Journalismus ist keine Technologie

In der aktuellen Debatte über die Zukunft des Journalismus dreht sich zumeist alles um Technik und Ökonomie. Jenseits dessen sprießen jedoch inhaltliche Reformansätze, die gesellschaftspolitischere Ansätze einfordern.

Die Medienökonomen Frank Lobigs und Gerret von Nordheim haben 2014 einen Band mit dem Titel „Journalismus ist kein Geschäftsmodell“ vorgelegt. Darin beschrieben werden die „teils erstaunlich positiven Resultate“ bei Management und – siehe da – Medienregulierung, „um auch künftig die Autonomie des Journalismus zu bewahren“.

Zum gleichen Zweck sei hier ähnlich programmatisch ein anderer Satz hinterhergeschickt: Journalismus ist keine Technologie! Dieser Eindruck drängt sich manchmal auf, wenn man Fachdebatten lauscht, Medienmagazine liest oder Verlagsbroschüren nach neuen Forschungsbänden durchgeht. Weit vorne steht in diesen Arenen der Selbstbespiegelung die Funktion – das Wie, die Mittel und Wege für – ja, was? Es geht um Tools und Trends, Software und Systeme, Programme und Plattformen. Weit dahinter stehen Deutung und Bedeutung, das Was und Warum, die beide in der Funktionswelt verblassen.

Das journalistische Technologieprimat ist nicht mehr nur dominant, es ist übergriffig geworden. Hinzu kommt das Wirtschaftsdiktum mit seinen Fragen nach Geschäftsmodellen, Bezahlschranken, redaktionellen Investmentreturns und dergleichen Schwurbeleien mehr – die natürlich diskutiert werden müssen. Nur eben nicht ständig. Denn es gibt andere leitende Disziplinen, nicht nur die Ökonomie. Nicht jede Idee muss sofort markttauglich sein, sie soll auch ausprobiert werden. Und es darf öffentliche wie private Geldflüsse geben, die nicht sofort wieder verdient werden müssen, sofern mit ihnen Qualität und Unabhängigkeit des Journalismus gestärkt werden.

 

Journalismus als hochstehendes Allgemeingut

Halten wir fest, das unabhängiger Journalismus, verstanden als kultureller Prozess sowie normativ arbeitende Selbstverständigungs- und Ausdrucksform pluralistischer Demokratien, zuerst gesellschaftliche Aufgaben erfüllen muss. Daher ist Journalismus insgesamt ein ethischer Vorgang, ein hochstehendes Allgemeingut, das zuerst der sozialen Selbstverständigung sowie der politischen Integration und Partizipation dient.

An dieses Ethikprimat, das sich auch mit der Entstehung des Journalismus aus Humanismus und Aufklärung heraus erklären lässt, muss so altbacken erinnert werden. Denn wenn zwischen Technologie und Ökonomie kaum mehr andere Deutungsrahmen Platz finden, wird es eng. In den 1990er Jahren wurden ähnliche Befunde unter der Überschrift der Kommunikationsökologie debattiert, an die es sich lohnt, wieder anzuknüpfen. Im Sinne einer daraus abgeleiteten praktischen Journalistischen Ökologie lässt deshalb mit Christian Schicha daran erinnern, dass massenmediale Kommunikation dahingehend zu beurteilen ist,

„inwiefern sie partizipatorische Formen von Kommunikation anzielt, unterstützt und ermöglicht, inwiefern sie dazu beiträgt, den Menschen eine chancengleiche Teilnahme zu gewährleisten, ob sie bestehende Verhältnisse verzerrter, vermachteter öffentlicher Kommunikation aufdeckt und überwindet, auf deren Überwindung hinarbeitet und inwiefern sie emanzipatorisch und advokatorisch für das Recht aller und auf die Möglichkeit aller zur Kommunikation eintritt.“

Doch Halt! Zu negativ darf die Betrachtung nicht ausfallen, denn neben allen technologischen Innovationen – in diesem Kontext sei das Plastikwort erlaubt – gibt es vermehrt inhaltlich orientierte Reformansätze, die im kreativen Hinterhof der Krise entstanden sind und jetzt durch die Tür langsam in den Vorgarten der Branche gelangen: sichtbar, blühend, diskursiv, ethisch. Seien es Friedens- und Lösungsjournalismus, Constructive News, Recherchejournalismus, Slow Media, Longform Journalism, literarisches Schreiben, neue grüne Ansätze oder gemeinnütziges Medienmachen – die Liste der Projekte mit inhaltlichem, kritischem Ansatz ist lang geworden.

 

Große Brocken statt technologieaffine Kleinteiligkeit

So verschiedenen die Ansätze, die oft aus den USA herangetragen wurden, im Detail auch sind. Geeint werden sie durch ihren Qualitätsanspruch und die kritische Perspektive auf das bisherige mediale Geschehen: zu katastrophenorientiert, zu beschleunigt und technisiert, zu kurz und häppchenhaft, zu wenig tiefgängig und relevant, kaum nachhaltig und ökologisch im umfassenden Sinn, zu privatisiert und gesellschaftsvergessen – die Kritikansätze sind breit. Sie stellen aber gemeinsam auf Perspektiven ab, die im Zuge des neoliberalen Paradigmas und der individuellen Selbstökonomisierung in die Nische geraten sind: Kollektivität, Gesellschaftsbezüge, Enkeltauglichkeit, große Brocken statt technologieaffiner Kleinteiligkeit. Und Relevanz wie auch Verantwortung, die bereits das Schlagwort der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 2015 war. Leider kam dort dann doch wieder die Kleinteiligkeit dazwischen, aber immerhin: Die Standesgemeinschaft hat die Zeichen erkannt, die auf eine Rückkehr der Ethik in die massenmediale Theorie und Praxis hindeuten. Diese Befund stützt auch das starke Netzwerk Medienethik und der Aufbau zweier gleichnamiger Professuren in den vergangenen Jahren.

Es geht aber keineswegs nur um Theoriegezauber, denn viele der inhaltlich orientierten Projekte kommen aus der Praxis, sind Praxis. Sie wollen den Beweis antreten und der eigenen Kritik Taten folgen lassen. Für diesen Anspruch stehen Initiativen wie das gemeinnützige Recherchebüro Correctiv, die Lösungsjournalisten von Perspective Daily, der Mediendienst Integration, das Netzwerk Weitblick für mediale Nachhaltigkeit oder die umweltjournalistischen Plattformen Grüner Journalismus und Mediendoktor Umwelt. Hinzukommen neue Schwerpunkte an Hochschulen und Universitäten wie in Lüneburg, St. Augustin oder Ansbach, wo man Umweltjournalismus studieren kann.

Etwas ältere Ansätze wie die Initiative Nachrichtenaufklärung oder das nun mehr 15 Jahre alte Nerzwerk Recherche zeigen, dass das Relevanzdenken und die gesellschaftspolitische Haltung im Journalismus immer da waren. Diesen Vorreitern gesellen sich nun neue Akteure hinzu, wobei keiner von ihnen eine grundlegende Medienkritik anbringt und den Journalismus verdammt, so wie es heute teils in der Gesellschaft und mancherorts in der Journaille selbst schick ist. Die inhaltlichen Reformansätze wollen dem Journalismus lediglich ein Additiv hinzufügen und ihn an alte Aufgaben erinnern, die im Zuge von Hypereile und Ultrasparen verkümmert sind. Dazu gehören das Zeithaben für Recherche und Reflexion, der Mut zu neuen, auch experimentellen Formen und das Denken im Wir-Modus statt nur in der Ich-Perspektive. Michael Gleich beschreibt diese Erinnerungsfunktion im Medium Magazin für den Konstruktiven Journalismus. Dieser sei letztlich

die Erinnerung an verloren gegangene Tugenden. Wäre es nicht eigentlich selbstverständliche Chronistenpflicht, neben Problemlagen auch die Suche nach Lösungen zu dokumentieren? Die Unterlassungssünden auf diesem Gebiet führen nicht nur zur Verdrossenheit des Publikums. Sie verzerren massiv die wahrgenommene Realität.“

 

Finanzierung? Bitte nach Norden schauen

Wie die Experimente ausgehen und ob es gelingt, mit ihnen das mediale Ethik- und Gesellschaftsdenken dauerhaft dem Technologie-Ökonomie-Komplex hinzuzufügen, lässt sich schwer sagen. Der Erfolg des Netzwerks Recherche macht Mut. Angst macht dagegen, dass viele Projekte mit externen Geldern finanziert sind, oft von Stiftungen, der Crowd oder Mäzenen. Und dies auch nur vorübergehend.

Um dem gesellschaftsrelevanten Qualitätsjournalismus Halt zu geben, braucht es womöglich neue Finanzierungsformen – solche, über die hierzulande nicht so gerne gesprochen wird. Die Gemeinnützigkeit von Journalismus wäre ein richtiger Schritt. Weiter greifen würden Modelle der öffentlichen Pressefinanzierung, wie sie schon lange in Skandinavien praktiziert werden. Mit unabhängigen Entscheidungsgremien, strengen Kriterien und einem Fokus auf regionale und kleinere Medien.

Die Auslandsberichterstattung schwedischer und norwegischer Lokalblätter ist eigenständig und passabel vorhanden, weil diese Klein- und Kleinsthäuser Hilfen bekamen. Weil sie als Gemeingut zum Erhalt der Meinungsvielfalt betrachtet werden. Hiervon ließe sich für die deutschen neuen Relevanzprojekte lernen wie auch lokalen Medien, die aufs Ganze gesehen unter dem irrsinnigen Branchendiktum am meisten leiden: nämlich mit weniger Personal in kürzer Zeit komplexer werdende und noch in der Zahl zunehmende Themen zu einer insgesamt besseren Qualität attraktiver produzieren zu können.

 

Neue Publika ökosozialer Art

Der Blick wird verstellt, wenn erneut ein ewig kreativer Verlagsmanager dieses Mehrfachparadoxon in die Medienlandschaft schreit. Der Blick weitet sich dann aber schnell, wenn man von den Podien weg tief hinein in die Gesellschaft schaut. Dort sind nämlich in den vergangenen Jahren neue Millionen-Publika entstanden, die ebenfalls Relevanz einfordern und gelebte Ethik darstellen. Die Rede ist von einem neuen ökosozialen Milieu, das die Soziologie wegen seiner Vielschichtigkeit noch nicht auf einen Nenner bringen konnte; vielleicht ist dies auch nicht möglich. Klar ist jedoch, das Millionen Menschen sich in neuer Form engagieren, Dinge ausprobieren und dies auch öffentlich tun. Und es sind Alte wie Junge, die sich in transition towns oder Tausch- und Teilgruppen tummeln ebenso wie beim städtischen Gärtnern und in solidarischer Landwirtschaft, bei Repair-Cafés, Kleiderkreiseln, Ernährungsräten, Energiegenossenschaften, im neuen Sozialunternehmertum, bei Campact und nicht zuletzt den vielen Flüchtlingsinitiativen. Bei aller Unterschiedlichkeit ist den Gruppen die Relevanz- und Gemeinwohlorientierung gleich gegenüber einer Marktorientierung und unmittelbarem Nutzendenken.

Und hier verläuft die Parallele zu den aktuellen inhaltlichen Reformansätzen im Journalismus, die in der Hinwendung zu diesen neuen Publika zusätzliches Gelingen fänden. Bisher gibt es für dieses etwas diffuse grün-rote Milieu nicht viele Medien; in der Nische berichten Enorm, Oya und andere. Ständig kommen aber kleine Magazine dazu, jüngst Ö aus dem bio verlag. Eher unbeobachtet geschehen diese Gründungen. Sie unterstreichen aber, dass etwas passiert auf Ebene der gesellschaftlich-transformativen Magazindiskurse – von entsprechenden Blogs und Plattformen ganz zu schweigen.

 

Zwischen Eskapismus und Transformation

Ganz viel passiert ist bereits bei den eskapistischen Diskursen, bei der medialen Inszenierung von Landidylle und kleinteiliger Wohlfühl-Natur. Es sind mittlerweile an die 20 Hefte, die „Land“ im Titel tragen. Hinzu kommen neue Bewusstseinsmagazine wie Flow und Slow; ein Millionengeschäft entstanden, vielfach ignoriert von den großen Häusern, dann erschrocken und schnell nachgeahmt. Und meist ganz auf Papier.

Diese neuen Zielgruppen verweigern oft die Relevanz, wobei man nacheinander Land Art betreiben und dann noch wählen sowie protestieren gehen kann und insofern die Schwarz-Weiß-Einteilung zwischen Transformation und Eskapismus eventuell zu grob ist. Aber die Landhefte werden nunmal von den großen Medien nicht zu unrecht als Organe des Neo-Biedermaier und der Politikferne gescholten.

Und doch lässt sich an ihnen ein implizites Motiv ablesen, das die journalistischen Relevanzprojekte explizit im Banner führen: Zeithoheit. Übergeordnet geht es um die Erkenntnis, dass das gesamtgesellschaftliche wie individuelle Tun mittlerweile in einer Kombination aus Hypereile und Gleichzeitigkeiten geschieht, die niemandem mehr gut tut. Weder der Psyche noch den Artikeln, weder den Unternehmensbilanzen noch dem reflektierten Denken über Ethik und Beruf.

Die journalistischen Reformansätze sind alle Kür gegenüber der eiligen Pflicht, sind Seitenwege, die erschlossen werden wollen und dann Vertiefung brauchen, vor allem für Recherche, aber auch für Kreativität, Teamarbeit, Ausdauer. All dies braucht Zeit als Grundressource und damit einen beruflichen Zeitwohlstand, der viel mehr ist als ein paar eingesparte Minuten im Sinne einer Effizienz. Es geht um eine andere journalistische Zeitkultur, welche die neuen Projekte als Determinante für ihr Gelingen, ja die der Journalismus insgesamt für sein Fortbestehen in Qualität und Unabhängigkeit braucht.

Danach zu suchen könnte eine der vordringlichsten Aufgaben für Medien und Forscher sein. Denn der Zusammenhang von Zeit, Qualität und Kreativität liegt auf der Hand. Ein neuer Nährboden ist nun durch verschiedene Journalismusprojekte entstanden, die Träger einer etwas anders verstandenen Professionalität sein könnten – einer, die Relevanzdenken und Reflexion mit ethischer Haltung und konstruktiv-kritischen Produkten verbindet, die in die Tiefe gehen durch vorhandene Zeit und Freiräume. Diese Professionalität zu entwickeln könnte nicht nur Sinn sondern auch Spaß machen. Zumindest hat man den Eindruck, dass den meisten Aktiven in den Relevanzprojekten ihr Journalismus Freude bereitet, wenn man mit einem von ihnen spricht und davon hört, was die nächsten Pläne sind und wer mit wem etwas bewegen könnte.

 


 

Der Text erscheint im Rahmen des Dossiers „Journalismus – Aufklärung oder Animationsarbeit?“, das in Zusammenarbeit mit der Otto Brenner Stiftung entsteht. Ausgangspunkt ist das dort publizierte Arbeitspapier „Journalist oder Animateur – ein Beruf im Umbruch. Thesen, Analysen und Materialien zur Journalismusdebatte“ von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz. Wir setzen die Debatte in den nächsten Wochen fort.

 


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