Clintons Alptraum

Die ersten Fernsehduelle im US-Wahlkampf sind gelaufen. Während bei den Demokraten Hillary Clinton erwartungsgemäß vorn liegt, überrascht bei den Republikanern Marco Rubio, Jahrgang 1971 und kubanischer Abstammung.

Vor wenigen Tagen ist auch bei den Demokraten die erste TV-Debatte über die Bühne gegangen. Mindestens eine Handvoll weitere werden folgen. Die Republikaner haben bereits drei hinter sich gebracht, weitere neun (!) stehen an. Für Unterhaltung ist also gesorgt.

Was können wir darüber hinaus aus der Glitzerstadt Las Vegas mitnehmen? Zunächst stellt sich Erleichterung ein. Der republikanische Fernsehkindergarten hat Pause, die Gesprächsrunde der Demokraten verdiente diesen Namen. Surreal allerdings der Veranstaltungsort: Das Luxusressort The Wynn ist so weit von Detroit entfernt wie die zigfache Millionärin Hillary Clinton von der Lebenswelt der amerikanischen Arbeiter – also jener Wähler, die traditionell die Bastion der Demokratischen Partei bilden. Das ging offenbar auch dem selbst ernannten Sozialisten Bernie Sanders durch den Kopf, der phasenweise seltsam abgelenkt wirkte. Sanders ist bislang der Einzige im Feld, der Clinton gefährlich werden kann: Er wirkt authentisch – nicht unbedingt das erste Adjektiv, das den Amerikanern in Umfragen zu Hillary einfällt. Doch der Altlinke aus Vermont erwischt nicht den besten Abend. Stattdessen leistet er der Spitzenreiterin Schützenhilfe und erklärt das leidige Geplänkel um Clintons Email-Account für beendet. Diese nimmt das Geschenk dankbar an; es läuft gut für sie momentan. Hillary hat ihren Favoritenstatus gefestigt, ihre Kampagne ist bis zum nächsten Herbst durchfinanziert, kein Rising Star aus den eigenen Reihen in Sicht. Joe Biden zögert sich ins Abseits.

Glaubt man den Umfragen, gefällt den Deutschen diese Entwicklung. Doch bei aller Präferenz für Hillary: Es ist noch lange nicht ausgemacht, dass sie am Ende wieder in der Pennsylvania Avenue 1600 einzieht – und dieses Mal neben den Wohnräumen auch das Oval Office regiert. Davon war die frühere First Lady schon vor acht Jahren felsenfest ausgegangen, nur um dann gegen einen Grünschnabel aus Illinois zu verlieren. Hierzulande hatten sich die Menschen hingegen früh auf Senator Obama eingeschworen. In Berlin flogen dem begnadeten Redner (der damals kaum nominiert war) die Herzen zu, und schon wenige Wochen nach seinem Amtsantritt hatten 78% der befragten Deutschen eine positive Haltung zu den USA. Obama, so die Hoffnung, würde nach der Katastrophe Bush die alte mit der neuen Welt versöhnen. Davon will heute niemand mehr etwas wissen: Im Frühjahr 2015 ringen sich gerade einmal noch 35% der Deutschen zu einem halbwegs gnädigen Blick auf die Vereinigten Staaten durch. Kurz: Unsere Einschätzung war schon zu Zeiten von Obamas Auftritt an der Siegessäule so falsch wie sie sich heute erweist. Wir haben uns getäuscht; Bush jr. hatte zumindest keinen Hehl daraus gemacht, welche Rolle europäische Bedenken spielen, wenn Amerika eine Entscheidung zu fällen hat, nämlich keine. Die Obama-Junkies von damals sind seit Längerem schwer auf Entzug – und doch sind es oftmals genau jene Ex-Enthusiasten, die dieser Tage der Hälfte der Amerikaner erneut eine schwere geistige Verwirrung unterstellen, weil sie auch 2016 wieder republikanisch wählen werden.

Hillarys Strategen machen sich momentan keine großen Sorgen um einen neuen Obama – aus den eigenen Reihen. Die Gefahr kommt aus dem gegnerischen Lager, und sie könnte zum schlimmsten Alptraum der Demokraten heranwachsen. Ihr Name: Marco Rubio. Rubio ist gerade einmal 44 Jahre alt (und damit jünger als Obama damals), seine Eltern sind gebürtige Kubaner. Der Katholik kann sowohl auf Unterstützer im Parteiestablishment als auch bei der wütenden Basis zählen. Mindestens so wichtig: Rubio, der einer von lediglich drei Cuban Americans im Senat ist, stammt aus dem Bundesstaat Florida – hier müssen die Republikaner unbedingt gewinnen, um eine Chance auf das Weiße Haus zu haben.

Rubio, das Schreckgespenst – arg weit hergeholt? Nicht für Hillarys Wahlkampfteam, und es gibt gute Gründe dafür. Zunächst steht Rubio für einen Neuanfang (schon aufgrund seines Alters), Clinton für eine politische Familiendynastie. Das hat es in der amerikanischen Geschichte immer wieder gegeben, von Adams über Roosevelt zu Kennedy und Bush. Gegenwärtig ist die Bevölkerung aber generell unzufrieden mit der Richtung, in die sich das Land bewegt: Die Zeichen stehen auf Wechsel (Davon abgesehen sind sechzehn Jahre Kontrolle des Weißen Hauses durch eine Partei die große Ausnahme). Rubio ist jung, aber er wirkt nicht unerfahren, schon gar nicht auf seinem Spezialgebiet, der Außenpolitik. In der Frühphase des Wahlkampfs ist er frischer als sein Ziehvater Jeb Bush, der aufpassen muss, den Zug nicht zu verpassen. Rubio gibt sich staatsmännisch, er wirkt erwachsener als andere Konservative, die fast eine Generation älter sind als er (Hier kommt einem sogleich der unselige Ben Carson in den Sinn). Anders als etwa Rand Paul hat er sich nicht zu einer Schlammschlacht mit dem Querulanten Trump hinreißen lassen.

Iowa, Anfang Oktober: Rubios Wahlkampftross macht Halt in Cedar Rapids. Die Stadt hat ihre besten Tage hinter sich, selbst in der strahlenden Herbstsonne haftet den Straßen etwas Trostloses an. Fabrikhallen stehen leer, vereinzelt finden sich Autowracks am Straßenrand. Unser Mietauto wird auf dem Weg in die Innenstadt kräftig durchgeschüttelt, auch die Stoßdämpfer des Chevy sind offenbar nicht mehr das, was sie einmal waren. Dann taucht wie aus dem Nichts gegenüber einem riesigen, verlotterten Speditionsparkplatz die brandneue Stadtbücherei von Cedar Rapids auf: ein lichter Bau aus Glas und Stahl, postmoderne Kunst an den Wänden, Apple Laptops zur Ausleihe, ein Café, das Organic Food serviert. Die endlosen Maisfelder Iowas sind auf einmal sehr weit weg. Der Ort könnte nicht besser gewählt sein, die Botschaft ist klar: Rubio steht für einen neuen Anfang, und er spricht alle an. Arbeiter, Farmer, Sekretärinnen, Selbstständige, Lehrer von den Community Colleges der Umgebung und Vietnam-Veteranen bevölkern den Saal. Eine junge Frau Anfang Zwanzig, die als Bedienung im Irish Pub gegenüber arbeitet, erzählt uns im Aufzug, sie habe sofort Geld gespendet, als Rubio seine Bewerbung ausrief. Wie viele andere trägt sie ein T-Shirt mit der Aufschrift „I’m with Marco.“ Schon am Abend zuvor sagen uns die mexikanisch-stämmigen Barkeeper des Cancun Diner gegenüber vom Motel, dass sie an Rubio glauben. Dieser werde ihre Anliegen nicht vergessen, auch wenn er ein Republikaner sei. Diese Latinos mögen für eine Minderheit stehen – die Demokraten registrieren den Trend allemal.

Rubio nimmt an diesem Tag kein Blatt vor den Mund: Putin ist ein „Gangster und Dieb“, der nur eine Sprache versteht: knallharte Macht und ein Amerika, das angesichts dessen Provokationen keinen Zentimeter zurückweicht, sondern rigoros Grenzen aufzeigt. Dabei ist der Kreml-Chef für Rubio immerhin ein rationaler Akteur, der die harte amerikanische Linie registriert. Die chinesische Führung schätzt Rubio ähnlich ein, anders verhält es sich seiner Ansicht nach mit den iranischen Ajatollahs, für Rubio irrationale Fanatiker, mit denen es keinerlei Kommunikation geben kann. Der junge Senator ist ein außen- und sicherheitspolitischer Falke. Das Verhältnis der USA zu Staaten wie Russland, China, Iran, Syrien und Nordkorea wäre im Falle seiner Präsidentschaft ein anderes als unter Präsident Obama, darüber müssen wir uns schon jetzt klar sein.

Sicher ist: Der nächste Präsident der USA wird das Land in eine Zeit führen, in der bei mindestens zwei Generationen die Erinnerung an das 20. Jahrhundert verblasst. Für diese Menschen ist der Kalte Krieg Geschichte; es nicht mehr selbstverständlich, dass Amerika den Willen und die Kraft hat, überall auf der Welt Verantwortung zu übernehmen. Gerade die mit den USA alliierten Staaten – nicht zuletzt Deutschland – werden lernen müssen, selbst mehr für ihre Sicherheit und die ihrer Weltregion einzustehen. Sicherlich: Vernunft und Interesse werden Amerika gebieten, weiterhin eng mit Europa zusammenzuarbeiten. Die intuitive Bindung der US-Bürger an die Alte Welt jedoch wird abnehmen – auch weil Europa für immer weniger von ihnen die Welt verkörpert, aus der ihre Vorfahren stammen.

 


Mehr zum Thema:  Tobias Endler: Das wunderbar Schreckliche ( 10.09.2015) sowie Deutschlands Traum vom großen Bruder (23.04.2015)

 


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