Die große Macht der „kleinen Leute“

Der Brexit steht beispielhaft für den Aufstand von Abgehängten, die sich mit ihren Ängsten und Vorstellungen im öffentlichen Leben nicht mehr wieder zu finden glauben. Die Jungen zeigen sich schockiert, nachdem sie die Alten über ihre eigene Zukunft entscheiden ließen. Und der politische Betrieb rollt weiter in den vertrauten Ritualen.

Seit dem Brexit ist für jedermann unübersehbar geworden, welche Macht dem weltweiten Aufbegehren der kleinen Leute inne wohnt. Sie haben die europäische Ordnung aus den Angeln gehoben und können Großbritanniens Zerfall bewirken. Ihr Unwillen muss sich dazu nur mit anderen Stimmungen oder Strömungen verbinden oder verbunden werden. Vieles trägt zu diesem restaurativen Aufbruch bei, aber sie sind der Motor darin.

Nach den nationalistischen Bewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts, der kommunistischen Bewegung und den Achtundsechziger-Jugendprotesten wächst nun vorwiegend in den westlichen Staaten eine neue Bewegung derjenigen heran, die sich mit ihren Ängsten, Werten und Vorstellungen im öffentlichen Leben, in Politik und Publizistik nicht mehr wieder zu finden glauben. Alan Posener spricht für Großbritannien treffend „vom Aufstand der Leute, die Thatcher um ihren Stolz brachte. Nach Jahren des Klassenkampfs von oben war das jüngste Votum die Rache der Alten, der Abgehängten, der Verlierer gegen die Jungen, die Smarten, die Gewinner der Globalisierung.

Ihr Aufstieg ereignete sich mit Web-Geschwindigkeit im Windschatten einer satten selbstzufriedenen Öffentlichkeit, die das Schicksal der Abgehängten nur wenig kümmerte, zumindest im eigenen Land. So erschien Trump lange wie der Star einer großen Fernsehserie. Das ist ein umgekehrter „Truman Show“-Effekt: Entsetzt erkennen die Zuschauer, dass Trump kein Film, sondern Wirklichkeit ist. Und das erste Aufkommen von Pegida und AfD wurde gerade in den sozialen Netzwerken mit überheblicher Lässigkeit als „vorübergehend“ herunter gespielt, das sich schnell verlaufe; Aufmerksamkeit würde ihnen nur in die Hände spielen. Bis dann der beliebte Kampf gegen Rechts einsetzte.

Die neue Bewegung läßt sich nicht in die vertraute politischen Farbenlehre von Rechts und Links einordnen. In Griechenland und Spanien klingt ihr Protest eher links, in Frankreich, Großbritannien und Deutschland eindeutig rechts. Mit ihrem anti-institutionellen Gestus ist sie im Zweifel revolutionär. Noch ersetzt die Beschwörung der Nation nicht den Respekt vor der demokratischen Ordnung, aber das kann folgen. In Großbritannien und auch in Frankreich kann sie Mehrheiten finden, weil sie den Groll breiter Bevölkerungskreise gegen die andauernde Herrschaft einer kleinen Elite ausdrückt, die, ob links oder rechts, aus der französischen Kaderschmiede ENA oder aus Eton und Oxford stammen. Auch wenn Deutschland in seinem politischen Führungspersonal gelegentlich ein wenig mehr Elite vertragen könnte, ist es ein Vorteil, dass sich Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier oder selbst Sigmar Gabriel (trotz peinlicher Putzfrau-Dialoge) nicht als Objekte antielitärer Ressentiments eignen. Noch begrenzt das Vertrauen in die Regierenden die Akzeptanz für die AfD.

Es ist die Ironie der Geschichte, dass sich Typen wie Trump und Gauland als Sprecher der kleinen Leute gerieren können und damit Stimmen gewinnen. Brexit-Held Boris Johnson verbindet mit David Cameron, dass sie beide derselben elitären Trinkervereinigung Bullingdon Club entstammen. Aber offensichtlich reicht es ihren Anhängern, dass diese Demagogen ihre Vorstellungen von Heimat, Ordnung und Für-Sich-Sein endlich in eine Öffentlichkeit einbringen, die sich ansonsten – ihrem Empfinden nach – ausführlichst mit der Einführung gendergerechter Toiletten beschäftigt.

Die ersten Reaktionen auf die Brexit-Entscheidungen zeigen, dass der Ruf der kleinen Leute nach mehr politischer Aufmerksamkeit nicht wirklich Ernst genommen wird. Der politische Betrieb rollt weiter in den vertrauten Ritualen. Grünen-Politiker Jürgen Trittin, der schon seit längerem wieder in den Startlöchern scharrt, nutzt den Brexit, um Merkels Austeritätspolitik anzugreifen, Christian Lindners FDP macht dagegen Merkels Flüchtlingspolitik für den Brexit verantwortlich. Ihre eigene Stellungnahme stellt einen Höhepunkt bürgerfremder Hölzernheit dar. Hilflosigkeit allerorten.

Nun klagen jungen Briten über den Brexit. Verständlich, aber zu Unrecht. Denn der Erfolg der neuen Bewegungen war auch deshalb möglich, weil sich die Digital Natives und ein großer Teil der Jungen von der Politik fern hielten. Sie ließen die Alten über ihre eigene Zukunft entscheiden und schauen jetzt verblüfft auf die in der Tat unerfreulichen Folgen. Ibrahim Evsan, glaubwürdiger Propagandist des digitalen Aufbruchs, beklagt auf Facebook: „Nach England wollen nun auch andere Nationen aus der EU raus. Meine Güte. Was für eine seltsame Zeit.“ Das ist gar nicht seltsam, sondern ziemlich normal: Mit der digitalen Revolution hat ein neues Zeitalter begonnen, dass verständlicherweise Ängste bei denen auslöst, die zu Recht fürchten müssen, nicht mehr mit zu kommen. Und da diese Generation dank des Fortschritts älter wird, bestimmt sie die politische und gesellschaftliche Agenda länger als alle anderen zuvor. Bis sich endlich die Nachwachsenden dazu aufraffen, ihre Geschicke und die Zukunft der Gesellschaft in die eigenen Hände zu nehmen. Nur sie können die verlorene Zeit verkürzen, die uns die Exit-Bewegungen kosten werden.

 


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