Was ist deutsch in Deutschland?

In ihrem neuen Buch „Made in Germany“, das sie am Samstag in Berlin vorstellt, plädiert die Autorin Jagoda Marinic gegen eine Willkommenskultur und will stattdessen eine Integrationskultur. Ein Gespräch.

CARTA: Frau Marinic, als Autorin, Kulturbotschafterin und Leiterin eines interkulturellen Zentrums bekommen Sie international sehr viel davon mit, was andere aktuell von uns halten, vom Willkommensrausch bis zu den Wutbürgern. Ist Deutschlands Ruf im Ausland besser oder schlechter als unser Selbstbild?

JM: Beides. Man bewertet unterschiedlich. Worauf wir hier stolz sind und was andere an uns gut finden, deckt sich nicht unbedingt. Zuerst würde ich ja gerne aufräumen mit dem Märchen der überselbstkritischen Deutschen. Deutsche wissen sehr wohl, was sie an ihrem Land haben und tragen das gerne auch vor sich her. Sie denken nur selbst, sie leiden an mangelndem Selbstbewusstsein, das wird im Ausland sicher anders gesehen, Deutschland ist Europas mächtigstes Land. Daher sind die Erwartungen groß und die Aufmerksamkeit ist uns sicher.

Der Sommer der Willkommenskultur an den Bahnhöfen hat beispielsweise international und vor allem bei jungen Menschen große Bewunderung ausgelöst. Als ich letztes Jahr auf Einladung der deutschen Botschaft in Washington war, nahm ich gerade bei den jungen Menschen große Bewunderung wahr: „Wow, das seid ihr gerade? Und wir haben Trump!“. Es war, als wäre Deutschland nun das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in der New York Times las man sogar neidische Meinungsartikel über „Can-Do-Germany“. Klar, hatte man auch Sorge, ob Deutschland sich übernimmt, ob die offenen Grenzen Europa gefährden. Die Diskurse, die wir führen, werden auch im Ausland geführt.

CARTA: Sie waren dieses Frühjahr mit ihrem letzten Roman in Kroatien. Wie unterscheidet sich der Blick der neuen EU-Staaten von dem sogenannten westlichen Blick?

JM: Was in Kroatien klar wurde: Merkel hat es nicht verstanden, die neuen EU-Länder mitzunehmen. Dabei habe ich erlebt, dass man die Menschen für gesamteuropäische Lösungen begeistern kann. Die neuen EU-Staaten haben, wie wir sehen, noch anfälligere Demokratien, der Turbo-Kapitalismus, der sich dort durch die Gesellschaft gefressen hat, war schnell als der Ausbau einer starken Zivilgesellschaft und Demokratie. Ich glaube jedoch, dass es hätte gehen können, nur Merkel blieb zu lang auf ihrem „Man wird ja wohl noch human sein dürfen“- Kurs, statt konkret Lösungen vorzuschlagen, wie sie es schaffen will – was man ja gerade im Ausland als deutsche Stärke sieht: Das Organisieren. Wir selbst sehen unsere Organisationskünste eher kritisch und zu verwaltet.

CARTA: Hat der internationale Blick eine Wirkung auf unser Selbstbild?

JM: Die internationale Begeisterung über Deutschland machte es vielen hierzulande leichter, die mit Sätzen wie „Ich bin stolz auf Deutschland“ sonst Schwierigkeiten haben. Der Satz ging ihnen plötzlich leichter über die Lippen, weil man wusste, worauf man stolz sein kann. Merkel wurde ja nicht umsonst als unverzichtbare Europäerin bezeichnet: Man hatte den Eindruck, sie kämpft allein auf weiter Flur für europäische Werte. Ihre Kritiker haben das von Anfang an als nur eine Seite ihrer Flüchtlingspolitik gesehen. Doch die Meinungen drehen sich derzeit im Wochentakt. Seit dem Türkei-Deal und Böhmermann hält man Deutschland für erpressbar. Was heißt das für unsere Demokratie und Meinungsfreiheit, fragen viele. Klar ist: Deutschland ist ein spannendes Land, das aus seinem Dornröschenschlaf erwacht ist. Und man schaut international immer noch genauer auf rechte Bewegungen in Deutschland und wie viel Widerstand ihnen entgegentritt. Und ja, eins noch: Was im Ausland viel stärker diskutiert wird als hier, ist der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, dafür haben wir weder den Blick noch die Mittel im öffentlichen Diskurs. Was hier als Sorge durchgeht, ist im angelsächsischen Raum klar Rassismus – was nicht heißt, dass es deswegen dort weniger Rassismus gäbe, man benennt ihn nur klarer.

CARTA: Wie gehen eigentlich die bereits Eingewanderten der zweiten und dritten Generation mit den vielen neuen Flüchtlingen um?

Viele wundern sich, warum Deutschland jetzt die Debatte über Einwanderung führt, als wäre sie neu. Andere sind Teil der Hilfsbereiten, die einfach sagen, das kenne ich, das Ankommen in der Fremde, ich packe mit an. Und dann gibt es durchaus noch jene, die keine Lust haben, ihren Status zu verlieren. Viele Deutsche unterscheiden ja nicht, schon in den Begrifflichkeiten nicht. Man meint es gut mit dem Flüchtling und nennt ihn jetzt „Migrant“. Man nennt aber auch jene, die hier seit vierzig Jahren leben, Migrant. Die Leute haben sich mühevoll hochgekämpft und haben keine Lust, wieder am Ende der Kette zu landen. Und der geflohene Migrant ist derzeit sicher das schwächste Glied dieser gesellschaftlichen Kette – auch wenn er schon gegen anderen Schwache dieses Landes ausgespielt wird. Man vergisst hier gerne, dass zu einer Demokratie Bürger gehören und viele Einwanderer der 1. Generation nie Staatsbürger geworden sind. Das kommunale Wahlrecht ist eines der restriktivsten westlicher Demokratien. Bei Flüchtlingen sprechen wir von Duldungen. Das heißt: Die Politik hat von all diesen Gruppen nichts zu fürchten. Von den rechten schon. Die Willkommenskultur sollte ein Mittel gegen die Skepsis gegenüber dem Neuen sein, sie ist zum Bumerang geworden.

CARTA: Sie fordern eine Integrations- statt einer Willkommenskultur. Was haben Sie denn gegen die neue deutsche Freundlichkeit?

JM: Ach, die deutsche Freundlichkeit. Ist sie neu, ist sie alt? Hilfsbereit waren die Deutschen doch immer. Die Willkommenskultur sollte ein Mittel gegen die Skepsis gegenüber dem Neuen sein, sie ist zum Bumerang geworden. Die Besorgten meinen, diese Willkommenskultur sei Schuld daran, dass alle kommen wollen. Die, die schon lange hier leben, beschweren sich, dass man sie jetzt, nach Jahrzehnten willkommen heißen will. Es war ein Versuch, mit einem Wort einen Paradigmenwandel im Umgang mit Neu-Bürgern und ja, Fremdem auszulösen.

Man hätte sich besser an einen breiten Wertediskurs gemacht. Eine Kultur, die sich Willkommenskultur politisch beibringen lassen muss, könnte sich durchaus tiefer mit sich beschäftigen. Der Leiter eines deutschen Einrichtung in Spanien fragte mich einmal: „Wie soll ich das nun übersetzen? Cultura de bienvenida? So etwas ist in Spanien selbstverständlich.“ In Deutschland herrscht ein rauer Alltagston. Ein Kultur der Freundlichkeit zu entwickeln – oder Höflichkeit – stünde uns gut zu Gesicht, ganz unabhängig von der Einwanderung.

CARTA: Was werfen Sie der deutschen Politik und Gesellschaft vor? Was läuft falsch?

JM: Ich werfe nichts vor, ich weise auf Sachverhalte hin. Neben dem, was viele Studien zeigen, ärgert mich als Publizistin vor allem eines: Es reden immer die Gleichen. Flüchtlinge? Da holen wir mal Stoiber in die Talkshow. Für welchen Aspekt der Integration ist der denn bitte Experte? Im bayerischen Kabinett sitzt bis heute kaum ein Mensch mit Migrationsgeschichte – aber in Bayern lief alles besonders gut. So zieht sich das durch. Zu wenige legen den Finger in die Wunde – und Deutschland hält das ungern aus. Im Selbstbild heißt es dann: Wir kasteien uns selbst. Dabei gelingt es ihnen, mit wohlwollender Bevormundung über anderen zu entscheiden. Was schief läuft, bestimmen auf undemokratische Art immer jene, die es nicht betrifft. Bei Expertenkreisen über Themen der Migration passiert es immer wieder, dass ich die einzige mit Migrationsgeschichte bin. Wenn ich darauf hinweise, antworten sie: „Mag ja sein, aber wir arbeiten mit Migranten, wir kennen die“. Kein Mensch würde es heute wagen, eine Runde über Frauen ohne Frauen zu machen, Männer reden über Frauenfragen und sagen: „Keine Sorge, wir kennen viele Frauen persönlich“. Beim Thema Integration ist das vom Talk bis zum Podium noch möglich, ohne sich als Verantwortlicher zu blamieren.

CARTA:  Sie stellen in Ihrem Buch die Frage: Was ist deutsch an Deutschland? Viele sogenannte „Bio-Deutsche“ sind ungern deutsch und schämen sich im Ausland, Deutsche zu sein. Wie geht es Ihnen mit Ihrem Deutsch-Sein?

JM: Ich halte das von der deutschen Scham für ein Gerücht. Man schämt sich, wenn sich Leute im Ausland benehmen wie Vollidioten. Man schämt sich, wenn etwas von sich im Außen plötzlich mit fremdem Augen sieht, Max Frisch hat das in seinen Tagebüchern wunderbar beschrieben. Das ist nicht spezifisch deutsch.

CARTA: Wie geht es Ihnen mit Ihrem Deutsch-Sein?

JM: Gut, danke.

CARTA: Wie gefährlich ist der neue Rechts-Ruck in Deutschland für die von Ihnen geforderte Integrationskultur?

Gefährlich ist nicht so sehr der Rechts-Ruck. Gefährlich ist der schwach ausgeprägte Diskurs und das zu wenige starke Stimmen da sind, zu wenige große Organisationen, die im Interesse der Menschen mit Migrationsgeschichte in die Debatten eingreifen. Wie sich die Politik derzeit den rechten Neu-Wählen zuwendet, ist offen gestanden erschreckend und ein Rückfall in die Politik der Achtziger Jahre. Deutschland sollte das nicht mit sich machen lassen. Wir hatten hier vor drei Jahren eine Aufbruchstimmung – so sehr sie auch kritisiert wird, die Proklamation der Willkommenskultur war der Versuch, einen Paradigmenwandel auch im Verständnis der eigenen Identität einzuleiten oder zu begleiten.

CARTA: Wie sähe Ihr Masterplan Integration aus?

JM: Zunächst einmal das kommunale Wahlrecht einführen. Das würde schon so viel Bewegung in die Sache bringen, sodass wenig später von den Landesparlamenten bis in den Bundestag mehr Diversität in den Sälen und auf den Tagesordnungspunkten zu finden wäre.

CARTA: Im allerersten Satz Ihres Buches outen Sie sich als Merkel-Fan. Sind Sie das nach dem vielfach kritisierten EU-Türkei Deal und dem „Fall Böhmermann“ immer noch?

JM: Nicht ganz richtig: Ich oute Merkel als Fan meiner Positionen in Sachen Flüchtlingspolitik.

 

Die Fragen stellte Christian Stahl.

Jagoda Marinic liest am Samstag, 23. April 2016, erstmals aus „Made in Germany“ beim READ!Berlin Festival im Galli-Theater (19 Uhr). CARTA unterstützt das Literaturfestival als Medienpartner.

 

 


 

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