Große Frage im kleinen Chuchichäschtli

Welche Geschichte erzählen Bezeichnungen wie Arbeit 4.0, Industrie 4.0, Wirtschaft 4.0? Sie tischen uns das Märchen auf, die Digitalisierung sei nur eine Art zeitgenössischer Dampfmaschine.

 Manchmal merkt man erst später, worauf man sich eingelassen hat. Das Label „4.0“, auch ironisch aufgegriffen im Titel des Carta-Dossiers „Ausbeutung 4.0“, macht Karriere. Alleine im Berliner November 2015 fanden mehr als ein Dutzend großer Events zur Arbeit der Zukunft statt. „4.0“prangte auf fast allen Veranstaltungsbannern.

Klug gewählt ist diese Bezeichnung, weil sie Aufregung und Beruhigung zugleich zu erzeugen, sowohl Veränderungen als auch „Weiter so“ zu signalisieren vermag. Mit „Industrie 4.0“ wird eine Linie gezogen von den Spinnmaschinen und Dampflokomotiven des 18. Jahrhunderts (1.0) über das Fließband des Fordismus (2.0) und die elektronische Automatisierung (3.0) hin zur Digitalisierung. Industrielle Revolution in der vierten Auflage sozusagen. Dieses lineare Denken erlaubt es, einerseits von Epochenwandel und Zeitenwende zu reden, aber andererseits keine neuen Fragen zuzulassen. Gestellt und diskutiert werden die alten Problemlagen: Mehr Arbeitsplätze oder weniger, Aufwertung der Arbeitstätigkeit oder Abwertung („lousy or lovely jobs“), mehr Selbstbestimmung der Arbeitskräfte oder mehr Kontrolle, Fachkräftemangel oder Zunahme des Prekariats.

Proklamiert werden die Lösungen, welche die jeweiligen Akteure immer schon favorisieren, für ihre Interessen am dienlichsten halten. Die Arbeitgeberverbände nutzen die räumliche und zeitliche Entgrenzung der Arbeitsmöglichkeiten, um ihre bekannten Forderungen nach mehr Flexibilität und weniger sozialer Sicherheit aufzupeppen. Die Gewerkschaften nehmen den Veränderungsdruck zum Anlass, um ihrem Evergreen „gute Arbeit“ neue Attraktivität zu verleihen. Die Regierungspolitik empfiehlt, wovon sie seit Jahrzehnten redet: Fürchtet euch nicht, bildet und qualifiziert euch, zeigt Anpassungswillen und Kompromissbereitschaft. Über Digitalisierung wird geredet, als ob es die gegenwärtigen Verwerfungen der um Arbeit und Kapital zentrierten Gesellschaft nicht gäbe, die soziale Spaltung, die massenhafte europäische Jugendarbeitslosigkeit, die Risiken des Finanzsystems, die Zerstörung von Lebensgrundlagen,die forcierte Ökonomisierung der Natur, der Medien, der Wissenschaft, der Gesundheitsversorgung, des Sports. Das „Sakrament der Arbeit“ (Baudrillard) bleibt der androzentrischen Arbeitsgesellschaft heilig, der Tanz um das goldene Kalb Kapital soll weitergehen.

Wir brauchen eine andere Debatte

Wie Moralprediger die Welt in Gut und Böse einteilen, so nutzen die Sprecherinnen und Sprecher der Kongresse, Foren und Fachgespräche, die Ministerinnen, Verbandspräsidenten, Partei- und Gewerkschaftsvorsitzenden die Einteilung in Chancen und Risiken, um sich und ihrem Publikum die Zukunft mit der Vergangenheit zu erklären. Stopp. Wir brauchen eine andere Debatte. Die Herausbildung der Industriegesellschaft und damit einhergehend der überdimensionale Bedeutungszuwachs von Wirtschaft und Arbeit ist ein historisches, somit vergängliches Phänomen. Außer Gewohnheiten des Handelns, Bequemlichkeiten des Denkens und den Einflüssen der wirtschaftlich Mächtigen spricht nichts dafür, dass es bei dieser Dominanz von Wirtschaft und Arbeit bleiben muss. Die Industriegesellschaft hat das tätige Wesen Mensch umgedeutet in ein Arbeitstier, das sich seine soziale Anerkennung und sein bisschen Teilhabe am erwirtschafteten Wohlstand mit lebenslänglichen Arbeitsleistungen verdienen muss. Den Umstand, dass in jeder Gesellschaft gearbeitet werden muss, legen die Apostel der Arbeit so aus, dass kein Weg aus der real existierenden Arbeitsgesellschaft herausführt, in welcher sogar der Sinn des Lebens an Arbeit gekoppelt wird. Als ob der Tatbestand, dass jeder gesunde Mensch auch läuft, das Laufen zum Zweck menschlichen Daseins machen würde.

Als neue Technik der Arbeit und neues Medium der Kommunikation hat der Computer das Potential, den Weg für andere Prioritäten frei zu machen. Die großen Fragen können wieder gestellt werden, wie wir leben wollen, wie weit fremdbestimmte Arbeit selbstbestimmten Tätigkeiten weichen kann, wie viel mittels Eigentumskonstruktion künstlich hergestellte Knappheiten wir akzeptieren wollen – „es ist doch sonderlich bestellt, sprach Hänschen Schlau zu Vetter Fritzen, dass nur die Reichen in der Welt das meiste Geld besitzen“ (Gotthold Ephraim Lessing).

„2050: Basic Income in most countries”

Digitalisierung bedeutet die Auflösung bisheriger stabiler Zeichen und Zustände sowie die gleichzeitige Einladung, die aufgelösten Elemente neu zu kombinieren und anders zu reproduzieren. „Man stelle sich vor, in der Natur kämen zunächst nur Schnee, Eiszapfen und Regentropfen vor, aber nicht Wasser. Erst eine geniale Erfindung löse die Formen Schnee, Eis und Regen in das Universalmedium Wasser auf, aus dem sich jetzt die bekannten, aber auch ganz neue Formen bilden ließen, etwa Pfützen, Flüsse und Brunnen, aber auch Seen und Ozeane. Genau diese Extreme, wie sie im Verhältnis zwischen Tropfen und Meer, Kochen und Gefrieren, stehendem Gewässer und Sturzflut dann auftreten können, werden jetzt in der Kommunikation möglich“[1] und, wenn wir an den 3D-Druck denken, auch in der Produktion.

Viele Menschen, die sich nicht als Erfüllungsorgane bestehender Institutionen, nicht als funktionierende Führungskräfte an etablierte Strukturen, Routinen und Gewohnheiten klammern müssen, wertschätzen die neuen Möglichkeitsräume der Digitalisierung. Sie experimentieren mit kollaborativen Organisationsformen, machen gleiche Augenhöhe zur Grundvoraussetzung für gemeinsames Handeln, wissen, dass die autonome Gestaltung der eigenen Lebenszeit und die Rücksicht auf die Autonomie der Anderen zusammengehören.

Um das eine Beispiel herauszugreifen, das dabei ist, zum Symbol für eine andere Debatte zu werden: Die Delphi-Studie des Millenium Project hat rund 300 globale Experten befragt, für die klar ist: „2040: Basic income guarantee in most wealthy countries—most people no longer seek employment and the definition of unemployment no longer applies. 2050: Basic income in most countries.“[2] In 2016 wird die Bevölkerung der Schweiz in einer Volksabstimmung befragt werden, ob sie für ein bedingungsloses Grundeinkommen ist. Sie wird erst einmal dagegen sein, aber künftige Historiker werden es zu würdigen wissen, dass eine so große Frage in ein so kleines Chuchichäschtli passt.

[1] Hoffjann, Olaf/ Arlt Hans-Jürgen: Die nächste Öffentlichkeit. Theorienetwurf und Szenarien. Wiesbaden, Springer VS 2015, S. 133

[2] https://futuresconference2015.files.wordpress.com/2015/06/jerome-glenn-foresight-friday.pdf; http://www.millennium-project.org/millennium/Future-WorkTechnology_2050.pdf

 


Wieviel Ideologie steckt in der Vorstellung, dass jede zweckgerichtete Tätigkeit Arbeit sei?  Wie verändert sich die Arbeitswelt mit der Digitalisierung? Welche Rolle spielt das Individuum angesichts globalisierter Produktionsströme? Wie verändert sich die Kommunikation über Arbeit, und wie die Kommunikation, wenn sie zur Arbeit wird? Beiträge zu diesen und anderen Aspekten von Arbeit finden Sie in im Carta-Dossier: “Ausbeutung 4.0? Was heißt und zu welchem Ende leistet man Arbeit?”.

 


 

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