An der Front: Europäer im Kampf gegen ISIS

| 24.03.2016 | 4 Kommentare

Hunderte Freiwillige aus Europa kämpfen mit den Kurden gegen ISIS. Nach den Brüsseler Anschlägen dürften es mehr werden. Der Journalist Itai Anghel hat sie besucht. Handelt es sich um wohlstandssaturierte Verrückte auf der Suche nach dem besonderen Kick oder eine moderne Form der Internationalen Brigaden?

„Ich bin hierher gekommen um den Islamischen Staat zu bekämpfen, denn wenn es uns nicht gelingt, seine Kämpfer hier in Syrien aufzuhalten, dann kommen sie zu uns.“ Das sagte Jesper Söder, ein schwedischer Lehrer, dem israelischen Dokumentarfilmer Itai Anghel während dessen Dreharbeiten am Rande des Kampfgebietes im Winter 2015.

Söder ist einer von mehreren Hundert Freiwilligen aus Europa und der ganzen Welt, die sich entschlossen haben, sich dem Kampf der kurdischen Guerilla gegen ISIS in Syrien und dem Irak anzuschließen. Nach den Brüsseler Anschlägen dürften es mehr werden.

Itai Anghel, einer der prominentesten Journalisten Israels und für seine intensiven Recherchen an den gefährlichsten Orten der Welt international bekannt, hat sie begleitet. Anghel, der in Israel feindlichen Ländern stets seine Identität geheim hält und sämtliche Gewerke alleine übernimmt, gelang es zuvor, zu Fuss über die Türkei nach Syrien zu reisen.

Er nimmt uns mit auf eine Reise vom 2015 befreiten Kobanê ins Kampfgebiet am Euphrat. Im Norden Syriens kontrollieren die Kurden inzwischen ein zusammenhängendes Gebiet von rund 400 Kilometern und haben eine halbautonome Region ausgerufen. In den Reihen ihrer Miliz, der Volksverteidigungseinheiten (YPG), nehmen Frauen eine zentrale Rolle ein. Denn die Islamisten fürchten, so erzählen es die YPG-Kämpferinnen, ihnen bliebe der Zugang zum Himmel verwehrt, wenn sie von Frauen getötet werden.

Und schließlich finden sich eine Reihe von Ausländern unter den Milizionären. Anghel dazu:

Man könnte sie ganz zynisch abtun als eine Horde Verrückter, die auf der Suche nach dem besonderen Kick in ihrem Leben sind. Schließlich ist das nicht ihr Krieg. Andererseits gibt es ein paar Beispiele in der Geschichte, in denen Menschen für ihre Werte und Ideologien gekämpft haben, unabhängig davon, ob die Dinge in ihrem Land oder in einem fernen Fleck der Erde passierten. Das beste Beispiel ist der spanische Bürgerkrieg, als zehntausende Bürger verschiedenster Staaten als Freiwillige der Internationalen Brigaden mit den Republikanern gegen Francos Faschisten kämpften. Ernest Hemingway verewigte ihren Kampf, der auch seiner war, in seinem Meisterwerk ‚Wem die Stunde schlägt’.

In Syrien kämpfen zur Zeit einige hundert Freiwillige mit den kurdischen Guerillas. Einen Hemingway, der für eine vergleichbare Glorifizierung sorgen würde, gibt es unter ihnen nicht. Doch vielleicht wird man sich eines Tages an sie erinnern. Als eine besondere Gruppe von Menschen, die sich entschloss, ihre sichere persönliche Zukunft aufzugeben, um diejenigen zu unterstützen, die gegen ISIS kämpften, während die ganze Welt aus der Ferne zusah und nichts gegen die Grausamkeiten in Syrien unternahm.

 

Carta zeigt den von Anghel für den Israelischen Fernsehsender „Channel 2“ produzierten 15-minütigen Film, der am Ende auch die problematische Rolle der Türkei und ihre Zusammenarbeit mit Israel thematisiert. Der Film (in Hebräisch, hier mit englischen Untertiteln) wurde in Israel vor zwei Monaten ausgestrahlt.

 

 

 


 

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