Es braucht eine Agenda für die Industrie 4.0

Politik und Wirtschaft forcieren den Aufbruch in eine neue Zeit. Doch um die erhofften Wachstums- und Wohstandseffekte zu erzielen, müssen sie auch die sozialen Fragen der digitalen Wende offen thematisieren. Nur so kann verhindert werden, dass der erforderliche Gestaltungsdiskurs zum Angstdiskurs wird.

Über Industrie 4.0 wird zurzeit eine belebte und intensive Debatte geführt. Auch auf der gerade stattfindenden Hannover Messe ist sie das bestimmende Thema. Dort gab die Regierung am Dienstag den Startschuss für die neue von Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Wissenschaft getragene Plattform Industrie 4.0. – laut Sigmar Gabriel ein „Signal für einen gemeinsamen Aufbruch“ in die neue Zeit. Das Bewusstsein für die Umbrüche der Wirtschaft soll geschärft, Rahmenbedingungen verbessert und Richtlinien erarbeitet werden.

Zuweilen hat man den Eindruck, als sei die deutsche Wirtschaft in einen Digitalisierungsrausch geraten. Die Goldgräberstimmung könnte auch einen triftigen Grund haben: Schließlich muss die deutsche Wirtschaft langsam Antworten darauf finden, wie sie zwischen dem Softwarehaus USA und den asiatischen Maschinenhäusern wie China und Südkorea in Zukunft seine Wertschöpfungsfundamente neu erfinden will. Industrie 4.0 kommt hier gelegen, bedeutet sie doch vor allem die Digitalisierung der industriellen Produktion und ihrer Produkte.

Gerade die digitale Automatisierungstechnik und die neuen digitalen Maschinen gelten als die Chance für die immer noch stark industriell geprägte – und dabei vor allem auf Maschinen- und Anlagenbau fokussierte – deutsche Wirtschaft. In Industrie 4.0 läge der zukünftige deutsche Wettbewerbsvorteil vor den Billigherstellern aus China und Südkorea, lautet der Schluss der Verfechter der Industrie 4.0. Nur mit digitalen Maschinen und besserer Automatisierung ließe sich schneller und kostengünstiger produzieren. Und nur so könnten Arbeitsplätze in der Industrie bewahrt und ausgebaut werden.

So hat sich die Debatte um Industrie 4.0 schnell ausgebreitet, weil sich manche Industrieunternehmen und Politiker sorgten, wie die deutsche Wirtschaft in Zukunft noch wettbewerbsfähig sein kann. Industrie 4.0 avancierte zur Heilsantwort der zunehmend verunsicherten deutschen Wirtschaft. Und glaubt man einer Studie der Boston Consulting Group, dann ist diese Hoffnung berechtigt. Denn es könnten demnach in Deutschland in den nächsten zehn Jahren 390.000 neue Arbeitsplätze durch Industrie 4.0 entstehen. Zudem prognostiziert die Studie ein zusätzliches Wachstum des BIP von rund 30 Milliarden Euro.

Die Digitalisierung ist gut für die deutsche Wirtschaft. Dass viele Mittelständler aber immer noch skeptisch und besorgt gegenüber der Industrie 4.0 sind, einige sogar noch nie davon gehört oder schlicht nicht die finanziellen Mittel und das softwarespezifische Know-How haben, um ihre Maschinen und ihre Produktion in den nächsten Jahren komplett zu digitalisieren, wird oft vergessen. Den Digitalisierungsrausch pushen bislang vor allem einzelne Großkonzerne. So ist eine verzerrte Debatte entstanden. Denn laut einer Trendumfrage des Digitalverbandes Bitkom messen 52 Prozent der großen Unternehmen und nur 39 Prozent der Mittelständler der Industrie 4.0 eine hohe Bedeutung bei. Das könnte daran liegen, dass viele Unternehmen sowohl die Risiken überbewerten als auch die Chancen unterbewerten.

Unkenntnis, Abwarten, Zögern, Fürchten sind aber gerade die falschen Voraussetzungen und Einstellungen zur Digitalisierung. Ohne digitales Wissen und Mut zum Weg der Digitalisierung wird Deutschland den Anschluss verlieren.

Die neue digitale Produktion einzuführen, ist gewiss nicht ohne Risiko. Vor allem Fragen der IT-Sicherheit sind immer noch offen, viele Mittelständler machen sich hier nicht ohne Grund Sorgen. Auch bedarf es, um digitale Maschinen zu entwickeln, die sich mit anderen Maschinen und mit Menschen vernetzen können, einem Informatikverständnis, welches viele Ingenieure noch nicht haben. Und überdies müssen die Maschinen teilweise anders entwickelt werden als bisher; auch das wird ein Umdenken und neue Ansätze bei der Entwicklung benötigen. Die Industrie 4.0 stellt somit Bekanntes in Frage und erfordert neue Wege.

Nötig ist daher Agilität. Und dies eben nicht nur im Sinne einer kurzfristigen Anpassungsfähigkeit, sondern vor allem einer Zukunftsgewandtheit und Bereitschaft für Veränderungen mit langem Atem. Die Industriewende 4.0 wird dieses langfristige Engagement brauchen. Man muss „Industrie 4.0 wagen“ – daran geht kein Weg vorbei. Mut und Entschlossenheit werden für das Gelingen dieser digitalen Wende ebenso wichtig sein wie die Weiterentwicklung der Technik, die sie erst ermöglicht. Industrie 4.0 kann sich lohnen, aber nur, wenn man nicht zögert.

Allerdings muss die immer noch stark technologisch geprägte Debatte nun auch endlich konkret politisch geführt werden. Es braucht eine Agenda für die Industrie 4.0.

Die Große Koalition muss sich ernsthafte Gedanken über eine Agenda machen, die verschiedene relevante Aspekte der Industriewende 4.0 berücksichtigt und sich nicht nur in Wirtschaftsförderung erschöpft. Vor allem werden der Staat, die Wissenschaft und die Sozialpartner Wege finden müssen, die sozialen Fragen der digitalen Wende frühzeitig zu stellen und dafür einen Rahmen zu entwickeln. Nur so kann verhindert werden, dass ein Gestaltungsdiskurs, der jetzt noch möglich ist, irgendwann in einen Angstdiskurs umschlägt.

Der Gestaltungsdiskurs muss dabei auch zeitnah zu echten Maßnahmen führen. Verpasst man es, frühzeitig eine Agenda zu entwickeln und für die digitale Wende zu werben, wird der erhoffte Wachstums- und Wohlstandseffekt der Industrie 4.0 hierzulande ausbleiben. Bei der Industrie 4.0 ist es nämlich genau so wie bei der Goldsuche: Wer zuerst kommt, gewinnt am meisten. Daher sollte Deutschland keine Zeit verstreichen lassen, um zum Leitmarkt und zum Leitanbieter von Industrie 4.0 zu werden. Dafür wird auch die Renaissance einer Wirtschaftspolitik notwendig sein, die sich als Industriepolitik versteht. Nur mit einer echten Industriepolitik kann es gelingen, die Industrie 4.0 zum Erfolg zu machen. Gerade deshalb sollte man von der momentan vorherrschenden Doktrin „Keine Experimente“ abweichen. Es braucht eine Abkehr von einseitigem Sparen und vielmehr eine Investitionspolitik für die digitale Wende. Nur so kann sie klappen.

 

Mehr zum Thema: Oliver Schmidt: Missverständnisse 4.0 (14.04.15)


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