Martenstein übernimmt den “Tagesspiegel”

Harald Martenstein wechselt zusehends ins Genre des politischen Leitartikels und gibt dem "Tagesspiegel" eine neue Farbe, mit der er den Zuspruch einer wachsenden Zahl von AFD Anhängern finden wird.

Der “Tagesspiegel” verfügt mit Giovanni di Lorenzo und Sebastian Turner über renommierte Herausgeber, mit Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt über engagierte Chefredakteure. Im Blatt erscheinen immer wieder interessante und tiefgründige Analysen und Leitartikel. Sie folgen, vielleicht ein wenig allgemein formuliert, den Werten der Aufklärung und Humanität.

Doch schon seit längerem setzt sich am Sonntag auf der Seite eins ein neuer alternativer Ton durch. Harald Martenstein, der in seiner sonntäglichen Kolumne über viele Jahre die Veränderungen in der Gesellschaft und den Alltag der Bürger beobachtete und mehr oder weniger gekonnt glossierte, wechselt zusehends ins Genre des politischen Leitartikels und gibt dem “Tagesspiegel” eine neue politische Farbe, mit der er den Zuspruch einer wachsenden Zahl von AFD Anhängern finden wird. En passant watscht er Interviewpartner der Zeitung ab, deren Meinung ihm nicht passt.

Martensteins Leitartikel in der jüngsten Ausgabe ist ein gutes Beispiel für seine schlichte Methode: Er vereinfacht. In seinem Leitartikel über die Flüchtlingsbewegung finden Krieg und Bombardements als Fluchtursache kaum noch statt, sondern die Fluchtursachen reduzieren sich auf die Sehnsucht, in unserem Wohlstand leben zu dürfen und uns damit, so Martenstein, “Armut und Bürgerkrieg” zu bescheren.

Darauf, behauptet er, laufe die Forderung der Migrationsforscherin Heidrun Friese im Interview des Tagesspiegel hinaus. Tatsächlich fordert Friese im Interview mit Christiane Peitz und Caroline Fetcher ein Recht auf Mobilität und Freizügigkeit nicht nur für Europäer. Im Mittelpunkt des interessanten Gesprächs steht aber die über die Zeiten gewachsene kulturelle, politische und wirtschaftliche Verflechtung des Mittelmeerraumes, dem sich in Marseille, wenn nicht gerade Fussball gespielt wird, ein ganzes Museum, das MuCEM, widmet. Sich auf diese Tradition eines Mittelmeerraumes zu besinnen, ist eine Voraussetzung, um auf Dauer politische Lösungen für die Flüchtlingskrise zu finden.

Aber das ist der alte Tagesspiegel und eignet sich kaum für den neuen Martensteinschen Tagesspiegel-Kurs der geschichtslosen Vereinfachung. Für ihn reduziert sich die europäische Verantwortung für die Flüchtlingsbewegung darauf, dass es den Europäern gut gehe und sie die Seenotrettung verbessern könnten. Ansonsten seien die Schwarzen an ihrem Unglück selbst Schuld, weil sie ihre eigenen Diktatoren nicht stürzen würden. In der Reduzierung liegt seine Demagogie.

Angela Köckritz und Gero von Randow analysieren diese populistische Methode in einem klugen Text der neuen “Zeit”: “Der heutige Populismus weist noch ein weiteres Merkmal auf: die schillernde Brutalisierung der öffentlichen Debatte…Perfektioniere das flirrende Spiel gegensätzlicher Aussagen. Bediene damit deine Fans vom rechten Rand. Und erweitere allmählich die Grenzen dessen, was ‘doch endlich mal gesagt werden muss!’.”

Der “Zeit”-Artikel kritisiert das, der “Tagesspiegel” praktiziert es. Der Mitherausgeber des Tagesspiegels ist Chefredakteur der “Zeit”.

 


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