Im Vergrößerungsglas der Medien

Für ihren Wahlkampf inszenieren sich die Kandidaten in den USA bis ins Groteske. Was sagt das über die Medien aus, die dieses Spiel vielfach widerspiegeln?

Kein Tag, an dem uns die Medien nicht Neues zum US-Wahlkampf servieren. Zuviel des Guten? Tatsächlich sind die medialen Kanäle – gedruckt wie digital, etabliert wie unkonventionell – für die allermeisten von uns die einzige Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben. Was passiert auf der anderen Seite des Atlantiks, wer sagt was im Kampf ums Weiße Haus, wann und zu wem? Wir erfahren über die Medien, was passiert. Dabei geht manchmal unter, dass auch umgekehrt gilt: Gerade im Wahlkampf wird erfahrbar, was dieser Tage mit den Medien passiert. Am deutlichsten zu erkennen (aber wahrlich nicht darauf beschränkt) ist dies im Land der unbegrenzten Möglichkeiten selbst:

Sensationalisierung

Die Sensationalisierung durch die Medien, in den USA immer schon groß, rotiert im Wahljahr in eine neue Dimension. Die menschgewordene Peinlichkeit Donald Trump wird überlebensgroß nur durch das Vergrößerungsglas der Presse. Jede seiner Absurditäten wäre genau nur das, nicht minder abstoßend, genauso falsch und genauso aufhetzerisch – aber vernommen von lediglich ein paar hundert Ohrenpaaren in der Provinz des Mittleren Westens, allenfalls am nächsten Tag noch einmal aufgewärmt in der Cedar Rapids Gazette, Auflage 40.000. Bei allem Stolz, den Iowa als erster Vorwahlstaat empfindet: Der letzte Schneefall und die Basketballmannschaft der Winnebago High School sind den Lesern der Gazette oder des Sioux City Journal in aller Regel dann doch wichtiger. Dank YouTube aber hat Trumps Rede in Fort Dodge, einem verschlafenen Städtchen im Herzen des Hawkeye State, mittlerweile beinahe 800.000 Klicks und über 5.500 Kommentare erzielt, Tendenz steigend. Fox, MSNBC, Washington Post, NPR, Slate und Breitbart: Das Rad dreht sich immer weiter, Trump goes viral. Ted Cruz will da nicht zurückstehen. Doch wie The Donald übertrumpfen, wie die Aufmerksamkeit der Massen vom Meister der Aufmerksamkeitsgenerierung weglenken? Trump, der Schwule, Muslime, Frauen, (ironischerweise auch) die Medien und einfach alles und jeden beleidigt, um im Gespräch zu bleiben? Cruz verlegt sich auf Macho-Populismus in seiner primitivsten Form und brät Speck auf dem Lauf einer halbautomatischen Waffe, deren Magazin er leerballert – kein Witz. Für Waffennarren, kernige texanische Fleischliebhaber und selbsternannte Patrioten ist Einiges geboten, und das schräge Machwerk kommt gut an: YouTube meldet über eine Million Klicks, 4.500 Kommentare, Tendenz steigend.

Doch stehen Showeinlagen à la Cruz nicht für die vielbeschworene Demokratisierung der Medien? Haben wir es nicht Massenportalen wie YouTube oder Vimeo zu verdanken, dass wir wissen, welches Gesicht Trump beim Lästern macht, welche Figur Bernie Sanders beim Volkstanz? Schließlich könnte jeder von uns sein eigenes Kunstwerk, ob rhetorischer oder motorischer Natur, hochladen. Nach derselben Logik wird gerne angeführt, welch egalisierenden Effekt die Blogosphäre auf uns hat. Jeder hat Zugang, jeder die Möglichkeit, eine eigene Plattform zu eröffnen, teilzunehmen. Doch die schiere Riesenzahl weltweiter Twitter Accounts – 320 Millionen Nutzer – sagt noch nichts darüber aus, wen und vor allem wie viele der einzelne Nutzer mit seiner Botschaft erreicht, und wie nachhaltig das Verhältnis zu anderen Nutzern ist (von Facebook-Freunden ganz zu schweigen). Für diejenigen mit der effektivsten Vernetzung und dem größten Geldbeutel ist das Netz noch etwas demokratischer als für alle anderen. Hillary Clintons Twitter Account rühmt sich stattlicher 5.23 Millionen Follower, und man darf davon ausgehen, dass Hillary persönlich nur selten zwitschert. Das übernimmt ein Mitarbeiterstab aus Social Media Spezialisten, der dafür sorgt, dass potenzielle WählerInnen im ganzen Land über Clinton (Profil: Ehefrau, Mutter, Großmutter, FLOTUS, Haarikone, begeisterte Trägerin von Hosenanzügen usw.) Bescheid wissen. Clinton, Sanders, Marco Rubio und alle übrigen haben allerdings noch einen weiten Weg vor sich, wenn sie es Obama gleich tun wollen, der seit 2007 knapp 69 Millionen Follower angesammelt hat – statistisch gesehen also mehr als jeder vierte Mensch, der Twitter nutzt.

Industrialisierung

Diese Industrialisierung durch die Medien – im Sinne massenhafter Vernetzung und Normierung der Konsumenten – ist atemberaubend, Twitter nur ein Beispiel. Auch die hiermit verbundenen Gewinnspannen haben längst industrielle Ausmaße: Das Vermögen Jack Dorseys, der den Kurznachrichtendienst vor nicht einmal einer Dekade gründete, wird auf 2.3 Milliarden Dollar geschätzt. Dabei ist Dorsey, Jahrgang 1976, jemand, der als einst jugendlicher Tüftler und unkonventioneller Programmierer den amerikanischen Traum verkörpert und sich sein Medienimperium aus eigener Kraft aufgebaut hat. Konventioneller geht es etwa beim tendenziell linksliberalen Sender MSNBC zu. Freilich ist auch hier die Verbindung zur Industrie allgegenwärtig: MS steht für Microsoft.

Unter die Rubrik Industrialisierung fällt auch die Inszenierung des TV-Debattenreigens (gleich ob bei NBC, CNN oder Fox) bei Republikanern und Demokraten. Diese gut geölte Maschinerie ist streng entlang der Fähigkeiten der Konsumenten (genau so werden die Zuschauer von denjenigen bezeichnet, welche in den Fernsehstudios Regie führen) organisiert: Die einzelnen Wortbeiträge der KandidatInnen sind im Schnitt nicht länger als 8 Sekunden. Das entspricht der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsspanne des Menschen im 21. Jahrhundert (ein Goldfisch schafft 9 Sekunden). Soweit eine Studie, die ausgerechnet der Software-Konzern Microsoft durchgeführt hat; demnach geht unsere Konzentrationsschwäche u.a. auf starke Smartphone- und Social Media Nutzung zurück. Um den Zuschauer (hier bewusst genau so bezeichnet) bei der Stange zu halten, setzen die Medien folglich auf: Sensationalisierung. So schließt sich der Kreis.

Inthronisierung

Zu Beginn des Jahres 2016 gibt es allerdings noch einen zusätzlichen Looping, der eng mit einem Multimilliardär aus New York verknüpft ist, der sich für einen guten Präsidenten hielte. Sein Name ist – Michael Bloomberg. Dessen lautes Sinnieren über eine Kandidatur als Unabhängiger, sollte Trump auch Anfang März noch im Rennen sein, klingt zunächst nach einem willkommenen Rettungsanker für den guten Ruf der US-amerikanischen Demokratie, den der andere Milliardär doch arg strapaziert. Falsch: Bloomberg steht für die Inthronisierung der Medien, genauer ihren Versuch der Selbstkrönung. Konkret hieße das: Bloomberg als Chef des gigantischen Medienkonzerns Bloomberg L.P. lässt seine Haussender live über das eigene Rennen um das höchste Amt im Staate und womöglich seine Amtsführung berichten. Die Vierte Gewalt verschmilzt mit der zweiten Gewalt, der Exekutive, sie konsumiert sie geradezu. Bleibt zu hoffen, dass weder die US-Amerikaner noch wir Deutschen diese Neuigkeit serviert bekommen. Magenkrämpfe wären garantiert.

 


Im Dossier #Election2016 wird sich Carta in den kommenden Monaten mit den Kandidaten, Kampagnen und Konzepten von Demokraten und Republikanern beschäftigen. Wohin bewegen sich die Vereinigten Staaten von Amerika? Und welche Rolle wird Europa, wird Deutschland zukünftig spielen?

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