Die Mediatisierungsneurose

| 01.04.2015 | 2 Kommentare

Medialer Echtzeitvoyeurismus, eilfertige Behörden und Trauerarbeit als Staatsschauspiel: Anhand dieser Germanwings-Woche kann man die Grundmechanismen der Mediengesellschaft wie unter dem Brennglas studieren. Was bleibt ist die Frage: Wie lernen wir wieder mehr Gelassenheit?

Wen wundert’s eigentlich wirklich? Eine gute Woche lang ist die Germanwings-Katastrophe als Megathema über uns gekommen, und wie die Frontensysteme eines Sturmtiefs rauschten von Tag zu Tag andere Debatten durch die Medienwelt. Technische Sicherheitsfragen beim Airbus, Suizidpsychologie, Pilotenausbildungstestkriterien, Schweigepflicht-Juristerei. Hätten die Quoten und Klickzahlen nicht gestimmt, dann wäre das so nicht gewesen. Und wenn das verrückt ist, dann sind wir inzwischen alle ziemlich verrückt.

Anhand dieser Germanwings-Woche kann man die Grundmechanismen der Mediengesellschaft wie unter dem Brennglas studieren. Eine durchaus andere Frage ist aber, mit wie viel Selbstkasteiung man das rückblickend betrachten sollte. Denn mal ganz ehrlich: Wir alle wollten doch möglichst sofort alles wissen, was es nur irgendwie zu wissen gab. Schon die stundenlangen Interviews am Absturztag mit den plötzlich auf allen Kanälen auftauchenden Luftfahrtexperten, die alle nichts konkret wussten und wissen konnten, aber abstrakt Spekulationen als Theorien verkauften, waren doch marktgerecht – oder?

Die Frage, die bleibt nach so viel Aufgeregtheit und ständig wechselnden Themenstellungen, ist die: Wie lernen wir wieder mehr Gelassenheit? Die Wahrheit ist: Wir alle wären nicht zufrieden gewesen, wenn die Staatsanwaltschaft lediglich erklärt hätte, dass sie jetzt erst mal ein paar Tage Zeit zur Untersuchung braucht und vorher nichts öffentlich mitzuteilen ist. Wir hätten – wie immer – gerne mit dem Transparenzargument herumgefuchtelt und die Journalisten hätten sich – wie immer – bei der Suche nach undichten Stellen und Exklusivinfos mit noch größerem Recht auf der Seite des Publikums gesehen.

Dabei gab es viele Momente, in denen man eigentlich doch die Frage stellen könnte: Musste das zu diesem Zeitpunkt schon sein – und musste es so überhaupt sein? Das betrifft ausdrücklich nicht nur die üblichen Übergriffe von Boulevard und Privatsendern auf Angehörige und Freunde der Opfer, speziell in Haltern. Diese professionell durchgezogenen Überraschungsangriffe auf die Privatsphäre von Menschen, die dem – zumal in dieser Situation – nicht gewachsen sind und Dinge preisgeben, die im Boulevard dann zur Story in der Story aufgeblasen werden.

 

Man stelle sich vor, Politiker von Rang würden auf die üblichen nichtssagenden Sätze der Betroffenheit und Trauer verzichten. Was würde daraus von interessierter Seite – die es immer gibt – nicht Böses gegen sie gemacht werden können?

 

Eigentlich begann es schon fast mit dem Absturz selbst. Eilmeldungen und Liveschalten in diverse Pariser TV-Studios zu einem Zeitpunkt, als die Germanwings-Maschine eigentlich noch in der Luft sein sollte, Richtung Düsseldorf. Echtzeitvoyeurismus verpackt als Nachrichtensendung. Und so gut wie in Echtzeit sickerte – vermutlich bei den Untersuchungsbehörden in Paris – dann schon wieder durch, in welche Richtung die französische Staatsanwaltschaft ermittelte. Wie fast immer inzwischen hat schon bei den Staatsanwälten jemand sich wichtig getan und ungewisse Wasserstände ausgeplappert – so dass, so viel sei ihm zugestanden, der leitende Staatsanwalt in Marseille zumindest Argumente hatte, offensiv vor die Kameras zu gehen, bevor noch mehr Mutmaßungen durchgestochen werden.

Dass dieser Ermittler dann aber 24 Stunden nach dem Absturz und mitten in den Untersuchungen in einem eitlen Auftritt vor der Echtzeit-Weltöffentlichkeit auch gleich den Pilotennamen nennt und – so viel Service muss sein – auch nochmal buchstabiert, zeigt erst so richtig die Unsensibilität, zu der die allgemeine Newsgeilheit führt. Wer will da noch richten über Medien, die den Namen fortan verwenden? Und wo ist dann noch der qualitative Unterschied zum Zeigen von Fotos eines Mannes, dessen Angehörige Sekunden vorher noch davon ausgehen mussten, dass auch er nur Opfer ist?

 

Hinter individuellem Verhalten und Einzelentscheidungen steckt System. Alles sofort wissen wollen – und wenn’s sich später als falsch erweist, war’s eben falsch. Totaltransparenz, die Dabeisein suggeriert.

 

Die Kette, das sieht man daran, setzt sich fort. Und hinter individuellem Verhalten und Einzelentscheidungen steckt eben auch hier System. Alles sofort wissen wollen – und wenn’s sich später als falsch erweist, war’s eben falsch. Totaltransparenz, die Dabeisein suggeriert. Und: Hauptsache, im Geleitzug nicht gefehlt zu haben, denn das hält heute niemand mehr aus. Man stelle sich zum Beispiel auch vor, Politiker von Rang würden auf die üblichen nichtssagenden Sätze der Betroffenheit und Trauer verzichten. Was würde daraus von interessierter Seite – die es immer gibt – nicht Böses gegen sie gemacht werden können?

Was wiederum bedeutet: Es war schlicht ein Akt der Professionalität, Staatsbesuche abzubrechen und/oder an den Unglücksort zu reisen. Denn die Aufgabe der Identitätsstiftung im allgemeinen nationalen Entsetzens- und Trauerdrama ist ja ernsthaft vorhanden und abzuarbeiten. Es ist in der mediatisierten Welt schlicht auch ein Job der Politik, sich durch Wahrnehmung solcher Jetztzeit-Rollen selbst abzusichern, auch wenn das mit Politik im administrativen Sinne wenig zu tun hat. Prompt haben die unvermeidlichen Meinungsforscher der Kanzlerin bescheinigt, wie sehr ihre Sympathiewerte mit dieser neuerdings „Kümmern“ genannten Rolle des Verkörperns von Gefühlen zu tun haben.

Wenn das so ist, dann lässt sich auch das Staatsschauspiel Trauerarbeit nicht ernsthaft professionell in Frage stellen. Dann haben überhaupt in diesem Wochendrama die meisten öffentlichen Akteure schlicht ihre Rolle möglichst extensiv gespielt. Und in reziproker Weise gehören dazu auch die Kritiker der Kritiker, denn diese Rolle gehört längst dazu. Gut, dass das so ist: Die Medienkritik (wenn auch oft leider nicht in jenen Medien, die den Takt vorgeben), das Hinterfragen und Infragestellen der Berichterstattung, hat zumindest in den seriösen Medien einen bemerkenswerten Standard erreicht. Auch dafür gibt es ein Publikum, das bedienst sein will. Was aber nicht verhindert, dass das derart qualifiziert Kritisierte weiter geschieht. Dass die Mediatisierung zu einer Gesellschaftsneurose führt. Einer Krankheit letzten Endes, aber einer, die sich längst in der Normalität der Lebensgewohnheiten breit macht.

 

Die technischen Möglichkeiten der zeitgleichen weltweiten Kommunikation sorgen für eine Logik der Zuspitzung, mit der einordnender Überblick ausgerechnet im subjektiven Gefühl des Informiert-Seins verloren geht.

 

Wohl wahr: Den Treibsatz solcher Prozesse bilden die Online-Medien. Und deren Leitportale entwickeln sich insgesamt eher immer noch weiter in Richtung Dramatisierung als in Richtung zeitsouveräne Gelassenheit. Hier ist tatsächlich ein Mechanismus am Werk, der es schwer macht, vom Publikum Distanz zu fordern, während es ständig mit neuen Exklusiv-Häppchen aufgeputscht wird. Hier sorgen die technischen Möglichkeiten der zeitgleichen weltweiten Kommunikation für eine Logik der Zuspitzung, mit der einordnender Überblick ausgerechnet im subjektiven Gefühl des Informiert-Seins verloren geht.

Aber was hilft’s? Gegen Sturmwellen hilft nur Standfestigkeit. Es gibt keinen anderen Weg, als Medienkompetenz – gesellschaftlich betrachtet – eben nicht nur als Konsumkompetenz zu verstehen, sondern auch als Einordnungskompetenz. Als die Stärke, Geschwätz (und sei es „Experten“-Geschwätz) von Informationen zu unterscheiden. Und das Problembewusstsein bei all den Akteuren – auch den Amtspersonen aller Art – zu schärfen, die den medialen Windmaschinen immer wieder nur zu gerne Futter liefern, und sei es nur um sich selbst wichtig zu tun. Auch den Mund zu halten kann mal ein Dienst an der Gesellschaft sein. Fragt sich dann aber auch, wem solcher Dienst noch ein Verhaltensmaßstab ist.

 

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