Wie reaktionär hätten Sie’s denn gerne?

In letzter Zeit musste man zur Kenntnis nehmen, dass die NZZ sich kaum mehr gegen politische und intellektuelle Strömungen weit rechts im politischen Spektrum abgrenzen mag. Der Ton wird rauer, die Fronten härter. NZZ-Autor Heribert Seifert mimt derweil das liberale Medien­ge­wissen.

In der NZZ hat der Publi­zist Heribert Seifert (68) kürzlich viel Platz erhalten, um in einer sich besorgt gebenden Medien­kritik über „Wutjour­na­listen“ und ihre angeb­liche „kommu­ni­ka­tive Rüpelei“ in den „tradi­tio­nellen Medien“ sich seiner­seits in Rage zu schreiben. Die politi­sche Distanz vieler führender Medien in der Bundes­re­pu­blik zur unver­hüllt islam­feind­li­chen AfD wird dabei mit ätzender Kritik, ja mit unver­hoh­lenem Spott überzogen. Das ist an sich kein Zufall. Schon oft in letzter Zeit mussten die Leserinnen und Leser zur Kenntnis nehmen, dass die NZZ sich kaum mehr gegen politi­sche und intel­lek­tu­elle Strömungen weit rechts im politi­schen Spektrum – inner­halb wie außer­halb der Schweiz – abgrenzen mag.

Doch wer ist Heribert Seifert? Seifert zeigt in der NZZ – er schreibt hier seit Jahren immer wieder – eher seine glatt­ge­kämmte Seite, um noch als „liberal“ durch­zu­gehen. Er kann aber auch anders. Artikel von ihm erscheinen außer in der NZZ häufig in der Internet-Zeitschrift eigen­tüm­lich frei (ef), die von Polito­logen als „rechts­li­beral“, „rechts­na­tional“ oder auch als „rechts­ex­trem“ einge­stuft wird, und deren Macher um den Publi­zisten André F. Licht­schlag sich als „Anarcho­ka­pi­ta­listen“ und „Liber­täre“ bezeichnen. Seiferts Medien–bashing, dem die NZZ regel­mässig ihre Spalten öffnet, findet auch dort statt. Ja, „die“ Medien – bzw., so Seifert, die „zuneh­mend wie Verlaut­ba­rungs­or­gane einer Besat­zungs­macht agierenden Leitme­dien“ (ef, 9.7.2012) – sind zusammen mit der Regie­rung Merkel und der „links­grünen Diktatur“ Zielscheibe seiner, gelinde gesagt, spitzen Feder. Seiferts jüngste Artikel auf eigen­tüm­lich frei sind zwar nur Abonnenten vorbe­halten, aber auch ältere, zugäng­liche Texte erweisen ihn gerade als jenen eifernden „Wutjour­na­listen“, den er in den „tradi­tio­nellen Medien“ am Werk sieht. Nach den Bundes­tags­wahlen im Herbst 2009 etwa skizzierte er in knappen Worten die politi­schen Fronten, wie sie sich ihm wohl auch heute noch darstellen:

„Der surreale ‚Antifa­schismus‘ mit ‚Kampf gegen Rechts‘ und sünden­stolzem Bekenntnis der immer­wäh­renden Schuld an der bösen ‚deutschen Geschichte‘, die fortlau­fende Erfin­dung immer neuer ‚Diskri­mi­nie­rungen‘, die Neuschöp­fung des Menschen im Sinne von ‚gender mainstrea­ming‘ und schließ­lich die Fortset­zung einer geschei­terten Einwan­de­rungs­po­litik sind auch unter dem neuen Personal ebenso garan­tiert wie die konti­nu­ier­liche Arbeit an der Selbst­auf­lö­sung der deutschen Nation in einem kleptokratisch-bürokratischen ‚Europa‘.“

–Heribert Seifert (ef, 29.9.2009)

Dass einer sich über „gender mainstrea­ming“ aufregt, ist hinzu­nehmen. Die hochmü­tige Ironie hingegen, mit der Seifert über das „sündenstolz[e] Bekenntnis der immer­wäh­renden Schuld an der bösen ‚deutschen Geschichte‘“ spottet, sollte in den Redak­ti­ons­stuben der NZZ die Alarm­glo­cken läuten lassen. Denn das sind Code-Worte von ganz rechts außen, und die zitierte Passage war kein Ausrut­scher. In ähnlich verächt­li­cher Weise kommen­tierte Seifert etwa Bestre­bungen, den Verkauf von Nazi-Propagandaliteratur an Kiosken zu verbieten: „So wie jener mutige Hotelier mit richter­li­cher Billi­gung sein Haus für einen urlaubs­reifen NPD-Funktionär sperrte, um seinen Gästen die Konfron­ta­tion mit dem Bösen zu ersparen, so wird auf dem Presse­markt der Kiosk gerei­nigt, um Verfüh­rung der Naiven und Empörung der schon Geläu­terten zu verhin­dern. Hier arbeitet eine aller Ehren werte gesell­schafts­sa­ni­täre Absicht, die auf strikte Trennung der Bösen von den Guten zielt.“ (ef, 14.7.2010).

Seifert operiert ständig mit solch scharfen Polari­sie­rungen: Auf der einen Seite, ironisch “böse” genannt, der „NPD-Funktionär“, der weder in einem Hotel der “Guten” absteigen noch am Kiosk seine Nazi-Literatur kaufen darf; auf der anderen „die Geläu­terten“, die „Guten“ – d.h. neben den „links­grünen Dikta­toren“ auch die CDU unter Merkel und sogar Horst Seeho­fers CSU! –, die alle „Kritik“ am „mainstream“ ins Feld des „Nicht-Sagbaren“ abdrängen. Diese angeb­liche „Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rung“ (NZZ) aber führt Seifert immer wieder auf das zurück, was im Zentrum seiner rechts­na­tio­nalen Kritik steht: die „große histo­ri­sche Erzäh­lung von der Erlösung der Deutschen von ihrer bösen Vergan­gen­heit durch ihr Aufgehen in einem neuen Europa“ (ef, 9.7.2012).

Der Hass auf Europa, auf die Regie­rung Merkel und auf den Islam ist das eine; beängs­ti­gend aber ist, wie sehr dieser Hass sich vom Begehren herleitet, endlich von der politi­schen und morali­schen Verant­wor­tung befreit zu werden, mit der die Erinne­rung an den Natio­nal­so­zia­lismus in Deutsch­land unauf­lösbar verbunden ist. Solche Töne des verkappten Bezugs auf den NS sind auch in der AfD zu hören. Seifert scheut sich nicht, sie immer wieder vorzu­bringen. Die NZZ aber muss sich fragen lassen, ob sie wirklich zum Sprach­rohr von Positionen werden will, die bislang als rechts­ex­trem galten.

 

Dieser Text ist zuerst bei Geschichte der Gegenwart erschienen.


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