Die Landlust-Werbung der Frankfurter Allgemeinen Woche für die AfD

Das neue „Wochenmagazin für die junge Elite“ (Eigenwerbung) provoziert mit seinem AfD-Cover. Grausam misslungen, meint Christian Humborg.

Ich bin der Provokation des Titelbilds der heutigen Frankfurter Allgemeinen Woche erlegen. Ich habe mir das Blatt gekauft. Es war nicht die vermutlich vordergründig gemeinte Provokation, auf die ich anschlug: Die AfD will zurück ins Reich von Lederhosen und Selbstbewaffnung. Haha. Frankfurter Allgemeiner Humor. Diese Ironie versagt deshalb, weil von mir aus alle Christen, Muslime und Atheisten in Lederhosen und Dirndl so viel durch die Gegend laufen können, wie sie wollen. Offene Gesellschaft halt. Vielleicht ohne Gewehr, aber nachdem Die ZEIT enthüllt hat, dass in Deutschland vierzigmal so viel Menschen in Schützenvereinen sind wie für Daesh/IS kämpfen, ist auch das nicht wirklich revolutionär.

FW

Cover, Frankfurter Allgemeine Woche, Nr. 18, 29.4.2016

Die eigentliche Provokation des Titelbildes liegt für mich in der unterschwelligen Bedienung von Sehnsüchten und Projektionen, die wenig verhohlen für die AfD werben. Sehnsüchte und Lebensstile sind zutiefst politisch. Sie haben den Aufstieg der SPD vor über 100 Jahren ermöglicht, die Sehnsucht nach sozialem Aufstieg. Sie haben den Aufstieg der Grünen vor 25 Jahren ermöglicht. Die Sehnsucht zurück zur Natur. Der erste grüne Spitzenkandidat – gemeinsam mit Petra Kelly – war der Bauerssohn Herbert Gruhl, ein konservativer Naturfreund, der zuvor Jahre lang für die CDU im Bundestag gesessen hatte. Heute ist die Landlust eine der populärsten Zeitschriften Deutschlands geworden, vor Spiegel und Stern. Sie ist meines Erachtens so erfolgreich, weil sie die Weltflucht propagiert, ins Private und am besten aufs Land. In Zeiten von Globalisierung und des vorherrschenden Narrativs der „Dauerkrise“.

Spannend ist, wie viel Selbstreflektion und Fingerspitzengefühl der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Bernd Ulrich: „Bei der #FAZ geht die Politik nach rechts und das Feuilleton geht in die Oper“) zuzutrauen ist. Ist es ein grausam misslungener Ironieversuch? Oder wollte sie bewusst chiffriert das neue Blatt politisch verorten? Die dritte Möglichkeit wäre die perfideste: Die Provokation um ihrer selbst willen im Buhlen um Aufmerksamkeit für das neue Blatt. Das wäre dann nicht konservativ, sondern neoliberal. Die Artikel zum Titelthema „Wie die AfD leben möchte“ habe ich dann nicht gelesen. Keine Lust.

 


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