Zensur? Der Sarrazin-Text, der nicht ins Weltbild von Cicero passte

Was beim „Magazin für politische Kultur“ nicht gesagt werden darf.

Die Online-Redaktion von Cicero bestellt bei Michael Kraske vor Ostern einen Text über Thilo Sarrazin, der rechtzeitig zum Erscheinen seines neuen Buches wieder als Ratgeber bei BILD gefragt ist. Sein Text „Ahnherr der neuen völkischen Bewegung“ wird redaktionell abgenommen und für gut befunden („ein sehr gelungenes Stück“). Veröffentlicht wird er nicht. Begründung: Die Chefredakteure wollen ihn nicht bei Cicero.de sehen. Ob das etwas mit dem umstrittenen publizistischen Kurs der beiden (Marguier: „Keiner von uns beiden ist irgendwie rechts.“) zu tun hat? Hier ist der Text, der nicht ins Weltbild von Cicero passt.

 

Ahnherr der neuen völkischen Bewegung

 

Von Michael Kraske

 

Hätte man doch bloß auf ihn gehört. Dann wäre die AfD gar nicht erst gegründet worden. Am Tag vor den Brüsseler Terroranschlägen durfte sich Thilo Sarrazin in der Bild-Zeitung einmal mehr als selbsternannter Heilsbringer inszenieren, der Deutschland mit seinen – vermeintlich unterdrückten – Wahrheiten vor Unglück bewahren könnte. Ausgerechnet Thilo Sarrazin. Die Morde und der Schrecken von Brüssel werden dessen intellektuelle Kurzschlüsse neuerlich befeuern. Es dauerte nur Stunden, bis etwa die AfD die Anschläge auf perfide Weise instrumentalisierte: „Wir opfern unsere Freiheit, Sicherheit und Kultur auf dem Willkommensaltar Merkels“, hieß es etwa auf Facebook.

Thilo Sarrazin ist der Ahnherr jener neuen völkischen Bewegung, die nunmehr in der AfD ihren parlamentarischen Arm gefunden hat. Er hat ein Denken populär gemacht, das ethnische Homogenität preist und Migration und arabische Herkunft als Bedrohung dämonisiert. Heute ist er eine Ikone für alle, die trotzig die monströs gescheiterte Überhöhung von Abstammung und Herkunft als Zukunftsvision wiederbeleben möchten. Aber der Weg zurück in Biologismus, Rasse-Kategorien und völkische Ideologie ist keine Lösung. Er ist ein Problem. Genau wie islamistischer Terror.

Mehr bewirkt als NPD und Republikaner

Der ehemalige Bundesbank-Vorstand gefällt sich nach wie vor in der Pose des unerschrockenen und tabuisierten Mahners. Seit seinem Millionen-Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ ist das stillschweigende Ressentiment, dem er aus dem Herzen sprach, in offenen Hass umgeschlagen. Mit seinem Buch hat der SPD-Politiker Rassismus und völkische Ideologie auch im Bürgertum wieder hoffähig gemacht. Sein fragwürdiges Verdienst besteht darin, mit seiner Laien-Eugenik den völlig zu Recht diskreditierten Biologismus in die deutsche Debatte zurückgeholt zu haben. Für die radikale Rechte hat Sarrazin mehr bewirkt als NPD und Republikaner zusammen.

Sarrazins Antworten sind so falsch wie gefährlich. Sozialwissenschaftler der Berliner Humboldt Universität haben seinerzeit aufgezeigt, dass Sarrazin mit falschen Zahlen hantierte, etwa in Bezug auf Gewaltstraftaten von Migranten. Der Berliner Polizeipräsident hat ihm damals vehement widersprochen. Geschadet hat es dem Autor nicht. Im Gegenteil. Weil das Bauchgefühl, das Sarrazin mit seinem bisweilen wirren Zahlensalat bediente, gegen rationale Argumente unempfindlich ist. Weil jeder sachliche Einwand als Beweis dafür umgedeutet wurde, dass Sarrazin von einer großen Koalition der „Gutmenschen“ fertiggemacht werden sollte. So unterschiedlich die Argumente auch waren.

Sarrazins Scheinsicherheiten

Es ist absehbar, dass die Terroranschläge von Brüssel nicht nur die Angst in Europa weiter befeuern werden, sondern auch die Sehnsucht nach jenen Scheinsicherheiten, für die Sarrazin als Ikone steht. Merkels Asylpolitik für falsch zu halten ist das eine. Das macht die Sehnsucht nach einer möglichst homogenen Volksgemeinschaft aber noch lange nicht zu einem demokratischen Zukunftsprojekt. Wie schon nach den Mordanschlägen von Paris wird sich die angstgetriebene Debatte nicht um Entstehungsursachen und Strategien gegen islamistischen Terror, dessen Ideologie und Unterstützer drehen. Es wird nicht um soziale, kulturelle und religiöse Einflussfaktoren für individuelle Taten gehen. Vielmehr stehen in den sozialen Netzwerken schon wieder kollektiv Kultur, Religion und muslimische Gruppenzugehörigkeit am Pranger.

Wer so denkt, kann sich durchaus auf Thilo Sarrazin berufen. Zur Erinnerung: In „Deutschland schafft sich ab“ führt er aus, dass kollektive Gruppenunterschiede genetisch vererbt werden. Demnach reproduzieren ungebildete Migranten aus der Türkei und dem arabischen Raum nicht nur mindere Intelligenz, sondern gefährden auch das „Deutsche“ schlechthin: „Das Deutsche in Deutschland verdünnt sich“, so Sarrazin, der als Buchautor raunend die rhetorische Frage aufwirft, ob Migranten eine „Eroberung durch Fertilität“ betreiben. Anders gesagt: Familienplanung und Fortpflanzung sind bei Sarrazin nicht individuelle, persönliche Lebensentscheidungen, sondern völkische Projekte. Das erinnert fatal an die Ausführungen Björn Höckes zu unterschiedlichen „Reproduktionsstrategien“ von Afrikanern und Europäern. Kinder sind in solchen pseudowissenschaftlichen Gedankenspielen nicht bloß Kinder, sondern kleine Krieger im Kampf der Kulturen.

Deutschland den Deutschen?

Kulturkämpfer Sarrazin fragte besorgt, „weshalb ein bestimmtes Volk in höherem Maße die Fortpflanzung verweigert als ein anderes.“ Schließlich fürchtet er die Veränderung des deutschen „Volkscharakters“ durch die vielen fortpflanzungswilligen Fremden. Welches Frauenbild hat eigentlich jemand, der den Vorwurf erhebt, die Fortpflanzung zu verweigern? Welches Menschenbild? Der verstorbene Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, nannte Sarrazins Fixierung auf genetische Dispositionen und davon abgeleitete Kollektiveigenschaften einen „fatalen Irrweg“. Schirrmacher wies darauf hin, Sarrazin rede nicht über Goethe und Schiller, wenn er von „Kultur“ spreche. Vielmehr meine er damit „Erbgut“. Der scharfsinnige Intellektuelle der FAZ erkannte früh, was die Neue Rechte so erfolgreich wie gefährlich macht.

Sarrazins Vision, die „Eigenart der Völker“ bewahren zu wollen, knüpft an das Konzept des Ethnopluralismus der Neuen Rechten an, an dem sich auch die AfD orientiert. Das fordert ein kollektives Recht auf kulturelle Verschiedenheit der Völker ein, das im Umkehrschluss notwendig macht, Fremde auszuschließen, weil sie Vermischung und „Volkstod“ bringen. Viele Leser dürften die fatale Konsequenz dieser Ideologie, die Sarrazin in seinem Bestseller formuliert hat, glatt überlesen haben: „Dänen sollen auch in 100 Jahren als Dänen unter Dänen, Deutsche als Deutsche unter Deutschen leben können, wenn sie das wollen.“ Was mit den anderen passieren soll, die in Deutschland leben, hat er offen gelassen. Das bleibt der völkischen Fantasie überlassen.

Thilo Sarrazin hat den Diskurs der Neuen Rechten ins Bürgertum getragen. Mit Laien-Eugenik, die Sigmar Gabriel anfangs treffend als „Anleitung zur Menschenzucht“ beschrieb, bevor der SPD-Chef vor der Woge der Zustimmung für Sarrazin in den eigenen Reihen einknickte und den angestrebten Parteiausschluss verwarf. Am Ende durfte Sarrazin in der SPD bleiben. Einer, dessen Betrachtungen auf ein altbekanntes Ziel hinaus laufen: Deutschland den Deutschen. Der sich ein intelligentes deutsches Volk herbei züchten will.

Sarrazins Opferpose

Als Orientierungshilfe und Instanz scheidet Sarrazin aber nicht nur aufgrund von Genetik und völkischer Ideologie aus, sondern auch, weil er sich bis heute als Opfer einer „political correctness“ inszeniert, die er selbst widerlegt hat. Was hat er sich doch als mutiger Tabubrecher stilisiert, der es wagt auszusprechen, was sich keiner zu sagen traut. Fortan stimmten etliche Betrachter in das Gejammer über „PC-Terror“, „Gedankenpolizei“ und eine angeblich „herrschende Meinungsdiktatur“ ein, die es vermeintlich verbiete, offen über Integrationsprobleme oder Ausländerkriminalität zu sprechen. Dabei ignorierten die Kritiker, dass Auszüge aus Sarrazins Buch nicht nur in der Bild-Zeitung, sondern auch im Spiegel vorab gedruckt worden waren und Sarrazin seine kruden Thesen in jeder relevanten Talk-Show ausbreiten durfte. Kein anderer Autor war in den vergangenen Jahren medial präsenter als Thilo Sarrazin. Mehr öffentliche Rede geht nicht.

Was es allerdings in einer pluralistischen Gesellschaft nicht gibt, ist ein Recht auf kritiklose Zustimmung. Kalkulierter Tabubruch hat einen Preis. Wer radikal argumentiert, erntet bisweilen radikalen Widerspruch. Sarrazin hat die Pose des unterdrückten Freiheitskämpfers, der angeblich von bösen PC-Diktatoren und Tugend-Terroristen mundtot gemacht werden soll, vorgemacht. Im Zeitalter von Pegida und AfD wird heutzutage radikaler Hass offen ausgesprochen – oftmals verbunden mit dem absurden Hinweis, nicht offen sprechen zu können.

Der falsche Ratgeber

Noch einmal: Thilo Sarrazin spricht vielen aus dem Herzen. Bedient Sorgen, kanalisiert Unbehagen. Veränderung und Unübersichtlichkeit machen Angst. Gewalt und Terror erst Recht. Je größer die Bedrohung, desto größer die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Der islamistische Terror ist eine Gefahr, die jeden treffen kann. Er ist menschenverachtend, fanatisch, mitleidlos. Es gibt keinen wirksamen Schutz vor ihm. Terror ist das eine. Millionenfache Flucht vor Krieg, Hunger und Verfolgung ist das andere. Dass so viele Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, schafft große Probleme. Wie kann Europa diese Menschen aufnehmen und integrieren? Wie können Menschen unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation friedlich zusammen leben? Werden sich alle an die demokratischen Regeln halten? Was, wenn nicht? Bleibt genug für die sozial Schwachen unter der eigenen Bevölkerung? Was tun gegen Hass und Gewalt? Viele Fragen, kaum Antworten. Die Angst ist groß. Die Probleme sind es auch. Thilo Sarrazin hat zu ihrer Lösung nichts beizutragen.

 

Der Text erschien auch bei debattiersalon.de.

 


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