Pegida ist kein Sonderfall: Sachsen und die rechte europäische Identität

Vermeintlich spezifisch ostdeutsche Perspektiven, die Angst vor dem Fremden und die Skepsis gegenüber der EU, sind in Wahrheit Bestandteil europäischer Diskurse. Doch schließt ein Ja zu einem offenen, vereintem Europa, zur Aufnahme von Flüchtlingen ein Bekenntnis zu unseren kulturellen Werten aus? Für Jan Schenkenberger ist gerade die Kombination zwischen den Werten der Aufklärung und Mitmenschlichkeit der Kern der europäischen Idee.

In den letzten Wochen musste man sich als Sachse einiges anhören: „Zentrum der Fremdenfeindlichkeit“, „Schandfleck“ und zahlreiche ähnliche Bezeichnungen, die nicht wesentlich freundlicher waren. Sie schmerzen, und sie schmerzen offenbar umso mehr, als sie auf eine ganz einfache Unterscheidung abzielen: Hier sind wir, die guten, die „schon immer richtigen Deutschen“ (Pispers), die Wessis – und dort seid ihr, die dunkeldeutschen Nazis. Es scheint fast so, als habe der provinziell-beschränkte, doch stets sächselnde Kleinbürger aus dem Osten eine Fortsetzung gefunden, die sich zwar nicht mehr so gut auslachen lässt, die aber deshalb noch lange nicht angenehmer geworden ist.

Da ist das Bedürfnis nach einer Ehrenrettung verständlich – und natürlich ist sie ein Stück weit geboten. So wenig, wie die Sachsen es in den 90er Jahren verdienten, dass das halbe Land über sie lachte, haben sie jetzt verdient, dass das ganze Land mit dem Finger auf sie zeigt. Sachsen haben vieles, worauf sie stolz sein können. Natürlich haben sie eine eigene, eine positive Identität, und natürlich bewegt sich diese Identität im Rahmen einer klassisch europäischen Tradition.

Aber wenn Tradition hier das Stichwort ist, dann ist dieses Wort auch in Bezug auf Dresden doppelsinnig zu verstehen. Schon das von Uwe Tellkamp beschriebene Dresdner Bürgertum wird als „Schallplatte mit Sprung“ charakterisiert, das heißt als eine Welt, die vor allem um sich selbst kreist und dabei immer wieder an derselben Stelle hängenbleibt. Das ist nicht nur ein treffendes Bild für die stets wiederkehrenden Spaziergänger von Pegida, es zeugt auch von einer gewissen Enge des Horizonts. Eine Enge, die viele Bürgerrechtler in der DDR als besonders bedrückend erlebten. Freya Klier schrieb vor etwas über fünf Jahren für die Welt über die „Heuchelei der Linken“, über das Misstrauen gegenüber jeglicher Normabweichung und den Schulterschluss einstiger DDR-Eliten mit den rechtsradikalen Republikanern. Auch das ist eine Identität, die Tradition hat.

Ich habe es immer als kindisch empfunden, sich – was wir Wessis ja angeblich alle tun – von deutscher Kulturgeschichte zu distanzieren. Es ist doch klar: Was wir sind, sind wir aufgrund unserer sozialen und kulturellen Prägung, wir sind es aufgrund unserer deutschen Kulturgeschichte. Und natürlich ist diese ohne den europäischen Hintergrund überhaupt nicht denkbar.

Aber heißt das, dass wir diese Tradition kritiklos bejahen müssen? Oder liegt nicht gerade hier die Aufgabe: eine kritische Aneignung unseres kulturellen Erbes? Dazu gehört auch das Eingeständnis, dass – jawohl – Philosophen wie Nietzsche Wegbereiter des Nationalsozialismus waren, auch wenn sie dessen Wege selbst nie gegangen wären. Andere, wie beispielsweise Hegel, boten dem Faschismus in ihrer Verehrung absoluter politischer Macht wichtige Anknüpfungspunkte. Mussolini bezeichnete sich als Hegelianer und den totalitären, faschistischen Staat als ethischen Staat im Sinne Hegels. Nietzsches Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus ist berühmt, und auch sie geschah nicht ohne Grund, wie schon Zeitgenossen feststellten. Auch der Dresdner Viktor Klemperer zog eine direkte Parallele zwischen der Romantik und dem Nationalsozialismus – und sah in der Sprache (und damit auch dem Denkhorizont) der DDR eine unmittelbare Fortführung der Sprache des Dritten Reiches.

 

Nicht umsonst blieb das Dresdner Bürgertum eine weitgehend abgeschnittene Insel. Derartige Biotope haben die Eigenart, dass sie Vergangenheit bewahren – aber auch zu bisweilen eigenwilligen Lebensformen verändern. Das muss nicht schlecht sein, aber man sollte diese Abgeschnittenheit nicht als unvergleichlich große Tiefe missverstehen.

 

Das alles wurde so in der DDR natürlich nicht gelehrt, denn es hätte direkt ins Herz des sozialistischen Selbstverständnisses getroffen. Man war antifaschistisch. Man ging nicht von Hitler, man ging von Marx und Hegel aus. Dass die Linkshegelianer mehrheitlich überzeugte Antisemiten waren – Marx nicht ausgenommen –, dass überhaupt die Entstehungsgeschichte des Faschismus über Mussolini und Sorel direkt an Marx anknüpfte (in der Tat war Mussolini zunächst Kommunist gewesen): daran wollte man lieber nicht erinnert werden.

Liberale Werte konnten so gar nicht, bürgerliche Werte nur unter ständigem Selbstbetrug gedeihen. Nicht umsonst blieb das Dresdner Bürgertum eine weitgehend abgeschnittene Insel. Derartige Biotope haben die Eigenart, dass sie Vergangenheit bewahren – aber auch zu bisweilen eigenwilligen Lebensformen verändern. Das muss nicht schlecht sein, aber man sollte diese Abgeschnittenheit nicht als unvergleichlich große Tiefe missverstehen. Jedenfalls nicht dann, wenn sie vor allem auf der konsequenten Ignoranz kulturhistorischer Zusammenhänge beruht.

Zu den Zusammenhängen gehört aber auch: So ganz abgeschieden ist Dresden auch in seinen Sonderwegen nie gewesen. Auch Pegida ist kein Sonderfall. Der Dresdner CDU-Politiker Maximilian Krah verwies kürzlich in einem Artikel für die Sächsische Zeitung auf die große Zustimmung und das positive Bild Dresdens, das er besonders in Prag, Bratislava und Moskau vermittelt bekomme. Doch muss man sich fragen, wer ihm dieses positive Bild übermittelt – das hat ja auch immer etwas mit dem Umfeld zu tun, in dem man sich bewegt. Und gerade in vielen osteuropäischen Staaten ist zu beobachten, wie sehr das demokratische Gesellschaftsmodell in die Defensive geraten ist. In Tschechien haben wir einen Staatspräsident, der unter anderem ein offener Verfechter ethnischer Säuberungen ist. Der ungarische Ministerpräsident kommt ursprünglich aus der kommunistischen Bewegung, hat demokratische Grundrechte mittlerweile stark eingeschränkt und schlägt immer wieder nationalistische, großungarische Töne an. Dabei arbeitet er auch mit der neofaschistischen Jobbik zusammen. Und was soll man zu Moskau sagen? Der „lupenreine Demokrat“ Gerhard Schröders unterstützt rechtspopulistische Bewegungen in ganz Europa. Er missachtet die territoriale Integrität seiner Nachbarländer Georgien und Ukraine. Auch er selbst steht für ein autoritäres Regime mit nationalistischen Tendenzen. Es ist kein Zufall, wenn in Russland eine breite rechte Subkultur existiert und diese gesellschaftlich akzeptiert ist – ganz anders als etwa Homosexuelle oder liberale Demokraten, denn die sind ja Teufelszeug.

Es mag sein, dass so die Zukunft Europas aussieht. Aber diese Zukunft hat nichts mehr mit dem ursprünglichen europäischen Projekt zu tun. Es hat auch nichts mit der christdemokratischen Idee der europäischen Einigung zu tun, wie Angela Merkel sie vertritt – und wie sie vor ihr alle Bundeskanzler vertreten haben. Denn „die Verneinung des Nationalen“, die sich für Merkels Kritiker in ihrer Flüchtlingspolitik manifestiert, ist nicht die durchgeknallte Idee einer Bundeskanzlerin, die, getrieben von den Linken, von den Grünen und ihrer eigenen Verrücktheit Europa zu ihrem Experimentierfeld gemacht hat. Schon Konrad Adenauer wusste, dass die Zeit der klassischen Nationalstaaten vorbei war. Schon er strebte deshalb den Aufbau einer europäischen Föderation an. Dieses Ziel war auch nie ein deutscher Sonderweg. Alcide De Gasperi, einer der Gründerväter des europäischen Einigungsprojekts, sagte vor dem italienischen Senat: „Welche Idee […] über die Zukunft Europas, die Zukunft der Welt, welche Idee von Sicherheit und Frieden sollen wir unserer Jugend geben, wenn nicht diese Idee der europäischen Einigung? Wäre Ihnen die Idee der Diktatur lieber, die Idee der Macht, der Nationalflagge – und sei er von Heldenmut begleitet? Dann würden wir nur aufs Neue jenen Konflikt schaffen, der unausweichlich zum Kriege führt. Ich sage Ihnen: die Idee der europäischen Einigung ist die Idee des Friedens.“

Ja: das ist ein Bruch in der europäischen Kulturgeschichte. Aber die Einsicht in die Notwendigkeit dieses Bruches war die zentrale Errungenschaft konservativer – das ist: bewahrender – europäischer Politik. Bewahrend, weil es hier um die Verteidigung einer offenen und liberalen Gesellschaft gegen totalitäre und nationalistische Ideen, um die Erhaltung von Frieden und Wohlstand in Europa geht. Aber auch, weil die Fundamente der europäischen Gesellschaft nicht nur demokratisch sind – im Sinne der französischen Aufklärung – sondern: christlich. Und das heißt: orientiert an den Idealen der Nächsten- und Feindesliebe.

Wir stehen heute vor einer Fluchtbewegung nie gekannten Ausmaßes – sicher ist das richtig. Wer ehrlich ist, wird zugeben müssen: Die Fluchtursachen lassen sich auf die Schnelle nicht beheben, eine Eindämmung der Flüchtlingsströme über bilaterale Verträge mit instabilen Nachbarländern der EU wird das Problem auch nicht lösen – es verlagert es nur hinter eine Grenze, hinter der wir die Menschen nicht mehr in unserem Vorgarten sterben sehen. Das mag manchem ausreichen. Aber: Ist es christlich?

Nicht umsonst kennt das Christentum keine Grenzen. „Liebe den Andern, denn er ist wie Du“ – so übersetzt Hermann Cohen jenes christliche Grundgebot der Nächstenliebe. Eine Zumutung! Eine Zumutung für alle, die auf Ab- und Ausgrenzung setzen, für all jene, die sich – wie Alexander Gauland – „von Kinderaugen nicht erpressen lassen“ wollen. Doch man muss kein Christ sein, um diese Haltung zu verstehen. Es genügt, Mensch zu sein und auf dem Boden deutscher Kultur und Tradition zu stehen. Denn dort findet sich auch Kants Forderung, den Mitmenschen zu achten. Vor allem aber findet sich hier Herders Forderung nach Humanität: „Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts; er ist uns aber nur in Anlagen angeboren und muß uns eigentlich angebildet werden. […] Die Bildung zu ihr ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken […] zur […] Brutalität zurück.“ Herder lässt keinen Zweifel daran: Wenn wir unsere Humanität aufgeben, geben wir mit ihr unsere Menschlichkeit auf. Es bleibt „die bittere und harte Entschlossenheit eines […] Willens, der auf seine Verachtung des Glücks, der Vernunft und des Mitgefühls stolz ist“ (Karl Löwith).

In Dresden, in Sachsen, in jedem einzelnen von uns steckt mehr als diese brutale Form geistiger Verwahrlosung. Unsere kulturelle Tradition und Identität lässt daran ebensowenig Zweifel wie die einfache Tatsache unserer Menschlichkeit. Leben und handeln wir entsprechend!

 

 


 

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