Ende der Arbeit, Arbeit ohne Ende oder was?

Arbeit findet im Reich der Notwendigkeit statt. Wie passt es zusammen, dass dieselbe Gesellschaft, die Freiheit als ihren höchsten Wert feiert, sich vor dem Ende der Arbeit, also vor dem Ende der Notwendigkeiten fürchtet?

1889 wird der 1. Mai als Kampftag der Arbeiterbewegung ausgerufen, ein Jahr später, also vor 125 Jahren, zum ersten Mal international mit Demonstrationen und Streiks begangen. 1933 wird er von der NS-Diktatur als „Tag der nationalen Arbeit“ zum Feiertag erklärt. In der „sozialen Marktwirtschaft“ gerät er zum Routine-Event eines schmelzenden Stammpublikums. Der real nicht mehr existierende Sozialismus inszeniert ihn als Macht-, Militär- und Massenshow. Ob kämpferisch, nationalterroristisch, routinemäßig oder bombastisch, im Blickpunkt steht, gefeiert wird am 1. Mai: die Arbeit. Wer die Arbeit feiert, läuft Gefahr, sich vor der Wirtschaft zu verneigen.

„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ singen Linke, Sozialdemokraten und Gewerkschaften zum Abschluss ihrer Kongresse. Während ihrer Kongresse sagen sie, genau wie Konservative und Liberale, „Brüder und Schwestern, zur Arbeit“. Mit ungebrochener Begeisterung erzählt die Arbeitsgesellschaft die wundersame Verwandlung der Notwendigkeit zu arbeiten, um zu leben, in ein „erfülltes Arbeitsleben“. Wie dem Rad jede angemessene Bewegung zum Rollen wird, so gerät der Arbeitsgesellschaft jedes sinnvolle Tun zur Arbeit, alles andere zum Nichtstun, zum Müßiggang, der aller Laster Anfang ist.

Herr oder Knecht

Die Arbeit besiedelt das „Reich der Notwendigkeit“, sie ist keine freie, selbstbestimmte Tätigkeit, weil die Leistung (Produktions- oder Dienstleistung) einem Bedarf entspringt – entweder dem Bedarf derer, welche die Leistung erbringen, oder dem Bedarf derjenigen, welche vom dem Erzeugnis (Produkt oder Dienst) Gebrauchen machen. Sobald Arbeitsteilung greift, können auf der einen Seite der Gebrauch des Erzeugnisses, auf der anderen Seite die Leistung sozial auseinander treten – Herr und Knecht können die historische Bühne betreten. Es wird möglich, dass ein Teil der Gesellschaft im Dauerzustand des Bedarfs gehalten wird und sein Leben mit Arbeitsleistungen zubringen muss, während ein anderer Teil den Gebrauch bestimmt – weit über Bedarfsnotwendigkeiten hinaus auch als Luxuskonsum bis hin zu Millionärsmessen in München, Moskau, Istanbul, Shanghai. Herr und Knecht bildet über viele Jahrhunderte die gesellschaftliche Leitdifferenz. Gewaltanwendung und ideologische (oft religiöse) Sinnstiftung halten solche Herrschaftsverhältnisse aufrecht.

Seit rund 200 Jahren funktioniert ein Zusammenspiel mehr schlecht als recht, das sowohl – skandalös ungleich verteilten – Wohlstand als auch globale Zerstörung erzeugt: Auf einer Seite die Bevölkerungsmehrheit, die Arbeit sucht, um kein Geld in ein dringend benötigtes Einkommen zu verwandeln. Auf der anderen Seite eine Minderheit mit viel Geld, die (im Finanzsystem spekuliert oder) Arbeitskräfte sucht, um mehr Geld daraus zu machen – bis die Arbeitskraft durch produktivere Maschinen ersetzbar ist. Wie soll dem digitalen Automatisierungs- und Roboterisierungsschub eine positiv-emanzipatorische Perspektive abgerungen werden? Durch Vollbeschäftigung? „Arbeite etwas, damit der Teufel dich stets beschäftigt findet“, mahnte der heilige Hieronymus. Sollte es eintausendachthundert Jahre und einige industrielle Revolutionen später wirklich keine anderen Möglichkeiten geben?

Wachsen oder Weichen

Die kapitalistische (=rein wirtschaftliche) Organisation der Arbeit bindet den Gebrauch, egal ob er Bedarf oder Luxuskonsum befriedigt, an individuelle Zahlungsfähigkeit, versucht jede solidarische Form der Versorgung als ineffektiv zu disqualifizieren, blockiert oder verhindert „unwirtschaftliche“ Tätigkeiten. Die Grenzenlosigkeit des Verwertungsprozesses erfordert einerseits Arbeit ohne Ende, sei es lebendige, sei es maschinelle. Andererseits erscheint das Ersetzen lebendiger durch maschinelle Arbeit als Ende der Arbeit. Angesichts von Massenarbeitslosigkeit wirkt es zynisch, dem Ruf nach mehr Arbeit zu widersprechen. Aber da hat Joseph Beuys schon recht: „Bevor wir wissen, was wir tun, müssen wir wissen, wie wir denken“. Soll das Arbeiten um der Verwertung des investierten Geldes willen nicht aufhören und darf das Arbeiten um der Verkaufsmöglichkeiten der Arbeitskraft willen nicht aufhören, dann gehen Kapital und Arbeit, wie viel Konflikte sie auch miteinander austragen, einen gemeinsamen Weg, den Weg des Wachstums.

Wer aus dem Kapitalismus heraus will, sollte wissen wohin. Es macht schon für den ersten Schritt einen Unterschied, ob man Berlin Richtung Paris oder Richtung Prag verlässt. „Arbeit, Arbeit, Arbeit“, „Recht auf Arbeit“, „Arbeit für alle“, „Keine Arbeit ist so schlimm wie keine“ – das alles sind Wegmarken auf dem Wachstumspfad in die Ökonomisierung hinein statt aus ihr heraus. Dagegen ist festzuhalten: Die gesellschaftliche Arbeit hat heute schon und morgen erst recht eine Produktivkraft, welche die Versorgung der Erdbewohner auf einem anständigen Niveau sicher zu stellen vermag, ohne das individuelle Leben der Vielen in die Schranken eines Arbeitslebens zu weisen.

„Wachsen oder Weichen“ ist auch als unternehmerische Maxime nicht alternativlos. Unter postwachstum.de kann eine Diskussion verfolgt und mitbestritten werden, wie sich die Herausforderungen und Möglichkeiten für unternehmerisches Handeln verändern, wenn es sich vom wachstumsfixierten Forschrittsbegriffs verabschiedet. Unternehmen, die das wagen und eine Perspektive darin sehen, gibt es auch hierzulande; nicht so viele wie wünschenswert, aber mehr als der massenmediale Mainstream vermuten lässt. „Sie wollen nah bei den Kund/innen sein sowie sinnvolle und hochwertige Produkte und Leistungen anbieten. Sie möchten gute Beschäftigung dauerhaft sichern sowie ein beteilungsorientiertes, eigenverantwortliches und vielseitiges Arbeiten gewährleisten. Sie streben an, Umweltbelastung und -verbrauch zu verringern sowie lokal und regional Verantwortung zu übernehmen.“[1]

Das könnten zwei Gedanken sein, die sich in der Debatte über die Zukunft der Arbeit breit machen sollten, wenn diese den kapitalistischen Zwängen entkommen will: 1. Es ist kein Naturgesetz, dass unternehmerisches Handeln einer Verwertungslogik unterworfen ist, es kann auch einer ökologisch und sozial verantwortlichen Versorgungslogik folgen.[2] Wir tun manchmal so, als würde nur das Arbeiten von Verwertungszwängen beschädigt, das Unternehmen leidet nicht weniger darunter. 2. Arbeiten ist eine Tätigkeit unter anderen, eine notwendige, aber bei weitem nicht die einzig sinnvolle, sozial anerkennenswerte, Bildung und Entfaltung ermöglichende. (Gute) Arbeit zum unverrückbaren Zentrum des (guten) Lebens zu küren, heißt die Arbeitsideologie zu bedienen, die dem Kapitalismus hilft, als alternativlos zu erscheinen.

 

Gerade erschienen: Hans-Jürgen Arlt/Rainer Zech: Arbeit und Muße. Ein Plädoyer für den Abschied vom Arbeitskult. Wiesbaden 2015: Springer.


 

Wieviel Ideologie steckt in der Vorstellung, dass jede zweckgerichtete Tätigkeit Arbeit sei?  Wie verändert sich die Arbeitswelt mit der Digitalisierung? Welche Rolle spielt das Individuum angesichts globalisierter Produktionsströme? Wie verändert sich die Kommunikation über Arbeit, und wie die Kommunikation, wenn sie zur Arbeit wird? Beiträge zu diesen und anderen Aspekten von Arbeit finden Sie in im Carta-Dossier: „Ausbeutung 4.0? Was heißt und zu welchem Ende leistet man Arbeit?“.


 

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