Wer Angst verleugnet, betrügt sich selbst

Die Pfefferspray- und Waffen-Hersteller haben Konjunktur, Angst breitet sich aus und mit ihr das hässliche Gesicht des entfesselten Kleinbürgers. Vergleiche mit Weimar sind fehl am Platz. Aber die Ängste der Bürger sollten in Politik und Medien mehr Beachtung finden.

Angst breitet sich hier zu Lande aus. Die Pfefferspray- und Waffen-Hersteller erleben eine unverhoffte Konjunktur. Forsa und Allensbach notieren einen Einbruch in der lange anhaltenden deutschen Grundstimmung von Zuversicht. Die Angst erfasst ganz unterschiedliche Gruppen. Mein Freund Ibrahim Evsan, dessen Optimismus ich gelegentlich anstrengend fand, lässt sich durch Bemerkungen zweier junger erklärter AfD-Wähler in seiner Bäckerei erschrecken und berichtet von Anfeindungen, die ausländische Freunde erfahren. Es scheint mir, als hätte Ibrahim erst gestern und nicht vor einigen Wochen seine deutsche Einbürgerungsurkunde stolz ins Netz gestellt. Nun erklärt der erfolgreiche Social-Media-Unternehmer, kaum noch Sozial Media nutzen zu mögen. Was hattest Du erwartet, Ibrahim? Dagegen wirkt ein jüdischer Freund noch umsichtig, der mir in einem langen Telefonat darlegt, dass er nach den Wahlen des Jahres 2017 in Deutschland und Frankreich über seine Zukunft entscheiden werde. Er wisse sehr wohl, dass er in seinem Alter bei einem Neustart nicht unbedingt mit offenen Armen empfangen werde. Was geschieht in der Mitte Europas, wenn Juden aus Frankreich ihre Heimat verlassen und Deutsche darüber nachdenken?

Navid Kermani – und da bleibt er eine Ausnahme – scheut sich nicht, für seine Reportagen in gefährlichen Regionen zu recherchieren. In seinem großen SPIEGEL-Interview nach den Kölner Frauen-Jagden (Spiegel 4/2016, nachzulesen bei blendle.com) sagt er, der die Angst kennt: „Wenn das je­man­dem kei­ne Angst macht, wür­de ich gern wis­sen, in was für ei­ner Welt der lebt. Fast eine Mil­li­on Ein­wan­de­rer in ei­nem hal­ben Jahr, das sind echt vie­le.“ Es ist der Angst eigen, dass sie sich einem rationalen Zugriff entzieht. „Wir riechen die Gefahr“, sagte mir kürzlich ein junger Jude, „nur dass mein Urgroßvater seinem Geruchssinn nicht gefolgt ist.“ Es gibt Ängste, die man spürt, aber nicht versteht. Wer sie verleugnet, betrügt sich selbst.

Denn es gibt ausreichend Grund, sich zu fürchten. Wenn man einmal von dem durch den Ungehorsam eines russischen Radaroffiziers verhinderten Atomkrieg im Jahre 1983 absieht, war der europäische Kontinent in der Nachkriegszeit nie gefährdeter als heute. Dazu gehört die Rückkehr osteuropäischer Staaten zu autoritären Staatsmodellen, ohne dass die EU das zu verhindern mag; die nicht mehr auszuschließende Wahl Le Pens zur Staatspräsidentin Frankreichs. Die mögliche Entscheidung des britischen Volkes, die EU zu verlassen. Die anhaltende Bedrohung der Ukraine durch Russland. Die Separatisten in Spanien. Die Krise in Griechenland. Die anhaltende Euro-Krise. Die zunehmende Neigung, sich national abzuschotten. Nicht zuletzt der islamistische Terror. Die begonnene Völkerwanderung wird angesichts eines neuen „dreißigjährigen Krieges“ im Nahen Osten nicht nachlassen. Joschka Fischer hat die Dramatik dieser Situation in einem Essay der Süddeutschen Zeitung präzise zusammen gefasst und warnt zu Recht vor einem möglich gewordenen Suizid Europas.

Hinzu kommt, dass viele Bürger trotz hervorragender Beschäftigungsquoten die wirtschaftlichen Gefahren spüren. Die Sparer, meist diejenigen mit kleinem Einkommen, werden durch Niedrigstzinsen ein Stück enteignet. Und natürlich ahnt die Kaufhaus-Verkäuferin die Bedrohung ihres Arbeitsplatzes durch Amazon auch Zalando, auch oder gerade weil sie dort bestellt. Hunderttausende von Verwaltungsarbeitsplätzen werden in Industrie und Handel in nächster Zeit durch digitale Prozesse ersetzt werden. Dass durch die Digitalisierung neue Arbeitsplätze entstehen, mindert erst einmal die Furcht nicht. Kermani analysiert diesen Prozess sehr nüchtern: „Iden­ti­tät bil­det sich selbst im fried­li­chen Fall in Ab­gren­zung von an­de­ren her­aus. Und in Zei­ten gro­ßer Un­si­cher­heit oder so­zia­len Ab­stiegs ge­schieht das oft ge­nug eben nicht fried­lich. Die Viel­falt ist im­mer ge­fähr­det und, ja, auch ge­fähr­lich, das kann kip­pen. In dem Au­gen­blick, in dem Men­schen sich un­si­cher füh­len, Angst ent­wi­ckeln, kra­men sie ihre ver­meint­li­che Iden­ti­tät hervor und wen­den sie ge­gen die an­de­ren. Das ist fast ein na­tür­li­cher Vor­gang.“

Es ist in letzter Zeit ein wenig Mode geworden, Vergleiche mit den letzten Jahren der Weimarer Republik zu ziehen. Das mag das Ausmaß der Gefahr verdeutlichen, führt aber letztlich in die Irre. Die heutige Weltlage unterscheidet sich erfreulich von den Neunzehnhundertdreißiger Jahren: Die staatlichen Strukturen in den europäischen Kernstaaten sind intakt, in Italien werden sie sogar ein Stück reformiert. Die deutschen Traditionsmedien von BILD über ZEIT bis taz agieren weitgehend verantwortungsvoll, verlieren aber in Web-Zeiten an Relevanz. Deutschland hat eine Bundeskanzlerin, die – nach Ukraine und Euro-Krise – von Beginn der Flüchtlingskrise an deren strategische Dimension für Europa begriffen hat. Dass gerade ihre christsoziale Lebenspartnerin, die CSU, den Erfolg des Merkelschen Kurses – übrigens aus Angst – konterkariert und mindert, ist tragisch, lässt sich aber in einer Demokratie schwer vermeiden.

Zwei Schwächen der Regierung erleichtern die Ausbreitung der Angst. Er gelingt Merkel nicht und erst nicht ihrem Vizekanzler, ihre politischen Vorstellungen bürgernah und überzeugend zu kommunizieren. „Wir schaffen das“, reicht auf Dauer nicht. Und die Bundesregierung regiert schlechter, als man es von ihr erwarten darf. (Man muss unter diesen Bedingungen ja schon froh sein, dass die Flüchtlinge in Bayern und nicht in Berlin oder Nordrhein-Westfalen aufschlagen.) De Maizière ist nun mal kein Sturmflut erprobter Helmut Schmidt, der in Krisen Vertrauen zu schaffen verstand. So entsteht in der Öffentlichkeit zu oft der Eindruck von Hilflosigkeit, das verstärkt die Angst.

Im Nachkriegsdeutschland hat es immer wieder – gerade in Krisenzeiten – einen Zuspruch bis zu zehn Prozent für Rechtsradikale gegeben. Das hässliche Gesicht des entfesselten Kleinbürgers, das sich auf Pegida-Demonstrationen zeigt, war in diesem Ausmaß allerdings selten zu sehen. Gerade deshalb sollten die Ängste der Bürger mehr Beachtung bei denen in Politik und Medien finden, die keine einfachen Lösungen zu bieten haben. Denn es gibt sie nicht. Die deutsche Gesellschaft wird mit diesen Spannungen eine erhebliche Zeit zu leben haben. Vielleicht ist ein erster Schritte, Ängste anzuerkennen.

 


Möchten Sie regelmäßig über neue Texte und Debatten auf Carta informiert werden? Folgen (und unterstützen) Sie uns auf Facebook und Twitter.