Witwenschütteln – Das wollt Ihr alle nicht erleben.

Ein Erfahrungsbericht – und ein Appell an die Medien – aus Anlass von Germanwings 4U 9525.

 

 

Von Sandra Schink*

 

 

„Hallo Kleine, sind Deine Eltern zuhause?“ Der Mann, der am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1982 vor unserer Wohnungstür stand, hatte sich zu mir herunter gebeugt und schaute mich mit einem Lächeln an, das so falsch in seinem Gesicht klebte, wie ein frischer Kaugummi unter einem Schuh. Ich war elf Jahre alt, und meine Eltern und ich wollten gerade zu Freunden aufbrechen, die Weihnachtstage ausklingen lassen. Ich freute mich auf deren Husky und die bunten Fische in ihrem Aquarium.

 

Ich fröstelte. Der andere Mann, der hinter dem mit dem klebrigen Lächeln stand, hatte eine große Tasche bei sich und konnte meinen fragenden Blick nicht erwidern. „Mama, komm mal! Da sind zwei fremde Männer….“

 

Meine Mutter kam zur Tür. Etwas an der Haltung der Männer veranlasste sie, mich sofort in mein Zimmer zu schicken. Beleidigt zog ich davon und lauschte fortan an meiner Zimmertür dem Gespräch meiner Eltern mit den Fremden.

 

„Es ist etwas Furchtbares passiert, es gab einen Unfall…“ hörte ich. Und dann nur noch Fragmente, weil die Erwachsenen im Wohnzimmer verschwanden. „…Boot… gekentert… schreckliches Unglück… Wasserschutzpolizei… Leichen identifizieren…”“ Die gedämpften Worte erreichten mich durch die Türen wie durch Watte. Meine Mutter brach in Tränen aus. Abruptes und unkontrolliertes Aufschluchzen. Ich fühlte nichts. Lehnte an der Wand.

 

Ich hörte die Stimme des einen sonor auf sie einreden. Beschwichtigend, übertrieben einfühlsam. Von dem anderen hörte ich kein Wort. Auch nicht von meinem Stiefvater. Nur das Schluchzen, das Weinen meiner Mutter, immer wieder mal lauter, mal leiser. Schließlich hörte ich sie nicht mehr.

 

Ich fühlte nichts. Ich wusste nur, dass mein bester Freund mit seinen Eltern und Freunden auf einem Weihnachtstörn unterwegs war. Und die Worte „…Boot… gekentert… schreckliches Unglück… Wasserschutzpolizei… Leichen identifizieren…“ hallten wider und wieder in meinem Kopf.

 

Meine Kinderzimmertür ging auf. Meine Mutter hatte rot verweinte Augen und ihre Stimme bebte. So gefasst wie es ihr möglich war, fragte sie nach meinem Fotoalbum. Meinem Fotoalbum in dem ich meine Fotos sammelte und die Fotos, die ich den Erwachsenen hatte abschwatzen können. Die Fotos von schönen Tagen und schönen Momenten mit Freunden. Wortlos ging ich zum Regal und zog es heraus. Und folgte den Erwachsenen in die Küche.

 

Unter dem fahlen Licht der Dunstabzugshaube blätterte meine Mum in meinen Fotoschätzen und wies dann auf ein Bild eines Mannes in einer Schützenuniform. Der Mann, der bisher nichts gesagt hatte und auch jetzt nichts sagte, holte eine Kamera heraus. Ich stand neben ihm und folgte seinen Bewegungen. Und suchte seinen Blick. Er stellte die Kamera ein und beugte sich über das Bild. Klack. Klack-Klack. Ich schaute ihm zu.

 

Zum ersten Mal sagte er etwas: „Haben Sie nicht etwas mehr Licht hier in der Küche?“ Seine Stimme klang schroff. Ich schaute ihn an. Er schaute nicht zurück. Die Neonröhre flackerte auf. Er beugte sich wieder über das Bild von dem Mann in Schützenuniform. Klack. Kack-klack. Er schaute meine Mutter an. Wortlos.

 

Sie blätterte weiter. Mit zitternden Händen. Ihr Blick war jetzt starr und leer. Sie wies auf ein Gruppenfoto. Dort stand ich neben meinem „großen“ geliebten besten Freund, hinter ihm seine Mama. Daneben erwachsene Freunde unserer Eltern. Der Mann beugte sich wieder mit der Kamera über mein Fotoalbum. Klack-Klack. Klack.

 

Eilig packte er seine Kamera dann weg und schaute den anderen Mann an. Und nickte. Der andere sagte etwas wie: „Vielen Dank! Sie haben wirklich etwas Gutes getan! Mit den Fotos können sie sicher identifiziert werden!“ Meine Mum brach in Tränen aus. Er tätschelte ihr unbeholfen den Arm, dann verschwand er mit dem Mann mit der Kamera eilig durch unsere Wohnungstür.

 

Ich sah meine weinende Mutter und meinen stummen erstarrten Stiefvater an. Und spürte nichts.

 

Am Tag nach Weihnachten waren die Fotos auf der Seite 3 der Lokalausgabe einer großen deutschen Boulevardzeitung abgedruckt. „Weihnachtstragödie! Ganze Familie ertrunken!“

 

Unser Telefon stand nicht still. Immer wieder hörte ich meine Mutter weinen. Weinend ins Telefon sprechen. Hörte sie weinend erzählen, dass diese Männer gesagt hätten sie würden mit der Wasserschutzpolizei zusammen arbeiten. Hörte sie weinen, wenn sie nicht telefonierte. Hörte sie weinen, wenn das Telefon klingelte. Hörte sie weinen, wenn das Telefon schwieg.

 

Am zweiten Tag nach Weihnachten erschienen die Fotos im Anzeiger unseres Städtchens. Das Telefon. Besuche. Vorwürfe. Watte.

 

Es wurde Januar, die Schule begann. „Warum habt Ihr den Pennern die Fotos gegeben?“ begrüßte mich ein Schulkamerad. Ich wusste es nicht.

 

Die Leichen meines besten Freundes und seiner Mutter wurden erst lange, sehr lange nach dem Erscheinen dieser Fotos, die ein Fremder aus meinem Fotoalbum abfotografiert hatte, im kalten Wasser eines kalten Flusses gefunden. Sein Vater hatte den Unfall schwer traumatisiert und ohne jede Erinnerung überlebt. Auch wenn er im ersten Artikel schon totgeschrieben worden war.

 

Als Kind habe ich all das gar nicht fassen und erfassen können. Die Erwachsenen standen lange unter Schock und waren nicht in der Lage zu trösten. Also weinte ich vorsichtshalber gar nicht erst. Erst viele Wochen nach den Beerdigungen brach es eines Abends beim Fernsehgucken aus mir heraus, heftig und stundenlang. Und meine Eltern reagierten hilflos. Es gab für uns alle keinen Trost. Nie.

 

Viele Jahre später führte mich das Schicksal in die Branche und die Redaktionen, für die die Männer von damals arbeiteten. Ich begegnete beiden wieder, und ich stellte beide zur Rede. Keiner konnte sich an „diesen Fall“ erinnern. Vielleicht wollte sich auch keiner erinnern.

 

Und während der eine, der mit der sonoren Stimme, empört bestritt jemals „so etwas“ getan zu haben, wurde der andere sehr still, als ich ihn fragte, wie oft er diesen Job gemacht hat in seinem Leben.

 

Und nachdem lange keine Antwort kam, sagte er auf einmal: „Ich weiß es nicht mehr, Sandra. Ich habe es nicht gezählt. Aber jedesmal habe ich gedacht: Hoffentlich, hoffentlich werden niemals solche Typen vor der Tür meiner Familie stehen und fragen, ob wir Fotos der Opfer haben…“

 

Liebe Kollegen,

Ihr seid Menschen. Menschen mit Familien. Menschen mit Gefühlen. Ihr seid Menschen, die das Unglück der Familien von Opfern niemals erleben möchten. Menschen, die diesen Schmerz, die Leere, die Trauer, die Ohnmacht niemals fühlen möchten. Ihr seid Menschen mit Mitgefühl. Ihr seid Menschen, die wissen, dass ein Foto von einem Toten keinen relevanten Nachrichtenwert hat. Menschen die wissen, dass diese Fotos nur benutzt werden, um einen schalen Voyeurismus zu befriedigen. Und damit Auflagen – oder heute Klickzahlen – zu steigern.

 

Liebe Chefredakteure,

Ihr alle habt die Macht, dieser furchtbaren Unsitte Einhalt zu gebieten, die so zynisch „Witwenschütteln“ genannt wird. Ihr müsst Euren Mitarbeitern nicht diesen sinnlosen Job abringen, den keiner jemals gerne und aus Überzeugung gemacht hat. Auch Ihr nicht.

 

Ihr habt die Möglichkeit, die Macht, den Einfluss aus dieser kranken Jagd nach Klicks und „Kondolenz-Likes“ auszusteigen. Ihr könnt aufhören aus dem Tod und dem Leid von Menschen größtmöglichen Profit zu schlagen. Denn es gehört sich einfach nicht. Und das wisst Ihr. Hört auf.

 

Lasst die Menschen einfach trauern.

 

 

*Die Journalistin Sandra Schink hat diesen Text auf ihrem Facebook-Profil veröffentlicht und einer Veröffentlichung bei Carta zugestimmt.

 

 

Möchten Sie regelmäßig über neue Texte und Debatten auf Carta informiert werden? Folgen (und unterstützen) Sie uns auf Facebook und Twitter.