Eine Stadt lehnt sich auf — Maarat al-Numans Bewohner opponieren gegen Al-Qaeda Ableger

Der von Russland und den USA vermittelte „Waffenstillstand“ ist zwar brüchig, hat aber vorerst zu einem signifikanten Rückgang der Gewalt in Syrien geführt. Zwar geht damit bislang kein erkennbarer politischer Prozess einher, doch die syrische Zivilgesellschaft wird wieder sichtbar - indem sie sich den Jihadisten entgegenstellt.

Derzeit lohnt sich ein Blick auf Maarat al-Numan, eine von unterschiedlichen Oppositionsfraktionen kontrollierte Stadt im Nordwesten Syriens. Seit Anfang März spitzt sich dort ein Konflikt zwischen den Jihadisten des Al-Qaeda Ablegers Jabhat al-Nusra (JAN) und Anhängern der Freien Syrischen Armee (FSA) zu. Die Auseinandersetzungen lassen Rückschlüsse auf die Existenzbedingungen der Jihadisten JANs zu und zeigen, dass die sunnitische Opposition aus mehr besteht als lediglich dem IS und Islamisten.

Der Beginn des von Russland und den USA vermittelten „Waffenstillstands“, der zumindest zu einem signifikanten Rückgang der Gewalt in Syrien geführt hat, wurde von zivilen Demonstrationen begleitet. Die Proteste erinnerten unweigerlich an den Beginn des zivilen Aufstands im Jahr 2011. Die Flagge der syrischen Revolution dominierte die Versammlungen auf denen auch Frauen und Kinder nationale Einheit und Verbundenheit skandierten. Der relative Waffenstillstand geht bisher zwar mit keinem erkennbaren politischen Prozess einher, hat jedoch die syrische Zivilgesellschaft wieder sichtbar gemacht, die in der Berichterstattung westlicher Medien im Schatten von Islamisten jeglicher Couleur und vor allem des Islamischen Staates (IS) kaum noch wahrgenommen wurde.

In hunderten Städten gingen Menschen auf die Straße und forderten Freiheit und Gerechtigkeit. So auch in Maarat al-Numan. Kurze Zeit später tauchten vermummte Kämpfer Jabhat al-Nusras auf und provozierten Auseinandersetzungen mit Protestierenden, welche mit der äußerst populären 13. Division der FSA sympathisierten. In den folgenden Tagen ging JAN aggressiv gegen die Einheiten der FSA in Maarat al-Numan vor. Die Jihadisten besetzten Gebäude und „verhafteten“ zahlreiche Angehörige und Aktivisten. JANs Versuch, die syrisch-revolutinären Proteste zu kontrollieren, spornte weitere Demonstrationen an die bis zum jetzigen Zeitpunkt andauern. Hunderte Menschen versammelten sich am 14. März vor dem Nusra-Hauptquartier und forderten die Freilassung der Gefangenen. Wenig später wurde das Gefängnis erstürmt und niedergebrannt. Es folgten bewaffnete Zusammenstöße, gegenseitige Entführungen und einige Tage später setzten Demonstranten gar einen Checkpoint der Jihadisten in Brand. Geistliche, militärische und politische Autoritäten — darunter Führer der salafistischen Bewegung Ahrar al-Sham — verurteilten das Vorgehen Jabhat al-Nusras scharf. Interne Kämpfe zwischen Rebellen sind in Syrien keine Seltenheit. Was in Maarat al-Numan derzeit passiert ist jedoch aus zweierlei Gründen bemerkenswert:

  1. Der Widerstand wird von der Bevölkerung getragen
  2. Der allgemeine Rückgang von Gewalt geht mit Widerstand gegen die Präsenz der Jihadisten einher

Angesichts der Dauerbombardements durch das Assad-Regime, welches Unterstützung durch iranische  Kommandeure und Truppen, die libanesische Hezbollah, afghanische Söldner, schiitische Milizen aus dem Irak und jüngst Russlands Militärmacht erhält, konnten die oppositionellen Gruppen auf die militärische Schlagkraft der Jihadisten schlicht nicht verzichten. Jabhat al-Nusra verfügt zwar über lediglich 5-10.000 Kämpfer (In Relation zu rund 100.000 bewaffneten Oppositionellen), ist jedoch gut finanziert und ausgebildet. JAN kämpft in den größten Teilen des Landes gemeinsam mit anderen Gruppierungen und konnte durch Selbstmordanschläge und hohe Kampfmoral effektiv die Rolle von Spezialeinheiten übernehmen. Der seit Jahren andauernde Krieg, gekennzeichnet durch allgegenwärtige Gewalt, Vertreibung und Mangelversorgung, schuf ein Umfeld welches es selbst den unbeliebten Jihadisten ermöglichte, sich zu etablieren und strukturell zu verankern.

Aktuell scheinen die Jihadisten noch keine klare Strategie entwickelt zu haben um auf die mittlerweile gegen sie selbst gerichteten Proteste zu reagieren. Bisher setzten sie darauf, einerseits durch ihre Funktion als militärisch potenter Akteur Akzeptanz zu finden und sich andererseits als Garant für Sicherheit und Ordnung zu inszenieren. Im Herbst 2014 vertrieben sie unter dem Vorwand einer Kampagne gegen Korruption die von den USA unterstützte Syrische Revolutionäre Front (SF) aus Idlib. Wenige Tage zuvor hatten die USA mit ersten Luftschlägen begonnen und dabei neben Stellungen des IS auch ein Hauptquartier JANs bombadiert. Die Opposition fühlte sich ohnehin vom „Westen“ im Stich gelassen und viele Syrer protestierten gegen die Angriffe auf die Jihadisten.

Nun erodiert das Zweckbündnis angesichts jüngst abnehmender Gewalt jedoch zunehmend. Eine gewaltsame Niederschlagung der Proteste wird zu noch größerem Unmut sowohl in der Bevölkerung als auch der übrigen bewaffneten Opposition führen. Jabhat al-Nusras Antwort, wie auch immer sie aussehen mag, wird nicht lange auf sich warten lassen. Eine Erkenntnis die fast trivial erscheint, lässt sich bereits jetzt festhalten: Die Existenz von Extremismus ist auch im Fall Syriens eine Folge von Gewalt und Perspektivlosigkeit. Die Spirale ist jedoch nicht unumkehrbar. Eine Eindämmung der Gewalt vermag es, die moderate Zivilgesellschaft und Opposition zu stärken.

 

 


 

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