Pokémon Stop

Welche Implikation ergibt sich aus dem Fakt, dass das Handeln von weltweit über 20 Millionen Usern per unsichtbarem Joystick aus dem Off gesteuert wird? Können wir noch 'Stop' sagen oder verhallt der Ruf in den Innovationspalästen des Silicon Valley? 12 Fragen.

Pokémon Go ist ein Augmented Reality Game, das zurzeit weltweit die Menschen in seinen Bann zieht, sie in verlassene Hinterhöfe oder den Vorgarten des Nachbars lockt. Die App, die innerhalb weniger Tage bereits mehr Daily User als Twitter hat, ist in den sozialen Medien allgegenwärtig. Auch wer mit halbwegs geöffneten Augen und eben nicht auf das eigene Smartphone starrend durch die Welt geht, wird bereits etwas von diesem Hype mitbekommen haben. Überall sieht man digitale Jäger auf der Suche. Menschen, die sich wie ferngesteuert – nein! – wahrlich ferngesteuert durch die Stadt bewegen. Sie spielen ein Spiel. Ganz Deutschland eine kollektive digitale Schnitzeljagd. Nun ist daran zunächst einmal nichts aussetzen, wenn Menschen, ja sogar erwachsene Menschen fortgeschrittenen Alters, miteinander spielen. Bedeutet dies doch eine schöne Abwechslung zum sonstigen Trott. Was soll falsch daran sein, wenn Menschen den Alltag vergessen, um zu spielen?

Ich möchte hier der Spielverderber sein, indem ich weitere Fragen stelle. Fragen, denen unsere Gesellschaft genauso kollektiv aus dem Weg zu gehen scheint wie sie gegenwärtig dem (sich mir nur schwer erschließenden) Reiz dieses Games nachgibt. Da wäre zunächst einmal die Frage, wer hier eigentlich Spielfigur ist. Sind es die kleinen bunten Pixelformationen, die Shiggy, Taubsi oder Glurak heißen und sich neben der Kaffeemaschine im Büro oder der Bushaltestelle vor der Haustür verstecken und die es zu fangen gilt? Oder bin ich als Benutzer der App nicht die Spielfigur eines multinationalen Konzerns, der ganz und gar unbemerkt plötzlich meine Bewegungen, die Wahrnehmung meiner Umwelt und die damit einhergehende Missachtung meiner Mitmenschen steuert?

Welche Implikation ergibt sich aus dem Fakt, dass das Handeln von weltweit über 20 Millionen Usern (Tendenz exponentiell steigend) nun per unsichtbarem Joystick aus dem Off gesteuert wird? Wo kommen wir hin, wenn die Faszination einer doch recht simplen Spielidee eine derartige Strahlkraft erzeugt, dass jegliche Reflektion des eigenen Tuns scheinbar verunmöglicht ist? Was regt sich in uns, wenn wir uns bewusst machen, dass das nur der Anfang einer Entwicklung ist, die die Grenzen von Realität und real erlebbarer Fiktion kolossal zu verschieben droht?

Können wir noch ‘Stop’ sagen oder verhallt der Ruf in den Innovationspalästen des Silicon Valley? Was lernen wir daraus, dass dieser auf dem Reißbrett geplante Hype sogleich von Politikern und Unternehmen gleichermaßen als kostenfreier Marketingmultiplier aufgegriffen wird? Lernen wir überhaupt noch oder haben uns die versteckten Machtapparate des Neoliberalismus bereits vollkommen im Griff? Wie gleichgeschaltet ist eine Generation, die permanent verkennt oder erst gar nicht sieht, dass das meiste, was da als Gadget für Bewältigung und Optimierung des eigenen Lebens (Fitness-, Ernährungs-, Dating-, Navigation-Apps usw. usf.) oder wie in diesem Fall als Entertainment-Tool verkauft wird, uns als Bürger unfrei macht und vor allem darauf abzielt, immer mehr persönliche Daten zu sammeln und nächstens unseren Konsumhunger immer wieder aufs Neue zu wecken?

Sollten wir nicht beginnen nach Antworten auf diese Fragen suchen – anstatt das Pikachu hinter der Mülltonne? Anders gefragt: Sollten wir nicht alle langsam einmal zu Spielverderbern eines Spiels werden, über das wir drohen die Kontrolle zu verlieren?

 


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