Will they stay or will they go? Brexit und die Medien

In einem Referendum entscheiden die Briten am 23. Juni über die EU-Mitgliedschaft. Nina Trentmann über die Rolle der Medien im Kampf um Argumente für und gegen den Brexit.

Jetzt ist es nur noch eine Woche, bis die Briten darüber entscheiden, ob sie Mitglied der EU bleiben wollen oder nicht. Die Debatte zwischen Brexit-Befürwortern und Gegnern hat dabei merklich an Schärfe und Aggressivität gewonnen. Der Kampf um die besten Argumente findet vor allem in den Medien statt, in TV-Debatten, Artikeln, Tweets, Posts und Anzeigen. Als Korrespondentin verfolge ich einen großen Teil der Medienberichterstattung über das Referendum. Was mich als deutsche Journalistin immer wieder verwundert, ist die klar erkennbare Parteinahme führender britischer Blätter und Sender.

Schon 2015, vor den Unterhauswahlen, wurde mir klar, dass das, was ich immer für den heiligen Gral des Journalismus gehalten hatte – Unabhängigkeit – in Großbritannien eine andere Bedeutung hat als in Deutschland. Wochen vor dem Wahltag begannen die Medien, so genannte „endorsements“ zu veröffentlichen und eine klare Wahlempfehlung abzugeben. Alle großen Namen waren dabei: Der Economist, die Financial Times, der Guardian, der Independent, der Evening Standard sowie der Daily Mirror, die Sun und der Observer. Sie alle rieten ihren Lesern zu einer der beiden Parteien – ein in Deutschland eher unübliche Praxis.

Vor dem Referendum ist eine ähnliche klare Positionierung zu erkennen. Einer Studie des Reuters Institute for the Study of Journalism zufolge herrscht bei den führenden Medien des Landes eine Präferenz für den Brexit. Zu den Befürwortern gehören die Daily Mail (hier war der größte Anteil an Pro-Exit-Artikeln zu finden), der Daily Express, der Daily Star, die Sun und der Daily Telegraph. Unter den Verbleib-Befürwortern sind der Daily Mirror (hier war der größte Anteil an Pro-Verbleib-Artikel zu finden), der Guardian und die Financial Times – ein Eindruck, den ich als regelmäßiger Leser bestätigen kann.

Das ist eine interessante Erkenntnis für mich, habe ich doch während meines Volontariats Zitate gehört wie das von Hanns Joachim Friedrichs, der sagte: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache (…).“ Immer wieder kam in meiner zweijährigen Ausbildung der Hinweis auf die nötige Unabhängigkeit, auf Vorurteilsfreiheit und auf Objektivität. Natürlich weiß ich, dass niemand frei von Vorurteilen ist, dass auch Objektivität mehr ein hehres Ziel ist denn täglich gelebte Realität. Dennoch ist es eine Zielvorstellung, die sich mir tief eingeprägt hat und die meine journalistische Arbeit leitet. Gerade in schwierigen Berichtsländern wie China, wo es leicht ist, nur das zu sehen, was man sehen will, hat mir das sehr geholfen.

Die Reuters-Studie kam zu einer zweiten, ebenfalls interessanten Erkenntnis. Die Analyse von 928 Artikeln zeigte, dass die untersuchten Medien nur selten Texte und Beiträge veröffentlichten, die der eigenen Meinung und Haltung widersprachen. Auch das steht einem der Grundprinzipien meiner journalistischen Ausbildung konträr gegenüber: In Deutschland habe ich gelernt, dass es als Journalistin meine Aufgabe ist, beide Seiten gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen, ohne eine Seite der anderen vorzuziehen.

Für die BBC stellt dies eine besondere Herausforderung dar, operiert der Sender doch nach einem klaren Objektivitätsgrundsatz. Er gerät nun von beiden Seiten unter Feuer, fühlen sich doch sowohl „Exiteers“ als auch „Remainers“ ungerecht behandelt, und dass, obwohl es eine klare Proporzpolitik gibt und für jeden Brexit-Befürworter ein Verbleib-Befürworter zu Wort kommen muss.

Ich nehme an, dass die medialen Auseinandersetzungen vor dem EU-Referendum weiter zunehmen werden. Bereits am Dienstag rief die Sun, die meistverkaufte Zeitung Großbritanniens, ihre Wähler zum Votum für den Brexit auf. Schon jetzt bin ich auf die Titel gespannt, die am 23. Juni veröffentlicht werden. Ob sich die Wähler tatsächlich so sehr beeinflussen lassen? Vermutlich haben die einseitigen Schlagzeilen am ehesten eine Wirkung auf die noch Unentschiedenen.

Alle anderen, schätze ich nach meinem Gespräch mit Andre Spicer von der Cass Business School, haben sich schon entschieden. Ihm zufolge treffen die Leute gerade bei komplexen Fragen wie der über die britische EU-Mitgliedschaft Entscheidungen, die auf ihren bereits existierenden Ansichten beruhen oder aber auf Informationen, die sie ganz zu Anfang ihrer Auseinandersetzung mit einem Thema aufgenommen haben. „Danach suchen wir Menschen nach Informationen, die unsere Entscheidung bestätigen“, sagt der Professor für Organisationsforschung. Alle anderen Informationen, so Spicer, werden ausgeblendet.

Das sollte den britischen Blattmachern, die schon jetzt an ihren Zeilen für den großen Tag feilen, eine Lektion sein. Überzeugen werden sie vermutlich niemanden mehr.

 


Nina Trentmann arbeitet als Korrespondentin in London. Bei CARTA beleuchtet sie in den kommenden Wochen unter der Überschrift „Will they stay or will they go?“ verschiedene Aspekte und Hintergründe zum Brexit:


 

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