Zu früh für eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht

Nachdem mehr über die Absturzursache des Germanwings-Fluges 9525 bekannt wird, rücken mögliche Konsequenzen in den Fokus der öffentlichen Diskussion. Eine der am meist gehörten Forderungen ist die nach der Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht. Jedoch zeigte gerade dieses Unglück, dass neue Regeln nicht immer den gewünschten Effekt erzielen.

Wie hätte dieses Unglück verhindert werden können? So verständlich wie auch menschlich diese Frage ist, so sollte dennoch nicht unterschätzt werden, wie problematisch es ist, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Ursachen des Absturzes noch nicht vollständig aufgeklärt sind, öffentlich über Konsequenzen zu diskutieren. Das setzt alle Verantwortlichen unter enormen Zugzwang. Sie müssen der besorgten Öffentlichkeit ihre Handlungsfähigkeit beweisen und möglichst zeitnah Konsequenzen ziehen. Das betrifft nicht nur die Fluggesellschaften, welche bereits teilweise mit der Einführung der Zwei-Personen-Regel reagiert haben, sondern auch die Politik, an die sich nun Forderungen nach strengeren gesetzlichen Regeln richten. Beispielsweise fragte die SZ bereits am Wochenende: „Sollte in bestimmten Fällen die ärztliche Schweigepflicht gelockert werden?“

Nun könnte man einwenden, dass es doch gut und richtig sei, umgehend die aufgetretenen Probleme anzugehen, um sie in Zukunft zu vermeiden. Das jedoch setzt er voraus, dass die tatsächlichen Probleme identifiziert sind und auch eine effektive Lösung verfügbar ist. An beiden Punkten kann man zum jetzigen Zeitpunkt seine Zweifel haben. Wer also dem Patienten Luftverkehr Medizin verschreiben will, sollte nicht nur die genaue Ursache der Beschwerden kennen, sondern auch mögliche Risiken und Nebenwirkungen beachten. Diese können schwerwiegend sein, wie der Absturz von 4U 9525 schmerzlich zeigt.

Neben den vielen Spekulationen gilt es momentan als gesichert, dass der Pilot nicht mehr zurück ins Cockpit kam und somit keine Möglichkeit hatte einzugreifen. Grund hierfür war in erster Linie die gepanzerte Cockpittür, welche sich nur von innen öffnen lässt und von dort auch zusätzlich verriegelt werden kann. Dieses Verbarrikadieren des Cockpits ist eine der Konsequenzen, welche nach den Anschlägen des 11. Septembers gezogen wurden. Neben dem Zweifel, ob eine gepanzerte Cockpittür wirklich zur Vereitelung der Anschläge beigetragen hätte, kann man heute fragen, ob die Risiken und Nebenwirkungen dieser vollständigen Abschottung unterschätzt wurden?

Was bedeutet diese Erkenntnis für die Konsequenzen aus Germanwings-Absturz? Hierzu ein kleines Gedankenexperiment: Nehmen wir an, dass der Co-Pilot tatsächlich, wie berichtet, unter Depressionen litt und den Absturz der Maschine absichtlich herbeiführte. Mit welcher Vorschrift hätte sich das Unglück verhüten lassen? Hätte eine gelockerte ärztliche Schweigepflicht den Absturz tatsächlich verhindert?

Nach den bisherigen Informationen war der Co-Pilot zum Zeitpunkt des Fluges krankgeschrieben. Dennoch trat er seinen Dienst an und setzte er sich hinter das Steuer des Flugzeuges. Wäre der behandelnde Arzt von der Schweigepflicht befreit gewesen, so hätte dieser Germanwings informieren können. Die Fluggesellschaft hätte daraufhin den Co-Piloten suspendiert, so die Logik hinter der Forderung nach der Aufweichung der Schweigepflicht. Diese Argumentation setzt jedoch implizit voraus, dass sich der Co-Pilot, ungeachtet einer drohenden Suspendierung, seinem Psychiater anvertraut hätte. Es ist jedoch zweifelhaft, ob jemand, der trotz Krankschreibung ein Flugzeug als Co-Pilot besteigt, einen Arzt aufsucht, wenn er dadurch riskiert suspendiert zu werden.

Solche Überlegungen sind zentrale Argumente für die ärztliche Schweigepflicht: Sie soll der um Rat suchenden Person die Sicherheit geben, sich einer Person anvertrauen zu können – ohne direkt negative Konsequenzen befürchten zu müssen. Niemand weiß, wie viele mögliche Unglücke durch Beratungen im Rahmen der ärztlichen Schweigepflicht verhindert wurden. Schafft man aber nun diese Sicherheit ab, werden sich möglicherweise weniger Piloten zukünftig psychologische Hilfe zu suchen. Das kann dazu führen, dass psychologische Probleme weder erkannt noch behandelt werden, die betroffenen Piloten aber weiterhin fliegen. Vielleicht wäre es sinnvoller, statt die ärztliche Schweigepflicht aufzuweichen, die Ursachen für Depressionen bei Piloten besser aufzuklären und den Zugang zu professioneller Betreuung zu erleichtern?

Ich möchte zur Skepsis gegenüber jedem raten, der behauptet, geeignete Maßnahmen bereits jetzt zu kennen. Konsequenzen, die auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen, können auch gegenläufige Effekte verursachen. Daher sollte die Diskussion über Konsequenzen warten, bis das Unglück ausreichend aufgeklärt ist bis die Ursachen des Unglücks ausreichend aufgeklärt sind und mögliche Risiken und Nebenwirkungen geprüft wurden.

 


Möchten Sie regelmäßig über neue Texte und Debatten auf Carta informiert werden? Folgen (und unterstützen) Sie uns auf Facebook und Twitter.