Klaus Bednarz und wir

| 16.04.2015 | Ein Kommentar

Mit Klaus Bednarz stirbt ein Stück Journalismus.

Ich bin kein Journalist. Aber ich liebe Journalismus. Trotzdem. Oder gerade deswegen. Mich berührt die derzeitige Vertrauenskrise zwischen Medienmachern und Mediennutzern. Ich verfolge sie und sie verfolgt mich. Nicht in der Form, dass ich Angst hätte um meinen Arbeitsplatz oder um mein berufliches Selbstverständnis. Mehr insofern als ich merke: der Journalismus ist in einer Phase der Neuausrichtung und der Selbstfindung. Die Selbstsicherheit der Weltversteher und -erklärer ist abhanden gekommen. Denn vom Prinzip kann heute jeder die Welt erklären, egal wie dumm das ist, was er dabei von sich gibt.

Unserer Welt geht mehr und mehr die Filter-Funktion der Redaktionen und Redakteure abhanden. Musik ist für jeden jederzeit und überall zu haben. Informationen scheinbar auch. Es gibt immer weniger Elfenbeintürme des vorzeitigen Wissens. Geht heute ein Journalist in einem Preview eines Films, haben schon Millionen dieses Werk illegal heruntergeladen und gesehen. Er hat keinen Vorteil mehr. Während er noch überlegt, was er schreiben soll, gibt es da draußen im Netz schon dutzende Besprechungen. Zudem wird alles schneller und oberflächlicher. News-Ticker hier, Eilmeldung da, Live-Stream dort. Eine Kakophonie, bei der allerdings häufig jeder das gleiche erzählt. Denn News vermehren sich ja nicht. Nur die Plattformen, die über sie berichten. Das kann man gut oder schlecht finden (viele Old School Journalisten finden es eher schlecht), oder auch als Chance begreifen: denn viele Stimmen, die früher unberücksichtigt blieben, finden heute zunehmend Gehör. Natürlich auch solche Stimmen, die man lieber nicht hören will.

Klaus Bednarz war noch ein Vertreter einer anderen Journalisten-Epoche. Sein Gesicht war das Antlitz des politischen und investigativen Journalismus alter Prägung in der Bundesrepublik. Er stand für Vertrauen, für Biss, für Mut sich mit denen da oben anzulegen. Er stand für kontroverse Meinungen, ja überhaupt: für Meinung. Aber eher nicht im Sinne eines tendenziösen Meinungs-Journalismus, mehr in Form einer Haltung. Er arbeitete eben noch in einer bipolaren Zeit, als Haltung noch kein Makel war, sondern ein Markenzeichen. Meist drückte sich diese Haltung im Sinne jener unbequemen Wahrheiten aus, die vorher so noch nicht ausgesprochen worden waren. Seine (Gegen-)Stimme war vielleicht nicht repräsentativ für den Journalismus der Bundesrepublik, aber doch wichtig für das Demokratieverständnis des gesamten Landes. Affären aufdecken, nachhaken, dranbleiben. Und das auf Dauer. Schließlich war Informationsbeschaffung und Recherche damals noch nicht im Niemandsland des Internet angekommen, wo sich jeder nach 5 Minuten googlen als investigativer Reporter halten kann, der was weiß ich aufdeckt und es als #gate der Empörungskultur der sozialen Netzwerke zum Fraß vorwirft.

Wenn Klaus Bednarz im Stile eines Nachrichtensprechers die Beiträge des Magazins Monitor anmoderierte, wirkte er wie eine Institution des Journalismus. Die ruhige, aber eindringliche Stimme war respekterzeugend und für manche wohl auch Angst einflößend. Gerade weil sie kein um Aufmerksamkeit heischendes Geschrei war. Bednarz verkörperte im besten Sinne das, was man sich als Nicht-Journalist unter einem Journalisten vorstellte. Natürlich entsprang diese Vorstellung einer Idealisierung. Der Wahrheit verpflichtet und dabei stets objektiv. Das schafft natürlich niemand, und auch Klaus Bednarz ist daran das eine oder andere mal gescheitert. Niemand ist perfekt.

Würde ein Journalist wie Bednarz noch in unsere Zeit passen? Das ist eine gute Frage. Heute zählt Geschwindigkeit vor Gewissenhaftigkeit (auf mehreren Ebenen – siehe BILD). Recherchieren gilt zwar dem journalistischen Verständnis nach nicht als Zeitverschwendung, ist es aber de facto – jeder will der erste sein. Der Stern redet jetzt sogar über Echtzeit-Journalismus. Und irgendwie ist das zum Totlachen. War Journalismus eigentlich nicht immer genau das: die Beobachtung und Kommentierung des Jetzt, des Ist-Zustands? Journalismus war immer Echtzeit, nur nahm er sich dafür wenigstens früher noch echt Zeit. Der heutige Echtzeit-Journalismus wird den Vertrauensverlust nur beschleunigen, wenn er darauf hinausläuft, Tweets vorschnell als Nachrichten zu verkaufen, ungeprüfte Bilder zu aktuellen zu erklären, die aber eigentlich Jahre alt sind. Das Netz vergisst nichts, am meisten sich selbst nicht. Echtzeit-Journalismus darf nicht zur Momentaufnahme verkommen, sondern sollte wie früher versuchen, ein Bild der Zeit zu erschaffen oder zu vermitteln. Oder beides zusammen.

Journalismus ist kein schnöder Content, um damit Webseiten, Live-Ticker oder Facebook-Feeds zu füttern. So hätte ihn Klaus Bednarz nie verstanden. Und so sollte er im Grunde auch nicht sein. Es wird Zeit, dass sich Journalisten und Medienmacher dem Diktat der Zeit entziehen. Schneller ist nicht besser, genau wie früher nicht besser ist.

Der Tod von Klaus Bednarz sollte jede Redaktion an die zeitlosen Werte ihres Berufes erinnern. Denn genau für diese stand dieser Journalist.

 


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