Fehlende Verschlüsselung: Das Managementversagen in den Medienhäusern

Informationen vertraulich erhalten zu können, zählt zum Kerngeschäft einer Redaktion. Theoretisch. Praktisch versagt in Deutschlands Redaktionen und Medienhäusern das Management.

Am letzten Wochenende beklagte der Journalist Holger Stark vom SPIEGEL auf einer Veranstaltung in Berlin mal wieder das Leid: Die Mehrzahl seiner Kolleginnen und Kollegen verschlüsselt nicht ihre Kommunikation. Und gefährdet so ihre Quellen. Mir geht die Litanei auf die Nerven. Denn neben dem üblichen Beklagen wird fast nie gefragt: Wer ist schuld? Warum ändert sich nichts? Ist es ein strukturelles Problem?

Meines Erachtens müssen alle Redaktionen und Medienhäuser standardmäßig ihre gesamte Kommunikation verschlüsseln. Wenn das nicht geschieht, hat das Management versagt. Dann sagt das Management: Wir arbeiten nicht mit Quellen. Oder: Der Schutz unserer Quellen ist uns egal. Welcher BMW-Ingenieur ist selbst dafür verantwortlich, dass seine Kommunikation vor Industriespionage geschützt wird? Ich habe schon als Entschuldigung in Redaktionen gehört: Unser Investigativ-Team, die verschlüsseln. Aha, der Rest arbeitet wohl ohne Quellen.

Informationen vertraulich erhalten zu können, zählt zum Kerngeschäft einer Redaktion. Natürlich gibt es keine absolute Sicherheit. Aber alles Mögliche muss getan werden, um so viel Sicherheit wie möglich zu erreichen.

Dass das Management versagt, ist ethisch auf der Hand liegend. Viel schwieriger erscheint mir die ethische Konsequenz für die einzelnen Journalisten. Kann ich als Journalist verantworten, für einen Arbeitgeber tätig zu sein, dem ethische Standards egal sind? Wie muss ein Mitarbeiter in einem Restaurant reagieren, wenn er weiß, dass es dem Arbeitgeber egal ist, ob sich die Kollegen die Hände waschen? Wenn sie sich alle nicht die Hände waschen, den Kunden verdrecktes Essen geben und damit rechnen müssen, dass Kunden davon krank werden? Kann ich länger in einem solchen Restaurant arbeiten?

Wir leben im Jahr 2016. Spätestens im Jahr 2013 sollte jeder die Risiken nicht verschlüsselter Kommunikation dank Edward Snowden kapiert haben. Es geht ja nicht gleich um die NSA. Es gibt viele andere, die Emails mitlesen wollen. Kriminelle, Konkurrenten, neugierige Nachbarn. Bitte macht die Hausaufgaben.

 

 


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