Höcke und die Medien – „Kamerad“ mit grünem Korrekturstift

| 03.11.2015 | 8 Kommentare

Björn Höcke wäre weiterhin ein Provinzpolitiker, der in Landesmedien präsent wäre, aber für die Menschen in Aachen, Bremen oder Oberammergau eine reine Null-Stelle darstellte, wenn sich die Medien seiner nicht so exzessiv und unzulänglich angenommen hätten.

Öffentlich-rechtliche sowie privatrechtlich arbeitende Medien haben sich viel Mühe gegeben, den studierten Lehrer und AfD-Politiker Björn Höcke bundesweit bekannt zu machen. Sie haben ihn – Fußball-Bild – aus der Regionalliga in die erste Bundesliga katapultiert. Warum sie die Mühe auf sich genommen haben, wird nicht richtig klar. Liegt es daran, dass er eine Menge Konfliktstoff bietet – und anbietet? Also Schlagzeilen auslösen kann? Das mag sein. Gilt er einigen als genialer homo politicus und Analytiker? Nein. Gewiss nicht. Oder wird in ihm ein Wiedergänger einer historischen Figur vermutet? Kaum. Der Mann hat all diese Möglichkeiten genutzt, sich in Szene zu setzen und bei seinen Leuten für sich zu werben. Viel mehr erfährt Mensch nicht während all der Sendeminuten. Irgendwie bleibt das öffentlich-rechtliche Infosystem „neutral“. Politische Bildung sieht anders aus.

Höcke bewegt sich in der neuen Rechten unseres Landes in der Art eines „In Gang Setzers“, eines völkischen Missionars und rigorosen Vereinfachers. So wird’s gemacht, wenn die neue Rechte heute erfolgreich agieren will. Das ist seine nach innen, auf die eigenen Sympathisanten gerichtete Botschaft. Die TAZ schrieb treffend über diese Entwicklung in der neuen Rechten: „Ihre Theorie verlässt den Salon“.

Höcke wäre weiterhin ein Provinzpolitiker, der in Landesmedien Zeilen und Sendezeit hätte, aber für die Menschen in Aachen, Bremen oder Oberammergau eine reine Null-Stelle darstellte, wenn sich nicht bestimmte Medienformate seiner exzessiv angenommen hätten. Michel Friedman hat sich mit ihm auf N24 gezankt. Frau Maischberger platzierte ihn in eine ihrer Runden. Warum er von ihr ausgerechnet zu einer Sendung über sexuelle Vielfalt eingeladen wurde, erschließt sich nicht. Auch nicht nach mehrmaligem Anschauen der Sendung. Frau Illner setzte ihn an einen Tisch mit Ruppert Neudeck. Auch in Jauchs Sonntagabend-Sendung konnte Höcke für sich und die AfD („Die Stimme des Volkes“) werben. Er entfaltete nahezu andächtig ein viereckiges Stück Stoff in den Farben schwarz-rot-gold, um dieses Stück wie eine von der lieben Oma gehäkelte Schondecke über die Armlehne seines Sessels zu legen. Merkwürdig. Oder albern.

Ja, merkwürdig. Für mich sind schwarz-rot-gold nicht zuletzt die Farben, hinter denen sich jene versammelten, die die Weimarer Republik verteidigten, Liberale und Sozialdemokraten und Sozialisten im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold; oft politisch in Partien gebunden, die von den Nazis verächtlich „Altparteien“ genannt wurden. Aufschlussreich ist, dass Leute wie Höcke für die Bundestagsparteien wieder diesen Begriff verwenden – „Altparteien“, so als habe sich die Nazidefinition durchaus als sinnhaft und treffend bewährt. Gleiche Brüder, gleiche Kappen?

Aufschlussreich auch Höckes MDR-Sommerinterview im Juli 2015: Im Sonnenschein spazierend und unter grünem Blätterdach parlierend. „Rechts“ sei ein Kampfbegriff geworden, erklärte er bedauernd. Gleichwohl sei rechts ursprünglich mal positiv „konnotiert“ gewesen. Man denke etwa an das Wort „rechtschaffen“. Links hingegen sei etwas anderes. Denn wer wolle etwas mit „linkischen Menschen“ zu tun haben. Das ist natürlich Blödsinn. Weniger als scheinplausibel. Die Etymologie liefert für links den Hinweis auf unbeholfen, hölzern; „Link“ im Sinne von hinterhältig stammt aus der Gaunersprache. Die Französische Revolution trennte unterschiedliche politische Auffassungen danach, wo sie „lagerten“, eben auf der rechten oder der linken Seite des Hauses. Aber Höckes alberne Wortspiele kommen eben in manchen vergeblich sinnsuchenden Herzen an. Es sind winzige, verdorbene Narrative, die Höcke wie Zuckerstücke auf der flachen Hand hält, um sie zu verfüttern. In fast allen Nachrichtensendungen findet man Höcke, mal mit Wort, mal im Bild, mal mit Wort und Bild. Die als Lügenpresse diffamierten Medien kümmern sich ganz schön um die, die mit dem Lügenvorwurf operieren.

Wir wissen, dass es keinen „Generalplan“ der völkischen und ausländerfeindlichen Gruppen wie Personen zur Machteroberung in Deutschland gibt. Wir wissen aber auch, dass diese Leute zunehmend vernetzt arbeiten, deutschlandweit und international; dass sie sich als politische, aber auch als kulturelle Bewegungen verstehen, die mit eigner Musik, Sonnenwendfeiern und anderem mehr ihre Zeit verfüllen.

Mir fiel in diesem Zusammenhang aus einem mir aus dem Stand nicht erklärbaren Grund, also assoziativ, eine Szene aus Joseph Vilsmaiers Film über die „Comedian Harmonists“ ein. Eine beklemmende Szene. Sie gibt die fiktive Begegnung der „Harmonists“ mit dem Chefredakteur des NS-Blattes „Der Stürmer“ wieder, mit dem Nazi, dem gelernten Lehrer, Hetzer, Antisemiten und völkischen Nationalisten Julius Streicher. Der spätere Reichstagsabgeordnete der SPD, Josef Felder, hatte in Mindelheim unter den Rohrstock-Perversitäten Streichers zu leiden: Erniedrigung, Demütigung und Aggressivität, sagte Felder später mit Blick auf ihn.

Streicher kam aus dem „Deutschen Schutz- und Trutzbund“, einem mächtigen antisemitischen Verband zu Kaisers Zeiten, dessen politische Parole – man lese und staune, lautete: „Deutschland den Deutschen.“ Hören wir das nicht Woche für Woche aus der Mitte von Demonstrationen, auf denen sich auch Höcke tummelt?

Streicher wünscht sich im Film, dass ihm die „Harmonists“ das von Friedrich Glück vertonte Eichendorff-Gedicht „In einem kühlen Grunde“ vorsängen, das Klang- und Sinnbild für verschmähte Liebe, Sentimentalität und Innigkeit. „Harmonists“-Chef Harry Frommermann geht raus, weil er – wie er sagt – „kotzen müsse“. Und Vilsmaier fängt mit dem Kamerablick auf Streichers Augen ein, wie sich dessen Wohlwollen in Erstaunen, dann Misstrauen und später in Abneigung verwandelt. Aber all das in netter Form.

In der vergangenen Woche hat nun die angesehene ZDF-Journalistin Dunja Hayali die Linie anderer Formate fortgesetzt und per Interview versucht, dem AfD-Fraktionsvorsitzenden im thüringischen Landtag, Björn Höcke, auf den Zahn zu fühlen, also heraus zu finden, welche Persönlichkeit tatsächlich hinter den eingeschliffenen Sprüchen und Versatzstücken des AfD-Funktionärs über Deutschland und die Deutschen steckt. Für das ZDF- Morgenmagazin befragte sie im Anschluss an eine AfD-Protestdemonstration in Erfurt Björn Höcke, um zu scheitern.

Das Hayali-Höcke-Gespräch wurde zum Lehrstück darüber, wie eine versierte Journalistin an Höcke mal abprallt, mal über seine Narrative für dumm verkauft werden soll. Alles selbstverständlich in netter Form.

Standarderöffnung des Herrn Höcke im Gespräch mit Hayali: Warum stellen sie keine erkenntnisleitende Frage, statt mich zu stigmatisieren? (Sie hatte gefragt, ob er sich nicht schäme, bei einer solchen Demo mitzumachen.) Oft nutzt Höcke auch das Wort absurd, um einen Interviewer von Beginn an „in die richtige Position“ zu bringen. Wer Höcke nachliest, steckt irgendwann in einer immer wieder gleichen Schacheröffnung: Bauer von e2 nach e4. Er ist der fleischgewordene Korrekturstift. Hayali blieb nach e2 nach e4 ruhig, sachlich und bestimmt.

Die Frage, warum er – Höcke – auf solchen Veranstaltungen so rede, die wirkte allerdings wie der Thiago-Steilpass auf Robert Lewandowski: Bumm und Tor! Ebenso gut könnte man den Papst fragen, warum er in der ewigen Stadt wohnt. So etwas bügelt der AfD-Mann mit einem lächelnd vorgetragenen Hinweis weg: Wer sich auskenne in der Geschichte, der wisse, auf was es ankomme und was er meine. So kriegt man den nicht. Auf die Frage, ob er zum Slogan „Deutschland den Deutschen“ stehe, antwortet Höcke ausweichend. Keiner seiner Fans soll sich verraten fühlen, aber keine Agentur soll anschließend schreiben können, Höcke habe sich diesen Kampfruf zu Eigen gemacht. Er riecht die Fallen des Mediengeschäfts. Zwei Schritte vor und ein Schritt zurück. Man wird ihn nicht dabei erwischen, dass er jemanden zeigt, wo die Streichhölzer liegen. Aber wunderbar erklären kann er sicherlich, ab wann und aus roter Glut die weiße Glut wird. Spannender wurde es für die Zuschauenden, als Dunja Hayali bekannte, ebenfalls eine schwarz-rot-goldene Fahne zu besitzen und daran die Frage knüpfte, wer denn nun der bessere Patriot von beiden sei, sie, die Migrantentochter oder er, der Deutschstämmige? Tatsächlich aber wieder eine Steilvorlage: Sie sei doch bestens integriert und sie liebe Deutschland, ihr Land, wie er es ebenfalls tue. („Ich freue mich, dass Sie sich als Deutsche fühlen und dass Sie dieses Land genauso lieben wie ich. Wir stehen ja hier nicht nur für die Menschen, die keinen Migrationshintergrund haben, sondern wir stehen hier auch für die Menschen, die sich hier gut integriert haben und die auch eine Zukunft für unser Land wollen.“)

Auf die Frage, warum er übertreibe und zuspitze, lächelte der Geschichtslehrer Höcke gnädig, um zu entgegnen, sie wisse doch, dass das zum politischen Geschäft gehöre. Der Abbinder wurde freundlich-frostig. Hilde Knef hat so etwas so besungen: „…und kommst du mal aus dem Gleis, war’s eben Erfahrung – anstatt Offenbarung – was macht das schon.“

Das ZDF hat die vollständige Reportage Hayalis ins Netz gestellt, einschließlich des Höcke-Interviews. Das ist verdienstvoll.

 

Höcke ist nicht der erwartete völkisch-nationale „Messias“. Er ist der jemand, der Bewegung schafft. Arrogant, besserwisserisch, geschichtsvergessen und auch albern. Aber auch mit Wirkung

 

So sammelt Björn Höcke fleißig Punkte, festigt sein Standing, hält sich in Bereitschaft für den nächsten Sender, der sich an ihm versuchen möchte; Während die „Bocksgesänge“ seiner Sympathisanten in den elektronischen Medien anschwellen. Stets sorgt er dafür, dass die Anhängerschaft genügend „Futter“ und die eigene Parteispitze genügend „Frustiges“ erhält. Hat er es mit Presseleuten wie Dunja Ayali zu tun, frisst er Kreide. Wenn es sein muss eine ganze Wagenladung Calciumkarbonat aus der Champagne. Das nimmt ihm die Anhängerschaft nicht krumm. Die weiß, was sie an ihm hat. Höcke reichen Reizworte. Notfalls schönt der gelernte Geschichtslehrer Höcke die Geschichte zu seinen agitatorischen Gunsten. Beispiel Magdeburg.

1000 Jahre sei Magdeburg deutsch, erzählte Höcke am 14. Oktober in Magdeburg. Das solle auch so bleiben. Wie Sonnenlicht nach einem Regenschauer lässt er den Beifall auf sich scheinen. Aber da war doch noch etwas vor diesen 1000 Jahren? Magdeburg wurde deutsch nach einer jahrzehntelangen, brutalen, blutigen Eroberungspolitik deutscher Adelsgeschlechter. Nicht mal Unterwerfung und Tribut konnten Otto den Großen, den deutschen Kaiser gnädig stimmen. 955 ließ er an der Raxa hunderte slawischer Männer, die sich längst ergeben hatten, köpfen. Nur so. Damit die Überlebenden wussten, wo es bei den Deutschen lang geht. Deutschtum kam damals mit Massenmord an anderen Ethnien daher. Aber das sagt Höcke nicht.

Figuren und Umstände wechseln, die Methoden und Mechaniken bleiben. Die einen schreien „Deutschland den Deutschen“; vereinzelt ist nun auch der Ruf „Judenpresse“ zu hören; wieder zu hören. Die anderen reden von den „Altparteien“. Nett ist auch der Slogan: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Kann ich nur noch hoffen, dass sich unter den Schreihälsen genügend potenzielle Nobelpreisträger befinden, so dass die Lücken geschlossen werden können, nachdem all jene Deutschland verlassen haben, die gerne hier leben, die stolz auf Leistungen, auf Demokratie und Verfassung sind, die aber Frau und Kinder und Freund im Herzen tragen statt

 

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Einen solchen Verlust hat es ja bereits einmal gegeben. Allerdings haben die Öffentlich-Rechtlichen meines Wissens auf diesen Aspekt im Zusammenhang mit dem erwähnten Slogan nicht aufmerksam gemacht. Einstein erleichtert hier den Einstieg: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Schließlich gibt es unter Höcke-Sympathisanten jene, die hin und her gerissen sind. Eigentlich verachten sie Hetzer, wollen aber nicht weggehen, weil sie meinen, politisch ohne die Hetzer nichts zu bedeuten. Den alten Spruch: Wer zu lange neben einem Misthaufen stehen bleibt, fängt selber an zu stinken, den kennen sie zwar, aber nehmen die eingestunkenen Klamotten leider in Kauf. Mitläufer wurden diese Leute früher genannt; weil sie mitliefen. Wer sie damals fragte, warum sie mitgelaufen seien, erhielt als Antwort: Was hätte ich denn tun sollen? Mussten doch alle mitlaufen! Hatte ja schließlich Frau und Kinder.

Heute kann das nicht mehr gelten.

Höcke ist nicht der erwartete völkisch-nationale „Messias“. Er ist der jemand, der Bewegung schafft. Arrogant, besserwisserisch, geschichtsvergessen und auch albern. Aber auch mit Wirkung während politisch zugespitzter Zeiten. „Kamerad Björn“ mit dem Korrekturstift. Es wird Zeit, dass das teure deutsche Sender-Geflecht sich den Bewunderer der deutschen Traditionen mal genauer anschaut.

 

 


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