Siegestaumels, in denen man die These vom „Ende der Geschichte” nicht wegen offensichtlicher Absurdität mit peinlich berührter Nichtachtung strafte, sondern so ernst nahm, dass sie noch heute so oft zitiert wird wie sonst nur der gleichermaßen vermurkste „Clash of Civilizations” und Artistoteles. Langweilige, fade Zeiten, in denen, glaubt man Retrospektiven, Popkultur wichtiger war als Politik, in der Jugendliche,durch Grunge und Tamagotchi weich geworden, auf harte Zeiten nicht vorbereitet waren.

Zeiten, die begannen mit dem Zusammenbruch des Ostblocks mit den friedlichen Revolutionen in der Tschechoslowakei, Deutschland oder Polen, gewaltsamen in Moldau und Rumänien; es folgten der Algerische Bürgerkrieg, der Zweite Golfkrieg und danach Bill Clintons Präsidentschaft; die Bürgerkriege in Jugoslawien zwischen dem russlandnahen Serbisch-jugoslawischen Zentrum und den sich abspaltenden Republiken, den Dschihadisten auf Seiten der bosnischen Muslim_innen, der Westen interveniert in Bosnien und später im Kosovo, lässt aber Srebrenica und Sarajevos Belagerung geschehen; die Balkan-Flüchtlinge; Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen; der Asylkompromiss; die Erfolge der NPD; die Zweite Intifada; die Nationalratswahlen 1994, 1995 und 1999; der afghanische Bürgerkrieg; die Tschetschenien-Kriege; das Maastricht-Referendum in Dänemark; die Kongo-Kriege, Sierra Leone, der Genozid in Ruanda; Terroranschläge von IRA und Eta.

Demgegenüber stehen seit 2010 der arabische Frühling, die Kriege in Libyen und Syrien, die Gotteskrieger aus aller Welt, die Giftgasangriffe, die ohne Gegenschlag bleiben; die Flüchtlinge seit 2015, Russland unterstützt Assad; der dritte Golfkrieg und Barack Obamas Präsidentschaft; Clausnitz, Freital, Bautzen, die Erfolge der AfD, der neue Asylkompromiss; die Anschläge in Israel seit Spätsommer 2015; die Österreichische Präsidentschaftswahl 2016; der Afghanistan-Krieg; der Ukraine-Krieg; der Brexit; die Bürgerkriege in der Zentralafrikanischen Republik, Südsudan, die anhaltenden Konflikte im Ostkongo; Terroranschläge von IS und anderen Islamisten.

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Es ist doch erstaunlich, oder?

Nicht, dass all diese Ereignisse wirklich identisch wären, natürlich nicht. Aber da lassen sich zwei Jahrzehnte so verblüffend parallel beschreiben und trotzdem scheint es so vielen offensichtlich, dass die Welt früher, damals klarer und weniger chaotisch war; dass wir heute in ereignisreichen, turbulenten, krisengeschüttelten Ausnahmezeiten leben.

Die Frage ist: Woher kommt dieses Gefühl? Lässt es sich begründen? Verklären wir die Vergangenheit? Was hat sich vielleicht doch verändert? Ist die Welt aus den Fugen, ist sie es nicht, war sie es immer schon?

Das eben war ein kleiner Trick, ein Spielchen – ein Versuch zu zeigen, welchen Streich uns unsere Wahrnehmung und Erinnerung spielen können. Als nächstes versuche ich zu zeigen, dass es keinen großen Trend zum Aus-den-Fugen-Sein gibt – und schließlich, warum es uns (möglicherweise zu Recht) trotzdem so vorkommt.

Los geht’s.

 

II Kriege, Krisen, Völkerwanderung: Was die Zahlen sagen – eine Trendperspektive

Der Psychologe Steven Pinker tourt mit der Gegenthese um die Welt: Nicht gefährlicher sei es geworden, sondern friedlicher. Noch nie seien so große Teile der Menschheit von Gewalt verschont geblieben. Es gibt relevante Kritik an seinem historischen Langzeitvergleich, aber man muss auch gar nicht so weit gehen und die Geschichte der ganzen Menschheit bemühen, um sich zu wundern über die vielen Krisendiagnosen.

Man könnte, wenn es um Kriege und Krisen geht, anmerken, dass im Zweiten Kongokrieg so viele Menschen starben wie in keinem Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg. Völkermorde mit so vielen Opfern wie in Burundi und Ruanda haben sich seither glücklicherweise nicht wiederholt. Man muss sich aber noch nicht einmal auf das theoretisch, vor allem aber ethisch sumpfige Terrain des Opferzahlenvergleichs begeben, um festzustellen, dass die Zeit seit 2000 historisch keinesfalls einmalig ist in ihren Krisen.

Auch die ersten beiden Golfkriege, die sowjetische Besatzung Afghanistans und der afghanische Bürgerkrieg, der sich anschloss, die Jugoslawienkriege, der Krieg in Sierra Leone – all das waren Jahre andauernde, lange, blutige, komplexe Kriege, mit abertausenden (und mehr) Toten und Geflüchteten.

Und, natürlich, es gibt heute nicht mehr Kriege zumindest als in den 90ern und es sterben deutlich weniger Menschen in Kriegen als früher.

Weil der gescheiterte Coup in der Türkei (dem je nach Zählung vierten oder fünften seit 1960) dafür Anlass ist: Militärs putschen heute nicht häufiger als früher (Link S. 255).

 

Flüchtlinge – wirklich immer mehr?

Zwar sind heute nach Angaben des UNHCR so viele Menschen auf der Flucht wie noch nie, mehr als 60 Millionen. Das liegt zu großen Teilen am Syrienkrieg (und dem anhaltenden und durch den IS verschärften krieg im Irak), der in Dauer, Heftigkeit und in seinen Folgen für die Bevölkerung extrem ist; ebenso wie der Zweite Kongokrieg und der Genozid in Ruanda fallen seine Folgen in Langzeitbeobachtungen deutlich auf.

In der kalten Sprache der Trendbeobachtung könnte man sagen: Er ist ein Ausreißer. Dadurch wird er freilich kein bisschen weniger real, grausam, fürchterlich; nur sollte man vorsichtig sein, ihn zur Grundlage von Verallgemeinerungen zu machen. Der Syrienkrieg sagt uns wenig über den Bürgerkrieg in Zentralafrika, nur weil er zur selben Zeit stattfindet.

Weiter verraten uns auch UNHCR-Zahlen zwar viel über das weltweite Leid – aber nur teilweise etwas darüber, ob die Welt heute mit einem Mal aus den Fugen ist. So lässt sich etwa der extreme Sprung in der UNHCR-Statistik von 21 Millionen „gefährdeten Personen” (Persons of concern) auf 35 Millionen von 2005 und 2006 überwiegend darauf zurückführen, dass das UNHCR an neue Daten kam oder bekannte Daten neu bewertet hat – oder in neuen Ländern die Federführung übernommen hat; denn nur wenn das UNHCR auch wirklich für diese Menschen verantwortlich ist, rutschen sie in seine Statistik. Darauf weist das UNHCR in seinen Jahrbüchern immer wieder hin. Anders gesagt: Es gab mit ziemlicher Sicherheit schon 2005 und zuvor deutlich mehr gefährdete Personen, als die Statistiken zeigen.

Das UNHCR empfiehlt für einen Überblick daher selbst das Internal Displacement Monitoring Centre als Quelle für weltweite Daten zu Binnenflüchtlingen. Deren Zeitreihe zu „konflikt-bezogenen” (conflict related) IDPs zeigt denn auch deutlich weniger Sprünge – 2012 gab es in etwa so viele Binnenvertriebene wie Anfang der 1990er. Erst seit 2013 steigt die Zahl deutlich an – was nicht allein, aber vor allem an Syrien liegt.

Alle IDPs, die etwa vor Naturkatastrophen fliehen, darf man dabei nicht ignorieren. Erstens existieren und leiden sie; zweitens müssen wir wegen des Klimawandels künftig mit mehr verheerenden Naturkatastrophen rechnen. Trotzdem scheint es mir sinnvoll, Naturkatastrophen und Kriege als unterschiedlich zu behandeln, mit unterschiedlichen Ursachen, Folgen und politischen Implikationen.

Übrigens: Die zweitmeisten Binnenflüchtlinge, nur etwas weniger als in Syrien, registrieren UNHCR und IDMC in Kolumbien – dort gibt es seit einigen Wochen Hoffnung auf ein dauerhaftes Friedensabkommen zwischen Regierung, FARC und ELN.

Nun sind reine Zahlen nicht alles. Wir kommen gleich zur Frage, ob es sich also um qualitativ neue Phänomene handelt. Trotzdem ist Vorsicht angebracht, wenn davon gesprochen wird, es gebe „mehr und mehr Konflikte” oder immer mehr Flüchtlinge. Es gibt zwar so viele Flüchtlinge wie nie, aber es gibt keine historisch einmalige Fluchtbewegung, keine plötzliche, nie da gewesene Völkerwanderung; aber es tobt gerade ein langer, blutiger, zerstörerischer Krieg nicht weit von Europa entfernt (und auf nicht einmal dreiviertel des Territoriums des ehemaligen Jugoslawiens, Wüsten inbegriffen).

 

Terrorismus

Einen guten Überblick gibt hier die Global Terrorism Database, die Terroranschläge seit 1970 verzeichnet. Selbst wenn es notorisch schwierig ist, solche Daten verlässlich zu erheben – einen ordentlichen Überblick bietet die Sammlung in jeden Fall.

Wir können beim Blick in die Daten sehen, dass es in den 00er-Jahren tatsächlich einen Rückgang an Terroranschlägen gab, dass es Ende des Jahrzehnts aber wieder mehr wurden, sogar viel viel mehr. Anders als bei Kriegen und Flucht gibt es wirklich eine Proliferation von Terrorismus. Allerdings: Sie betrifft vor allem Staaten, in denen Krieg herrscht, allen voran Irak, Afghanistan, Syrien, auch Pakistan. Man könnte auch sagen: Es ist diejenige Art von Terroranschlägen alltäglich geworden, über die es in treffenden Analysen so oft heißt, sie bewege die Menschen im Westen gar nicht. Das jüngste Attentat mit mehr als 250 Toten in Bagdad ist ein Beispiel dafür.

Ein neues Phänomen in Europa ist Terrorismus nicht. Sowohl die Zahl der Anschläge als auch die Opferzahlen sind sogar niedriger als in den 70ern, 80ern und frühen 90ern. Zwischen 1971 und 2011 waren Spanien und Nordirland unter den acht Staaten mit den meisten Anschlägen weltweit. In einem Jahr zwischen 1961 und 1962 tötete die OAS in Frankreich durch Attentate etwa 2000 Menschen.

 

Demokratie auf dem Rückzug?

Neben Krieg, Terror und Flucht gehört auch der neue Autoritarismus zu den Beispielen, die für die aus den Fugen geratene Welt gerne angeführt werden. Und tatsächlich: Demokratie ist nach einer der so genannten dritten Welle der Demokratisierung (2), in der mehr Länder demokratisch wurden, wieder ein bisschen auf dem Rückzug. Wie sehr, hängt von den verwendeten Daten ab.

Laut Freedom House, dem etabliertesten Index, hat der Anteil der Autokratien an allen Staaten in den vergangenen zehn Jahren minimal zugenommen, der Anteil der Demokratien minimal abgenommen. Noch immer ist Demokratie aber weiter verbreitet als in den 1990er Jahren, Autokratie weniger weit verbreitet. Gleichzeitig werden seit einem Jahrzehnt mehr Länder ein bisschen unfreier als andere ein wenig freier werden.

Glaubt man dem Index des Economist, sieht das Bild sehr ähnlich aus.

Es gibt einen leichten Trend weg von Demokratien und hin zu Autokratien. Wobei die vier Staaten, die von 2014 auf 2015 aus den „vollen Demokratien” herausgerutscht sind, die folgenden sind: Frankreich, Südkorea, Japan, Costa Rica. Ich habe nicht den Eindruck, dass „die Welt ist aus den Fugen”-Diagnosen allzu oft auf geringe Verschiebungen in Japan, Südkorea und Costa Rica rekurrieren. In Frankreich gibt der Front National Anlass zur Sorge – aber noch ist er ja nicht an der Macht.

Anders gesagt: Von einer neuen Welle des Autoritarismus kann einstweilen nicht die Rede sein.

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Wir halten fest: Es sind heute zwar mehr Menschen auf der Flucht als vor wenigen Jahren oder auch in den Neunzigern, aber nicht sehr viel mehr und das lässt sich zu sehr großen Teilen auf den Syrienkrieg zurückführen. Ein Krieg ist aber kein Trend.

Es gibt heute nicht mehr Kriege als vor einigen Jahren, und vor allem sind die Konflikte tendenziell weniger intensiv, in ihnen starben allgemein weniger Menschen als vor zehn oder zwanzig Jahren.

Die Zahl der Terroranschläge hat zwar enorm zugenommen, allerdings fast nur in einigen wenigen Staaten. Im Rest der Welt sind es nicht wirklich mehr geworden. Europa hat ähnliche Terrorwellen schon erlebt.

Auch wenn die dritte Demokratisierungswelle gebrandet ist – der Autoritarismus ist nicht konsequent auf dem Vormarsch, Demokratie nicht auf dem Rückzug.

Ich komme gleich auf mögliche Gründe für abweichende Wahrnehmungen zu sprechen; ich glaube, man kann die Unruhe und Apokalyptik vieler Zeitdiagnosen gut erklären; man sollte sich über einige Entwicklungen sogar sorgen. Aber in einer wahrhaft aus den Fugen geratenen Welt, in der so viele Krisen wie nie auf uns einprasseln, würde man doch erwarten, dass sich auch quantitativ einige klare Trends zeigen. Das ist nicht der Fall.

Wir leben nicht in einmalig krisenhaften Zeiten. Das heißt nicht, dass es keine Krisen gibt. Es gab vermutlich schon einmal ruhigere Zeiten. Es heißt nur, dass es nie sehr viel anders war, auch nicht seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

 

III Was sich doch verändert hat oder warum es sich so anfühlt

Trotzdem ist da offenbar dieses Gefühl – und man sollte es nicht sofort für abwegig erklären; man sollte zumindest zu verstehen versuchen, woher es stammt.

Eine Rolle spielt gewiss die Verklärung der Vergangenheit. Am deutlichsten wird das, wenn es um den Kalten Krieg geht. Der wird gerne zu einer stabilen, berechenbaren Epoche verbrämt, weil es gerade nochmal gut ging und sich so die Idee der heilsamen nuklearen Abschreckung so schön bewahren lässt. Tatsächlich ist der mehrfache Beinahe-Atomkrieg (mit mehr als 100 Atombomben alleine auf Berlin) nur in einem sehr merkwürdigen Bezugssystem als stabil und übersichtlich zu beschreiben.
Dass es nicht zum Weltenbrand kam, heißt nicht, dass wir alles im Griff hatten.

Ein anderes eindrückliches Beispiel ist die Wahrnehmung, 2015 und 2016 würden so viel mehr berühmte Persönlichkeiten sterben als früher. Für 2016 stimmt es womöglich insofern, als etwas mehr sehr berühmte Menschen als in vergangenen Jahren, aber nicht auffällig viele Prominente. Ein normaler Fall am oberen Ende der Verteilung. Nicht der Schnitter ist aktiver, wahrscheinlich sind wir nur älter geworden. Früher kannten wir die Menschen nicht, deren Nachrufe die Tagesschau beinahe jeden Tag sendet, heute schon.

Doch mit einer Fehlwahrnehmung der Vergangenheit allein ist die verbreitete Weltuntergangsstimmung nicht zu fassen.

Deshalb einige Thesen dazu:

 

1. Persönliche Betroffenheit: Die Welt kommt jetzt zu uns

Das ist gewiss die unoriginellste These, aber man muss sich klar darüber werden: Es gibt einen Unterschied, ob die Welt plötzlich aus den Fugen ist, oder ob wir nur mit einem Mal auch von den Schockwellen getroffen werden, die eine immer schon instabile Welt seit jeher aussendet. Es gibt nicht nur mehr Terror, er trifft vor allem auch uns, in New York, London, Madrid, Utoya, Paris, Brüssel, Nizza, Istanbul. Es gibt nicht viel mehr Flüchtlinge, sie kommen nur nach Europa. Es gibt nicht viel mehr Krieg, aber es gibt ihn in Europa. Der Autoritarismus ist nicht global auf dem Vormarsch, aber es gibt jetzt solche Tendenzen in Europa (und den USA).

Diese persönliche Betroffenheit ist die Grundbedingung dafür, dass die meisten der folgenden Mechanismen wirklich greifen.

 

2. Der Bully vor der Tür: Wie weit geht Putin?

Womöglich haben wir unterschätzt, wie fundamental die russische Invasion der Ukraine Selbstverständlichkeiten erschüttert hat. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass die Zeit der großen Kriege vorbei ist. Dass sich die Großmächte schon rational verhalten wie im Kalten Krieg (nicht, dass sie es da völlig getan hätten). Dann kommt die Invasion der Krim und die Invasion des Donbass und mit einem Mal mussten wir uns fragen: Was, wenn Putin es ernst meint? Was, wenn er kein Spieler ist, sondern ein Ideologe, der wirklich die alte Sowjetunion wiederherstellen will? Was, wenn wirklich grüne Männchen in Estland auftauchen?

Diese Szenarien lagen damals plötzlich richtigerweise auf den Tischen. Und das bedeutet zweierlei: Erstens machte es deutlich, dass Machtpolitik, Krieg und Imperialismus nicht notwendigerweise vorbei sind. Zweitens und vor allem wurde schlagartig klar, dass man jemanden, der den Willen und die Mittel hat, Gewalt auszuüben, nicht daran hindern kann. Den U-Bahn-Schläger nicht, den Schulhofbully nicht, einen Militärkommandeur nicht. Hätte Putin es auf die Spitze getrieben, hätte es zwei Möglichkeiten gegeben: Ihn gewähren lassen und hoffen, dass er aufhört (vulgo: Appeasement). Oder die atomare Apokalypse riskieren.

Mit anderen Worten: Wir waren so ohnmächtig wie schon lange nicht mehr.

Niemand konnte wirklich einschätzen, ob Putin Spieler oder Ideologe ist. Heute, da die Front seit Monaten eher still steht, scheint vieles für Spieler zu sprechen, und womöglich hätte man Waffenlieferungen wagen können. Aber hätte man es wirklich darauf ankommen lassen sollen?

 

3. Die Verachtung jeder Regel: Der IS hat sich selbst entfremdet

Der IS, auch Boko Haram, spielt eine besondere Rolle: Er ist zunächst für die tödlichsten Terroranschläge auf der ganzen Welt verantwortlich.Vor allem aber ignoriert und bricht er alle Regeln und inszeniert den Bruch sogar, schont nichts und niemanden und feiert sich dafür. Das ist oft atemberaubend – und soll es sein. Indem er so handelt, macht er uns deutlich, dass es Bereiche gibt, in denen nicht einmal mehr die elementarsten Grundlagen des Zusammenlebens funktionieren; dass nichts selbstverständlich ist; dass wir, konfrontiert mit dieser Weltverachtung, ebenso ohnmächtig sind wie im Angesicht des Bullys. (Al-Qaeda scheint wenigstens ideologisch konsistent zu sein – böse, aber berechenbar; das macht sie so viel weniger bedrohlich).

 

4. Die Wahllosigkeit des Terrors: Der sinnloseste aller Tode

Während die Zahl der Terroranschläge in Europa zurückgegangen ist, sind die wenigen Anschläge tödlicher geworden: Brüssel, Paris, Nizza, Istanbul. Vor allem aber sind sie nicht mehr zielgerichtet, oder besser: Nicht mehr auf spezielle Gruppen gerichtet. Sie zielen vielmehr bewusst auf alle. Es könnte jeden treffen. Das ist das Neue – und das Erschreckende, Verunsichernde. Unsere alltägliche Sicherheitsgewissheit ist dahin.

Ich glaube ja, ein Teil des Schreckens liegt auch in der empfundenen vollkommenen Sinnlosigkeit. Weil sich der IS vollkommen gelöst hat von den Logiken, Argumenten und Rationalitäten, an die wir zu glauben gewöhnt sind, sehen wir seine Anschläge als ganz und gar böse und ganz und gar sinnlos an. Die Eta oder die IRA, die Roten Brigaden oder die RAF mögen ebenfalls böse gehandelt haben – aber wir konnten wenigstens irgendwie verstehen, wie sie dazu kamen. Die ganzen Alltagsrisiken inklusive Kriminalität sind sowieso irgendwie begreifbar und scheinen schlicht unvermeidbar zu sein: That’s life!

Aber ein Anschlag im Namen einer apokalyptischen Theologie? Kaum ein Tod kommt uns so unnötig vor.

 

5. Lieber wahrscheinlich als tödlich

Dass uns Anschläge wie die in Paris oder Brüssel mehr umtreiben als frühere Terrorwellen in Europa mag auch damit zusammenhängen, dass die einzelnen Anschläge mehr Opfer fordern und tödlicher scheinen. Es geht ihnen darum, so viele Menschen wie irgendwie möglich zu töten.

Eine naheliegende Analogie: Die meisten fahren ja auch entspannter Auto, als sie mit dem Flugzeug fliegen. Ja, das Risiko eines Autounfalls ist viel höher – aber wenn mit dem Flugzeug etwas schiefläuft, ist der Tod fast sicher.

 

6. Die Geschichte ist längst nicht am Ende

Wenn ich oben den alten Spruch vom „Ende der Geschichte“ bemüht habe, obwohl ich ihn so gut es geht zu ignorieren versuche, dann aus einem simplen Grund: Er verrät uns etwas über die Position, von der aus wir im Westen die Krisen um uns herum wahrnahmen – und heute wahrnehmen. Damals schien die Geschichte ihren Gang zu gehen, vorwärts immer, rückwärts nimmer, und womöglich nahmen wir an, dass Kriege und Krisen die letzten Zuckungen einer falschen Weltordnung wären. Ich weiß es nicht, ich habe damals nicht sehr bewusst auf die Welt geblickt. Aber nur so kann ich mir intellektuelle Exzesse wie die Fukuyamas erklären.

Und nur so kann ich mir auch die analytischen Exzesse der Gegenwartsdiagnosen erklären.

Heute nämlich ist der Fortschrittsoptimismus einer Zukunftsapokalyptik gewichen. Jetzt geht es sogar in der EU rückwärts, die Progression zum Leitmotiv erkoren hatte: An ever closer union!

Die erste Nachkriegsgeneration, die nicht mehr erwartet, dass es ihr einmal besser gehen wird als ihren Eltern, sieht heute die Vergangenheit wiederkehren.

Weltwirtschaftskrise (1929!), in der Folge erwachen in Europas Demokratien rechtsnationale Bewegungen (1930er!), der alte Erzfeind Russland erstarkt und wird autokratischer und ein neuer kalter Krieg scheint aufzuziehen (1962!).
Nur: Der historische Vergleich schießt über: Im Jahr 2014 wurden Parallelen zu 1914 gesucht, die Vergleiche Donald Trumps mit Mussolini oder Hitler sind längst Standard, immer wieder wird auf den Sarajevo-Moment hingewiesen die Rassenunruhen in den USA scheinen wiederzukehren, womöglich gar inklusive Ku Klux Klan.

Viele dieser Vergleiche sind reizvoll, aber abwegig, die meisten verraten nur wenig Hilfreiches über die Welt heute. Aber sie erzählen womöglich etwas über den Zeitgeist und sie befeuern ihn zugleich: Nachdem sich die Hoffnung der Nachwende als utopisch erwiesen hat, fürchten wir nun die Rückkehr des vermeintlich Überwundenen. In der Art einer Auto-Immun-Erkrankung verdrehen wir dann diese Beobachtung ins Extreme. Wir sehen Gespenster.

Die Geschichte kam nicht in ihr Ende. Sie wird es auch nie tun. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass sie zurückkommt.

 

7. Nicht dass Demokratien wanken, erschüttert – sondern welche

Demokratien kamen und gingen, vor allem in Südostasien, Lateinamerika und Afrika. Das hat uns nie groß verunsichert. Was verunsichert, sind die wenigen besonderen Fälle: Russland, weil damit der geschlagen geglaubte Gegner zurückzukehren scheint. Die Türkei, weil hier der Islamismus in dem laizistischen Vorzeigestaat der islamischen Welt zu triumphieren scheint. Ungarn (und Anhänger), weil es in der Mitte der EU geschieht, die bisher als Garant von Frieden und Demokratie funktioniert hat. (Und sie tat es wirklich. Der reibungslose Umbruch in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas war tatsächlich eine historische Sensation, ein absolutes Ausnahmeereignis, für das die EU viel zu wenig Bewunderung erfahren hat. Zu glauben, so gehe es für immer, war naiv.).

All das ist bedeutsam. Ungarn, Russland, die Türkei sind derzeit womöglich aus den Fugen. Aber sie sind nicht die Welt.

 

8. Viele Krisen sind moralisch eindeutig – nur warum gewinnen die Falschen?

Es ist gerade nicht so, dass die Welt immer komplexer wird. Ja, sie wird vernetzter, ja, da geschieht viel Neues. Aber politisch ist womöglich sogar das Gegenteil der Fall: Gerade weil so viele Entwicklungen moralisch so eindeutig sind, verstören sie – wir fühlen uns nämlich genötigt, uns dazu zu verhalten.

Die Regelverächter von IS und Boko Haram? Barbaren! Die russische Invasion der Ukraine? Anders als Libyen, Kosovo oder selbst der Irakkrieg 2003 ein Angriffskrieg ohne jede humanitäre Rechtfertigung. Die extrem rechten Bewegungen in Europa? Gefährden die Gleichheit aller! Donald Trump? Der wahrscheinlich ungeeignetste Präsidentschaftskandidat aller Zeiten! Die gewaltsame Niederschlagung der Revolution in Syrien? Verbrecherisch!

Die Bewertung dieser Ereignisse ist sogar ganz verblüffend simpel – viel einfacher, als im Kalten Krieg einzuordnen, welche Seite wofür eigentlich verantwortlich war; viel einfacher, als die humanitären Interventionen der vergangenen Jahrzehnte zu bewerten; viel einfacher als innereuropäische politische Kämpfe oder die Wirtschaftspolitik von US-Präsidenten zu beurteilen.

Nein, es ist genau die Eindeutigkeit, die uns so verstört. In den Worten der Post-Brexit-ZEIT: Was, wenn die Falschen gewinnen? Warum zum Teufel gewinnen die Falschen? Und wir müssen doch etwas tun! Nur: was?

Denn faktisch komplex, verworren, schwierig zu lösen, ist die Welt zweifellos. Einfache Kausalitäten gibt es kaum je einmal. Richtig. Das war nur nie anders.

Wer sich einbildet, die Welt anders als heute früher ganz und gar verstanden zu haben, der hat sich damals geirrt.

 

9. Die Grenzen des Diskurses: Das Unsagbare wird Sagbar

Langsam, aber sicher verschieben sich die Grenzen des Sagbaren. Das Ressentiment, der erst verdeckte, dann offene Hass, gegen Flüchtlinge, Muslim_innen, Nordafrikaner, Politiker_innen, Journalist_innen, die EU, die da oben, die da unten, Juden raus, hau ab aus diesem Land – heute wird es gepostet, gerufen, geschrieben.

Da ist, glaube ich, tatsächlich etwas in Rutschen geraten. Wann es begann, lässt sich kaum festlegen – Carolin Emcke schlug im Streitraum die Paulskirchenrede Martin Walsers vor. Thilo Sarrazin scheint mir im Rückblick ein eher unterschätzter Katalysator gewesen zu sein. Längst treiben, meine ich, extrem rechte Kräfte bewusst den Diskurswandel voran. Glaube keiner, die AfD-Granden würden so oft mausrutschen – die wissen, was sie tun. Farage weiß, was er tut (tat). LePen weiß, was sie tut. Hofer und Strache wissen, was sie tun. Orban weiß, was er tut. Trump – unklar.

Ein bisschen fassungslos schaut der liberale Teil der Gesellschaft zu und fragt sich: Besser dagegenhalten oder besser ignorieren? Don’t feed the troll oder kein Fuß breit! Einig wird man sich nicht.

Denn was auch versucht wird, es scheint nicht zu fruchten. Was, wenn wird über die Anfänge, denen wir wehren wollen, längst hinaus sind?

Auf der anderen Seite, das sollten wir nicht vergessen, wird auch manches Sagbare unsagbar – das ist dann das, was von rechts als „politische Korrektheit” angegriffen wird. Alltagssexismus, Alltagsrassismus, eingeübte Sprechweisen der Herabsetzung geraten unter Rechtfertigungsdruck.

 

10. Gesellschaft wird polarisierter: Das Erwachen der Normalitären

Ich habe hier neulich ausgeführt, dass ich einen politisch-soziologischen Wandel glaube, an eine aus einem realen gesellschaftlichen Konflikt sich entwickelnde Gruppe von Menschen,die sich gegen die Infragestellung ihres Normal-Seins stoßen: diejenigen, die ich Normalitäre nenne.

In Verbindung mit der Diskursverschiebung – teilweise sicher auch von ihr verstärkt, aber eher unabhängig – öffnet sich damit extrem rechten Bewegungen ein Möglichkeitsfenster: Sie können mittlerweile überall öffentlich sagen, was sie denken; entweder ohne argen Widerspruch oder mit, aber unvermindert großer Reichweite. Sie sprechen zu einem großen Bevölkerungsteil, der selbst verunsichert oder verärgert ist – und schaffen es, daraus politisches Kapital zu schlagen.

Damit sind sie, meine ich, einer der größten Treiber der Krisendiagnostik. Weil ihre Erfolge nicht nur Teile, sondern das Fundament der politischen Ordnung des Westens infrage stellen, schrecken sie uns so sehr.

Aber, um die rhetorische Frage von oben (wer erinnert sich noch?) aufzugreifen: Sie sind nicht eine Folge einer krisengeschüttelten Zeit, sondern sie erzeugen diese Krisenwahrnehmung zu einem großen Teil überhaupt erst, und sie treiben diese Wahrnehmung voran.

Sie sind souverän, wenn sie uns den Ausnahmezustand glaubhaft machen.

 

11. Das Netz und die Illusion der schweigenden Mehrheit

Natürlich, darüber ist viel geredet worden, treibt das Internet das Unsicherheitsgefühl voran, weil es so viel Alltagskommunikation sichtbar macht. Dadurch ergeben sich fraglos viele erhellende Einsichten. Allerdings gibt es einen systematischen Bias hin zum Lauten, Radikalen, Unversöhnlichen, auf allen denkbaren Seiten. Unsere Stichprobe ist verzerrt. Wir sehen viele Schreihälse, die – siehe 7, auch noch lauter und unversöhnlicher werden – und folgern unbewusst, das sei ein Abbild des Gesamten. Wir glauben an die schweigende Mehrheit als große Twittertimeline. Das ist höchstwahrscheinlich falsch – ändert aber nichts daran, dass unsere Wahrnehmung Folgen hat.

 

12. Die Unmittelbarkeit der Soziale Medien und ihr Imperativ: Befass dich!

Schließlich kreieren soziale Medien – vor allem das unter Politik- und Medienjunkries verbreitete Twitter – eine Unmittelbarkeit, eine Bilderflut, einen Echtzeitrausch, den es zuvor so nicht gab. Und im Konzert mit den Pushmeldungen der Nachrichtenseiten brüllen sie: Die Welt brennt! Befass dich damit! Sie ziehen uns hinein in die Katastrophen – und die Katastrophen damit in unser Bewusstsein.

Das ist neu, aber: Irgendwann sind neue Medien nicht mehr neu. Das wird sich nicht mehr ändern. Wir müssen Mechanismen finden, damit umzugehen.

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13. Die Gemeinsamkeit: Erschütterte Gewissheiten und die Erfahrung von Ohnmacht

Es gibt etwas, das fast alle vorherigen Beobachtungen eint: Fast immer geht es um so etwas wie die Erschütterung von Gewissheiten. Kriege und Flüchtlinge in Afrika, Autokratien in Südostasien, Terroranschläge im Nahen Osten – all das erschüttert uns nicht. Wir rechnen damit. Wir kalkulieren damit, irgendwie.

Aber hier, so, das – das treibt uns um. In den vergangenen Jahren mussten wir uns von etlichen Illusionen verabschieden, die aber immer schon das waren: Illusionen. Verzerrte Wahrnehmungen und Fehlschlüsse.

Die Welt entwickelt sich nicht zielgerichtet, sie wird nicht immer moderner und besser und schöner, jedenfalls nicht notwendigerweise. Es gibt Rückschläge, es geht nicht ohne politischen Kampf und manchmal lassen sie sich vielleicht nicht aufhalten. Es gibt so etwas, das wir das Böse oder Barbarische nennen, und Krieg und Gewalt sind nicht einfach verschwunden.

Vor allem aber: Wir kontrollieren die Welt nicht. Wir können nicht immer eingreifen, nicht immer das Böse verhindern, nicht wieder alles gut machen. Gesellschaften sind immer komplex, groß, weitgehend unverstanden und vor allem schlecht steuerbar. Manchmal sind wir schlicht ohnmächtig.

All die Rufe, der Brexit sei nun der letzte Weckruf, die Österreichische Wahl ein Warnschuss, jetzt müsse die EU aber endlich anders werden!, all diese Apelle wirken und sind so verzweifelt, weil sie Handlungsmacht behaupten müssen, wo wir permanent die Erfahrung von Handlungsunfähigkeit machen.

(Womit nicht gesagt ist, dass wir die Hände in den Schoß legen sollen. Wir gewinnen nur nichts, wenn wir uns überschätzen).

Das ist kein schöner Gedanke, ganz sicher kein beruhigender.

Hilft aber alles nichts.

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Was dann hilft? Ich weiß es auch nicht.

Die einzige einigermaßen allgemeine Antwort scheint mir zu sein: Immer wieder die eigene Wahrnehmung reflektieren und fragen, ob sie wirklich zutrifft. Denn: „When men define situations as real, they are real in their consequences„.

Also reden wir über unsere Situationsbeschreibungen.

Dieser Text hier ist als Anfang gedacht.

  1. Helmut Schmidt, der letzte dieser Art, widersprach Giovanni di Lorenzo 2014 nicht, als er sagte, man habe den Eindruck, die Welt gerate aus den Fugen.
  2. Ein Begriff von Samuel Huntington übrigens, bevor er sich in handwerklich miserable Kulturkampfdiagnosen verrannte.

 


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