Zweiteilung der Wahrnehmung

| 12.07.2016 | 6 Kommentare

Notpopulismus ohne böse Absicht: Die objektiven Wirkungsgrenzen journalistischer Aufklärung kommen in der Analyse des qualitätsjournalistischen modus vivendi oft zu kurz.

Wie kann das sein? Immer öfter ist es diese Frage, die den Subtext zusammenfasst, wenn seriöser Journalismus versucht, die Gegenwart zu erklären. Eine Frage, keine Antwort. Einerseits: Wie kann es sein, dass die politischen Institutionen derart träge und wirkungslos agieren, von UN und EU bis hinunter zu vielen kommunalen Behörden? Andererseits: Wie kann es sein, dass so viele Menschen sich bei Meinungsumfragen oder echten Plebisziten derart auf die Seite der Unvernunft schlagen? Gerade da, wo es soliden, der Aufklärung verpflichteten Journalismus noch gibt, versteht genau solcher Journalismus inzwischen diesen Teil der Welt nicht mehr.

Stell Dir vor, Du willst aufklären, kannst Dir auf den Lauf der Dinge aber selbst keinen rationalen Reim mehr machen: Es ist wahrlich keine schöne Rolle. Nicht selten mündet sie in Selbstmitleid, häufiger aber – das Publikum ist ja am Ende immer der König – in eine Art Notpopulismus ohne böse Absicht. Tenor: Muss man sich über so viel Unvernunft im Volke wundern, wenn die politischen Institutionen derart versagen?

Jedenfalls reicht es in der aktuellen Journalismusdebatte nicht, den allgemeinen Zustand der Profession zu beklagen. Der ist wahrlich teils schauerlich, was sich großteils aber immerhin erklären lässt. Teils medienwirtschaftlich mit dem Wegbrechen gewohnter Publikumsmärkte, teils gesellschaftstheoretisch mit Individualisierung und Digitalisierung. Genauso wichtig ist, das Problem derer zu betrachten, die sich nach wie vor redlich Mühe geben können, Qualitätsjournalismus anzubieten.

Politikbashing zum Kaschieren der eigenen Ratlosigkeit? Es gibt durchaus auch solche Ursachenstränge, wenn man danach fragt, woher das hohe Maß an Unverständnis kommt, das inzwischen auch der seriöse Journalismus aller Art Gremienpolitik entgegenbringt. Verstehen-wollen im Interesse des Erklären-wollens erscheint da mitunter wie eine alte gedankliche Sackgasse, die man hinter sich lassen muss, um das Publikum noch zu erreichen. Wo sollte das Verstehen auch ansetzen? Immer öfter scheint sich das Gefühl durchzusetzen, dass es nichts mehr zu verstehen gibt, wenn doch alles derart schief läuft. Von der nichtvorhandenen Einwanderungspolitik über die großen Bauprojekte bis hin zu banalem Amtsversagen.

Fast täglich – siehe Selbstmordattentäter und generell die Missachtung von Menschenleben, ganz offen sogar durch einen (warum wohl nur?) gewählten Staatspräsidenten wie auf den Philippinen – gibt es weltweit Ereignisse, bei denen jeder Erklärungsversuch sowieso abgehoben und abstrakt bleibt, weil es tieferes Verstehen vor aufklärerischem Hintergrund kaum mehr geben kann. Fast täglich wird inzwischen auch innerhalb demokratischer Gesellschaften deutlich, wie wenig mit moralischen Argumenten, so unbestreitbar sie aufklärerisch auch sind, noch auszurichten ist gegen plumpe Partikularsichten, gegen überwunden geglaubte Vorurteile oder schlicht gegen die offensive Ignoranz der Realität, meist auch noch populistisch-professionell inszeniert.

Als Sumpfblüte siehe die sogenannten Reichsbürger, die der deutschen Demokratie ganz einfach jegliche juristische Legitimität bestreiten, in ihrer Abstrusität ja journalistisch tatsächlich eine Story wert sind, während sie ordnungspolitisch doch eigentlich nur ein Fall für konsequent durchgreifende Behörden wären. Das alles bringt guten Journalismus in entsetzliche Dilemmata, selbst wenn er mit viel Engagement und gutem Willen versucht, sich dem Druck hin zu Animationsarbeit und Entertainment zu entziehen.

 

Nicht erst seit dem Brexit-Referendum wird immer offenkundiger, dass die soziale und lebensräumliche Spaltung moderner Gesellschaften zu einer Wahrnehmungsspaltung führt, die durch einen konsequenten Aufklärungsanspruch nicht mehr so einfach überwindbar ist.

 

Die Populisten aller Art ignorieren, wenn sie doch so viel Resonanz in der Gesellschaft haben? Einfach stur die realen Themen verfolgen statt der inszenierten? Es geht nicht mehr, wenn ständig die Inszenierungen zur Realität werden. Jedenfalls nicht, wenn man den klassischen journalistischen Regeln für Nachrichtenwert und Gesellschaftsbezug folgt, die damit letztlich aber direkt dazu führen, im Strom in die falsche Richtung mitzuschwimmen. Naiverweise, professionellerweise. Siehe Brexit, Trump, Pegida: Lügen dadurch mitzuverbreiten, indem sie als mindestens mögliche Denkweisen für relevant erklärt werden. Weil ein einschlägiger Teil des Publikums für die kritische journalistische Einordnung schlicht nicht mehr erreichbar sein will.

Die objektiven Wirkungsgrenzen des Seriösen kommen in der Analyse des qualitätsjournalistischen modus vivendi oft zu kurz. Zum Beispiel erweist sich die Vorstellung als trügerisch, dass die objektive Universalität der Menschenrechte auch mit einer weltweit einigermaßen rational vergleichbaren Wahrnehmung ihrer praktischen Bedeutung einhergeht. Und nicht erst seit dem Brexit-Referendum wird immer offenkundiger, dass die soziale und lebensräumliche Spaltung moderner Gesellschaften zu einer Wahrnehmungsspaltung führt, die durch einen konsequenten Aufklärungsanspruch nicht mehr so einfach überwindbar ist, wie alle das bislang dachten.

Das ist der inhaltliche Kern der Glaubwürdigkeitsdebatte der vergangenen Monate. Entlang von Gegensatzpaaren wie arm/reich, Stadt/Land und gebildet/bildungsfern lassen sich Milieus identifizieren, die einander nichts mehr zu sagen haben. Guter Journalismus wurzelt aber im gebildeten, urbanen und auch einigermaßen wohlhabenden Umfeld. Seine Sicht auf die Welt hat – und das ist gut so – ein Wertefundament und Werteprioritäten, die aber nicht mehr als universell gelten können und es in Wahrheit auch nie konnten.

Was neu ist: Die digitale Welt führt zu einer Gleichzeitigkeit und Direktheit von Kommunikation, in der das in neuer Weise auffällt und in der obendrein auch noch die asynchrone Mobilisierung von antimodernistischen Klischees vorbei an den ehemaligen Gatekeepern möglich geworden ist. Bis hin zur Popularisierung von antiaufklärerischen Verschwörungstheorien aller Art. Bis hin zur scheinbar antiautoritären „Von-unten-Variante“ autoritärer Politik, wie sie die Populisten mit ihrer Anti-Establishment-Hetze pflegen. Bis hin zur Identifikation von wertegebundenem Qualitätsjournalismus als Feindbild der Antiaufklärer.

Das Gute wollen und als das Böse wahrgenommen werden: So geht es seriösen Medienleuten nun immer wieder, sei es in Pegidaland oder unter Islamisten oder ganz einfach dort, wo autoritär-spießige Traditionsmilieus so ungestört bleiben möchten wie die letzten Ureinwohner auf irgendeiner abgelegenen Insel. Das Vertrackte ist: Dort wird Aufklärerisches nicht als Aufklärung wahrgenommen, sondern als Bedrohung – und zwar als objektive.

Ein alter Journalist, der aus der gewohnten in-sich-ruhenden Gefühlswelt der Aufgeklärten kommt, hat in einem Interview über einen Besuch in der heimatlichen Provinz berichtet, wo ihm die Jugendfreunde seinen “Metropolenblick“ vorgehalten haben. Wie er sagt: gebildete Leute, keine Rechten. Leute aber, die das, was man in den Metropolen für die selbstverständliche Entwicklung hält, inzwischen radikal problematisieren. Zum Beispiel die Zersplitterung der Familien, in denen nach mehreren Generationen Bildungsaufstieg diejenigen, die den Weg über die Hochschulen gingen, über das ganze Land und nicht selten den Kontinent verstreut leben.

 

Von Aufklärung reden heute ja selbst die größten Verschleierer.

 

Das tippt nur an, wie tief die Wahrnehmungsspaltung reicht. Was Fortschritt ist und was Rückschritt, ist strittig geworden. Mit dem Ergebnis jedoch, dass ein und dieselbe Realität aus verschiedenen Perspektiven höchst verschieden aussieht. Und aufklärerischer Journalismus, gerade wenn er (was er stets sollte) seine Blickperspektive offen legt, längst nicht mehr automatisch Integrationsanker ist, sondern in radikaler Weise Partei im großen Wertekonflikt. Zwischen Provinzialität und Internationalität. Zwischen Milieusicherung und Milieuöffnung. Im ständigen Kampf der diametralen Modernitäten.

Vielleicht ist der Heimatbegriff nicht schlecht, dieses Dilemma auf den Punkt zu bringen. An einer ehemals allgemein als links eingeordneten Universität meldeten sich vor einigen Wochen in einer Veranstaltung Studentinnen zu Wort, die beklagten, dass man ihnen in im Hochschulmilieu die Identifikation mit der Heimat austreiben wolle. Angesichts allgemeiner Provinzverachtung, aber auch mangels unbefangenem Deutschland-Bild. Unvorstellbar wäre diese Wortmeldung vor einigen Jahren gewesen. Jetzt fühlen sie sich zu Unrecht (oder doch vielleicht eher zu Recht?) als Rechte wahrgenommen. Durch die Anwälte der Aufklärung.

Heimat zum dran festhalten: Das gibt es grundsätzlich in vielerlei Weise. Es können auch Philosophien oder universelle Werte (geistig-soziale) Heimat hergeben, nicht nur Schützenvereine oder freiwillige Feuerwehr. Schwierig für den Zusammenhalt wird es aber, wenn niemand mehr Wahrnehmungsbrücken zwischen den Heimaten bauen kann, wenn auch die so wichtigen Sozialisationsprozesse im Bildungssystem nicht mehr gesamtgesellschaftlich verankert sind, sondern Exklusion in der Inklusion herstellen.

Bis irgendwann der Geringschätzung der Politik die Verachtung der Medienleute folgt und ihr die Verachtung der Lehrer und Professoren, und die Journalisten auch darüber berichten werden, weil es ja die Realität sein wird. Und sich daran festhalten müssen, dass es ja nicht ihre Aufgabe sei, immer nur zu bewerten. Viele im Journalismus spüren längst, wie schnell man in solchen Verhältnissen anders wahrgenommen wird, als man selbst sich sieht. Es entzieht der Berufsrolle die Basis, wenn Teile der Gesellschaft sich offensiv von der allgemeinen Öffentlichkeit abwenden.

Aufklärung dann mitunter im buchstäblich luftleeren öffentlichen Raum. Doch es führt kein Weg darum herum, die Herausforderung anzunehmen und die Wertedebatte immer neu zu führen, auf ihr zu bestehen statt die Abwanderung in die Dagegenwelten hinzunehmen. Von klaren Standpunkten aus, denn in diesem Kulturkonflikt gibt es kein Danebenstehen. Qualitätsjournalismus als Neutrum: Das war einmal, vielleicht. Und von Aufklärung reden heute ja selbst die größten Verschleierer. So gesehen sollten sich alle, die immer noch ernsthaft aufklären wollen, auch der eigenen Realität bewusster werden – um die Wirklichkeit in der Gesellschaft nicht nur zu erklären, sondern auch zu verstehen.

 

 


Der Text erscheint im Rahmen des Dossiers „Journalismus – Aufklärung oder Animationsarbeit?“, das in Zusammenarbeit mit der Otto Brenner Stiftungentsteht. Ausgangspunkt ist das dort publizierte Arbeitspapier „Journalist oder Animateur – ein Beruf im Umbruch. Thesen, Analysen und Materialien zur Journalismusdebatte“ von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz. Wir setzen die Debatte in den nächsten Wochen fort.

 


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