Schuld und Sandkasten

Die Griechenlandkrise hat die Grenzen der die EU prägenden Verhandlungskultur aufgezeigt. Mit verantwortlicher Führung hat das nichts zu tun. Dabei gäbe es Alternativen. Ein Plädoyer für neue Prozessmethoden.

In recht freier textlicher Analogie, nach Einschätzung der Süddeutschen Zeitung jedoch betont zurückhaltend bemerkte Kanzlerin Angela Merkel vor dem Treffen der Chefs der Euro-Länder in Brüssel, „dass die wichtigste Währung – das Vertrauen – verloren gegangen sei“.

Doch diese Kuh ist vom Eis, zumindest vordergründig: Griechenland bleibt in der Eurozone, das Vertrauen der Verhandlungspartner von Alexis Tsipras war offenbar am Ende wieder stark genug, dass man sich auf einen Verbleib des Landes und ein drittes Hilfspaket unter neuen Bedingungen einigen konnte.

Mit dem nun möglichen emotionalen Abstand irritiert es, dass im gesamten Verlauf für derart wichtige Entscheidungen, die ein Höchstmaß an Komplexität in sich tragen, die Beteiligten im Wesentlichen Briefe und geschlossene Verhandlungsrunden nutzten, um Ergebnisse zu erzielen. Denn was beim Stichwort Vertrauen nicht erwähnt wurde, ist der Vertrauensverlust, welcher durch den ganzen quälenden Prozess entstanden ist – bei den europäischen Bürgerinnen und Bürgern, aber auch außerhalb der EU, nicht zuletzt bei den in anderen Belangen immer als ach so wichtig erachteten US-amerikanischen Partnern. Es wird sich zeigen, ob diese Vertrauensbrüche nicht mittel- bis langfristig schwerer wiegen.

Das Prinzip des einsamen „par ordre du mufti“ hat ausgedient und führt auf Dauer in eine extrem ungünstige Wettbewerbsposition.

Die Aussagen und Beschlüsse der letzten Wochen zum Thema Griechenland hatten und haben finanzielle und wirtschaftliche, kulturelle und globalpolitische Konsequenzen – und nicht zuletzt persönliche für den Großteil der 11,1 Millionen Griechen. Der Grad der Komplexität ist also ungleich größer als der, sagen wir, eines mittleren oder auch größeren Unternehmens oder einer öffentlichen Organisation in Deutschland. Dennoch setzt sich vor allem in Unternehmen, vorbereitet und begleitet von Forschung zu Führung und Organisationsentwicklung, zusehends die Erkenntnis durch, dass sinnvolle und nachhaltige Entscheidungen im 21. Jahrhundert anders getroffen werden müssen als noch vor 10 oder 20 Jahren. Führungskräfte erkennen, dass sie diverse Teams nicht nur aufstellen sollten, sondern zudem gut beraten sind, deren unterschiedliche Perspektiven und Wahrnehmungen zum Wohl des Unternehmens zu integrieren. Die Entdeckung des Crowd Sourcing machte deutlich, dass intelligent moderierte Entscheidungsprozesse, die nicht einmal notwendigerweise mit Experten bestückt sein müssen, die nachhaltigeren Entscheidungen erwirken. Kurzum: Das Prinzip des einsamen „par ordre du mufti“ hat ausgedient beziehungsweise ist ein sicherer Schritt rückwärts und auf Dauer in eine extrem ungünstige Wettbewerbsposition.

Die EU wählt für diese komplexen Verhandlungen Formate, die rein atmosphärisch schon nicht zu Ideen abseits der etablierten Denkpfade einladen.

Die EU hingegen verfährt so, dass die letztlich wesentlichen Verhandlungen den beiden finanzstärksten und damit in diesem Setting per se mächtigsten Nationen beziehungsweise deren Regierungsvertretern überlassen werden. Und sie wählt Formate, also Briefe und persönliche Verhandlungen in einem äußerst angespannten Rahmen, die rein atmosphärisch schon nicht zu Ideen abseits der etablierten Denkpfade einladen. Das medial aufgeheizte Ritual vor und während dieser Verhandlungen fördert die öffentlichen Schuldzuweisungen und belastet sie gleichzeitig: Eine ausgemachte Teufelsspirale. Varoufakis, der seinerseits ordentlich austeilte, schildert im Interview mit dem New Statesman diesen Mechanismus und auch weitere, dem Ergebnis nicht dienliche. Das tut er so anschaulich, dass es schier weht tut, Europäer/in zu sein, weil ein gemeinsamer Wille für eine Lösung gar nicht mehr erkennbar ist. Bestätigt wird diese Einschätzung von Christopher Bickerton: „Varoufakis exposed the Eurogroup as a private club where relations between individuals matter more than relations between the populations that are formerly being represented around the table. For that, he – and Greece – must now be punished.“ Man versteht, wie übermenschlich es wäre, in dieser Situation verbal nicht auf den Tisch zu hauen.

Dennoch: Das Konzept von Schuld kennen wir alle aus dem Sandkasten: „Olli hat Schuld, denn der hat mir die Schaufel weggenommen.“ Inzwischen wissen wir aber auch alle, dass wir damit nicht weiterkommen, weder mit Olli, noch mit unseren Lebenspartnern, noch im Berufsleben. Wir haben gelernt, dass an Konflikten immer alle Parteien beteiligt sind. Das ist zwischen Staaten nicht anders: Schuld ist ein destruktives Konzept und verzögert, verunmöglicht teils, Lösungen. Ganz besonders, wenn man die Medien noch mit Argumenten für die Schuld der Anderen versorgt.

Führung muss neu begriffen werden, auch auf dieser Top-Regierungsebene.

Es gibt reihenweise bessere Formate, die man nutzen könnte: Mediationen, Open Spaces, Appreciative Inquiry etc. Man könnte diese je nach Eignung zumindest im kleineren Rahmen mit den ohnehin beteiligten Experten aus den Ministerien einsetzen. Gegenwärtig wertschätzt man ihre Intelligenz und Expertise derart, dass sie in solch krisenhaften Prozessen Tag und Nacht Bleiwüsten formulieren und detailversessen abgleichen, so dass sich deren Sinn im Verlauf immer schwieriger erschließt.

Mit all diesen Formaten ist implizit gemeint, dass der Mut aufgebracht werden muss, sie offen zu führen. Sonst kann man sich sowohl Zeit und Geld sparen, wie derzeit bei den Bürgerdialogen, wo inszenierte Begegnungen zwischen gecasteten Bürgerinnen und Bürgern und ihren Regierungsvertretern in engen Zeitkorsetts arrangiert werden. Wenn der Input nicht stimmt, bringen auch wissenschaftlich korrekte Auswertungen keinen Mehrwert.

Gut am Bürgerdialog ist jedoch, dass er groß angelegt ist. Auch das ließe sich vereinbaren, man könnte vor einem Referendum beispielsweise Open Spaces mit europäischen Bürgerinnen und Bürgern veranstalten, um überhaupt erst mal Standpunkte zu erklären, so dass auch alle wirklich verstehen, worüber sie abstimmen. Technisch und methodisch sind Open Spaces ohne Weiteres für große Gruppen möglich und werden in anderen Zusammenhängen, zum Beispiel bei international agierenden Unternehmen, genutzt. Mit Erfolg. Weil die Ideen von denen erarbeitet werden, die sie betreffen. Weil sie dann auch bereit sind, Opfer für ein gemeinsames Ziel zu bringen. Weil gemeinsame Ziele Kreativität und Energie in der Umsetzung freisetzen.

Das geht auch dann, wenn es finanzwirtschaftliche und oder juristische Restriktionen gibt. Die kann man einfach in den Prozess einspeisen. Man kann auch sicherheitshalber vorher sagen: „Bitte verliebt Euch nicht zu sehr in eure Ideen, wir müssen sie anschließend verfahrenstechnisch prüfen. Das können wir im Moment der Entstehung noch nicht verbindlich leisten.“ Erwachsene Menschen verstehen das. Und wenn eine Idee von den Sachverständigen geprüft wird, die sie mitentwickelt haben, darf man auch davon ausgehen, dass sie zwar sorgfältig, aber nicht aus dem Selbsterhaltungstrieb einer Bürokratie heraus angeschaut wird. Auch das brächte eine ganz andere Dynamik in eine ähnlich gelagerte Situation.

Offene, gut moderierte Prozesse bringen mit großer Sicherheit bessere Ergebnisse – inhaltlich, menschlich, sozial. Aber es soll nicht verschwiegen werden, dass die besseren Ergebnisse einen Preis haben: Führung muss neu begriffen werden, auch auf dieser Top-Regierungsebene. Führung kann dann nicht mehr bedeuten, Papiere ohne Rücksprache mit dem Koalitionspartner in Verhandlungen einzubringen. Es kann nicht mehr erlauben, dass ein Ratspräsident plus drei Länder stellvertretend für 28 verhandeln, schon gar nicht über solch bedeutsame Fragen wie den potenziell erstmaligen Ausschluss eines Bündnismitgliedes. Führung würde stattdessen das Prinzip der Demokratie, als dessen Wiege sich Europa begreift, dosiert integrieren. Eine verfolgenswerte Idee, die Vertrauen wiedergewinnen könnte – mehr als nur das von Angela Merkel.

 


Mehr zum Thema: Machtpolitik und Qualitätspresse – Was für ein Europa soll das werden? von Stefan Heidenreich (13.07.2015) sowie Griechenland Exit: Was gilt – Verträge oder Demokratie? von Stefan Heidenreich (17.02.2015)

 


Möchten Sie regelmäßig über neue Texte und Debatten auf Carta informiert werden? Folgen (und unterstützen) Sie uns auf Facebook und Twitter.