Beschädigungen – Spurensuche in Bad Godesberg

| 14.06.2016 | 7 Kommentare

Bonn boomt. Das ehemalige Diplomatenviertel Bad Godesberg hat die Bundesstadt bei Seite gelegt wie ein Aktenstück auf Wiedervorlage. Heute gehört Gewalt dort zum Alltag. Was lief, was läuft hier falsch? Eine Spurensuche aus Anlass des Todes von Niklas P.

Der frühere ARD-Reporter beim Karlsruher Bundesverfassungsgericht, Karl-Dieter Möller, ging 2010 in Rente. Im Interview mit der TAZ blickte er zurück, erzählte, dass er 1979 vor seiner Zeit beim BVG mit einem Mordbericht aus Rheinland-Pfalz beim Fernsehen eingestiegen sei. Damals hatten zwei Jugendliche in einer Jagdhütte einen Vater und seinen Sohn erschossen. Kaltblütig. Es war einer der ersten Fälle von unbegreiflicher Gewalt mit Todesfolge durch Jugendliche. Früher hatten Ermittler in solchen Fällen verhältnismäßig schnell Motive wie Habgier, Heimtücke, Verdecken einer Straftat, Befriedigung des Geschlechtstriebs gefunden. In anderen, neuen Fällen wurde gerätselt. Möller in der TAZ: „Jedes Mal, wenn ich die Autobahn bei Rheinböllen entlangfahre, muss ich daran denken. Die beiden sind übrigens längst wieder auf freiem Fuß.“

Jugendliche bis 21 Jahre sind überdurchschnittlich oft unter Tatverdächtigen zu finden. Was sich in manchen Köpfen der jungen Männer abspielt, bevor sie einen anderen Menschen erschießen, erschlagen oder tottreten, ist rätselhaft. Es ist wie jedes Tötungsdelikt ein Bruch mit unseren Zivilisationsstandards. Vor zehn Jahren haben Kirstin Heisig und Günter Räcke im Berliner Tagesspiegel über Jugendgewalt berichtet, die ihnen, der Jugendrichterin und dem Jugendrichter, tagtäglich in der Gestalt der Opfer wie der Täter begegnete. Die Aussagen der beiden wurden als Provokationen empfunden: Weil sie auf Täter hinwiesen, die vorwiegend aus dem arabischen oder türkischen Sprachraum stammten, weil diese ihre neue Heimat abgrundtief zu verachten schienen und zeitweilig Schreckensregime an Schulen errichteten. Beifall klatschte die rechte Szene mit ihren einschlägigen Medien; andere wirkten eher gequält, wenn sie auf Räcke und die mittlerweile verstorbene Heisig angesprochen wurden. Räcke sagte damals, „die Taten werden immer schwerwiegender und die Täter immer jünger. Man merkt, dass gewisse zivilisatorische Standards nicht mehr existieren oder nicht mehr gelten.“

Das Wort „Zivilisationsbruch“ reservieren wir in unserem Umgangsdenken für entsetzliche Kollektivverbrechen: Angriffskrieg, Völkermord. Offenbar gibt es aber darunter Ebenen, auf die das Wort ebenfalls Anwendung findet; als Beschädigung des komplexen Regelwerks, das wir für notwendig erachten, damit wir Einzelne uns untereinander verständigen können, uns gegenseitig verstehen und gemeinsam etwas tun können. Haben wir einen genügend scharfen Blick für solche Beschädigungen? Sie sind wie fortwährende, kaum wahrnehmbare Erschütterungen; wie andauernde Beben der Erde. Ich will, veranlasst durch aktuelle Fälle von Jugendgewalt, auf Spurensuche gehen. Vorwiegend im Bonner Stadtteil Bad Godesberg. Über diesen Stadtteil des Geburtsortes Beethovens schrieb die FAS dieser Tage: „Gewalt liegt in der Luft.

 

Bonn (Foto: Pixabay)

Bonn (Foto: Pixabay)

 

Eine erklärende persönliche Bemerkung schicke ich voraus: Eltern sollten ihre Kinder nicht begraben müssen. Der Tod eines Kindes ist für Eltern ein entsetzliches, nicht in Worte zu fassendes Ereignis. Den Verlustschmerz können wir nicht angemessen beschreiben. Während meiner Kindheit wurde in der Nachbarschaft ein Junge durch einen Unfall getötet. Es war damals so, als lege sich Schweigen über einen Teil meiner Straße, in welcher zumeist Bergarbeiterfamilien wohnten. Die Frauen setzten sich zusammen, während die Männer auf der Arbeit waren. Die Eltern des toten Kindes wussten, dass die Nachbarschaft trauerte, dass sie aber da war, wenn man sie brauchen würde. Es gab gleichzeitig Distanz zu den Eltern des toten Jungen, als ob die von etwas Unbeschreiblichem berührt worden seien, von etwas dem man besser nicht begegnete. So habe ich das empfunden. Tod ist eben ein privates Ereignis. In einigen Fällen wird aus Privatem ein öffentliches Ereignis. Tod und Umstände des Todes werden dann Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit und Interesses. Der Tod wird öffentlich erläutert, kommentiert durch Worte, Handlungen, Gesten, Bilder. Dafür kann es sogar gute Gründe geben. Das ist und bleibt aber stets eine Gratwanderung. Sicheren Halt gibt es dabei nicht. Wer Kinder hat, weiß das.

Der Reihenfolge nach: In der Nacht zum 14. Oktober 2012 wurde der 19-jährige Jonny K. am Rande des Berliner Alexanderplatzes zu Tode geschlagen und getreten. Er starb kurze Zeit später. Über den Tod dieses jungen Mannes wurde bundesweit berichtet, seine Umstände riefen Bestürzung und Zorn hervor. Streit zwischen den politischen Parteien der Stadt gab es in der Folge aber nicht, sieht man von rassistischer Propaganda Rechtsradikaler ab. Regierender Bürgermeister und Innensenator Berlins drängten sich nicht in die erste Reihe der Trauergäste. Wenn sie auftraten, dann zusammen und ohne Streit miteinander. Verbände und Kirchen blieben in der Trauer wie unter einem Schirm. Im Fall Jonny K.s wurden die Täter verhältnismäßig rasch erkannt. Es wurden aber lange, immer wieder stockende, auch durch Pöbeleien schmerzliche Verfahren. Der Hauptangeklagte hatte sich zwischenzeitlich in ein anderes Land abgesetzt, war aber nach Berlin zurückgereist, weil ihm dort eine härtere Strafe als in Deutschland drohte. Onur U. musste schließlich für viereinhalb Jahre ins Gefängnis. Das Wort Sühne lässt sich in diesem Fall nicht verwenden. Jonny K.s Schwester setzt sich seit jener Zeit für Gewaltprävention und für mehr Aufmerksamkeit gegenüber Jugendgewalt ein.

Die ZEIT schrieb im Dezember 2015 über einen Fall aus Bonn: „Ein Kriminalfall, den keiner sehen will.“ Damit erinnerte sie an den Fall des 19-jährigen Jens Bleck aus Godesberg, der nach dem 8. November 2013 zu Tode gekommen, wahrscheinlich ermordet und erst am 24. November tot aus dem Rhein geborgen worden war. Ermittlungen wurden begonnen, dann eingestellt, wieder eröffnet, anschließend endgültig eingestellt. Sein Tod bleibt ungesühnt. Es war kein Ruhmesblatt für die Bonner Polizeibehörde, was sich da abgespielt hat. Gewiss nicht. Aber einen öffentlichen beziehungsweise medialen Aufschrei hat es nicht gegeben. Lediglich den Eltern, einigen Freunden und dem Chefreporter des Bonner General-Anzeiger, Wolfgang Kaes, ist zu verdanken, dass das Schicksal dieses jungen Mannes zwischenzeitlich nicht in Vergessenheit geriet. Aber berührt und aufgewühlt hat dieser Fall die Stadt nicht.

Der Tod von Niklas P. in Bad Godesberg vor wenigen Wochen hat im Vergleich dazu ein bundesweites Medienecho ausgelöst. Vergleichbar dem des Jonny K. Er war mitten in Godesberg so geschlagen und getreten worden, dass er Tage später an den Folgen der Misshandlungen starb. Die Bonner Polizeibehörde hat im Fall des 17-Jährigen einen Verdächtigen gefasst, der Untersuchungsrichter hat Haftbefehl erlassen. Nach weiteren Verdächtigen wird bis heute gefahndet. Der General-Anzeiger schrieb am 31. Mai in diesem Zusammenhang über den Verdächtigen: „Auffällig sei der Italiener mit marokkanischen Wurzeln, …zum ersten Mal Ende Mai 2015 geworden, heißt es. Der junge Mann gelte nicht als hochkriminell, aber als jemand der ‚leicht ausrastet’.“ Die Zeitung stützt sich dabei auf sogenannte Ermittlerkreise. Offenbar kommen Ermittlungen nicht so recht voran, denn einige Zeilen weiter ist in der Zeitung zu lesen: „Aus Kreisen der Ermittler ist zu hören, dass der 20-Jährige im Fall Niklas P. noch längst nicht überführt sei: ‚Für einen Richter sind Beweise wie DNA-Spuren das A und O in einem solchen Fall. Und die gibt es hier nicht’. Auch werde es mit jedem Tag schwerer, einen Tatnachweis zu führen.“ Zwischen dem 1. Juni und dem heutigen 10. Juni herrschte Schweigen, nachdem zuvor täglich über den Fall berichtet worden war.

Der Stadtteil, in welchem Niklas P. getötet worden war, trauerte. Der junge Mann war an einer Stelle attackiert worden, an der sich jeden Tag die Wege Tausender kreuzen, weil dort die Haltestellen von Bahn AG, Stadtbahn und die verschiedener Buslinien nahe beieinander liegen. Jeder kennt die Stelle der Misshandlung. Sofort bildete sich dort eine Stelle des Gedenkens. Blumen, Bilder, ein Kreuz, Kondolenzschreiben. Es war, als ob sich Hunderte Unbeteiligte instinktiv gegen Vergessen wehren wollten. Als lokale Rechtsextremisten versuchten, sich einzumischen und den Fall für die eigenen Zwecke zu nutzen, wurden sie isoliert und abgewehrt. Gewerkschaften, lokale Initiativen wie „Go Respekt – Godesberg gegen Gewalt“, Parteien und Fraktionen demonstrierten zusammen mit anderen gegen die Rechtsradikalen. Danach und bis zur Beerdigung des jungen Mannes bestimmte die Godesberger katholische Amtskirche Geschehen und die Tonlage. Der NRW- Landesregierung wurde eine Mitverantwortung am Tod gegeben, der rheinland-pfälzischen sowie der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin wurde vorgeworfen, de facto ohne Empathie dieses schreckliche Ereignis missachtet zu haben. Ein Hinweis, dass die NRW-Ministerpräsidentin Kraft der Familie des Opfers ein Kondolenzschreiben gesandt habe, wurde von einem Dechant Wolfgang Picken mit der Behauptung beantwortet, es sei nichts angekommen. Kritik an SPD, Lob für die CDU. Bisher hatte sich niemand angestrengt, Früchte vom Zankapfelbaum zu pflücken, während ein Stadtteil trauert.

 

Das Wort „Zivilisationsbruch“ reservieren wir in unserem Umgangsdenken für entsetzliche Kollektivverbrechen: Angriffskrieg, Völkermord. Offenbar gibt es aber darunter Ebenen, auf die das Wort ebenfalls Anwendung findet; als Beschädigung des komplexen Regelwerks, das wir für notwendig erachten, damit wir Einzelne uns untereinander verständigen können, uns gegenseitig verstehen und gemeinsam etwas tun können. Haben wir einen genügend scharfen Blick für solche Beschädigungen?

 

Das ist Bruch zivilisatorischer Gewohnheit. Nichts Dramatisches. Aber erkennbar wollte eine Amtskirche der Landesregierung in Düsseldorf eine Teil-Verantwortung für die Verhältnisse in Bad Godesberg zuschieben, ihr gar die Bereitschaft abzusprechen, um einen getöteten 17-Jährigen zu trauern. Jedenfalls war es bis jetzt Comment, aus Trauer und Entsetzen keine partei-politischen Funken zu schlagen. Spiritus Rector dieses Unterfangens ist der erwähnte Dechant Picken. Er ist ein in kirchlicher PR versierter Repräsentant des Gehorsamkeits-Katholizismus. Er wusste also, was er tat. BILD zitierte Picken mit den auf den NRW-Innenminister gemünzten Sätzen: „Herr Jäger, hier brennt der Busch, aber Sie sehen keine Notwendigkeit, sich zu äußern! Da trauert ein ganzer Stadtteil, aber Sie teilen diese Trauer nicht!“ Es war ein Rückfall in die fünfziger Jahre, also in jene Jahre, während derer die Linke in Deutschland auf den größten Teil der Amtskirche wie eine rote Muleta auf den Stier wirkte. Prompt fand der Mann Nachfolge, Jünger. Der CDU- Landtagsabgeordnete Gregor Golland nannte einen Kondolenzbrief der NRW-Ministerpräsidentin Kraft an die Familie des 17Jährigen „empathielos“ und eine „Pflichtübung“, berichtete der General-Anzeiger.

Zum Glück gibt es auch andere Stimmen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm, antwortete der auf die Frage der Zeitung, wer den „schwarzen Peter“ in dieser Angelegenheit habe: „In der Sorge um ein gewaltfreies Miteinander stehen wir als Gesellschaft alle gemeinsam in der Verantwortung. Das bezieht natürlich auch die Kirchen ein.“ Der Bonner Oberbürgermeister Ashok-Alexander Sridharan schwieg dazu. Auch der stellvertretende CDU-Vorsitzende Laschet, der herbei geeilt war, sparte sich jede Kritik vom sonst so beredten Mund ab. Es ist eben eine Gratwanderung. Das Schweigen der beiden war nicht verständnisvoll; aber Kritik an den Worten des Geistlichen zu üben, das wollten sie denn doch nicht. Ein Schuft, der sich dabei Schlechtes denkt.

Wie sollte ich mit solchen Ereignissen umgehen? Jedenfalls keine Polarisierung betreiben. Wir müssen eben sehr aufpassen, dass uns nicht passiert, was der frühere Bundespräsident Gustav W. Heinemann auf seine unnachahmlich trockene Art aufgespießt hat: „Wer auf andere mit dem ausgestreckten Zeigefinger zeigt, der deutet mit drei Fingern seiner Hand auf sich selbst.“ Sind Gewaltakte zu „Kollateralschäden“ geworden, irgendwie vergleichbar Zerstörungen in einem Krieg? Welchen Sinn ergibt ein Medien-Hype in diesem Zusammenhang? In dem einen Fall baut sich bundesweite Öffentlichkeit auf, in einem anderen Fall herrscht Schweigen, ein dritter Fall wird nach nur kurzer Beachtung vergessen. Gibt es ein zufälliges Zusammentreffen günstiger Bedingungen für ein wahrnehmbares Medienecho? Spielt die soziale Herkunft des Opfers eine Rolle? Und ab wann gibt es so etwas wie ein kollektives Urteil: So kann es nicht weitergehen, die Gewalt muss jetzt gestoppt werden?

Die Obdachlosenzeitung motz berichtete, dass in elf Jahren (zwischen 1989 und 2000) 107 obdachlose Menschen getötet worden seien – von anderen, die nicht zu den Obdachlosen gehörten. Einer dieser Fälle ereignete sich 1992 in Bad Breisig, nicht weit von Bad Godesberg entfernt liegend. Der 49jährige Klaus Dieter Klein hatte sich über „Sieg Heil“-Geschrei beschwert, er wurde zusammengeschlagen und erstochen, von zwei rechtsradikalen Skinheads. Beide wanderten für Jahre ins Gefängnis. Der Hauptangeklagte Patrick B. war zum Zeitpunkt seiner Tat 17 Jahre alt. Von den Vereinigungen der Opfer rechtsradikaler Gewalt wurde Klein nicht vergessen. Aber sonst?

Welche Hinweise finde ich in Godesberg, wenn ich auf Spurensuche gehe? Godesberg war in der Vergangenheit stets mehr als eine Ansammlung von Botschaften und Konsulaten. Es war immer auch Arbeiterstadt mit Eisenverarbeitung und Zulieferindustrie, mit öffentlichem Dienst und Pensionären in aus dem Boden gestampften Wohnquartieren, manchmal etwas abschätzig „Margarinesiedlung“ genannt. Eine früher eigenständige Stadt mit vielen Schulen, städtischen und halbprivaten fürs etablierte Bürgertum und vielen sogenannten „kleinen Leuten“. Wenn der Nord-West durchs Rheintal blies, hing darin bis Godesberg eine Fahne süßlichen Lakritz-Geruch aus einem Unternehmen, mit dessen Werbegags sich ein prominenter Moderator mindestens eine goldene Nase verdient hat. Das Unternehmen ist weg. Die Arbeitsplätze fehlen. Nicht alle scheinen es früher mit Godesberg gut gemeint zu haben. Die Süddeutsche Zeitung schrieb über den Städtebau im Stadtviertel: „Wer heute durch die City wandert, gewinnt den Eindruck, diese sei eine Art Strafkolonie für die unbegabtesten Architekten der Nachkriegszeit gewesen.“

Heute ist Bonn mit seinen vier Stadtvierteln ein florierendes Dienstleistungszentrum, und allem Anschein nach sind maßgebliche Leute der Stadt-Regierung in ihrer Wahrnehmung so gehandikapt wie der Komponist des „Götterfunkens“ im Alter durch Schwerhörigkeit. Der damalige Kandidat der SPD für die OB-Wahl 2015, Peter Ruhenstroth-Bauer, charakterisierte die Verhältnisse in der Stadt so: „…Was ich die ‚Bonner Krankheit’ nenne: Keine Entscheidungen, keine Perspektive, keine Projekte, die wirklich wichtig sind für die Zukunft dieser Stadt. Wir müssen die Stadtgesellschaft …mobilisieren!

Die lokale Kommunikation wird vom General-Anzeiger angeführt, der in strittigen Fragen statt Leuchtturm zu sein eher Nebelbank spielt. An der Spitze der Godesberger Bezirksvertretung steht die CDU-Vertreterin Simone Stein-Lücke, die schon mal vorschlägt, dass Frauen nachts Parks meiden sollten. Wie bei jedem Zentrum dieser Art hat sich ein Kranz von Dienstleistern etabliert, kleinen oder großen, die den Dreck wegräumen, putzen, reinigen, Waren anliefern, die Espressomaschinen bedienen und die die Hamburger braten oder die Döner füllen. Oft schlecht bezahlte Tätigkeiten für die vielen, die beruflich geringe Qualifikationen aufweisen. Oft Menschen, die aus anderen Ländern zugewandert sind. Godesberg ist Medizinstädtchen geworden, für viele Kranke aus Ländern, in denen arabisch gesprochen wird. Es haben sich rege muslimische Gemeinden entwickelt, auch Gemeinschaften salafistischer Prägung. Bonn wächst wie toll. Die Bundesstadt hat freilich Godesberg abgehängt, gefühlt bei Seite gelegt wie ein Aktenstück auf Wiedervorlage.

Strukturen und Verhältnisse wie in Bad Godesberg gibt es in manchen deutschen Städten. Da mag es im Vergleich zu Godesberg die eine oder andere Variation geben, grundlegende Unterschiede lassen sich nicht feststellen. Aber offenkundig gehört Gewalt im Stadtbezirk Godesberg zum Alltag. In den WDR-Nachrichten aus der Region war dieser Tage der Leiter des Godesberger Aloisiuskollegs, eines katholischen Gymnasiums, Johannes Siebner zu vernehmen: „Die Kinder sollen nur gemeinsam, am besten in Gruppen durch Parks gehen. Und die Internatsbewohner werden abends von Erwachsenen durch die Stadt begleitet.“ Damit die Schüler den Umgang mit brenzligen Situationen lernten, fänden in den Klassen Anti-Eskalations-Trainings statt. Besonders geschockt ist Pater Siebner von der Brutalität, mit der die Täter inzwischen zuschlagen: „Die Gewalt hat keine Grenzen mehr, die Angriffe gehen auf den Kopf und ins Gesicht.“ Er empfinde die Bedrohung als stets präsent.

Über wie viele Gewaltakte und über welche Zeitspannen verteilt, redete dieser Mensch? Wurde sein Wissen in Abständen von der Polizei „abgeschöpft“? Wie haben Eltern reagiert? Wurden Täter identifiziert, deutschstämmige oder welche aus Zuwandererfamilien? In welchem Alter waren die? Wie sahen deren schulische Karrieren aus, ihre familiären Verhältnisse? Gewalt solcher Größenordnung hat eine Geschichte. Aus dem Nichts entsteht sie nicht. Die Statistik wird bemüht. Zahlen mit vier Ziffern verringern sich um Zahlen mit zwei Ziffern. Die Polizeibehörde versucht, auf diese Weise zu beruhigen. Jugendkriminalität und Gewaltbereitschaft seien insgesamt rückläufig. Man machte auf den Unterschied zwischen erlebter und befürchteter Gewalt aufmerksam. Damit kann ich – ein alter Mensch – noch weniger anfangen. Furcht ist nichts Spinnertes. Furcht ist real. Der Satz: Die Alten bilden sich das ja nur ein, diskriminiert.

Im bereits erwähnten Bericht blickt der General-Anzeiger zurück: „In einem Interview, das der General-Anzeiger 1990 mit dem damaligen Vorsitzenden der Bonner Gewerkschaft der Polizei führte, war zu lesen, dass ‚Bürger zunehmend über Kriminalität eingewanderter Volksgruppen’ klagen. 1997 gab es Überschriften wie ‚Jugendkriminalität auf dem Vormarsch’ und ‚Zunahme von Gewalt von Kindern’“.

Was hat die Polizeibehörde damals, vor 26 Jahren unternommen? Was hat die Stadt 1997 – vor 19 Jahren – unternommen? Damals wie heute werden Behördenleiter, Direktoren, Pastöre und Geschäftsleute die Zeitung gelesen haben. Was ist geschehen? Hat man sich gedacht, „et es noch emmer jot jejange?“ Was wurde vor sieben Jahren unternommen, als die Frankfurter Rundschau über das „Godesberg-Phänomen“ berichtete, das Abziehen und Verprügeln von jungen Leuten: „Dann kamen immer mehr, waren aggressiv, es waren 30 bis 40 von denen. Bewaffnet auch, jetzt nicht mit Schusswaffen. Aber mit Messern, Baseballschlägern, Eisenstangen. Mit Bussen kamen die, so VW-Sprinter, diese Familiendinger, aus denen kamen die rausgesprungen. Haben zwei Minuten lang die ganzen Leute zusammengeschlagen. Dann sind sie wieder von dannen gezogen.“

Damals, 1990, war Bonn noch Hauptstadt mit spitzenmäßigem Polizeibesatz, der heute fehlt. Hätte damals die Alltags- Gewalt gestoppt werden können? Die TAZ hatte 2011 die Nase in Godesberger Verhältnisse gesteckt und eine triste Welt ausgemacht: „46 Prozent der Einwohner hier sind nichtdeutscher Herkunft, 6 Prozent der Einwohner Bad Godesbergs haben keinen Job – der Durchschnitt in ganz Bonn liegt bei 7 Prozent. Was Bad Godesberg von anderen sozialen Brennpunkten unterscheidet, ist die Vorgeschichte des Bezirks. Bis zum Umzug von Parlament und Regierung galt dieser als internationaler ‚Diplomaten-Stadtteil’ mit Villen und viel Grün. International ist der Stadtteil immer noch, aber heruntergekommener als einst. Mülltüten hängen in den Bäumen, Parabolantennen zieren Balkone, zerbrochene Flaschen liegen auf den Wegen. Heute stehen hier Dönerbuden neben Internetcafés und 1-Euro-Shops und der König-Fahd-Akademie. Die Islam-Schule wird von Saudi-Arabien finanziert und sollte 2003 fast geschlossen worden. Lehrer standen im Verdacht, Verbindungen zu Extremisten zu haben. Es gibt sieben Spielotheken, aber kein Jugendzentrum. Seit einem Jahr patrouillieren jede Nacht Sicherheitsleute durch die Straßen des ehemaligen Bonner Regierungsviertels. Der Begriff vom ‚Gazastreifen’ macht schon die Runde. Das einstige Vorzeigeviertel ist heute ein Vorzeigeghetto. Und ein Albtraum für Multikulturalisten.“

Na ja. Für „Bronx-Feeling“ gibt’s in dem Stadtviertel keinen Anlass. Die flotte Reporterin hat in ihrem Text freilich einen „Kronzeugen“ aufgeboten, dem ich per TAZ mit Interesse zugehört habe: „Samir flog wegen zu vieler Fehlzeiten von der Realschule. Der damals 15-Jährige ‚baute viel Mist’, wie er sagt. ‚Opfer sein ist das Schlimmste, was passieren kann’, sagt er. ‚Da bin ich lieber Täter’. Deswegen habe er auf dem Schulhof öfter zugeschlagen, wenn ihn jemand von der Seite anmachte. Er lebt bei seinen Eltern, hat ein kleines Zimmer mit einer Matratze auf dem Boden und einer Flatscreen, er bekommt Hartz IV. … An der Wand hängt eine kurdische Flagge, daneben ein Poster von seinem Vorbild, dem kurdisch stämmigen Xatar. Der Bonner Rapper soll einen Goldtransporter überfallen haben und steht deswegen momentan vor Gericht. ‚Ist natürlich krass, aber er wird seine Gründe dafür gehabt haben’, glaubt Samir. ‚Er glaubt wenigstens an uns.’ Toleranz und Integration sind Samir egal. Dahinter steht auch der Irrglaube, die Verweigerung sei eine heroische Art der Rebellion. Je älter er wird, desto stärker schottet er sich ab. Als Kind seien ihm Glauben und Nationalität egal gewesen. Jetzt faste er zu Ramadan und bete zu Allah. Wie sein Glauben mit seiner kleinkriminellen Karriere zusammenpasse? Das dürfe man nicht vermischen, antwortet er und pustet einem wieder Rauch ins Gesicht.“

Die eine Seite: Bedrohte und geschlagene Jugendliche erfahren Gewalt als schwere Demütigung und Kränkung. Manchmal schweigen sie. Manche wenden sich an ihre Eltern. Erschrocken gehen die zur Polizei. Meldung, eventuell Anzeige. Später erhalten sie die Nachricht: Verfahren eingestellt, Täter waren nicht zu ermitteln. Andere wenden sich an die Schule. Vielleicht sagt man ihnen: Problem bekannt. Aber was sollen wir tun? Sollen die Lehrerinnen und Lehrer sich auf die Straße stellen und Polizei spielen? In einigen Fällen wird das Gericht erreicht. Betroffene erleben, dass jugendliche Täter vor Gericht von ihrem Anwalt aufgefordert werden, sich zu entschuldigen. Eine gewiss unbehagliche Situation für Angeklagte. Eine herausgedruckste Entschuldigung. Später sehen Betroffene die Täter feixend das Gerichtsgebäude verlassen, mit einigen Sozialstunden als Beschwernis im Gepäck. So setzt sich eine Kränkung auf die andere. Sind das ebenfalls „Kollateralschäden“? Wie entwickeln sich unter diesen Umständen Rechtsbewusstsein, Vertrauen in Rechtsprechung und Polizei, Vertrauen zu den Eltern, in die Schule? Ich kann verstehen, dass Jugendliche all das als Heuchelei erleben und begreifen.

Und die andere Seite? Die TAZ hat ihren Kronzeugen Samir gefragt, was ihn so wütend mache, Antwort: „Sein Vater zum Beispiel, der nur in der Teestube rumhängt. Seine Mutter, die nach 25 Jahren in Deutschland immer noch kaum Deutsch spricht. Seine 13-jährige Schwester, die frech wird. Und wütend macht Samir das System, in dem er lebt: ‚Sind doch alles Pisser hier’, sagt er.“ Ist jener Samir, über den ich nicht mehr weiß als das, was die Zeitung berichtete, der Typ des Ausrasters? Wie der im Fall Niklas P., den der Untersuchungsrichter im Knast festhält und der sagt, er sei es nicht gewesen?

Die Spurensuche führt summa summarum zu einem traurigen Ergebnis, hinein in ein Lehrstück in fünf Teilen. Teil I: Ein junger Mann wurde totgetreten. Er wird fehlen, er reißt eine schreckliche Lücke. Am Abend des 9. Juni haben hunderte Menschen seiner mit Lichtern in den Händen gedacht. Still und in sich gekehrt. Ohne BILD, Stern TV, Weihrauch und ausgestreckten Zeigefinger. Teil II: Eine eigentlich armselige Existenz fühlt sich durch irgendeine Kleinigkeit herausgefordert, hat sich nicht in der Gewalt und unter Kontrolle, tritt gegen einen Kopf wie gegen einen Fußball, rennt weg. Geht chillen. Lässt einen anderen sterben. Teil III: Ein Kirchenvertreter heizt leider ein – „hier brennt er Busch“. Teil IV: Wer in Deutschland leben will, muss sich die Werte der Verfassung aneignen. Aneignen meint aneignen. Ohne Wenn und Aber. Da gibt es keinen Rabatt. Und wer das nicht tut, muss dafür büßen. Die eingangs erwähnten Heisig und Räcke pochten darauf, dass Eltern und Familie, Schule, Jugendamt und gegebenenfalls die Religionsgemeinschaft sowie Justiz und Rechtsprechung gemeinsam gegen gewalttätige Jugendliche aufgeboten werden sollten, also der Privatbereich, staatliche Prävention, staatliche Aufsicht, schließlich eine schnelle Strafe, wenn es anders nicht mehr geht. Teil V: Erfreulich ist, dass die Godesberger den Rechtsradikalen, die sich rührten und weiterhin Feuerchen anzünden möchten, so deutlich die kalte Schulter zeigten. Die haben trotz der Alltagsgewalt dort nichts zu gewinnen.

Bleibt zum Schluss die Frage, welch „brennender Busch“ das sein soll, der in BILD erwähnt wurde. Der brennende Dornbusch aus der Bibel, das Feuer, das dem Mose Erkenntnis und die Aufgabe lieferte, kann es nicht gewesen sein.

 

Als Replik auf diesen Text erschien am 15.6.2016 der Beitrag „Integrationsfähigkeit Mangelware“ von Hermann Rotermund. (red) 

 


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