Roboter falten keine Handtücher

Software frisst die Welt. Warum wir trotzdem auch im „Second Machine Age“ noch gebraucht werden.

In Siri Hustvedts faszinierendem neuen Roman „Die gleißende Welt“ ist an einer Stelle von einer „ungeheuren, revolutionären Zeitverschiebung“ die Rede – von einem Moment, in dem „wir armen Sterblichen eine Maschinenintelligenz herstellen werden, die größer ist als unsere eigene. Unsere technischen Apparate werden uns voraus sein“, große Computernetzwerke werden als „übermenschliche, intelligente Entitäten“ erwachen. Ist sie womöglich schon angebrochen, diese Zeit?

Wenn man sich umschaut in unserer Welt 4.0, dann scheint sich die Frage rundweg bejahen zu lassen: Selbstfahrende Autos gleiten geräuschlos über Kaliforniens Straßen. Rechenmaschinen wie IBM’s „Watson“ lassen beim „Jeopardy!“-Spiel alle Konkurrenten hinter sich. In den Fabriken tanzen die Roboter, zugleich werden immer mehr industrielle Produkte im 3D-Verfahren gefertigt. „The Second Machine Age“, wie die MIT-Professoren Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee es in ihrem Bestseller über „Work, progress and prosperity in a time of brilliant technologies“ nennen, ist nicht nur angebrochen – wir stehen (und staunen) längst mittendrin. Was aber ist das Revolutionäre an dieser Welt? Und was bedeutet sie für die Zukunft der Arbeit?

 

Software frisst die Welt
„The Second Machine“, das sind Rechner, deren Leistungskraft sich alle 18 Monate verdoppelt – Gordon Moore’s Law aus dem Jahr 1965 (!) entfaltet erst jetzt seine ganze Wucht. Die exponentielle, durch das Smartphone noch potenzierte Verbreitung des Computers revolutioniert unser Leben, unsere Kommunikation und Interaktion. Ob Handel, Fortbewegung oder Gesundheit, immer mehr Bereiche unseres Lebens werden digitalisiert. Mobilität, individuelle Freiheit und unser Lebensstandard steigen gleichermaßen, wenn Waren, Wege und Freunde auf dem Touchscreen bestell-, begeh- oder auffindbar sind – soweit, so schön! Und doch vollzieht sich diese atemberaubende Entwicklung nicht ohne Schleifspuren. In dem Maße, in dem Software „die Welt frisst“, wie der Investor Marc Andreesen es nüchtern konstatiert, reißt sie auch den einen oder anderen Besitzstand mit in den Schlund. Tatsächlich ist nichts und niemand mehr sicher vor dem Siegeszug der Maschinen: Wenn Big Data die Welt beherrscht, dann muss der Sachbearbeiter in der Lohnbuchhaltung ebenso um seinen Job fürchten wie der Aktienanalyst. Künstliche Intelligenz, wie Siri Hustvedt sie heraufziehen sieht, nimmt uns das Denken ab, so wie einst die Dampfmaschine den Produktionsfaktor Muskelkraft verdrängte. Hatte letztgenannte Revolution jedoch im Wortsinne erleichternde Wirkung, so beschleicht uns beim Anblick all der Superprozessoren, Roboter und Drohnen ein wachsendes Unbehagen. Es beschleicht uns die Angst, dass wir als arbeitende Wesen schon bald nicht mehr gebraucht werden. Oder dass Arbeit mangels Nachfrage zumindest nicht mehr in dem Maße entlohnt wird, wie dies bislang der Fall war.

Tatsächlich – dies weisen Brynjolfsson und McAfee nach – steht einem beeindruckend steilen Anstieg der Produktivität in den Betrieben eine nur moderate Entwicklung der Bruttolöhne gegenüber. Es ist, vereinfacht gesagt, die „Instagram-Falle“, in die wir hineinlaufen: Während das Schnappschuss-Portal nur fünfzehn Monate nach seiner Gründung für eine Milliarde Dollar von seinen Gründern an Facebook verkauft wurde, meldete Kodak – ein damals 132 Jahre altes Unternehmen mit zeitweise weit über 100 000 Mitarbeitern – Konkurs an. Ähnliches gilt für Bankfilialen, Reisebüros oder Möbelhäuser: „More wealth“ für die digitalen Pioniere bedeutet oftmals „less work“ für die Beschäftigten der durch sie verdrängten Unternehmen.

 

Roboter falten keine Handtücher
Und doch ist nicht aller Tage Abend. Zwar sind Rechner uneinholbar brillant in der Durchdringung all dessen, was digitalisierbar und datenbasiert ist. Das Nachschlagen eines Begriffs im Lexikon wird nie mehr so schnell zum Ergebnis führen wie das Anrufen der Suchmaschine – geschenkt. Und die digitalen Fabriken erreichen Präzisionsgrade in der Fertigung, die von menschlicher Hand allein kaum zu gewährleisten sind. Zugleich sind es aber genau diese Fabriken mit ihren superschnellen Maschinen, die auch künftig ohne den Menschen nicht auskommen werden. So arbeitet Peter Thiel, Paypal-Gründer und Silicon-Valley-Investor, in seinem Buch „Zero to one – Notes on startups, or How to build the future“ anschaulich heraus, dass Mensch und Computer nicht substitutiv, sondern komplementär zueinander stehen. Menschen haben Sinne und Gefühl, denken in komplexen Zusammenhängen und entfalten kombinatorische Kreativität. Der Rechner verarbeitet und kategorisiert Daten in Bruchteilen von Sekunden – an eigenem, zumal wertegeleitetem Urteilsvermögen gebricht es ihm jedoch. Die Kunst, so Thiel, besteht folglich darin, Mensch und Maschine intelligent und im Interesse des Fortschritts zusammen zu führen. LinkedIn hilft dem Headhunter beim Auffinden profilgerechter Kandidaten, ja – aber ob der Betreffende auch als Mensch zum suchenden Arbeitgeber passt, diese Entscheidung sollte und wird auch künftig auf Empathie beruhen.

Nicht die schlechtesten Aussichten verbleiben im übrigen für diejenigen, deren Arbeitsgebiete nicht vom Computer durchfressen zu werden drohen. Friseure, Klempner und Raumreiniger wird es auch künftig ebenso geben wie Polizisten, Köche und Zahnärzte. Roboter falten keine Handtücher, was nichts daran ändert, dass der Lohndruck auf einfache, ungelernte Tätigkeiten zunehmen wird. Deshalb obliegt es jedem Einzelnen, sich fit zu machen für digitale Welt – wer sich nicht weiterbildet, vielleicht sogar neu erfindet, fällt unweigerlich zurück.

 

Die Politik schläft nicht
Womit wir bei der Frage sind, wie Politik und Gesellschaft mit den beschriebenen Phänomenen umgehen. Klar ist: Es passiert eine ganze Menge. So hat Bundesarbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) im April 2015 den Prozess „Arbeiten 4.0“ gestartet, in dessen Rahmen so zentrale Fragen wie „Bestimmt der Mensch die Technik, oder umgekehrt?“ oder „Fordert das Silicon Valley die soziale Marktwirtschaft heraus?“ nachgegangen wird. Ziel ist es, über die Perspektiven vernetzter, digitaler und flexibler Arbeit bis Ende 2016 ein Weißbuch vorzulegen. Parallel dazu schaltet das Bundesforschungsministerium unter der Überschrift „Keine Furcht vor der Maschine“ Zeitungsanzeigen, in denen Forscher des Fraunhofer-Instituts von Robotern der Firma BOSCH berichten, „die Mitarbeiter nicht ersetzen, sondern mit ihnen kooperieren, wenngleich sie Teile der Arbeit übernehmen“.

Zugegeben, gerade der letzte Satz sorgt dafür, dass mit Blick auf das „Second Machine Age“ ein Unbehagen bleibt. Eines gilt es derweil nicht gering zu schätzen: Der Computer schenkt uns Zeit. Je mehr lästige, monotone Arbeit er uns abnimmt, desto mehr können wir uns wieder dem Wesentlichen, dem Sinn-Stiftenden zuwenden: dem persönlichen Gespräch, der Pflege der Alten und Kranken, dem Lesen guter Bücher. Siri Hustvedts „Gleißende Welt“ lehrt uns wenig über die Zukunft des Computerzeitalters, aber sehr viel über die Geschäftstüchtigkeit New Yorker Kunsthändler, das Drama menschlicher Beziehungen, die Fragilität des Seins. Wenn die Digitalisierung uns mehr Zeit für derlei Themen gewährt, dann haben wir alle gewonnen.

 


Wieviel Ideologie steckt in der Vorstellung, dass jede zweckgerichtete Tätigkeit Arbeit sei?  Wie verändert sich die Arbeitswelt mit der Digitalisierung? Welche Rolle spielt das Individuum angesichts globalisierter Produktionsströme? Wie verändert sich die Kommunikation über Arbeit, und wie die Kommunikation, wenn sie zur Arbeit wird? Beiträge zu diesen und anderen Aspekten von Arbeit finden Sie in im Carta-Dossier: “Ausbeutung 4.0? Was heißt und zu welchem Ende leistet man Arbeit?”.

 


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