Neujahr 2016. Eine Nacht. Zwei Geschichten

Was in Köln passiert ist, ist ungeheuerlich. Es muss darüber berichtet werden, und es muss aufgeklärt werden, was passiert ist. Andere alltägliche, aber in diesen Zeiten nicht selbstverständliche Geschichten hingegen wären auch der Berichterstattung wert. Wenn die Medien jene Menschlichkeit, die sie immer wieder bemühen, nicht vermissen ließen.

 

Wenige Minuten ist das Jahr 2016 erst alt. Die Menschen feiern überall in Deutschland. Der Münchner Hauptbahnhof ist gerade evakuiert worden. Terrorgefahr. Vor dem Kölner Hauptbahnhof wird weiter gefeiert. Unbemerkt werden mindestens 60 Frauen während der Feierlichkeiten sexuell belästigt, vergewaltigt und ausgeraubt. Nach derzeitigem Kenntnisstand sind die Täter vor allem nordafrikanischer und arabischer Abstammung. Die grausamen Taten, die der breiten Öffentlichkeit erst an den folgenden Tagen bekannt werden, befeuern einen längst schon aus den Fugen geratenen Diskurs über die so genannte „Flüchtlingsfrage“. Die Ereignisse sind Wasser auf die Mühlen der paranoiden Panikmacher von rechts, aber auch auf die einer besorgten Bürgerschaft, die zwar für Humanität einstehen möchte, sich aber überfordert fühlt angesichts der eklatanten kulturellen Unterschiede.

Der Justizminister und weitere führende Politiker verurteilen die Tat, die mit aller „Härte des Gesetzes“ aufgeklärt werden müsse. Auch sind sie bemüht zu betonen, dass die Täter unabhängig von Religion und Herkunft zu verfolgen seien und vorschnelle Schlüsse zur Flüchtlingsproblematik nicht gezogen werden sollten. In den sozialen Netzwerken ist dies längst geschehen. Hetzkommentare unter den Leitartikeln der großen Medien. Während dieser Artikel verfasst wird, sind die Ereignisse in Köln Aufmacher jedes großen deutschen Online-Mediums.

 

Wenn Politiker sagen, es dürfen jetzt keine vorschnellen Schlüsse gezogen werden zwischen diesen Taten und der Flüchtlingsfrage, dann haben sie die Schlüsse bereits gezogen. Der Zusammenhang ist hergestellt.

 

Zurück in die Silvesternacht. In etwa zeitgleich ereignet sich in Berlin in unmittelbarer Nachbarschaft zur Notunterkunft der Berliner Stadtmission in der Moabiter Kruppstraße folgendes: Eine Gruppe junger deutscher Erwachsener, darunter der Autor, begibt sich kurz nach Mitternacht zum Feuerwerk auf den Bürgersteig. Wir treffen auf einige Familien aus der benachbarten Notunterkunft und beginnen mit leicht mulmigen Gefühl unser Feuerwerk abzubrennen. Noch kurz zuvor beim Silvester-Dinner hatten wir diskutiert, ob das Knallen wohl alte Traumata bei den Kriegsflüchtlingen wecken könnte. Schon nach dem Start der ersten Rakete wird klar, dass diese Sorge unbegründet war. Die Frauen, Männer, Jugendlichen und Kinder kommen aus dem Lachen und Staunen gar nicht mehr heraus. Immer mehr Neugierige kommen aus der Unterkunft auf die Straße gelaufen. Ein junger Mann filmt mit seinem Smartphone Start, Flug und Explosion jeder einzelnen Rakete. Die Sprachbarriere lässt keine wirklichen Gespräche zu. Doch man ist einander zugewandt und wünscht sich vorsichtig ein „Happy New Year“. Bald gibt es keine Raketen mehr. Es werden Wunderkerzen verteilt. Erst die Kinder, dann auch die mindestens genauso ungeduldigen Erwachsenen. Die Gesichter, die vom Schein der Wunderkerzen erhellt werden, sind glückliche Gesichter. Für einen Moment sind wir alle wieder Kinder. Friedlich und neugierig.

Eine Nacht. Zwei Geschichten. Auf den ersten Blick haben sie nicht viel mit einander zu tun, außer, dass sie sich in der gleichen Nacht ereignet haben und Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten aufeinander getroffen sind. Wieso lohnt es sich trotzdem, sie nebeneinander zu stellen? Das, was in Köln passiert ist, ist ungeheuerlich. Es hat Nachrichtenwert. Es muss darüber berichtet werden und es muss aufgeklärt werden, was dort passiert ist. Es ist von öffentlichem Interesse, ob und inwieweit diese Taten Einfluss haben sollten, auf die anstehende Herausforderung Integration. Denn wenn Politiker sagen, es dürfen jetzt keine vorschnellen Schlüsse gezogen werden zwischen diesen Taten und der Flüchtlingsfrage, der Religion und Herkunft der Täter, dann haben sie die Schlüsse bereits gezogen. Der Zusammenhang ist hergestellt. Er drängt sich auf. Und ja, da ist ein Zusammenhang.

Eine vergleichbare Tat hat es in Deutschland noch nicht gegeben. In den wahrscheinlichen Herkunftsländern der Täter ist derartige Gewalt gegen Frauen leider alltäglich. Ist es jetzt erlaubt mit den Fingern auf junge arabische Männer zu zeigen und zu sagen: „Die sind alle so!“? Sollen wir deswegen die Grenzen dicht machen? Ist damit das Problem gelöst? Ist es menschlich und ethisch vertretbar ist zu sagen, dass Gewalt gegen Frauen uns solange nichts angeht, wie sie nicht innerhalb unserer Landesgrenzen ausgeübt wird? Kann Offenheit und damit auch die Konfrontation mit solch schlimmen Ereignissen nicht vielmehr eine Chance sein zu zeigen, dass so etwas hier nicht toleriert wird? Zudem kann man davon ausgehen, dass diejenigen Täter mit ausländischer Herkunft zumindest ein Bleiberecht in Deutschland haben. Genauso wie man davon ausgehen kann, dass sie nicht erst in Deutschland ihre kriminelle Energie entdeckt haben.

Nochmal zurück zu dem, was sich in Berlin ereignet hat. Dort wurde über alle Barrieren, Ängste und Vorurteile hinweg, gemeinsam gefeiert und sich Gutes gewünscht. Das Geschehene an sich mag banal erscheinen. Es hat keinen Nachrichtenwert. Darüber lohnt es sich nicht zu berichten.

Ist das wirklich so? Was feststeht ist, dass alle Anwesenden zutiefst gerührt waren und sogar Menschen, die diese Geschichte nicht erlebt haben die Tränen kommen, wenn sie sie erzählt bekommen. Diese Geschichte bewegt die Menschen. Und zwar aufeinander zu.

Trotzdem werden solche Geschichten medial wenig aufgegriffen. Zwar wird der Begriff der Menschlichkeit immer wieder bemüht, doch die Berichterstattung selbst lässt eben jene häufig vermissen. In der Zeitung lesen wir entweder von brennenden Flüchtlingsheimen oder Flüchtlingen, die Straftaten begehen. Was würde es ändern, wenn eine solche Geschichte, den Medien eine Geschichte wert wäre?

Ich glaube fest daran, dass sich dann ein Raum öffnet. Ein Raum, in dem es nicht nur schwarz und weiß gibt. Ein Raum, der dabei hilft zu verstehen, dass es falsch ist, sich abzuwenden, bevor man sich begegnet ist. Und das, obwohl Dinge wie in Köln passieren. Solche Geschichten, von denen es unzählige gibt, sollten trotz oder gerade wegen des fehlenden Skandalcharakters erzählt werden. Denn sie sind eben nicht selbstverständlich. Ich für meinen Teil weiß jetzt, warum die Dinger Wunderkerzen heißen und ziehe weiter meine eigenen Schlüsse.

 

 


 

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