Als die Geschichte zu rotieren begann – Von der Volkszeitung zum Freitag

Am 9. November 1990 Jahren erschien „der Freitag“ das erste Mal. Mitbegründer Franz Sommerfeld blickt zurück auf die Vorgeschichte der aus dem Ost-Berliner Sonntag und der DKP-nahen Deutschen Volkszeitung entstandenen Wochenzeitung.

Im Rückblick schälen sich die neunzehnhundertachtziger Jahre als diejenigen heraus, in denen sich die politischen Entwicklungen verdichteten, die schließlich zum Zeitenbruch des Mauerfalls und zum Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems führten. Es waren Jahre der Weichenstellungen, deren Wirkungen oft erst später erkannt wurden. Das gilt im Kleinen auch für die westdeutsche Volkszeitung, die im November 1990 mit dem kulturbundeigenen DDR-Wochenblatt Sonntag zum Freitag fusionierte.

Die Deutsche Volkszeitung (DVZ) hatte die Wende im Jahre 1989 nur überstehen können, weil ihre Leser fast eine Million DM für ihren Erhalt aufbrachten. Sie wollten, wie viele von ihnen damals der Redaktion schrieben, die Zeitung nicht verlieren, die sie vor allem in den neunzehnhundertachtziger Jahren mit ihren Fragen, Hoffnungen und Befürchtungen begleitet hatte. In dem entscheidenden Jahrzehnt, in dem die Zeit zu rotieren begann. Diese Treue der Leser war nicht selbstverständlich. Denn ursprünglich war die Volkszeitung gedacht als Wochenblatt der DKP für Intellektuelle, Künstler und Anhänger der außerparlamentarischen Bewegungen, zuletzt vor allem für die Friedensbewegung. Um diesen Anspruch einigermaßen glaubwürdig ausfüllen zu können, gewährte die DKP-Spitze der Zeitung eine gewisse Eigenständigkeit. Wie weit diese reichte, war über all die Jahre Gegenstand teils heftiger Auseinandersetzungen. Das vorhandene Maß an Eigenständigkeit zu sichern und auszudehnen, hatte ich mir vorgenommen, als ich 1983 Chefredakteur der vereinigten Deutsche Volkszeitung – Die Tat wurde.

Die Tat war ein eher handfestes, vor den Neonazis warnendes Blatt der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes und hatte sich mit einer Art politischen Säuberung einige Jahre zuvor von vier Redakteuren getrennt, die das Blatt öffnen und modernisieren wollten. In der DVZ hatte es zwei Jahre zuvor eine Auseinandersetzung um eine Reportage-Reihe über die DDR, geschrieben von ihrem Redakteur Alexander Goeb und dem freien Autor Dieter Bongartz, gegeben. Drei Folgen von acht erschienen nicht, weil die Redaktion sie als zu DDR-kritisch empfand. Goeb wurde, wie er schreibt, Opfer eines „beispiellosen Kesseltreibens“ und schließlich entlassen (Alexander Goeb, „Atemlos“, Berlin, 2010, S. 136ff)

Durch die Fusion mit der Tat-Redaktion erhoffte sich die DKP Spitze – neben Sparmaßnahmen – eine Einhegung manchen immer noch vorhandenen Freigeistes in der DVZ. Aber ihre Erwartung erfüllte sich nicht. Schon nach einem Jahr lud mich das Präsidium der DKP vor und kritisierte den ausbleibenden Kurswechsel, zu wenig Beiträge von DKP-Autoren und eine zu geringe antifaschistische Berichterstattung – letzteres war ein klassisches kommunistisches Totschlag-Argument. Dass die Redaktion dies und die späteren Auseinandersetzungen durchstand, ist nicht zuletzt einer Reihe kluger und engagierter Redakteure, vor allem aus der DVZ oder später hinzu gekommene wie Tissy Bruns, zu verdanken. Und den Zeiten.

Erst im Rückblick ist zu erkennen, wie sehr sich die anbahnenden politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in der Zeitung und noch schärfer in den Diskussionen der Redaktion wider spiegelten, ohne dass wir damals das Ausmaß und die Geschwindigkeit des Umbruches auch nur ahnten. Auf den wöchentlichen Redaktionskonferenzen Donnerstags um 11 Uhr wurden zwar – wie in allen Redaktionen – manch intellektuelle und andere Machtspiele ausgetragen. Aber im Wesentlichen waren sie ein Ort, wo wir die Veränderungen zu verstehen versuchten und an ihnen unsere durchaus unterschiedlichen linken Vorstellungen maßen. Wie anstrengend diese Debatten gelegentlich auch waren, mich haben sie nachhaltig geprägt; der Zeitung gaben sie einen Kurs, ohne den sie die Wegstrecke bis zum „Freitag“ nicht überstanden hätte. An der Bereitschaft, die eigene Meinung zu ändern oder ganz in Frage zu stellen, schieden sich die Geister in der Redaktion. So wurde die Volkszeitung für mich und viele andere Redakteure eine Art Schule bundesrepublikanischer Wirklichkeit, in der wir uns von ideologischen Fesseln lösten.

Das galt zum Beispiel für ein auf den ersten Blick gar nicht so politisches Feld wie die sich in den Neunzehnhundertachtzigern anbahnende und beschleunigende Digitalisierung, nur dass sie damals noch nicht so hieß. Unser Redakteur Michael Charlier entwickelte dafür die Seite „Computerzeit“, die meist prominent auf der Seite drei erschien. Ohne Wertung und kritische Folgeabschätzungen wurde dort über neue Produkte der Computerwelt berichtet, um erst einmal zu verstehen, was geschieht, bevor man Kritik übt. Das war auch eine publizistische Kampfansage gegen den sich nicht nur unter Linken ausbreitenden Technikskeptizismus, der den bis Ende der Neunzehnhundertsiebziger vorherrschenden Fortschrittsglauben verdrängt hatte. Entsprechend heftig war der Streit auch in der Redaktion und hielt bis zum Ende der Volkszeitung an. Mit der Beschleunigung der Digitalisierung verlor der Technik-Skeptizismus aber an Relevanz. Hier fand tatsächlich die von Helmut Kohl angekündigte zumindest geistige Wende statt.

In der Weihnachtsausgabe 1986 schrieb Charlier unter der Überschrift „Das Auto als Produkt der Computertechnik“ über „Navigationssysteme, an denen mehrere Hersteller arbeiten, veritable Computer mit erstaunlichen Fähigkeiten. Sie werden in naher Zukunft auf den Markt kommen“. Zwei Jahre später war Bosch in Deutschland der erste Anbieter. Charlier denkt weiter: „Am Horizont erscheint als technische Möglichkeit der vollautomatische Autoverkehr, in dem es nur Mitfahrer gibt. Nachdem der Benutzer dem Computer sein Fahrtziel mitgeteilt hat, greift er zur Zeitung, bis der Bordcomputer mit synthetischer, aber selbstverständlich naturähnlicher Stimme mitteilt: ‚Wir sind angekommen’“. (VZ, 19. 12. 1986). Das dauerte dann doch etwas länger.

Recht behielt Charlier dagegen mit seiner Prognose, dass die DDR wegen ihrer technischen Rückständigkeit keine Zukunft habe. Den von der DDR stolz propagierten Mega-Chip hielt er für überholt, bevor er wirklich industriell produziert wurde. Diese These diskutierten wir heftig, trauten uns aber nicht, sie in der Zeitung zu veröffentlichen. Dass sich Charlier noch fünf Jahre zuvor, wie Goeb schreibt, gegen den Abdruck seiner Reportagen ausgesprochen hatte, weil sie die DDR als „Sackgasse oder Blinddarm“ (Goeb, a.a.O., S. 145) zeichneten, zeigt gut, wie sich die Einstellungen der Redakteure in diesen Jahren – unterschiedlich in Maß und Geschwindigkeit – veränderten. Darin lag die Chance für das Blatt.

 

Instrument der Bewegung oder Zeitung? Zur Demo rufen oder analysieren und kommentieren?

 

Die Bereitschaft zum Wandel fand auch ihre Grenzen. In der ersten von mir verantworteten Ausgabe hatte das Kultur-Ressort für den Aufmacher ihrer Seiten den Maler und Schriftsteller Hans Platschek gewonnen. Er schrieb ein Plädoyer gegen den Dilettantismus in Kunst und Literatur: „Dilettanten in Kunst und Literatur profitieren von denen, die Demokratie als Gegenstimme, als Protest gegen Rüstung, Startbahnen und Atomkraftwerke verstehen. Nur: Ist die Dilettantenprosa deshalb besser, weil sie von Leuten stammt, deren politische Einstellung man nur honorig nennen kann?“ (VZ, 6. 9. 1983)

Mit diesem Text wollten die Kultur-Redakteure ihren programmatischen Markstein für das nun mit der „Tat“ vereinigte Blatt setzten, nach innen wie nach draußen: Qualität dürfe nicht durch guten Willen, Parteilichkeit oder den richtigen Standpunkt ersetzt werden. Sie fürchteten, dass mit mir als Chefredakteur, der ich aus der durch Hochschulstreiks und Aktionen geprägten Studentenbewegung kam, eine „Micky-Maus-und-Enthüllungs-Kultur“, so einer der Redakteure, das Blatt prägen würde. Damit kritisierten sie einen Grundton in den durch die Bewegungen erregten Zeiten, in denen der gute Wille, die Welt zu retten, oft genug zum vieles relativierenden und rechtfertigenden Maßstab geriet. Letztlich war es eine Variante der aus der Achtundsechziger-Bewegung stammenden Vorstellungen, Kunst zur Waffe zu reduzieren und ihren Wert allein an deren Wirksamkeit zu messen. Dagegen beharrten die Kultur-Redakteure auf einem klassischen Kunst- und Kulturverständnis. Die Gewerkschaftsformel, nach der Kultur sei, wie der Mensch lebe, verstanden sie als modische Beliebigkeit, letztlich als Verachtung von Form und Ästhetik, vielleicht auch als einen zeitgemäßen Aufguss von Proletkult. So wollte die Zeitung Zeichen gegen den Zeitgeist setzen.

Kunst um der Kunst willen veröffentlichte die Volkszeitung jede Woche auf einer ganzen anzeigenfreien Kultur-Seite. Hier erschienen bereits veröffentlichte Texte, gelegentlich auch neue Prosa und Lyrik. Für die Auswahl gab es kein politisches oder aktuelles Kriterium, entscheidend war nur, dass die Texte dem wechselnden Redakteur der Seite gefielen. Es war die Seite, die später die Kollegen des Sonntag am meisten lobten.

Instrument der Bewegung oder Zeitung? Zur Demo rufen oder analysieren und kommentieren? – Fragen wie diese stellten sich besonders bei den jährlich anwachsenden Friedensaktionen. Mit der enormen und von keinem erwarteten Ausweitung der Demonstrationen verlor die Linke ihr „Alleinstellungsmerkmal“, für den Frieden einzutreten, ohne es anfangs zu merken. Im Grunde zählten nun alle dazu, die aus verschiedensten Gründen am Frieden interessiert waren, zum Beispiel um profitable Ostgeschäfte zu machen. Trotzdem erntete ich heftigen Widerspruch, als ich 1985 in einem Leitartikel auf der Seite eins unter der Zeile „Einladung an Berthold Beitz“ den Krupp-Bevollmächtigten als Redner oder Demonstrant zu den bevorstehenden Ostermärschen einlud, um mit ihm einen „nationalen Kompromiss“ für „den Erhalt der Zivilisation“ zu finden. Dazu müssten die Linken bereit sein, gegebenenfalls „gesellschaftspolitische Zielvorstellungen zurückzustellen“. (VZ 5.4.1985) Die Kritik verschärfte sich, als ich später auch noch die FDP mit ins Friedensboot nehmen wollte (VZ, 10. 1. 1986), obwohl die Aversion gegen die Genscher-FDP nicht so heftig wie später zu Westerwelles Zeiten war. Die Linken wollten sich den Frieden nicht nehmen lassen: Die DKP erinnerte daran, dass der Frieden doch dem Sozialismus systemimmanent sei. Einige Ex-Kommunisten um die Zeitschrift „Debatte“ kritisierten den neuen nationalistischen Kurs (Debatte 4/86). Mir schien es ein seltsamer Widerspruch, die Vernichtung der Welt durch einen Atomkrieg zu fürchten und andererseits irgendjemanden von den Anstrengungen zu seiner Verhinderung ausschließen zu wollen.

Die Spannung löste sich durch Gorbatschows Amtsantritt im März 1985 bald auf. Er erkannte die existentielle Gefahr, die der Sowjetunion durch das Rüsten drohte und bremste schließlich gemeinsam mit Reagan den Rüstungswettlauf ab. Dem lag auch ein Politikwechsel in Moskau zugrunde. Bis dahin mochte die Sowjetunion gehofft haben, dass der starke öffentliche Widerstand eine Stationierung von Mittelstreckenwaffen in Deutschland verhindert. Auf jeden Fall führte Gorbatschows Politik zum Abflauen der Friedensbewegung. Unsere Bemühungen, dagegen anzuschreiben und immer neue Initiativen vorzustellen, konnten das nicht verhindern.

Stattdessen traten Perestroika und Glasnost in den Vordergrund und begannen, das Blatt zu prägen. Ein letztes Mal kam die Hoffnung auf, Sozialismus und Demokratie ließen sich vielleicht doch miteinander verbinden. Katja Maurer, Leiterin des Ressorts Außenpolitik, hatte in Moskau Russisch studiert. Ein Glücksfall für die Zeitung. Sie zog spannende Texte an Land, übersetzte selbst, interviewte, machte die Redaktion immer wieder auf wichtige Entwicklungen aufmerksam und gewann neue Autoren. Um mir selbst ein Bild zu machen, flog ich zu der damals als historisch geltenden Parteikonferenz der KPdSU im Juni 1988. Sie sollte die Trennung der Apparate von Partei- und Regierungsapparat einleiten. Dort begriff ich hautnah und zum ersten Mal in aller Schärfe, wie gefährdet und umstritten das Gorbatschow-Projekt war.

Die chinesische Protestbewegung des Sommers 1989, die im Tian’anmen-Massaker erstickt wurde, ernüchterte uns endgültig. In einem großen Kraftakt berichtete die Redaktion intensiv, obwohl sie keinen festen Korrespondenten vor Ort hatte. In der Vor-Web-Zeit blieben dafür nur stundenlange Versuche zu telefonieren. Plötzlich begriffen wir, dass das auch in Ost-Europa möglich sein könnte. Während sich dort die Staaten und Gesellschaften veränderten, schien die DDR zu erstarren. Die Redaktion diskutierte Anfang 1989, ob die DDR auch als kapitalistischer Staat weiter bestehen könnte. Das war keine weit blickende Voraussicht, sondern noch ein intellektuelles Spiel. Ich stellte diese Frage Günter Gaus in einem großen Interview über den Zusammenbruch der Weltordnung von Jalta (VZ 2. 6. 1989). Engagiert plädierte er für den Erhalt der beiden Staaten auch unter kapitalistischen Vorzeichen. Damals begann die Verbindung, die ihn später in den Herausgeberkreis des Freitag führte.

Im Gegensatz zu Gaus hatte unser Redakteur, der Arzt Hans Brender, die Idee einer deutschen Vereinigung nie aufgegeben. Er hatte die Nazizeit als Halbjude in der Rüstungsindustrie überlebt und stammte aus dem kommunistischen Teil des gesamtdeutschen „Heinemann-Rau-Bündnisses“ für die Bundestagswahlen 1953. In den Diskussionen focht er für die Reize der Einheit mit der ihm eigenen höflichen Hartnäckigkeit. Er schmunzelte über das mangelnde Verständnis meiner Generation dafür, aber akzeptierte es nie. Diese Diskussionen mögen dazu beigetragen haben, dass die Volkszeitung auf den Fall der Mauer und die sich anbahnende Vereinigung nie mit der panischen Furcht vieler Linker vor einer Vereinigung reagierte. Eine von Einheits-Phobie befallene Redaktion hätte sich wohl kaum als Partner des Sonntag geeignet.

Es erwies sich nun als Problem, dass wir keinen eigenen Korrespondenten in der DDR hatten. Mein Versuch, Mitte der Neunzehnhundertachtziger die in Westberlin lebende Filmemacherin und Schriftstellerin Erika Runge zu gewinnen, war gescheitert. Sie sei mit der DDR fertig und sähe keine Zukunft für diese Art von Sozialismus, erklärte sie mir. Ob sie damals noch Kommunistin war, weiß ich nicht. Sie empfahl mir ihren Freund Ronald M. Schernikau, der mit seinem Erstling „Kleinstadtnovelle“ über das Coming out in einer Kleinstadt einen beachtlichen Erfolg erzielt hatte. Er schrieb gelegentlich Reportagen für die DVZ, so über den Weg der Schrippe in der DDR. Obwohl seine Schreibe in der DVZ geschätzt wurde, rebellierte ein großer Teil der Redaktion. Schernikau sei viel zu naiv, zu DDR begeistert. Spätestens 1989 wäre das in der Tat ein Problem geworden. Da er unrealistische Gehaltsforderungen stellte (Matthias Frings, Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau, Berlin 2009), konnte ich das Projekt begraben. Im ersten Freitag schrieb er einen schönen Text über Getrude Steins „The Making of Americans“. (Nachdruck der ersten Freitag-Ausgabe im digitalen Freitag 45/2015 vom 5. 11. 2015)

So begann im Spätsommer 1989 unsere Autorin Marina Achenbach, in Westberlin mit bundesrepublikanischem Pass lebend, oft Tag für Tag in den Ostteil zu fahren und unter dem Pseudonym Maria Meister über die Diskussionen von Intellektuellen und Künstlern und die Stimmungen in Ostberlin zu berichten. Drei Wochen vor dem Fall der Mauer kommentierte ich unter dem Titel „Die DDR politisiert sich“ im Leitartikel: „Die vollständige Verfügung der SED über den politischen Prozess ist – trotz handlungsfähiger Organe der Staatsmacht – grundlegend in Frage gestellt“. Doch mit der Beschleunigung dieses Prozesses durch den Fall der Mauer hatte niemand gerechnet. Vielen in der Redaktion wurde klar, dass es auf Dauer keine zwei Deutschlands geben würde.

Der Fall der Mauer leitete den Untergang des Blattes ein. Die den Redakteuren stets peinlichen, meist ganzseitigen Anzeigen aus der DDR, vorwiegend von Rostocker Werften und aus dem Maschinenbau, blieben aus. Ohne sie war die Zeitung nicht zu finanzieren. Der Verlag meldete Insolvenz an. Auf diesen Fall war die Zeitung vorbereitet. Seit Mitte der achtziger Jahre hatte ich mich darauf eingestellt, dass die DKP einen Bruch mit der, wie ich hoffte, Mehrheit der Redaktion herbeiführte. Das Aufkommen der sich 1986 formierenden Erneuerer in der DKP, deren Bildung die Volkszeitung begleitete und die wiederum die Perestroika-Berichterstattung als wichtige Unterstützung empfanden, brachte der Zeitung eine Atempause, weil die DKP mit sich selbst beschäftigt war.

Trotzdem versuchte sie, mich 1988 durch Eckardt Spoo ersetzen zu lassen. Eine daran beteiligte Redakteurin trug den Vorschlag auf der Redaktionskonferenz vor. Der langjähriger DJU-Vorsitzender, aus meiner Sicht ein Traditionslinker und konservativer Gewerkschafter, verfügte über ein gewisses Renommee in linken Kreisen, ein cleverer Schachzug. Die Mehrheit der Redakteure war empört, doch das hätte die DKP wenig gestört. Es wird wohl nur daran gescheitert sein, dass Spoo als langjähriger Redakteur der Frankfurter Rundschau nicht zu unseren erbärmlichen Gehältern, die noch unter denen der taz lagen, arbeiten mochte.

Für den Fall des Bruches hatte ich 1987 begonnen, nach Verlagspartnern zu suchen, um mit ihnen eine „neue“ Volkszeitung fortführen zu können. Der in der Verlagswelt gut vernetzte Kurt Weidemann, der die Schrift für die erste ökumenische Bibel entworfen, die Signets von Shell, Mercedes und Porsche gestylt, aber auch der Volkszeitung ein modernes Layout verpasst hatte, half mir. „Ich mache Dir Kontakte“, sagte er, „aber Du wirst keinen Erfolg haben. Nicht weil Ihr von der DKP kommt, sondern weil Ihr von Ihr weg wollt. Die Verlage werden fürchten, damit ihr eigenes Ostgeschäft zu gefährden, Lizenzen und Druckereiverträge mit der DDR“. Kurt Weidemann behielt Recht. Die Gespräche verliefen freundlich, gelegentlich schulterklopfend jovial: „War überrascht, dass Ihr eine so interessante Zeitung macht.“ Damals wusste ich noch nicht, dass Verlagsmanager nur in seltenen Fällen Zeitung lesen. Immerhin nahm uns Gruner & Jahr in seinen Kiosk-Vertrieb auf, ein wichtiger Schritt bei der Verbreitung.

Also blieb nur das taz-Modell einer stillen Beteiligung durch die Leser. Obwohl ich mir schwer vorstellen konnte, auf Dauer so eine Zeitung zu finanzieren, hatte ich ein solches Modell entwickeln lassen, das nun zum Einsatz kam. Wir boten den Lesern eine reale Perspektive, ihr Blatt zu erhalten. Die Resonanz übertraf bei weitem unsere Erwartungen, die Leser zeichneten Anteile in Höhe von fast einer Million DM. Aus der Redaktion bildete sich eine Projektgruppe für einen schnellen Neustart in Berlin. Dieter Lattmann, Mit-Herausgeber, Schriftsteller und Ex-SPD-Abgeordneter, ließ sich als Treuhänder der Anleger gewinnen.

Um einen echten Neuanfang zu ermöglichen, zog ich mich zurück, erleichtert und erschöpft. Erleichtert, weil es eine echte Chance gab, die Volkszeitung fortzuführen. Erschöpft nach dem Kampf um den Erhalt der Zeitung; aber auch, weil ein Weltsystem politisch und geistig zusammenbrach, das über lange Zeit in Zustimmung und Widerspruch ein Bezugspunkt meines Denkens und Fühlens gewesen war. Hinzu kam die Scham, offensichtliches Unrecht in der DDR und den anderen sozialistischen Staaten zu lange Zeit nicht kritisiert zu haben. Da half nicht wirklich, dass wir uns in der Redaktion der Volkszeitung Distanz erarbeitet und uns publizistisch so weit von der DKP frei geschwommen hatten, dass es selbst der Verfassungsschutz anlässlich der Liquidation der Zeitung vermerkte. (Verfassungsschutzbericht, 1989)

Doch überraschend fragte im Januar 1990 die Projektgruppe bei mir an, ob ich nicht doch die neue Volkszeitung als Chefredakteur in Berlin führen wolle. Die es voran getrieben hatten, waren offensichtlich in letzter Minute abgesprungen. Dem konnte ich mich schwer entziehen, hatte ich doch über sechs Jahre diese Zeitung, für die die Leser nun eine Million DM aufbrachten, geführt und in ihr geschrieben.

Inzwischen hatte sich die Projektgruppe in Berlin mit dem Elefanten Press Verlag zusammen getan, der von zwei orthodoxen Linken geführt wurde. Der einzige Lichtblick war, dass dort auch die Titanic erschien. Obwohl die Projektgruppe das Geld der Anleger einbrachte, hatte sie sich keinen Platz in der Geschäftsführung einräumen lassen.

 

Sicher gab es auch einige Gemeinsamkeiten, aber hier fand nicht unbedingt im Brandtschen Sinne zusammen, was zusammen gehörte.

 

Wir starteten mit einem kleinen Team. Mit Ausnahme von Katja Maurer fehlten alle diejenigen, die den Kurs der letzten Jahre getragen hatten. Hinzu kamen Marina Achenbach, bislang nur Autorin, und Ulrike Baureithel, zuvor im Herausgeberkreis der Volkszeitung. Stefan Reinecke und Jörg Magenau waren erst spät zur Volkszeitung gestoßen und mit ihrem Engagement und ziemlicher Unbefangenheit prädestiniert für einen Neuanfang. In einem Parforceritt bereiteten wir die ersten Ausgaben vor. Kurz vor dem Erscheinen drohte noch einmal alles zu scheitern, weil die DKP über die von ihr kontrollierte Druckerei die Herausgabe der Abodateien verweigerte. Dabei kam es auf jede Woche an, um den Anschluss an die alte Zeitung nicht zu verlieren. In wirklich letzter Minute half uns die Firma, die die Abos verwaltete und auch über eine Datei verfügte, aus der Klemme.

Bald ahnten wir, dass das nicht lange durchzuhalten sein würde. Doch für eine Autorenzeitung könnte es vielleicht reichen. Zu Volkszeitungs-Zeiten hatte ich den Sonntag meist mit mehrwöchiger Verspätung erhalten. Das machte nichts, weil die oft klugen und bemerkenswert gut geschriebenen Texte meist zeitlos wirkten. Der Chefredakteur Hans Jakobus besuchte mich einmal im Jahr in Düsseldorf. Was würde aus dem Sonntag werden? Die Redaktion führte offenbar Gespräche mit der ZEIT. Wäre die Volkszeitung nicht ein geeigneterer Partner? Aber wie sollten wir mit der ZEIT konkurrieren? Vielleicht lag gerade darin unsere Chance. Denn in der ZEIT würde der Sonntag untergehen.

Beide Redaktionen hatten sich zu Mauer-Zeiten wahr genommen, und sicher gab es auch einige Gemeinsamkeiten, aber hier fand nicht unbedingt im Brandtschen Sinne zusammen, was zusammen gehörte. Bei ersten Gesprächen stellten wir fest, dass zwei Welten aufeinander trafen: auf der einen Seite die mehr oder weniger Linken der Volkszeitung; auf der anderen die Sonntag-Kollegen, die mit wenigen Ausnahmen den politischen Raum tunlichst zu meiden versucht hatten. Wir duzten uns, sie siezten sich, eine Reminiszenz an das in der DDR unter gegangene Bürgertum. Auch wenn es bei der Volkszeitung Sorgen vor einem Zusammengehen mit dieser größeren und geschlossener erscheinenden Redaktion gab, lag die Entscheidung bei den Redakteuren des Sonntag. Sie hatten die Zeit als Alternative und entschieden sich dann trotzdem für die Fusion mit der Volkszeitung.

Ausgiebig und ausdauernd diskutierten wir den Namen. Nachdem wir über all die Jahre erklären mussten, dass die Deutsche Volkszeitung keine rechtsradikale, sondern eine linke Zeitung sei, sollte der neue Name kein Programm sein und keinen Hinweis auf das Profil des Blattes geben. Ziemlich früh hatten Jutta Voigt vom Sonntag und ich den Namen Freitag spielerisch erwähnt und zunächst Unverständnis geerntet. Nach langem Hin und Her plädierten schließlich die Kollegen vom Sonntag für den Freitag mit dem Hinweis, nun seien sie im westdeutschen Alltag angekommen,keine Zeiten für Sonntags-Zeiten. Marina Achenbach erinnerte der Freitag an die Rolle des Begleiters von Robinson, als eine Art Ikone für das Engagement zugunsten der Zu-Kurz-Gekommenen. Nun ja, wenn es der Mehrheit für den Namen Freitag diente.

Die Redakteure des Sonntag mussten aus ihrer geliebten heruntergekommenen Redaktion am Hausvogteiplatz mit den abgenutzten Möbeln und schweren Schreibmaschinen in unsere Räumen in dem wunderschönen alten Fabrikgebäude in der Oranienstraße ziehen, direkt unter dem Dach, nur mit einem Lastenfahrstuhl ohne Türen zu erreichen. Kreuzberg brachte den Sonntags-Redakteure die Ankunft im neuen Deutschland, auch wenn sie die türkisches Gebäck und den damals schon von türkischen Händlern betriebenen Ladenschluss-freien Verkauf schnell schätzen lernten. Die Sonntags-Redakteure kamen früh und tauschten sich ausgiebig in der schmalen Kantine über ihre persönlichen Welten aus, wir kamen spät und widmeten uns der allgemeinen Welt. Der gebildete und witzige Detlev Lücke erzählte, wie er zu Sonntags-Zeiten über Wochen mit Jutta Voigt in ihre eigenen Rollenspiele eintauchte und den adligen Reaktionär spielte und sie sich so ihre eigene Welt schufen.

Aus der Traum. Wenige Wochen nach dem Start erschütterte der Golfkrieg 1991 auch die Redaktion. Eindeutig legitimiert durch die UNO und getragen von einer breiten Koalition wurde der Irak aus dem von ihm eroberten Kuwait vertrieben. Einzelne Autoren drängten die Redaktion, sich positiv zu dieser Intervention zu verhalten. Nach heftigem Streit starb einer der Autoren zu Hause an einem Herzinfarkt. Dass es überhaupt zum Streit kam, zeigte, dass alte Selbstverständlichkeiten nicht mehr selbstverständlich waren. Die Ex-Sonntag-Kollegen hielten sich ziemlich abseits. Die Redaktion entschied, gegen den Krieg Stellung zu beziehen. Eine Redakteurin sagte, nachdem sie sich schon von der Idee des Sozialismus habe verabschieden müssen, wolle sie doch an der des Friedens festhalten. Im Freitag zog der Alltag ein.

25 Jahre später hat die Geschichte wieder zu rotieren begonnen: Flüchtlingskrise, Ukraine, Syrien, Fußball-Desaster, VW-Betrug. Hinter jedem der Stichworte verbergen sich Umbrüche, die lange Vertrautes auflösen. Gewissheiten gehen verloren. Zeiten für eine Wochenzeitung, die sich dem stellt.

 

 


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