Richard Collins: ARD & ZDF Gebührengelder abnehmen und an Blogger verteilen?

Der britische Wissenschaftler Richard Collins schlägt vor, Gebührengelder von ARD und ZDF abzuziehen, um Zeitungen, Online-Angebote und Blogger zu fördern. Das Internet stelle die herausragende Position der Rundfunkanstalten in Frage.


Richard Collins ist hierzulande eine Art Papst in Sachen“public value“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Der britische Medienwissenschaftler ist damit zugleich erster Übermittler der Diskussionen um die Zukunft der BBC. In einem Essay für die Bundeszentrale für politische Bildung schrieb er kürzlich: Das Internet stelle die Größe der BBC und ihre herausragende Stellung in Frage. Mit ihrer üppigen, abgesichterten Finanzierung stünde die Anstalt zunehmend „im Missverhältnis zu ihren schwindenden Rivalen„. Collins hätte auch schreiben können: In einem offenen Mediensystem ist es zunehmend zweckfremd, dass eine Organisation Gebührengelder erhält und alle anderen nicht.

In einem Interview mit der Fachzeitschrift „epd medien“ (geführt von Daniel Bouhs), das am Samstag erschien,  hat sich Collins nun konkret dafür ausgesprochen, Gebührengelder von ARD und ZDF abzuziehen, um Zeitungen, Online-Angebote und Blogger zu fördern:

Wir müssen darüber nachdenken, ob es mit der wachsenden Bedeutung des Internets nicht an der Zeit ist, dem gebührenfinanzierten Rundfunk etwas Geld abzunehmen, um es denen zu geben, die andere Qualitätsinhalte liefern, die aber mindestens genauso, wenn nicht sogar deutlich stärker bedroht sind als die Sender. Und ich sehe keinen Grund, Zeitungen und Internetredaktionen von öffentlichen Geldern auszuschießen.

Auf die Nachfrage, wer die Entscheidung über diese Gelder treffen solle, sagt Collins:

Dafür bräuchten wir eine unabhängige Kommission, die Bewerbungen sichtet und guten Projekten für eine  gewisse Laufzeit Geld zuspricht. Zu klären wäre etwa, welche Inhalte der Gesellschaft zu welcher Zeit dienen und welches Medium dabei das effektivste ist. Das Prinzip der Ausschreibung würde nicht zuletzt auch der Qualitätssicherung dienen: Dann könnte sich keiner auf den Gebühren ausruhen. Er müsste nämlich befürchten, sie bald wieder zu verlieren. Wir kämen zu einem Wettbewerb der besten Inhalte. Die finden sich ja manchmal auch in Weblogs.

asdf

Collins: "Dem gebührenfinanzierten Rundfunk etwas Geld abnehmen"

Collins will die Rundfunkgebühr folglich zu einer Art Kulturförderung für guten Journalismus umbauen. Eine Kommission soll Gelder auf Zeit vergeben — etwa nach Art der Bundeskulturstiftung.

Sein Vorschlag besteht aus zwei Teilen: Erstens spricht Collins sich dafür aus, angesichts der Verschiebungen im Mediensystem ARD und ZDF „Geld abzunehmen“. Zweitens möchte er die Mittel dann in eine medienübergreifende Förderung von Qualitätsjournalismus stecken.

Beim ersten Punkt kann man Collins nur voll beipflichten. Wenn die Bedeutung des Fernsehens sinkt, müssen auch die gesellschaftlichen Ausgaben für die Produktion von Fernsehinhalten sinken. Mit der steigenden Bedeutung des Internets wird das Mediensystem multipolar und zugangsoffen. In einem solchen Umfeld ist es anachronistisch und unausgewogen, wenn zwei Anbieter gefördert werden und alle anderen nicht. Die Privilegierung von ARD und ZDF und die Höhe ihrer Mittel stehen im Missverhältnis zu den qualitätsjournalistischen und meinungsbildenden Leistungen, die im Netz auch an vielen anderen Orten gemacht werden. Deshalb gehört die Alimentierung von ARD und ZDF reformiert und insgesamt gesenkt.

So deutlich hat das in diesem Land noch niemand öffentlich gesagt. Schon gar nicht ein ehemaliger Keynote-Speaker einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Punkt zwei des Vorschlags ist hingegen zwiespältiger zu sehen. Collins möchte einen gebührenfinanzierten Fonds für Qualitätsjournalismus aufsetzen, dessen Mittel von einer Kommission verteilt werden.

Hieran knüpft sich an ganzes Bündel von Fragen: Ist es wirklich erstrebenswert, Journalismus langfristig durch eine Mediensteuer und Kommissionsentscheidungen zu finanzieren? Ist die Begründung, mit der das zunehmend entgrenzte Phänomen Journalismus um gesellschaftliche Finanzierung wirbt, wirklich stichhaltig? Wer entscheidet, was fördergerecht ist, und auf welcher Grundlage? Und wie wird verhindert, dass die Mittel der Kommission den Wettbewerb nicht unfair verzerren?

Hier sind erhebliche Zweifel angebracht, auch wenn man als Journalist und Blogger aus Eigeninteresse sofort dafür sein müsste. Ich bin der Meinung, dass es eine Nachfrage nach gutem Journalismus gibt und dass es marktwirtschaftliche Lösungen geben wird, diesen auch im Internet zu finanzieren.

Es ist kein Grund ersichtlich, warum Journalismus und hochwertige Meinungsbildung im Netz nicht florieren sollten. Die derzeitige Umstruktierungskrise sollte darüber nicht hinwegtäuschen. Möglicherweise verliert der Journalismus einige Funktionen andere Institutionen. Das aber wäre nicht in jedem Fall schlecht.

Der autoritäre Kommissions-Elitismus aber, der bestimmt, was genutzt und gefördert werden soll, bekommt mit dem Internet ein großes Legitmationsproblem. Es erscheint daher eher zeitgemäß, die Mediengebühr zu senken, und eine Infrastruktur zu pflegen, die für einen offenen, fairen und transparenten Wettbewerb sorgt.

Die Beunruhigung der Rundfunkanstalten aber angesichts des Internets dürfte durch die Äußerungen von Richard Collins eher noch gestiegen sein. Nicht ohne Grund. Auch von ihnen ist nun Wandlungsfähigkeit gefragt.

Hier das komplette Interview mit Richard Collins:

Wettbewerb der besten Inhalte“ (epd Medien)