Die vergessene Minderheit

| 02.01.2016 | 2 Kommentare

Durch Sprache, Lebensart, Ökonomie und Tradition verbunden, von den Nazis verfolgt und von der Bundesrepublik vergessen: Klaus Vater über das Schicksal der Jenischen.

Der Bundesrat hat am 18. Dezember auf seiner letzten Sitzung im laufenden Jahr – wie in den Jahren zuvor – „der Opfer des nationalsozialistischen Völkermordes an den Sinti und Roma sowie an der Gruppe der Jenischen und anderer Fahrender“ gedacht. Ich hatte die Ehre, der Delegation der Jenischen anzugehören. Der sächsische Ministerpräsident Stanislav Tillich sprach die Gedenkworte. Er stammt aus einer der vier in Deutschland anerkannten Minderheiten, er ist Spross einer sorbischen Familie. In den Zeitungen beziehungsweise in den Nachrichten des Tages, übermittelt durch Funk und Fernsehen, findet man keinerlei Hinweis auf die wenigen Minuten des Gedenkens. Ein Zufall?

Henning Mankell hat in einem bewegenden Buch („Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“, dtv 2006) Erinnerungen vorgestellt. Aufzeichnungen von an Aids erkrankten Menschen aus Afrika, genannt Memory Books. Sie sind das Bindeglied, die Brücke zwischen den Kindern und ihren Eltern, die an Aids sterben. Auf dieser Brücke wandert das Leben weiter. Was nicht mehr ist und nicht von sich berichtet hat, verfällt dem Vergessen. Als sei Mensch nie auf der Erde gewesen. Kinder wissen buchstäblich nichts über Mutter oder Vater, Gesellschaften werden erinnerungsarm. Es ist, als ob die Farbrezeptoren auf der Netzhaut nicht mehr vorhanden seien, die Welt wird blass und farblos. Das ist eine Seite des Vergessens.

Eine andere ist, zu leben, da zu sein, seinen Geschäften nachzugehen, zu säen, zu ernten, Dinge herzustellen, zu heiraten, Kinder in die Welt zu setzen, bürokratisch „präsent“ zu sein, weil Daten auf Ämtern angehäuft werden, aber dennoch vergessen zu werden.

Über viele Jahre war das Volk der Pomaken, wohnhaft vor allem in Griechenland und Bulgarien vergessen. Sie hatten das Pech während des Kalten Krieges zwischen den Interessen zu existieren. Wenn sie reisen wollten, gingen die Schlagbäume herab. Wer sie besuchen wollte, wurde zurück gewiesen. Sie lebten abgeschottet und kontrolliert. Muslime, die einen bulgarischen Dialekt sprechen, daheim in vielfach kaum zugänglichen Tälern. Mankells Berichte stammen aus Afrika, die Dramen der Pomaken spielten sich auf dem Balkan, auf unserem Kontinent ab. Wie gut, dass es bei uns in Deutschland so etwas nicht gibt. Tatsächlich? Wollen wir mal nachschauen?

Auf Uni.de finde ich einen Hinweis:

„Kaum eine deutsche Minderheit steht so wenig im Licht des öffentlichen Interesses wie die Jenischen. Die neben den Sinti größte Gruppe unter den ‚Fahrenden’ in Mitteleuropa lebt heute nur noch zu rund 10% migrierend, die weitaus meisten haben sich dauerhaft niedergelassen. Aber auch deren soziale Situation sieht oft schlecht aus: Überdurchschnittlich häufig sind Jenische von materieller und Bildungsarmut betroffen und werden bis heute diskriminiert und ausgegrenzt.“

Auf einer Seite des Bundesministerium des Inneren (BMI) lese ich anschließend folgendes:

„Die Art des Umgangs mit nationalen Minderheiten ist einer der Gradmesser für eine gelebte vielfältige Demokratie. Nur wenn Minderheiten toleriert, respektiert und sogar gefördert werden, ist ihnen das Leben und Überleben in einem anderen Kulturkreis möglich. In Deutschland leben Angehörige von vier nationalen Minderheiten, die hier seit Jahrhunderten traditionell heimisch und deutsche Staatsbürger sind, die aber eine andere Muttersprache und Kultur haben. Dies sind die dänische Minderheit, die friesische Volksgruppe, das sorbische Volk und die deutschen Sinti und Roma. Diese nationalen Minderheiten werden von der Bundesregierung gefördert. Darüber hinaus stehen sie unter dem besonderen Schutz des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten.“

Es gibt sogar einen Aussiedler und Minderheitenbeauftragter der Bundesregierung. Er heißt Hartmut Koschyk. Begebe ich mich auf dessen Web-Präsenz, um auf der Suchmaske das Wort Jenische einzutragen, erhalte ich als Antwort: „Keine Einträge vorhanden“ – „meinten sie ‚dänische’?“.

Wie passt das zusammen? Warum sind die Jenische keine anerkannte Minderheit? Eine überzeugende Antwort fand ich nicht. Mir ging durch den Kopf, was mir ein namhafter Mitarbeiter des Rheinischen Landesmuseums für Volkskunde erzählt hatte: Das Wort jenisch habe praktisch nur noch in der Linguistik Bedeutung (Mail an den Verfasser: „Der Begriff „Jenisch“ wird heute meist nur noch in der Linguistik verwendet, in den Kultur- und Sozialwissenschaften ist er – nicht zuletzt seit seiner Strapazierung in den Publikationen von Hermann Arnold – eigentlich nicht mehr üblich.“ Mit freundlichen Grüßen Dr. Michael H. Faber). Arnold war Arzt und Eugeniker, ein sogenannter „Zigeunerexperte“, der nach 1945 in der Bundesrepublik „Rassenkunde“ betrieb und sich dabei auf Vorarbeiten der Nazi- „Erbkundler“ Ritter etc. stützte. Der 2005 gestorbene, unbelehrbare „Rassenkundler“ Arnold hatte sein eigenes Netzwerk, er war bis zuletzt in konservativ-reaktionären Kreisen hochgeachtet. Warum heute wegen seiner verheerenden Tätigkeit auf den Namen einer Opfergruppe der Nazis verzichtet werden soll, das verstehe wer will.

 

Aus welchem Grund antworten und reagieren Redaktionen wie die der Zeit oder der FAS nicht, wenn sie mit dem Vergessen der Jenischen konfrontiert werden?

 

Ich vermag auf kein Geschichtsbuch zu verweisen, weil darin über Geschichte und Interessen der Jenische berichtet würde. Der Blick auf die überregionalen Medien – eigentlich ein Desaster. DIE ZEIT hat sich 2001 mit dieser Gruppe einmal beschäftigt. Elke Bodderas schrieb einen zu Herzen gehenden Bericht über zwei Jenische namens Viola und Hans-Georg Ams. In der WELT fand sich ein oder zwei Mal ein erwähnender Text, ebenso in der TAZ sowie im Deutschlandfunk. Aber sonst? Die wenigen Texte erscheinen wie eine Reise von dem einen Planetensystem zum anderen. Zwischen den Sternen: nichts. Schweigen, das ich als Kälte wahrnehme. Warum ist das so? Aus welchem Grund antworten und reagieren Redaktionen wie die der Zeit oder der FAS nicht, wenn sie mit dem Vergessen der Jenischen konfrontiert werden? Ist manchen unangenehm das Wort Jenische zu lesen?

Nichts bei Jauch, keine Millionärsfrage, die sich um die Gruppe drehte, nicht mal eine 100 Euro-Frage. Auch bei Illner oder Plassberg: nichts. Nicht mal Professor Knopp hat sich ihrer angenommen. Fabian Waelly hat 2014 an der Uni Zürich eine Masterarbeit zu den Tendenzen der Berichterstattung über Sinti, Roma und Jenische vorgelegt. In der Schweiz gab es eine Fülle von Texten. Um die Jenische wurde kein Bogen geschlagen. In Deutschland fehlt bisher eine solche Arbeit. Jenische stellen bei uns tatsächlich eine vergessene Minderheit dar, sie bilden mit Blick auf die Untaten der Nazis eine Opfergruppe, deren Angehörige durch Sprache, Lebensart, Ökonomie und Tradition verbunden sind.

Wer sich ausführlich mit ihnen beschäftigt, entdeckt eine Art „Verfolgten-Hierarchie“: Aus religiösen Gründen verfolgt, aus „rassischen“ Gründen, kollektiv und nicht kollektiv, ständig oder zeitweise, von Nazi-„Wissenschaft“ wie Nazi-Bürokratie fortwährend angetrieben oder nicht. Die Juden wurden vernichtet, weil die Nazis sich in einem „Rassenkrieg“ wähnten, den die „Arier“ aus existenziellen Gründen glaubten, siegreich beenden zu müssen. Die Nazi waren tatsächlich von diesem „Kappes“ überzeugt. Die Sinti und Rom wurden kollektiv vernichtet, weil die Nazis sie für ethnisch und genetisch minderwertig erachteten; Schwule waren für die Nazis abartig und krank – und die Jenische wurden – wo man ihrer habhaft werden konnte – verfolgt und vernichtet, weil die Nazis sie schlicht für „Abschaum“ hielten, für unnütz. Sie fielen und fallen durch das Raster der Verfolgten- Kategorien. Sie waren und sind weit überwiegend einfache Leute, manche wirken heute noch wie aus der Zeit gefallen. Ist das ein Grund, Verfolgte geringer zu achten? Dünkel? Verachtung für Menschen, die es nicht auf eine Alma Mater geschafft haben, die kein Penthaus ihr Eigen nennen?

Wenige Menschen haben sich für diese Gruppe engagiert. Hans-Jochen Vogel gehört meines Wissens zu den wenigen. Er ist für die Zwangssterilisierten und deren Interessen eingetreten, unter denen sich viele Jenische befanden. „Befanden“ – eine Vergangenheitsform deswegen, weil sie ja fast alle bereits verstorben sind. Diese schrecklich Gezeichneten haben in unserem Land Jahrzehnte wegen ihrer Ansprüche kämpfen müssen, die allermeiste Zeit vergebens, während die ehemaligen Nazis in Verwaltung, Rechtsprechung, Gesundheitssystem etc. ihre Pensionen sicher verzehren konnten.

Ansonsten: Weder CDU/CSU noch SPD, weder F.D.P. noch Bündnis 90/die Grünen oder die notorische Oppositionspartei Die Linke haben dieser Gruppe tatkräftig geholfen. Hier und da mal eine Deklaration, eine Versammlung. Die Zahl der Erwähnungen dieser Gruppe seit 1949 im Deutschen Bundestag kann man an zwei Händen abzählen. Seit mehr als 300 Jahren werden sie aber in allen möglichen Dokumenten erwähnt. Vor allem in Polizeiberichten, wie könnte es anders sein, weil die Jenische sich die Freiheit nahmen, vom Frühjahr bis in den Herbst hinein mit der Kiepe auf dem Rücken oder im Pferdegespann über Land zu fahren.

Man könnte antworten: Pferdegespann, Kiepen, Jenische, nie gehört. Und das kann nur daran liegen, weil es ganz, ganz wenige sind, die sich als Jenische bezeichnen. Über die Jenische war freilich im Antiziganismus WatchBlog zu lesen: „Was die Zahlen der Minderheit in Deutschland betrifft, so gibt es hier sehr unterschiedliche Angaben. Sie schwanken zwischen 8.000 und 250.000.

Bis zu 400.000 Menschen in Deutschland, so der Blog, sollen dieser Gruppe entstammen. Der Blog nennt keine Quelle. Können es denn auch 500 000 oder 600 000 sein, die dieser Gruppe entstammen und vielfach nicht mal wissen, woher sie stammen? Gut möglich. Viele Jenische trugen übrigens Allerweltsnamen und während der Nazizeit einen schwarzen Winkel. Besteht kein Interesse daran, mehr Licht in diesen Teil der europäischen und deutschen Geschichte zu bringen? Keine Herausforderung? Hat sich die Sache erledigt? Lieber „Pep“ Guardiolas Fußballergehirn nachempfinden oder überlegen, was Freund Söder als Nächstes anrichtet?

Die Jenische wurden wie die Sinti in Deutschland über die letzten Jahrhunderte hinweg durchgängig von den Mehrheitsgesellschaften und den Herrschenden schroff abgelehnt. Sie wurden von der Polizei gnadenlos verfolgt, sie waren den Bürgern verhasst. Sie lebten und leben in Österreich („Karrner“), in der Schweiz und in Deutschland („Jenische“), Frankreich (ethnisch neutral: „Gens de voyage“), Belgien, Niederlande, Luxemburg, Großbritannien („Travellers“) und in Irland („Tinker“). Ihre genaue Zahl ist tatsächlich ungewiss – in der Schweiz werden rund 40 000 geschätzt, dort sind sie als nationale Minderheit, also als Volk anerkannt. In Österreich leben noch 30 000, in Deutschland werden, wie erwähnt, mindestens 8000 geschätzt. Sie wurden vielfach „weiße Zigeuner“ genannt, weil sie sich zwar von der Lebensweise her gesehen für den Außenstehenden kaum von der der Sinti, Kale, Manouches, Kaldera oder Lowara unterschieden; aber eben keinen braunen Teint aufwiesen und viele Jenische statt schwarzer Haare helle Haare hatten. Der österreichische Autor Thomas Sauter hat dieser Lebensweise in dem Roman „Fuchserde“ ein großartiges und zugleich bewegendes, ein liebevolles Denkmal gesetzt.

Woher diese Menschen kommen, weiß niemand. Einige Jenische sagen: Wir stammen von den Kelten ab. Andere meinen, die Jenischen kämen aus dem Alpenraum, aus Tirol, wieder andere behaupten: Slowenien sei das Herkunftsgebiet. Sicher ist, dass sie zu den marginalisierten Menschen zählten, die im ausgehenden Mittelalter aus den Städten rausgehalten wurden, sich nicht in die bestehende gesellschaftliche Ordnung integrieren konnten, weil sie das nicht durften, weil niemand sie akzeptierte, – ein Schicksal, dass sie mit den verschiedenen Untergruppen der Zigeuner teilten, mit jüdischen Landfahrenden, mit aus der Bahn geworfenen Söldnern und anderen Klein- und Kleinstgruppen. Im Simplicius Simplicissimus begegnen wir ihnen. Sie sprachen eine Sprache, die auf der damals gesprochenen deutschen Sprache basierte, die darüber hinaus jiddische und Sinti-Worte sowie Elemente der Gaunersprachen aufgenommen hatte.

Zusammen mit vielen der in Deutschland seit hunderten Jahren lebenden Sinti-Familien gehörten die Jenischen zur Gruppe derjenigen, die sich den Lebensunterhalt durch Flechten von Körben, mit dem Flicken von Alltagsgegenständen (Kessel), mit Scherenschleifen, Verkauf von Waren aller Art, durch Hausierhandel also und mit dem Sammeln von Gegenständen (Altwaren) verdienten. Sie waren wichtige Produzenten und frühe „Dienstleister“, auch Kommunikatoren und Informanten in den nachrichtenarmen ländlichen Regionen. Im ausgehenden Mittelalter war das Repertoire der Landfahrer erstaunlich breit – sie waren außerdem Gaukler, Schauspieler, Possenreißer Schausteller, Zahnreißer. Sie arbeiteten das, was andere nicht tun wollten oder konnten. Ihr Können war vielseitig, sie hatten – heute- heute würden wir sagen „clevere“ Familien mit einem großen inneren Zusammenhalt, mit großer Solidarität untereinander.

Die Landfahrenden wurden (und werden) seit Jahrhunderten ausgegrenzt, verfolgt. Sie waren Besitzlose ohne Ehrgeiz und Absicht, sich territorial und mit Blut und Gewalt gegen andere Völker durchzusetzen, also Krieg zu führen, um Land zu „besetzen“. Zum Dank wurden sie von den Besitzenden wie natürliche Feinde behandelt, wie „Aliens“, um einen heutigen Ausdruck zu nehmen. Folglich waren sie der Obrigkeit, der Polizei in den sich entwickelnden absolutistischen Staaten völlig ausgeliefert, rechtlos, wehrlos. Hobbes „Leviathan“ war für die Landfahrer, auch für die Jenischen furchtbare Realität. Daran hat die Aufklärung nichts geändert.

Der nächste Teil meiner Geschichte beschreibt, dass die Jenischen nicht nur physisch verfolgt wurden, sondern sie sollten auch ihrer Kultur beraubt werden. Denn trotz aller Ablehnung durch Obrigkeit und Gendarmen, wussten die Bauern und ländlichen Handwerker, was sie an den Jenischen hatten. Peter Burke hat eindrucksvoll beschrieben, wie die Vertreter der „reinen „Lehre“ von Gott, Volk und Gewerbe vorgegangen sind. Denn die Jenische hatten einiges „drauf“, sie konnten Dinge, die andere nicht konnten, sie hatten schlaue Köpfe, eine verborgene Sprache, die nur die Familien verstanden, sie besaßen Fingerfertigkeit, zeigten (heute sagen wir) „technologische“ Neugier und das nachhaltige Verwenden von Ressourcen (eben dass Flicken aller möglichen Gegenstände). All das wurde in Misstrauen getränkt, umgewandelt; „ideologisch“ umgewandelt in Misstrauen, Abneigung, Hass. Die Landfahrer wurden Sündenböcke für alles Mögliche.

Man kann das im Westen teils noch aufschlüsseln: Zum Ende der Jahrmärkte, zum Abschluss der Kirmes werden auf den Dörfern und in den Städten heute vielfach Strohpuppen verbrannt – „Paias“ genannt. Der „Paias“ (von pailasse, Strohsack, Hampelmann), das ist die materielle Erinnerung an den Possenreißer, den Gaukler und Landfahrer, den cleveren Händler, den Landfahrer, der aus seinem Wissen etwas machen konnte und den es der Fama nach nirgendwo hält. Verbrannt wird er, weil auf ihn alles Schlimme aufgebuckelt wird, das während der Kirmes geschah. „Einen Sündenbock in Gestalt einer Strohpuppe“, so hieß es in einer Regionalzeitung kürzlich, “machen die Dorfbewohner schon seit Jahrhunderten für alles Missgeschick verantwortlich.“ Neuester Dreh um diesen Paias: Man macht aus ihm wie in einem Bonner Stadtteil eine „Paiasine“, aus Gründen der Gleichberechtigung. Etwas abseitig finde ich. Sic transit sapientia mundi.

Jedenfalls hat der Hass in der Mehrheitsgesellschaft diese Familien und Gruppen über die Jahrhunderte begleitet. Bis heute. Während des siebzehnten, des achtzehnten, des neunzehnten Jahrhunderts. Die Polizeiakten sind voll von den Landfahrenden, denen man alle möglichen Verbrechen und Vergehen andichtete, Diebstahl, Raub, Betrügereien, Heimatlosigkeit. Und zwar: kollektiv. Kulturell wurden die „Zigeuner“ in folkloregesättigte Außenseiter um-interpretiert. Mal rätselhaft, dann gefährlich, verführerisch. Die sogenannten „weißen Zigeuner“, die Jenische gaben für die folkloristische „Aufladung“ freilich nichts her. Verdächtigt, beschuldigt, verfolgt wurden sie dennoch kollektiv.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfand die bürgerliche Gesellschaft einschließlich der beginnenden Sozialwissenschaft für solche wie die Jenischen die Schublade der „Asozialen“, weil sie sich nicht in die industrielle Arbeitskräfte – Verwertung einbinden ließen. „Lumpenproletariat“ hatte Marx diese Leute genannt. Die Nazis machten aus ihnen auf „Zigeuner-Art“ Lebende, „Arbeitsscheue“. Die Jenische wurden nicht aus rassistischen Gründen verfolgt wie die Juden oder Sinti und Roma, sie wurden Opfer ihrer Lebensweise, die von den Nazis verachtet und für unnütz gehalten wurde. Und unnütze Esser wurden ausgemerzt, festgesetzt, wurden zwangssterilisiert, kastriert, viele wurden in KZs deportiert, viele starben. Im Frühjahr und während des Jahres 1942 wurden die Jenische zusammengetrieben. Wie viele Jenische ermordet wurden, weiß niemand.

In einigen baden-württembergischen Gemeinden wird heute der Verschleppung und auch Vernichtung von Jenischen gedacht. Endlich. Es hat lange gedauert, zu lange. Es ging nie um Abermilliarden Euro Renten oder Entschädigungen. In manchen Fällen wollten die von den Nazis Gequälten nur noch vor dem Lebensende erleben, dass Staat und Gesellschaft sich ihrer erinnern. Und um Verzeihen bitten wegen der Untaten an ihnen. Sehr bewegende Feiern, ehrlichen und Empathie-fähigen lokalen Politikerinnen und Politikern und ganz gewöhnlichen Zeitgenossen zu verdanken.

In anderen Kommunen geschieht nichts. Da sind die Jenische wie ausgelöscht. Jenische fallen aus ihrer Geschichte einfach heraus. Gestern waren sie noch Jenische mit einem auch aufregend/stressigen Leben auf der Landstraße, morgen arbeiten sie bereits in einer Fabrik mit Stempelkarte und Linsensuppe in der Kantine.

 

Sie sollten vergessen werden. Sie wurden vergessen.

 

Die Bundesrepublik hat die Jenischen nach 1949 einfach vergessen. Wo sie waren, da trafen sie auf die Leute, die ihnen das Leben bereits während der Nazizeit schwer gemacht hatten. Bis Ende der sechziger Jahre lässt sich das nachweisen. Das wenigstens ist ordentlich dokumentiert. Über den erwähnten Arnold, einen Medizinalrat in Landau, berichtet Katrin Seybold:

„Sein Kapitel über die ‚Zigeunerverfolgungen im Dritten Reich’, über die Kriminalität der nationalsozialistischen Zigeunerverfolgung nach Robert Ritter, Eva Justins und Konsorten ist merkwürdig kursorisch, ihr wird auffallend wenig Platz eingeräumt, er repetiert ungeprüft und unbesehen die Ritter’sche ‚Rasseeinordnung in Z = Zigeuner, ZM+ = Zigeunermischling mit vorwiegend zigeunerischem Blutanteil, ZM = Zigeunermischling mit gleichem zigeunerischem und deutschem Anteil, ZM- = Zigeunermischling mit vorwiegend deutschem Anteil, NZ = Nichtzigeuner’, und erwähnt nicht einmal, welche Katastrophe dies für alle Sinte war.“ (*).

Im Text der 2012 verstorbenen grandiosen Dokumentarfilmerin Seybold spürt man noch die Verblüffung wegen der Arnoldschen Dreistigkeit.

Nach dem Politikwissenschaftler Thomas Widmann wurden die Landfahrenden, die Sinti und Jenische nach 1945 aus den Städten rausgehalten. Später hat man sie in billigen Unterkünften einzuschließen und sozusagen einzudämmen versucht (unsere hauseigene Containment-Politik). Erst seit den achtziger Jahren werde mit inklusiven Methoden, so Widmann, versucht, sie in die Gesellschaft hinein zu bringen. Viele katholische lokale Verbände haben sich gekümmert, eine Reihe von Städten hat für sie Infrastruktur geschaffen.

1972 und 1973 lernte ich als junger Redakteur in Bonn von den Nazis zwangssterilisierte Männer kennen. Ich nehme an, dass sich darunter auch Jenische befunden haben. Sie waren von der Dringlichkeit ihrer Anliegen überzeugt, wirkten etwas merkwürdig. Sie hatten unser Mitgefühl. Irgendwann blieben sie weg.

Das Kreislaufwirtschafts-Gesetz des Bundes von 2012 hat übrigens vielen jenischen Familien das Leben sehr erschwert, weil das Alt-und Buntmetall-Sammeln Monopol der Kommunen wurde. Viele jenische Familien lebten bis dato vom Sammeln solcher Güter. Keine schlaue Entscheidung des Gesetzgebers. Alles in Allem ein schreckliches, ein fortwährend schreckliches Kapitel, das meinen Atem stocken lässt. Es ist so, als habe man die Jenischen aus dem Antlitz entfernen wollen, das ihre Heimat darstellt. Sie sollten vergessen werden. Sie wurden vergessen. Bis auf den heutigen Tag. Und nur wenige sind bislang bereit, dieses merkwürdige Schweigen um das Schicksal der Jenische zu brechen.

 

 

*: Dachauer Hefte /Studien und Dokumente zur Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager / Im Auftrag des Comité International de Dachau, Brüssel herausgegeben von Wolfgang Benz und Barbara Distel, 21. Jahrgang 2005 Heft 21 (November 2005) Häftlingsgesellschaft

 

 


 

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