Medien in der Krise. Ratlosigkeit als Betriebssystem

Die Suche nach Orientierung und Halt nimmt zu. Die Überforderung des Einzelnen wird an einem Abend wie gestern, kurz nach den ersten Meldungen zum „Putsch-Versuch“ in der Türkei, zumindest durch die Medien nicht abgefangen. Eher bestimmt die Überforderung ihr Verhalten und ihre Rituale selbst.

Amoklauf, Anschlag, Terror, Gewalt, Putsch, Flucht, Brexit, Populismus. Es mag manchem, dem die Ränder der Komfortzone bewusst sind, angesichts des Weltgeschehens etwas geschichtsvergessen, eurozentristisch und wenig neu erscheinen, aber immer häufiger ist die Rede von einer Welt, die „aus den Fugen“ oder „total verrückt“ sei.

Wie erfassen, wie verstehen?

Die Verunsicherung ist lesbar, hörbar, spürbar. Die Suche nach Orientierung und Halt nimmt zu. Die Überforderung des Einzelnen wird an einem Abend wie gestern, kurz nach den ersten Meldungen zum „Putsch-Versuch“ in der Türkei, zumindest durch die Medien nicht abgefangen. Wäre das denn ihre Rolle? Eher bestimmt die Überforderung ihr Verhalten und ihre Rituale selbst. Reicht das denn? Steckt hinter der allzu menschlichen und deshalb nachvollziehbaren Ratlosigkeit der Medien nicht letztlich doch ein Mangel an notwendigem Mut? Eine Schutzbehauptung aus zu viel die Angst vor der nie endenden Medienkritik? Bei und nach jeder Krise komme doch eh wieder Schelte an der Berichterstattung. Mal sei es zu wenig, mal zu viel, mal zu schnell und mal zu zögerlich. Nie könne man es (allen) recht machen. Klingt Erleichterung durch, wenn Thomas Walde privat (sonst: ZDF) zu einem Sommerinterview mit dem Grünen Fraktionsvoristzenden twittert, dass sich „manchmal … auch Politiker“ fragen, „was da gerade eigentlich los ist“?

„Stell Dir vor, Du willst aufklären, kannst Dir auf den Lauf der Dinge aber selbst keinen rationalen Reim mehr machen: Es ist wahrlich keine schöne Rolle. Nicht selten mündet sie in Selbstmitleid, häufiger aber – das Publikum ist ja am Ende immer der König – in eine Art Notpopulismus ohne böse Absicht.“

Richard Meng, „Zweiteiteilung der Wahrnehmung“ (CARTA)

Nur, Medien, die nicht mehr zu kritisieren wären, weil sie keine Angriffsfläche bieten wollen, und ihren Kopf in lauwarmen Treibsand stecken, können eigentlich auch einfach in den Feierabend gehen und alte Krimis abspielen. Und so kam es dann. Selbst nach einer „Bauchbinde“ suchte man mit zappendem Finger am Freitag Abend vorerst vergeblich.

Mit Aufzug vielerlei Krisen hat der Begriff der Resilienz Konjunktur. Individuelle Resilienz, resiliente Gesellschaften und resiliente Organisationen. Es geht im Kern um Widerstandskraft und Innovationsfähigkeit. Sogenannte „High Reliability Organizations“ (HRO) operieren „in einem unklaren und wechselnden krisenhaften Umfeld … (wie z. B. Militär- oder Feuerwehr). Eines von vielen wichtigen Kriterien von HROs ist eine Fehlerkultur, die sich nicht auf Schuldzuweisungen beschränkt, sondern aktiv nach Fehlerquellen sucht, um aus ihnen für die Zukunft zu lernen“ (Wikipedia). Gilt das nicht auch und gerade für die Medien? Was wären denn „resiliente Medien“ in ihrer „reliability“ (Beständigkeit, Ausfallsicherheit, Verlässlichkeit) gerade dann, wenn es wirklich darauf ankommt und die traditionellen Vertrauensinstitutionen zunehmend vom Platz gestellt werden?

„Den Glauben an Kirche, Kaiser, politische Autoritäten, Brockhaus, Knigge und Eltern haben wir uns ja in der Moderne selbst genommen (jetzt sind unter anderem Parteien und Gewerkschaften dran). Hier sieht man sofort, dass die unbestreitbare Vertrauenskrise des Journalismus systematisch eine Tendenz seiner Umwelt ist: Wo Institutionen an Vertrauen verlieren, verliert auch der Journalismus als institutionelle Praxis an Vertrauen.“

Christoph Kappes, „Die Journalismus-Krise ist eine Krise seiner Umwelt“ (CARTA)

Aktuell scheint, unter Eindruck der Gewalt und Tragödien der letzten beiden Jahre, das Pendel wieder in eine Richtung ausgeschlagen zu sein: langsamer machen (aka „Qualität vor Schnelligkeit“). Und selbst der Algorithmus von Facebook scheint im Slow Media-Modus. Den Rest erledigen dann eben schnell Twitter und ein paar vertrauenswürdige, einzelne Journalisten, die bis tief in die Nacht in 140 Zeichen Hinweisen nachgehen, übersetzen, nach Wahrheitsgehalt suchen, bis dann endlich die große Maschine in Gang kommt.

Twitter Asli

Aber können sich die Medienmaschinen wirklich zurückziehen auf die vornehme Funktion einzuordnen (was vielleicht gar nicht einzuordnen ist) und erst dann zu berichten, wenn es einen „Überblick“ gibt (wo es eventuell einfach nichts zu überblicken gibt)? Müssen sich Schnelligkeit und Qualität denn überhaupt widersprechen? Ist die angebliche Dichotomie zwischen Abwarten und mangelnder Seriosität nicht schlichtweg irreführend?

Interessierte Zuschauer waren also in der Nacht zum Samstag schon längst vom Tatort „Tödliches Vertrauen“ (2005) oder der „Nacht der Klassik“ abgewandert und bei BBC und CNN gelandet als die erste Sondersendung jenseits der Spartensender anlief.

Twitter CNN

Annett Meiritz setzte in der Nacht noch in (Klammern):

Twitter Meiritz

Ja, wichtigeres gibt es immer.

Aber man kann eben schon Mal die Frage aufwerfen, ob ein Teil astronomischen Summen, die ARD und ZDF für die EM ausgaben, nicht auch dem Bereich von Information und Nachrichten gut tun würde. Welche Formate, welche Umgebung, welcher Newsroom, welche Möglichkeiten?

Um was es dabei sicher nicht (wieder) gehen kann, ist jetzt der Versuch, alleine über die Maßlosigkeit von ungefilterten Informationen und gnadenlosem Herumstochern, Journalismus zu faken, Berichterstattung zu simulieren und das Pendel wieder vollständig in die andere Richtung ausschlagen zu lassen. Aber: auf die Suche muss man sich eben machen. Immer und immer wieder neu. Und da auch Kraft und Ressourcen reinstecken. Da sind die Medien einfach auch keine Ausnahme.

Breitband hat im Deutschlandradio nach Nizza unter dem Titel „Was wir bisher wissen – und was nicht…“ am Samstag eine interessante Sendung gemacht. Eine Sendung nach Istanbul steht noch aus.

Twitter Pitzer

 

 


 

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