Post vom Vorstand

In Zeiten der Krise zeigt sich meist das wahre Gesicht, treten die genauen Konturen hervor. Manchmal erschrickt man kurz. Mathias Döpfner zwischen Contenance und Schlachtruf.

„Liebe Leserinnen, liebe Leser!“ eröffnet Mathias Döpfner, Vorstand der Springer SE, sein Editorial zu den Terroranschlägen in Paris in der Welt am Sonntag.

Zu diesen Leserinnen und Lesern der „Welt“ gehöre auch ich. Ich wurde in den letzten Tagen im Zusammenhang mit der Kritik an Matthias Matussek immer wieder gefragt, was ich eigentlich überhaupt noch von der „Welt“ erwarten würde. Tatsächlich einiges. Vielleicht wegen des generellen Bedürfnisses, nicht aus Reflex abgedroschene Vorurteile gegen die „Springerpresse“ nachzubeten. Diese Zeiten sind vorbei. Vielleicht auch, weil es dort kluge Köpfe gibt, die ich schätze.

Verstehe ich diese spezielle Form von Döpfners Dialektik einfach nicht? Haben das am Ende zwei Döpfners parallel und ohne sich miteinander abzustimmen auf Google Docs geschrieben? Unterschätze ich die beschwichtigende Komponente des Textes? Bin ich hier blind und dort zu sensibel für den Krieg zwischen den Zeilen?

Selbst wenn ich auch für die Notwendigkeit der „Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“ schreiben könnte – zuallererst gegen den ganzen Hassmüll unserer Zeit – so meinte ich dann doch etwas ganz anderes. Ein guter Freund schreibt: „As a European citizen, I fear our feeble minded political leaders will destroy what is left of our Europe with counter terror war, surveillance state and cutbacks to political freedom“.

Döpfner spricht sich gegen die Verbindung der Flüchtlinge mit den Terroranschlägen in Paris aus. Und macht dann doch genau das.

Ist sein Ruf nach Contenance nicht eher ein verkappter Schlachtruf? Begleitet den Wunsch nach Einhegung nicht irgendwie doch das Streben nach Enthemmung?

„Und es sind die immer gleichen Beschwörungen. Wir lassen uns unsere europäischen Werte nicht von Terroristen zerstören. Wir wollen und werden unseren Lebensstil weiter leben. Die Freiheit wird siegen. Es ist alles richtig. Es ist alles wichtig. Und es ist doch hilflos. Europa redet sich Mut ein wie ein Kind, das aus Angst vor dem Gewitter Blitz und Donner anbrüllt. Europa ist geschwächt. Schlimmer: Europa ist schwach.“

Was für ein Dreher.

„Längst regt sich der Widerstand bis tief in die linken Milieus hinein. Wenn jetzt allerdings der Mordrausch von Paris zum Beleg für die Grenzen der Integration benutzt wird, droht eine Enthemmung rechter und linker Nationalisten und Rassisten. Die schrankenlose Weltoffenheit von heute ist nur die Vorhut einer neuen Welle hässlichster Xenophobie. Am Ende stehen Staatskrise und Ausschreitungen bis hin zum Bürgerkrieg.“

Was für eine Volte.

Dazu: Israel, Charlie Hebdo, Unterwerfung (ein Mal) mit und (drei Mal) ohne Houellebecq, Koran im Hotel, Einwanderungswelle…

Was für ein Karussell.

In Zeiten der Krise und Extreme zeigt sich meist das wahre Gesicht, treten die genauen Konturen hervor. Spot on. Manchmal erschrickt man kurz. Hell erleuchtet erscheint dann für einen kurzen Moment ein Januskopf.

Vielleicht klärt mich, den Leser, ja jemand auf.

 

 


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