Vollzeitmütter. Reden wir vom Geld

| 01.06.2016 | 3 Kommentare

Immer wieder tauchen sie in der Timeline auf: Die Links auf Artikel mit Titeln wie „Vollzeitmutter und stolz drauf!“ oder „Ich will mich nicht entschuldigen! Eine Vollzeitmutter packt aus“. Wahlweise prangern sie andere Familienmodelle auch einfach nur an. Dabei wird immer kräftig am Kern der Sache vorbei argumentiert.

Ja, es nervt, wenn einer pausenlos Fragen zu ihrer Lebensgestaltung gestellt werden. Als Frau kann man es nur falsch machen, das ist hinlänglich bekannt. Wenn eine keine Kinder hat, muss sie sich rechtfertigen, wenn sie Kinder hat auch. Entweder ist es eins zu wenig oder eins zu viel oder der Altersabstand ist zu klein oder zu groß, die Mutter zu alt oder zu jung, sie arbeitet zu viel oder zu wenig und wahlweise werden Stadt- oder Landkinder bemitleidet. Das trifft nicht nur Vollzeitmütter, das trifft alle Frauen. Dagegen hilft, so meine Erfahrung, vor allem Solidarität, Feminismus und Fremden nicht gleich alles auf die Nase zu binden.

Viel interessanter ist doch, worüber Vollzeitmütter nicht so gerne schreiben, wenn sie ihre Entscheidung gegen eine Erwerbstätigkeit und für ihren Lebensentwurf prominent in den Medien platzieren. Die Rede ist von Geld. Wenn eine sich auf das Modell Vollzeitmutter mit Lebensunterhaltszahler einlässt und dieser bricht ihr dann weg (wegen Scheidung, Krankheit, Tod), dann hat sie keinen Anspruch auf Lebensstandardwahrung. Gerade nicht auf Kosten der Frauen und Familien, die dieses Modell wegen der finanziellen Abhängigkeiten oder mangelnder finanzieller Möglichkeiten nicht gewählt haben.

Und da liegt meiner Meinung nach der ganz große politische Dissens. Dann wird geschimpft über die Arbeitgeber/innen, die 15 Jahre Vollzeitmutter nicht als Schlüsselqualifikation für einen sich sehr schnell weiterentwickelnden Arbeitsmarkt sehen. Dann wird geschimpft auf die Gesellschaft, der die Vollzeiterziehung von Kindern nicht mehr wert ist als die auf mehrere Schultern verteilte Erziehung der Kinder von berufstätigen Eltern. Dann wird auf den Ex-Versorger geschimpft, der sich nicht an seinen Teil der Abmachung hält. Und es wird geschimpft auf die Gesetzgeber/innen, die die Zweit- und Drittfamilie des Ex-Versorgers nicht aus Steuermitteln subventionieren will, damit die Erstfamilie ihren Lebensstandard halten kann.

Dieses Geschimpfe kommt, nachdem Familien mit dem Modell „Ernährer“ und „Vollzeithausfrau/-mutter“ durch das Steuer- und Sozialsystem sehr viel mehr finanzielle Unterstützung erfahren, als Vollzeit berufstätige Eltern oder Alleinerziehende.

Ich bin strikt dagegen, selbst im Fall der Abschaffung von Ehegattensplitting und anderen Vorteilen, Vollzeitmütter analog zu anderen Formen von Kinderbetreuung staatlich zu fördern. Die Entscheidung, sich ausschließlich auf den eigenen Nachwuchs konzentrieren zu wollen, ist wohl eine der privatesten, die man sich denken kann. Man muss der Gesellschaft ja nicht beweisen, dass man es besser macht, die erfolgreicheren Kinder erzieht, die verlässlicheren Rentenzahler/innen hervorbringt. Gleichzeitig darf man von den berufstätigen Eltern aber eben auch nicht erwarten, dass sie jemand bei diesem freiwillig gewählten Modell finanziell unter die Arme greifen.

Vollzeitmutter ist das berufliche Äquivalent zu riskanten Finanzprodukten. Kann gutgehen, muss aber nicht. Man sollte das eben nur mit finanziellen Ressourcen machen, die einer/m im Notfall nicht fehlen. Wenn sich dann alle Seiten über die Vor- und Nachteile im Klaren sind, dann ist es mir völlig schnuppe, ob eine zuhause bleibt, um Vollzeit Kinder zu erziehen, Aquarelle zu malen oder mit dem Hund auf Hundeshows zu fahren. So wie es den nicht erwerbstätigen Frauen hoffentlich völlig egal ist, ob eine arbeitet, weil sie ihren Job so liebt, die Kohle braucht, um zu überleben oder sich irgendwas leisten zu können oder weil ihr zuhause die Kinder, die Pinsel oder der Hund auf die Nerven gehen.

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