Der ungarische Grenzzaun trennt Nachbarn in Sombor

| 11.09.2015 | Ein Kommentar

Er soll die EU-Außengrenze schützen, verschärft aber das Flüchtlingsdrama auf der Balkanroute und trennt auch die Menschen in Serbien und Ungarn: Der 174 Kilometer lange ungarische Grenzzaun ist fast fertig und endet in Sombor. Er macht auch den Serben deutlich, wer drinnen und wer draußen ist.

Es ist ein regnerischer Tag am Ende eines langen Sommers in Sombor. Mein Freund Tibor und ich wollen uns heute von serbischer Seite den ungarischen Grenzzaun anschauen, über den momentan viele berichtet wird. Ist er überhaupt in Sombor angekommen? Wie sieht er aus? Was sagen die Menschen vor Ort dazu?

Wir fahren dafür nach Rastina. Das kleine Dorf gehört zur Gemeinde Sombor und liegt etwa 20 Kilometer von der Stadt entfernt direkt an der serbisch-ungarischen Grenze. Nach meinen Erkundungen auf Google Maps liegen die Gärten der letzten Häuser kurz vor dem Zaun.

(Foto: Ralph Menz)

Die Einwohner aus Rastina in Serbien und Bácsszentgyörgy in Ungarn haben sich früher zu ihren Dorffesten zu Fuß besucht. Die Orte liegen nur 500 Meter auseinander. Heute geht das nicht mehr. (Foto: Ralph Menz)

Der Weg nach Rastina zieht sich. Die Landstraße wird schmäler und schmäler. Wir müssen bei Gegenverkehr auf den Grünstreifen ausweichen. Auf halber Strecke passieren wir Gakovo. Hier sehen wir drei Menschen auf der Hauptstraße. In Rastina schaut nur noch ein Junge vom Fußballplatz dem fremden Auto nach.

Wir fahren die Dorfstraße bis ans Ende. Ein schmaler Weg führt weiter zum Friedhof, der nur durch ein paar Büsche vom Grenzstreifen getrennt ist. Wir treffen auf eine kleine Trauergemeinde, die am offenen Grab Abschied von einem Angehörigen nimmt.

Ein paar Schritte weiter sehen wir den Zaun metallisch schimmern. Wir gehen durchs nasse Gras und stehen davor. Entgegen den deutschen Nachrichten, wonach der Zaun fertig sei, ist er hier noch im Bau.

Vor uns liegen übereinander vier Lagen Nato-Draht, das ist eine besonders unangenehme Variante des herkömmlichen Stacheldrahts. Dahinter stehen schon die Pfosten für den vier Meter hohen Zaun.

So präsentiert sich Ungarn seinen serbischen Nachbarn: Vier Lagen Nato-Draht. Dahinter wird gerade ein vier Meter hoher Zaun gebaut, auf dessen Krone auch noch eine Rolle Nato-Draht kommt. (Foto: Ralph Menz)

So präsentiert sich Ungarn seinen serbischen Nachbarn: Vier Lagen Nato-Draht. (Foto: Ralph Menz)

Hinter der nächsten Biegung hören wir Lärm und treffen dort auf einen Bautrupp der ungarischen Armee. Die Soldaten ziehen gerade den Draht, der den Maschendrahtzaun halten soll, an den Pfosten entlang.

Mein Freund Tibor spricht neben Serbisch, Englisch und Deutsch auch Ungarisch, was ihn für diese Recherche zusätzlich prädestiniert. Es erleichtert die Kontaktaufnahme mit den Soldaten. Der Kommandeur des Trupps macht uns aber deutlich, dass er keine Gespräche mit den Soldaten wünscht. Auch Fotos mag er nicht. Nun, ich denke mir, dass seine Kommandogewalt was Fotos betrifft ja auf halber Strecke zwischen uns endet.

Vom Sprechverbot zeigt sich zudem ein junger Pionier auf der Lkw-Ladefläche unbeeindruckt. Als er hört, dass ich Deutscher bin, erzählt er mir auf fließendem Deutsch von seiner Arbeit in Deutschland. Er habe bis vor kurzem in einem griechischen Restaurant in Aachen gearbeitet. Der Chef habe ihn aber um einen Teil seines Lohns betrogen. Auch in einer Eisdiele in Eschweiler sei es ihm nicht besser ergangen. Nun sei er wieder in Ungarn bei der Armee. Zum Zaun selbst will er aber lieber nichts sagen.

(Foto: Ralph Menz)

(Foto: Ralph Menz)

Gesprächsfreudiger sind da schon ein zwei zivile Arbeiter, die wir rund 200 Meter weiter treffen. Sie arbeiten für eine private Firma, die die Armee beim Bau unterstützt. Die Männer kommen aus dem Osten Ungarns nahe der ukrainischen Grenze und sind nur zum Arbeiten hier. Den Zaun halten sie für sinnlos. Er verschärfe nur das Problem und werde keinen aufhalten, der wirklich in die EU wolle. Aber immerhin haben sie Arbeit. Sie sind pragmatisch.

Meine Neugierde zum Zaun wollen sie nicht weiter bedienen und unterhalten sich lieber mit Tibor darüber, was man in Serbien verdient und wie teuer verschiedene Gebrauchtwagenmodelle sind.

Zeit für mich, den Zaun etwas genauer zu betrachten: Die Rollen Nato-Draht liegen übereinander und sind mit dünnen Drähten fixiert. Die unterste Lage ist nicht im Erdreich verankert und lässt sich schon mit dem Fuß anheben. In mehreren Medienberichten konnte man sehen, wie Flüchtlinge sich mit Decken geschützt hindurchgezwungen haben oder eine Mulde gegraben haben.

Schwieriger wird es allerdings, wenn der rund vier Meter hohe Zaun direkt hinter dem Nato-Draht fertig ist. Er dürfte ohne Hilfsmittel wie Leitern kaum zu überwinden sein. Auf seine Krone kommt noch mal eine Rolle Nato-Draht.

Wie unangenehm der Nato-Draht ist, spürt man schon, wenn man ihn nur vorsichtig in die Hand nimmt. Die auf den Draht ausgesetzten Klingen sind scharf wie Rasiermesser und unangenehm spitz. Man müsste nur locker dagegen kommen, damit Blut fließt. Herkömmlicher Stacheldraht mutet hingegen harmlos an.

(Foto: Ralph Menz)

(Foto: Ralph Menz)

Während ich Fotos mache, kommt mir die berühmte Szene aus der Wendezeit von 1989 in den Sinn, als ungarische Soldaten den Grenzzaun zu Österreich durchschnitten. Sie ermöglichten damals den Deutschen, die aus der DDR nach Ungarn geflüchtet waren, über Österreich nach Westdeutschland zu kommen. Heute bauen die Ungarn einen Zaun auf. Wie viele Jahre er wohl stehen wird?

Um mir einen Überblick zu verschaffen, erklimme ich auf serbischer Seite einen alten Wachturm, der seit dem Zerfall Jugoslawiens keine Verwendung mehr hat. Aus der Vogelperspektive sieht man noch deutlicher, wie der Zaun die Landschaft zerschneidet. Auch der Lebensraum der Wildtiere wird zertrennt. Gut zu sehen ist auch das ungarische Dorf Bácsszentgyörgy, das nur 500 Meter von Zaun entfernt direkt gegenüber von Rastina liegt.

Kaum 500 Meter hinter dem Zaun liegt Bácsszentgyörgy in Ungarn. (Foto: Ralph Menz)

Kaum 500 Meter hinter dem Zaun liegt Bácsszentgyörgy in Ungarn. (Foto: Ralph Menz)

Bis vor kurzem hätte man die Grenze hier kaum zur Kenntnis genommen. Heute fühle ich mich an einen Klassenausflug Anfang der 80er-Jahre nach West-Berlin erinnert, wo wir auf eines der Holzpodeste stiegen, um wie im Zoo über die Mauer in den Ostteil der Stadt zu schauen.

Nachdem sich Tibor mit den zwei Arbeitern über alle gängigen Gebrauchtwagenmodelle ausgetauscht hat, gehen wir zurück Richtung Dorf. Die Arbeiter schießen mit Hilti-Maschinen weiter Klammern für den Zaumdraht in die Pfosten. Zu sehen ist auch, dass der Zaun Richtung Süden noch komplett offen ist. Erst im Oktober, sagten die Arbeiter, sei alles fertig. Bis zum Ende der ungarischen Grenze am Dreiländereck mit Kroatien sind es noch gut 20 Kilometer.

Im Dorf treffen wir auf Slobodan und Ranko, die sich gerade im Hof Kaffee und Schnaps genehmigen. Sie sehen die Sache gelassen. Es gebe nicht viele Kontakte nach Ungarn und die Bauern hätten auch kein Ackerland oder Weiden auf der anderen Seite, so dass es keine Probleme gebe. „Business as usual“, sagt Slobodan.

In den Tagen, als die Bauarbeiten begannen, habe man im Dorf viel darüber gesprochen, doch das Thema sei nun schon fast wieder vorbei. Allerdings sind sich Ranko und Slobodan einig: „Der Zaun macht keinen Sinn.“ Schließlich gebe es kaum Flüchtlinge hier. Vor ein paar Wochen seien mal vier im Ort aufgetaucht. Allerdings sei zufällig gerade die Polizei dagewesen, die sie wieder mitgenommen habe.

Ein paar Häuser weiter treffen wir Živko, der gerade Pflaumen vor seinem Haus pflückt. Er hat eine klare Meinung zum Zaun und erzählt uns, dass er selbst einmal Flüchtling war und 1995 vor dem Krieg aus Kroatien floh: „Ich kann mich gut in die Menschen hineinversetzen, die jetzt aus Syrien und anderen Ländern kommen. Niemand verlässt freiwillig seine Heimat, dafür muss es schon gute Gründe und viel Hoffnungslosigkeit geben.“

Živko wohnt in Rastina direkt am ungarischen Grenzzaun. Ihn macht das betroffen. Er war einst selbst Kriegsflüchtling. (Foto: Ralph Menz)

Živko wohnt in Rastina direkt am ungarischen Grenzzaun. Ihn macht das betroffen. Er war einst selbst Kriegsflüchtling. (Foto: Ralph Menz)

Er glaubt, dass Ungarn mit dem Zaun dem Druck der EU gefolgt sei, die Außengrenze der Europäischen Union abzuriegeln. Den Zaun hält auch er für sinnlos, da es in der Gegend von Rastina und Sombor bisher gerade mal eine handvoll Flüchtlinge gegeben habe. „Alle sind doch entlang der Autobahn unterwegs und kommen von Belgrad und wollen nach Subotica im Norden“, sagt er.

In Anbetracht seiner Lebensgeschichte sei es zudem geradezu absurd: Einst sei er aus Kroatien, das heute in der EU sei, vor dem Krieg geflüchtet. Nun lebe er in Serbien direkt vor dem Stacheldraht-Zaun der EU, den er am Ende seines Gartens sehen kann. Das sei schon irgendwie ein unangenehmes Gefühl.

Während uns Hühner und Katzenbabys um die Beine streichen, möchte ich von Živko noch wissen, ob nun der Kontakt zu den Menschen im ungarischen Dorf Bácsszentgyörgy auf der anderen Seite abgeschnitten sei. „Ja, leider“, sagt er. Man habe sich immer zu den jährlichen Dorffesten im Sommer besucht und sei dazu einfach rüber gegangen. Das sei nun vorbei. Jetzt müsse man umständlich rund 20 Kilometer zum nächsten Grenzübergang nach Backi Breg fahren, um dann in einem Bogen durch Ungarn nach Bácsszentgyörgy zu gelangen. Fast eine Stunde Fahrt. Früher seien es 500 Meter übers Feld gewesen. Schlechte Zeiten für serbisch-ungarische Liebesbeziehungen nach dem Dorffest.

Wenn er auch sonst nichts Gutes an dem Zaun finden kann, so sei er doch immerhin eine kleine Attraktion in Rastina. Hier sei schließlich sonst nicht viel los und nirgendwo in Serbien liege ein Dorf so direkt am ungarischen Grenzzaun. „Wenn Besuch kommt, wollen alle zuerst den Zaun sehen“, lacht Živko.

Eine Tür im Zaun? Hoffnung für die Menschen in Rastina und Bácsszentgyörgy, sich vielleicht doch noch auf dem kurzen Weg besuchen zu können.(Foto: Ralph Menz)

Eine Tür im Zaun? Hoffnung für die Menschen in Rastina und Bácsszentgyörgy, sich vielleicht doch noch auf dem kurzen Weg besuchen zu können.(Foto: Ralph Menz)

Nun, vielleicht machen sie in Rastina doch noch eine Touristenattraktion daraus und bauen ein Holzpodest, auf dem Besucher nach drüben in die EU schauen und den Menschen in Bácsszentgyörgy zuwinken können. Oder sie nehmen am alten jugoslawischen Beobachtungsturm Eintritt. Serbischer Pragmatismus eben.

Zum Abschluss unserer Grenzzaun-Recherche fahren wir noch rund 20 Kilometer weiter nach Sombor-Bezdan. Nahe dem Ort treffen in den Donau-Auen die serbische, ungarische und kroatische Grenze aufeinander, es ist das westliche Ende der serbisch-ungarischen Grenze. Hier sollte der ungarische Zaun enden.

Ortswechsel: In Sombor-Bezdan endet die serbisch-ungarische Grenze an der Donau. Hier sollte auch der Grenzzaun enden. Zu sehen ist davon auf dem Donau-Deich noch nichts. Nur weiße Grenzsteine und ein verlassener Kontrollposten aus jugoslawischer Zeit. Ob die Ungarn den Zaun auch durch die sumpfigen Donau-Auen bauen, bleibt abzuwarten. (Foto: Ralph Menz)

Ortswechsel: In Sombor-Bezdan endet die serbisch-ungarische Grenze an der Donau. Hier sollte auch der Grenzzaun enden. Zu sehen ist davon auf dem Donau-Deich noch nichts. Ob die Ungarn den Zaun auch durch die sumpfigen Donau-Auen bauen, bleibt abzuwarten. (Foto: Ralph Menz)

Doch außer einem verlassenen Grenzübergang aus jugoslawischer Zeit auf dem Donau-Deich ist nichts zu sehen. Links und rechts sumpfige Auenwälder. Kein Zaun, kein Wachposten. Vielmehr mutet die Szenerie an, als sei die Zeit stehen geblieben. Den Unterstand des Wachpostens schmückt noch eine aufgemalte verblasste jugoslawische Flagge. Der Schlagbaum ist unten. Der Hundezwinger steht offen. Die Fenster des Stützpunktes sind vernagelt. Den Verlauf der Grenze zeigen nur weiße Grenzsteine auf. Der Grenzzaun ist an seinem westlichen Ende noch nicht angekommen.

 Der Beitrag ist zuerst erschienen auf  SomborBlog.

 


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