Will they stay or will they go? Die Brexit-Angst der Unternehmen

In einem Referendum entscheiden die Briten morgen über die EU-Mitgliedschaft. Nina Trentmann über die quälende Ungewissheit von britischen Unternehmen.

Quälende Ungewissheit. Damit lässt sich der Zustand der britischen Wirtschaft jetzt, vor dem Referendum am Donnerstag, am ehesten beschreiben. Die Tatsache, dass die Firmen nicht wissen, ob sie sich bald außerhalb der Europäischen Union wiederfinden werden oder nicht, hat ihre Wirkung gezeigt. In den ersten drei Monaten des Jahres hat die Wirtschaftsleistung des Vereinigten Königreiches nur um 0,4 Prozent zugelegt, deutlich weniger als in den Jahren 2014 und 2015.

Die Zahl der Firmenfusionen und Übernahmen ist ebenfalls zurückgegangen, um ganze 39 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch die ausländischen Direktinvestitionen haben nachgelassen, ebenso die Aktivität auf dem Immobilienmarkt, der noch im Jahr zuvor „red hot“, also ziemlich heiß war. Vor dem EU-Referendum warten viele Hauskäufer lieber ab, gerade Europäer zögern, jetzt noch einen Vertrag abzuschließen für eine Immobilie, die in einem Land steht, in dem die europäische Arbeitnehmerfreizügigkeit schon in Kürze nicht mehr gelten könnte.

Die Börse und das Pfund Sterling leiden ebenfalls unter der Brexit-Angst. Vergangene Woche stürzte der FTSE 100, der führende britische Aktienindex, kräftig ab, mehr als 100 Milliarden Börsenwert wurden innerhalb von vier Tagen vernichtet. Das Pfund Sterling erlebt in diesen Tagen eine Achterbahnfahrt. Je nachdem, wie die Umfragen stehen, gibt es weiter nach oder steigt. Sowohl im Vergleich zum Dollar als auch im Vergleich zum Euro hat das Pfund abgewertet, Experten erwarten, dass der Wertverlust im Falle eines Brexit-Votums weiter voranschreitet.

„Abwarten und Tee trinken“ scheint auch für Arbeitgeber das Motto der Wahl zu sein. Zwar ist die Arbeitslosigkeit derzeit so niedrig wie seit dem Jahr 2005 nicht mehr – sie liegt aktuell bei fünf Prozent – trotzdem hat sich das Tempo bei der Schaffung neuer Stellen verlangsamt. Das zeigt der Morgan McKinley Arbeitsmarkt-Monitor. In der Finanzindustrie gab es im Mai zum Beispiel fünf Prozent weniger verfügbare Stellen als im April, zeigen die Statistiken.

Der Boardroom Bellwether-Survey, eine Umfrage unter britischen Firmenvorständen, kommt ebenfalls zu einem deprimierenden Ergebnis: Nur 12 Prozent der Befragten erwarten in den kommenden 12 Monaten eine wirtschaftliche Erholung. Das ist deutlich weniger als im Dezember, als 40 Prozent eine Besserung erwarteten und als im Juli, als sogar 74 Prozent der Befragten optimistisch waren.

Es bleibt abzuwarten, ob die Firmen wirklich schon am Tag nach dem Referendum von ihrer Unsicherheit erlöst werden. Stimmen die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union, könnte diese Phase noch deutlich länger anhalten, erwartet werden langwierige und schwierige Verhandlungen zwischen Brüssel und London. „Mit einem Votum für den Brexit verlängert sich die Ungewissheit für die Firmen deutlich“, sagte mir John Hammond, Partner bei CMS Hasche Sigle, vor kurzem. „Es wird mehr „wait and see“ geben, die Firmen werden ihre Entscheidungen weiter vertagen.“

Viele Unternehmen sind nicht ausreichend für den Fall eines Brexit vorbereitet, berichtete die FT in der vergangenen Woche. Obwohl die Umfragen derzeit “Leave” mit einem Prozentpunkt vorne sehen (Financial Times Brexit poll tracker. Stand: 21. Juni), scheinen die Geschäftsführer zahlreicher Unternehmen nicht wirklich daran zu glauben, dass der Brexit tatsächlich Realität werden könnte. Das belegt auch eine Studie des Global Counsel, einer Londoner Unternehmensberatung, die FTSE 100-Firmen nach ihren aktuellen Sorgen für ihr Geschäft befragt hat. Nur ein Viertel nannte an dieser Stelle einen möglichen Brexit.

Ähnlich sieht es bei den deutschen Unternehmen aus. John Hammond, der britische Rechtsanwalt, sagte mir vor kurzem, dass seine Kunden erst jetzt, in den letzten Tagen vor der Abstimmung, die Möglichkeit eines Leave-Votums in Betracht ziehen – und dass, obwohl Großbritannien für viele deutsche Firmen ein wichtiger Markt ist. „Ich sage ihnen seit langem, dass ihre Haltung selbstgefällig ist“, sagte er in einem Telefoninterview. „Nur weil der Brexit wirtschaftlichen keinen Sinn macht, heißt es nicht, dass er nicht kommen kann.“ Andere dagegen, so der Anwalt, schlügen ins gegenteilige Extrem: „Ich werde schon gefragt, ob es sinnvoll ist, weiter Verträge nach englischem Recht zu unterschreiben“, sagt er. Seine Profession ist vermutlich eine der wenigen, die von einem Brexit wirtschaftlich profitieren wird, wird der Beratungsbedarf doch groß sein. Unternehmensberater und Steuerexperten bereiten sich ebenfalls schon auf arbeitsame Monate vor.

John Hammond, ein überzeugter Europäer, würde auf dieses Geschäft jedoch gerne verzichten. „Es ist nichts, was ich gerne machen will“, sagt er mit ernster Stimme, „ich würde ungerne von einem Brexit profitieren.“ Leider denken nicht alle so. Führende Leave-Befürworter, unter anderem Londons ehemaliger Bürgermeister Boris Johnson, scheinen genau darauf zu setzen.

 


Nina Trentmann arbeitet als Korrespondentin in London. Bei CARTA beleuchtete sie in den vergangenen Wochen unter der Überschrift „Will they stay or will they go?“ verschiedene Aspekte und Hintergründe zum Brexit:


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