Sehr geehrte Tanit Koch…

Nach wie vor propagiert BILD ein sexistisches Zerrbild von Frauen. Dass die Objektifizierung nicht die Realität spiegelt, sondern reine Männerphantasien, müssen Frauen meist einzeln im Rahmen einer Zurückweisung erklären. Es steht das Wort einer einzelnen gegen die Narration eines Massenmediums. Zeit, dass BILD den Sprung auf die Höhe unserer egalitären Zeit wagt. Ein offener Brief an die Chefredakteurin.

Während Annie Leibovitz für den Pirelli-Kalender 2016 echte Heldinnen statt der üblichen mageren, barbusigen Models fotografiert, gaukelt die BILD-Zeitung jungen Mädchen immer noch vor, es sei erstrebenswert, sich öffentlich auszuziehen. Schlimmer noch, den Herren dieses Landes wird suggeriert, es sei in Ordnung, ja sogar normal, junge Mädchen anzugeifern, während es in Wirklichkeit einfach nur ekelig ist, wenn Männer Frauen immer wieder wissen lassen, ob ihr Aussehen sie sexuell erregt oder nicht. „T.M.I.“ (Too much information = will ich nicht wissen)!! Was fällt dir ein?! Ich habe dich nicht gefragt wie du mich findest!“ – „Sollte doch nur ’n Kompliment sein, du blöde Fotze“. Danke, BILD.

Da in der postmodernen Gesellschaft dieser Heterosexismus längst verpönt ist, schießt sich die Leserschaft von BILD immer öfter ins gesellschaftliche Abseits. Nun sinken die Leserzahlen der Zeitung kontinuierlich. Wir könnten also einfach abwarten, bis BILD mit seinen heterosexistischen Dinosauriern ausstirbt. Doch peinlicherweise liegt dieses Armutszeugnis der Nation in gedruckter Form gerade in meinem schönen Hotel in Marokko aus. Leicht verschämt verstecke ich es unter der französischen Zeitung Le Monde und der Financial Times, die stellvertretend für die französische und englische Presse hier ausliegen. Nein, das gehört bei uns nicht zur seriösen Tagespresse, auch wenn es vielleicht gerade so aussieht.

Und nein! Frauen aus Deutschland sind nicht allzeit bereit, auch wenn Prostitution in Deutschland legal ist, auf deutschen Fernsehsendern Werbung für Sex-Hotlines läuft und Sport1 nachts Striptease sendet. Auch wenn „Europas größte Tageszeitung“ junge Frauen nackt abbildet, sind diese keine auf Sex programmierten Objekte. Wir Frauen sind freie, selbstbestimmte Menschen! Und nein! Ich ziehe jetzt nicht mein T-Shirt für dich aus!

Die meisten Jungs, denen ich in Marokko begegne, können auf Deutsch Telefonnummern singen. Und tun dies auch stolz, wenn sie Frauen aus Deutschland begegnen. Als sei das ein Stück Kultur. Kein Wunder, im Jahr 2002 wurden allein im den ersten drei Quartalen 495 375 Sex-Werbespots auf deutschen Sendern ausgestrahlt. Dass ich fürs Fernsehen arbeite, macht die Sache noch unangenehmer. Als wäre ich für die Sex-Hotlines verantwortlich! Oder noch schlimmer: als würde ich darin vorkommen. Nein! Das war die Werbepause! Es hat nichts mit den Filmen zu tun, in denen ich spiele! Außerdem strahlt Astra keine Sex-Sender mehr aus…

Während Werbung für Sex-Hotlines größtenteils dem Werbeverbot für Pornografie weichen musste, hält die BILD-Zeitung an ihrem unangenehmen Zerrbild von Frauen fest. Und sie generiert es viel tiefgreifender als alle anderen Medien, denn sie wird selten nachts hinter verschlossenen Türen, sondern von vielen mitten am Tag und sogar im öffentlichen Raum gelesen. Selbst in der U-Bahn hält mir mein Sitznachbar das barbusige Mädchen auf „BILD-Girl“ unter die Nase, während sein Blick klammheimlich meinen Brustumfang misst.

So kommt es, dass es sich für mich im Ausland viel respektabler als Französin navigiert. Das geht, denn ich bin in Frankreich aufgewachsen und beherrsche somit die Sprache. Dort drohen Freiern hohe Strafen, und nackte Frauen in der Tagespresse sind undenkbar.

Doch was ist mit all den anderen Frauen aus Deutschland? Dass diese Objektifizierung von jungen Frauen, wie sie in BILD stattfindet (und die zumeist mit der Unsichtbarkeit älterer Frauen einhergeht), nicht die Realität abbildet, sondern reine Männerphantasien, müssen wir (Frauen) meist einzeln im Rahmen einer Zurückweisung erklären. Oft bleibt der schale Verdacht, diese spezielle Frau sei eine Spielverderberin, eine Ausnahme. Es steht das Wort oder das Verhalten einer einzelnen gegen die Narration eines Massenmediums wie der BILD-Zeitung.

Zum Jahresanfang hat die BILD-Gruppe ihre Redaktionsspitze umstrukturiert. Statt Kai Diekmann führt nun Tanit Koch die Geschicke von BILD. Anzeichen dafür, dass sich am strukturellen Sexismus etwas ändert, gibt es bislang wenige. Die Pressemeldung zum Führungswechsel stimmt mich aber nach wie vor hoffnungsvoll. Dort heißt es, „Tanit Koch hat sich über viele Jahre hinweg überzeugend für die Aufgabe qualifiziert, Europas größte Tageszeitung journalistisch zu führen und neue Akzente zu setzen“.

In einem Interview Anfang April legte die frischgebackene Chefredakteurin KritikerInnen der BILD-Frauendarstellung indes erst mal nahe, „die Uffizien“ zu stürmen, um den Renaissancemaler Botticelli „für seine schlimmen Nacktbilder zu geißeln“. Im nächsten Atemzug nennt sie vier Frauen (Juhu, davon drei über 40!), die so erfolgreich sind, dass selbst BILD nicht daran vorbeikommt, sie bekleidet abzubilden, ihre Leistungen zu würdigen und ihre „Fuckability“ außer acht zu lassen.

 

Sehr geehrte Tanit Koch,

herzlichen Glückwunsch zu ihrem Aufstieg zur Chefredakteurin von BILD!

Wie wunderbar, dass mit Ihnen eine gebildete Frau diesen Posten innehat.

Sie wissen besser als ich, wie deutlich Medienbilder auf Sichtweisen, folglich auch auf Verhalten einwirken. Da Sie nun die größte Tageszeitung Europas leiten, die einen erstaunlichen, alt-machistischen Wunschtraum von… ja von wem eigentlich? propagiert, der wenig mit der Realität und rein gar nichts mit zeitgenössischen Identitätsmodellen zu tun hat, bitte ich Sie, Verantwortung zu übernehmen.

Ich wünsche mir, dass Sie genug Handlungsspielraum haben, um mit BILD dem Beispiel des Pirelli-Kalenders, des Satelliten Astra und vieler anderer medialer Institutionen zu folgen, die freiwillig den Sprung auf die Höhe unserer egalitären Zeit gewagt haben.

Bitte bilden Sie Frauen als (angezogene) gleichberechtigte Menschen ab und würdigen Sie deren Leistung losgelöst von Aussehen und Sexualität. Bitte machen Sie mit der BILD-ung von Menschen zu Sexismus und (Auto-)Sexualisierung Schluss! Wir wissen alle, dass es Männer gibt, die Frauen, die ihnen eine Abfuhr erteilen, verbal oder/und körperlich angreifen. Dass es vorkommt, dass Männer Frauen vergewaltigen, von denen sie sich sexuell provoziert fühlen. Es kann der Sicherheit von Frauen nicht zuträglich sein, noch bevor sie in Erscheinung treten als sexualisierte Objekte medial inszeniert zu werden.  

Ich hoffe und vertraue darauf, dass Sie diesen Gewalt-Generator der BILD abschalten. Unterstützen auch Sie die Abschaffung sexistischer Berichterstattung. Viele Leser und Leserinnen werden es ihnen danken.  

Ihre

Julia Thurnau

 


 

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