Trumps Spiel mit den Medien

Trump führt die Medien am Nasenring durch die Manege der Öffentlichkeit. Das gelingt, weil diesen Selbstreflexion oder gar Selbstkorrektur abgehen und Einschaltquoten das Maß der Dinge sind. Derweil machen sich die Medien zu Komplizen des politischen Populismus.

Zu Beginn dieses Textes heißt es Farbe bekennen: Der Verfasser dieser Zeilen hat im Herbst letzten Jahres Trumps Triumphzug nicht vorhergesehen – ebenso wenig wie praktisch alle anderen Beobachter der Szene. Ein schwacher Trost. Auch, dass die Republikanische Partei ihr eigenes Kidnapping nicht kommen sah, hilft nicht weiter. Hätte der Autor im Juni 2015, als The Donald seine Kandidatur verkündete, darauf gesetzt, dass dieser sich in einem Feld aus 17 Kandidaten – darunter der ein oder andere ernstzunehmende Anwärter – tatsächlich durchsetzen würde: Dieser Artikel wäre womöglich im neu erworbenen Apartment an der 5th Avenue 725 entstanden (Es können weiterhin Wetten abgegeben werden; hier der Link für alle Wagemutigen). Alas, aus einer Wohnung im Trump Tower mit seinem goldglänzenden Atrium wird fürs Erste nichts.

In der rauen Wirklichkeit der Normalsterblichen ist der Lack längst ab. Trump gibt den Ton an. Er führt die – US-amerikanischen wie deutschen – Medien am Nasenring durch die Manege der Öffentlichkeit. Das ist tragisch, denn damit vernachlässigen die Medien ihre ureigenste Funktion: die Politik zu kontrollieren, für Transparenz zu sorgen, Fakten zu prüfen, Druck aufzubauen, wenn es um Themen, um Dringlichkeiten geht. Trump hat das auf den Kopf gestellt: Er gibt Inhalte und Richtung vor. Er bestimmt das Tempo, die Taktung der Debatte. Den Medien hat das Medienphänomen Trump längst den Schneid abgekauft. Sie lassen sich von ihm führen, geben jede seiner Äußerungen wieder, vervielfältigen noch die größte Absurdität und tragen sie bis in den hintersten Winkel des Landes und weiter über die Landesgrenzen hinaus. Der Mann, der „Amerika wieder groß machen“ will – was soll das eigentlich heißen? –, muss bisher nur sehr wenig dafür ausgeben, dass seine Parolen zu den Menschen durchdringen. Trumps Öffentlichkeitsarbeit leisten andere für ihn: Ein Grund dafür, dass er nach wie vor im Rennen sein kann. Eigentlich würde es mittlerweile finanziell eng für den selbst erklärten Multimilliardär, dessen Privatvermögen womöglich doch nicht ganz so grenzenlos ist wie von ihm angegeben (Beim letzten Mal verschlang der Kampf ums Weiße Haus laut Center for Responsive Politics, nimmt man Republikaner und Demokraten zusammen, rund sechs Milliarden Dollar; 2016 ist mit einer weiteren Steigerung der Kosten um ca. 15% zu rechnen).

Doch Trump ist weiter am Drücker. Er ist derjenige, der den Einsatz schrittweise erhöht, Maßstäbe verschiebt. Gezielt testet das Enfant terrible (selten war ein Begriff so wörtlich zu nehmen), wie bestimmte Provokationen ankommen, wie weit er gehen kann. Hemmungen fallen, wenn Trump ausspricht, was angeblich alle denken. Die Medien berichten eifrig, auch darüber, was es für die eigene Gesundheit bedeuten kann, sich bei einer Trump-Rally seinen Anhängern entgegenzustellen. Schlägereien, Tumulte, blinde Zerstörungswut: Der Demagoge mit der Tolle heizt bewusst an. Gewalt rechtfertigt er auch im Nachhinein ohne Gewissensbisse – und kommt damit immer öfter davon, selbst beim Haussender der Progressiven MSNBC.

Trump spielt derzeit mit den Medien wie kein Zweiter. Das gelingt, weil diesen Selbstreflexion oder gar Selbstkorrektur abgehen. Stattdessen gehen Fernsehanstalten, Rundfunkhäuser und Zeitungsredaktionen die Eskalationsstufen des Exzentrikers mit. Allesamt können sie sich nicht von ihrer Natur lösen, Informationsverstärker, Informationsverbreiter, Amplifier zu sein. Einschaltquoten, Zuhörerzahlen und Klicks sind das Maß der Dinge; der Businessman Trump hat dies längst erkannt. Mit skrupelloser Raffinesse arbeitet er mit den Bandagen der Medien, nimmt ihnen das Vergrößerungsglas aus den Händen, nur um ihnen ein Kaleidoskop zurückzugeben: Das ist Sensationalisierung und Industrialisierung – im Sinne massenhafter Vernetzung der Konsumenten – par excellence.

Nun könnte man meinen, die Medien erkennen diese Mechanismen ihrer eigenen Arbeit bei Trump wieder – und stellen sich dagegen: Das tun sie nicht. Trump wendet ebenjene Mechanismen derweil munter an. Im Grunde verkauft der Dealmaker den Medien ihr eigenes Produkt zurück: Ein doppeltes an-der-Nase-Herumführen, was die Inhalte und was die Produktion der Inhalte angeht. Derweil machen sich die Medien auf diese Art und Weise zu Komplizen des politischen Populismus.

Tragisch: Ihre Kapitulation können sie dabei nicht erkennen, denn Trump ist ihr Spiegel, agiert wie sie, nach den gleichen Gesetzen. So gelingt es der Vierten Gewalt nicht, eine kritische Distanz zum Geschehen einzunehmen. Die Folge ist totaler Kontrollverlust: Der Wahrheitsgehalt von getätigten Aussagen wird nicht mehr geprüft, ein Politiker, der bei der Lüge ertappt wird, nicht mehr bloßgestellt. Die Kontrolle „im Nachhinein“ ist dahin. Kontrolle müsste aber eigentlich auch Kontrolle „im Vorhinein“ heißen, also: einen Aufstieg wie den Aufstieg Trumps vorherzusehen, davor zu warnen. Auch das ist nicht passiert, und es sagt Einiges über die Entfremdung der Medien von ihrem Publikum aus.

Ironischerweise spiegelt sich hier die Entfremdung der politischen Eliten von ihren Wählern, die der Populist Trump dem Washington-Establishment so gerne vorhält. Letzteres greifen die Medien nur allzu gerne auf: Es schürt Ärger bei den Menschen, Ärger bedeutet Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit bedeutet Umsatz. Dabei glauben sich die Redakteure, die Studioleiter, die Außenkorrespondenten auch der großen deutschen Blätter am Steuer, wenn doch längst ein anderer fährt. Ähnlich ergeht es der kleinen Maggie Simpson jedes Mal, wenn sie mit ihrer Mutter Marge im Auto unterwegs ist – allerdings ist der jüngste Sprössling der quietschbunten Zeichentrickfamilie zwar energiegeladen, doch weit davon entfernt, ins mächtigste Amt der Welt aufzusteigen. Trump hingegen ist real. Seit dieser Woche ist ihm die Nominierung zum Spitzenkandidaten seiner Partei nicht mehr zu nehmen. Die Welt, in der Maggie Simpson ihren Führerschein macht, könnte schon bald eine andere sein: Wir sollten uns auf viel Schwarz-Weiß einstellen.

 


Im Dossier #Election2016 beschäftigt sich Carta mit den Kandidaten, Kampagnen und Konzepten von Demokraten und Republikanern. Wohin bewegen sich die Vereinigten Staaten von Amerika? Und welche Rolle wird Europa, wird Deutschland zukünftig spielen?

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