Frauen im Film: Schluss mit der Potenzreflexion!

Sechs von acht für den Oscar nominierten Filmen bestanden ihn nicht. Der nach einer US-amerikanischen Comic-Zeichnerin und Autorin benannte Bechdel-Test liefert ernüchternde Ergebnisse zur Rolle von Frauen in filmischen Werken. Ein Umdenken tut not, denn solange Frauen und Mädchen im Fiktionalen vor allem als Spiegel männlicher Sexualität dargestellt werden, hat dies negative Auswirkungen auf die beiderseitige Identitätsentwicklung im Realen.

Der Tag, an dem mir der Bechdel-Test begegnete, war ein guter Tag.

Endlich konnte ich zu einer Situation, die ich bis dato nur als diffuses Unwohlsein wahrnehmen konnte, auf einfache Weise Daten generieren. Ich bekam ein Analysetool für den Grad meines Unbehagens in die Hand.

Szene 1: Der Abend vor dem Fernseher

Ich gucke einen Film, viele Filme:

Der männliche Protagonist durchläuft eine Wahnsinns-Entwicklung, weil er eine Frau retten oder beeindrucken möchte. Die Frau ist in Gefahr, jung, gutaussehend und schlank, weist allerdings keine Charaktereigenschaften auf, mit denen ich mich identifizieren könnte. Ich bin die nicht. Und auch sonst niemand auf diesem Sofa. Und auch sonst keine, die ich kenne. Wenn ich eine radikale Diät mache, könnte ich die Kleidergröße mit ihr gemeinsam haben. Kommt dann auch ein Held und befreit mich aus meinem Alltag? Moment mal – will ich das? Nein!

Seit Herbst 2013 soll der Bechdel-Test der internationalen Film- und Medienbranche helfen, Frauen als aktive, handelnde Subjekte wahrzunehmen und darzustellen, indem drei Fragen beantwortet werden müssen:
Gibt es mindestens zwei Frauenrollen mit Namen?
Sprechen sie miteinander?
Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Das Konzept ist dem Comic „Dykes to watch out for“ (auf Deutsch sinngemäß: „Bemerkenswerte Lesben“) der US-amerikanischen Cartoon-Zeichnerin und Autorin Alison Bechdel von 1985 entnommen.

In Kooperation mit dem globalen Netzwerk weiblicher Filmschaffender, Women in Film and Television International (WIFTI), hat das schwedische Filminstitut – eine staatliche Organisation, die schwedische Filme finanziert, vertreibt und archiviert – 2013 den Bechdel-Test als offizielles Qualitätsmerkmal eingeführt: Das A-Rating. Wenn ein Film den Bechdel-Test besteht, bekommt er ein A für approved (dt. anerkannt, freigegeben). Das A, auch eine Respektbekundung für Alison Bechdel, kann vor Filmbeginn gezeigt und auf Plakaten, in Programmzeitschriften und anderen Print- oder Online-Medien veröffentlicht werden. Auf der Website kann nachgesehen werden, welche Filme den Test bestanden haben und welche nicht.

 

Offizielle Kennzeichnung bei erfolgreich absolviertem Bechdel-Test

offizielle Kennzeichnung bei erfolgreich absolviertem Bechdel-Test

 

Im Jahr 2014 partizipiert die französische Tageszeitung Libération, indem sie während des Filmfestivals in Cannes die Ratingergebnisse der Festivalfilme veröffentlicht und das Tess Magazin, indem es Kritiken unter dem Aspekt des A-Ratings verfasst und publiziert. Während der Berlinale veröffentlicht Deutschlandradio Kultur die Ergebnisse des A-Ratings für alle Wettbewerbsfilme. Im selben Jahr implementiert der European Cinema Support Fund Eurimages den Bechdel-Test in seinen Filmfördervergabekriterien.

Um den Bechdel-Test zu bestehen, braucht ein Film weder feministisch noch emanzipiert, noch politisch korrekt zu sein. Der Inhalt wird nicht bewertet. Es geht darum, ein absolutes Minimum an weiblicher Präsenz festzustellen. Wenn z.B. Lieschen Müller und Monika Meyer einen Satz über das Wetter wechseln, schafft der Film das A-Rating. Doch die meisten internationalen Blockbuster und Mainstreamfilme fallen durch. Viele scheitern daran, dass Frauen nicht miteinander sprechen. In der Kategorie „Bester Film“ der diesjährigen Oscar-Verleihung fielen sechs von acht Filmen durch.

Der Bechdel-Test soll unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die Mehrheit der Filme aller Genres Frauen – wenn überhaupt – in Bezug zu einem Mann zeigen, statt als eigenständig handelnde Subjekte.

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler benennt als Problem der Geschlechterrollen heute, dass die Frau als Bedeutungsträgerin männlicher Sexualität fungiere und Symbolträgerin für die Manneskraft sei. Demnach sei der einzige Inhalt weiblichen Denkens der Mann. Mit der Lektüre von Butlers Werk Gender Trouble habe ich endlich verstanden, warum genau es mich wütend macht, wenn unbekannte Männer im Vorbeigehen ganz selbstverständlich meinen Körper kommentieren und sich ehrlich wundern, wenn ich mich nicht darüber freue. Laut Butler bin ich für sie ein wandelndes Symbol für ihrer Manneskraft. Ich darf ihre Potenz spiegeln. Das ist die etablierte Umgangsform zwischen Mann und Frau. Männer stehen immer auf Frauen und Frauen stehen darauf, dass Männer auf sie stehen.

Um zu begreifen, dass der Mainstream der Film- und Medienbranche mit großer Selbstverständlichkeit fundamental sexistisch funktioniert, muss man nicht unbedingt soweit gehen, ein poststrukturalistisches Philosophie-Buch in die Hand zu nehmen, die Wikipedia-Definition[1] genügt:

„(…) Als zentrale Dimension des modernen Sexismus wird die Leugnung fortgesetzter Diskriminierung von Frauen verstanden.“

Oder wie es im „Projekthandbuch: Gewalt und Rassismus“ von 1993 steht: „Sexismus wird überall dort deutlich, wo Frauen zuerst als Geschlechtswesen und dann erst als Menschen betrachtet und behandelt werden.“

Alison Bechdel beruft sich in ihren preisgekrönten Graphic Novels auf die Objektrelationstheorie. Deren Schöpferin, die österreichisch-britische Psychoanalytikerin Melanie Klein, studierte die konstruktive und destruktive Beziehung des schizo-paranoiden Babys zur „guten“ und zur „bösen“ Brust. Wenn das Baby begreift, dass die Mutter nicht nur aus zwei Brüsten besteht, sondern ein ganzer Mensch ist, wird es von Schuldbewusstsein erschüttert.
Von der Bewältigung dieses Problems hängt die Entwicklung zu einem psychisch gesunden Erwachsenen ab.

Verorten wir einmal die Film- und Medienbranche in diesem Entwicklungsschritt. Fünfzig Jahre nach der Legalisierung von Pornografie müssen wir uns mit unserem Umgang mit Brüsten auseinandersetzen. Um mit der deutschen Komikerin Carolin Kebekus zu sprechen: „Das Fernsehen ist voller Brüste… Silikonbrüste… außer bei Arte, da werden diese armen Menschen gezeigt, die nicht mal Geld für Silikon haben.“

Wir wissen heutzutage längst, dass Brüste nicht das Denken beinträchtigen oder Subjektivität verhindern, genausowenig wie ein Penis. Dennoch tauchen Frauen In der Fantasie der Film- und Medienbranche kaum losgekoppelt von männlicher Sexualität auf, in den meisten Filmen werden die einfachsten menschlichen Beziehungen zwischen Frauen unterschlagen. Nicht-sexuelle Beziehungen werden überwiegend unter Männern erzählt. Und das, obwohl die Realität die Fantasie schon längst überholt hat. Meine Zahnärztin z.B. spricht mit ihrer Assistentin. Nicht über einen Mann. Sie heißt Fr. Dr. Ivona Nauman und ihre Assistentin Dana Kiencke. Ich kann mir kaum vorstellen, dass männliche Patienten Frau Kienke bei der Arbeit auf ihre Brüste reduzieren oder ihr charmantes Lächeln einfordern. Auch männliche Patienten bleiben sachlich, wenn sie von Frauen behandelt werden.

Szene 2: Dreh mit Kindern

Das Setting ist eine Faschings-Party in einer (heteronormativen) Kita. Motto: „Prinzessinnen und Piraten“. Keines der Mädchen war als Piratin verkleidet, kein Junge als Prinzessin. Circa dreißig kleine Mädchen im Alter von drei bis zehn fielen über ihre Schärpen, verstauchten sich in Stöckelschuhen die Füße, beschimpften Jungs als „Mädchen“, oder sie langweilten sich gehorsam, bis einer der Prinzen, Piraten oder Ritter sie auf Anleitung einiger Erwachsener vor einer undefinierten Bedrohung retteten. Es war ernüchternd zu beobachten, wie diese kleinen Menschen, mit Lippenstift, Lidschatten und Rouge bemalt, für ihr „hübsches“, „süßes“ Aussehen gelobt wurden und stolz waren – solange sie angesehen und bewundert wurden. Und wie das Strahlen in den kleinen Gesichtern erlosch, wenn Bewunderer sich abwendeten.

Die Mädchen wurden zu passiven Beobachterinnen männlicher Aktivität. Sie waren darauf angewiesen zu warten, bis jemand sie ansieht.

Statt visionäres Denken jenseits einer binären Geschlechterstruktur zu üben, zementieren wir Film- und Medienschaffenden fast gänzlich unreflektiert, was die britische Filmtheoretikerin Laura Mulvey bereits 1975 in Ihrem Artikel Visual Pleasure and narrative Cinema als „to-be-looked-at-ness“ kritisiert hat. Mulvey entlarvt die Propaganda „Frauen erreichen Macht durch Glamour und Schönheit“ als Verkaufsstrategie der Kosmetik- und Modeindustrie und analysiert, wie die Bildsprache in Film- und Printmedien dieses passive Frauenbild generiert beziehungsweise reproduziert.[2]

Immer wieder wird die Vorliebe weiblicher Kinder für Rosa als „naturgegeben“ begründet, doch nur zwei Klicks im World Wide Web ergeben etwas ganz anderes: Noch vor 100 Jahren war es üblich, kleine Jungen in Rosa zu kleiden. Es ist also Teil unserer Kultur und nicht Natur. Wir haben uns in der Folge darin eingerichtet, Jungs an Blau zu erkennen und Mädchen an Rosa.

Und was soll ein kleiner Hermaphrodit in der Kita tragen?
Das Gesetz schreibt vor, die Geschlechtsidentität eines intersexuellen Kindes dürfe nicht mehr operativ und auch nicht sprachlich im Pass festgelegt werden.

Was hilft jedoch die gesetzliche Ebene, wenn in der Praxis die (unbewusste) Propaganda sexistischer Ideologie mit dem Kinderprogramm in Fernsehen und Kino beginnt und sich in der Kita fortsetzt? Muss ein intersexuelles Kind in dieser Transit-Phase der Akzeptanz fern aller gesellschaftlichen Aktivität aufwachsen?
In Schweden sind Hellblau und Rosa als Geschlechter definierende Farben bei Kindern, nicht nur in den Medien, längst verpönt.

Nach der Einführung von Bechdel-Test und A-Rating wird dort nun daran gearbeitet, in den Kitas selbst die Definition von „männlich“ und „weiblich“ in der Sprache abzuschaffen: „Hen“, das neutrale Geschlecht, ersetzt „hun“ (sie) und „han“ (er).

Sollte ich jemals ein intersexuelles Kind bekommen, ziehen wir auf jeden Fall nach Schweden.

Bei uns herrscht nach wie vor babylonische Verwirrung zwischen „der“ und „die“, „_Innen“ und „_innen“. Was universelle Bezeichnung ist und was nicht, wird verwischt noch während es diskutiert wird.

Szene 3: Filmfest München 2014

Bei der Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Casting wurde die Frage aufgerufen, warum denn nicht endlich mehr Frauen auch in Nebenrollen besetzt würden. Eine der Casterinnen auf dem Podium verwies auf die Autoren bzw. Autorinnen: Da der Begriff „der Arzt“ einen Mann bezeichne, müsse die Rolle eben mit einem Mann besetzt werden. Ginge es um eine weibliche Besetzung, müssten die Autoren eben „Ärztin“ schreiben.

Linguistisch gesehen wurde „der Arzt“ als universelle Bezeichnung für eine Berufsgruppe festgelegt, unabhängig von Geschlecht, Sexus oder der ethnischen Erscheinung der jeweiligen Person.[3]

Dieses Konstrukt wird immer wieder diskutiert. Inzwischen verwenden einige Institutionen die Begrifflichkeiten umgekehrt, z.B. führte die Universität Leipzig 2014 das generische Femininum ein. „Die Studentin“ dient dort nun als universelle Bezeichnung für männliche, weibliche, transgender und intersexuelle Studierende. Dennoch sollte es bereits jetzt möglich sein, eine Frau zu denken, wenn im Buch „Der Arzt“ steht oder umgekehrt.

Noch während an der Einführung einer einheitlichen genderneutralen Sprache gearbeitet wird, könnten wir die Gendergrenzen unserer Fantasie etwas lockern. [4] Warum nicht obwohl – oder gerade weil – wir wissen, dass „der Arzt“ einen Mann suggeriert und unsere „universelle“ Bezeichnung disfunktional ist, eine Frau auf diese Rolle setzen? Oder einen Mann besetzen, auch wenn der Autor „Krankenschwester“ oder „Sekretärin“ geschrieben hat? Oder „Putzfrau“?

Doch wird in fiktionalen Werken eine heteronormative, homophobe, nicht diverse, gegenderte Tradition perpetuiert, die Laura Nelson „Gender Appartheid“ nennt.

Was unsere Film- und Fernsehlandschaft in diesem Sinne ein wenig auflockert, sind die Polizeistrukturreformen der letzten Dekaden: Vor 25 Jahren hat Bayern als letztes Bundesland damit begonnen, Frauen in allen Bereichen der Polizeiarbeit einzusetzen.
Von da an werden in ganz Deutschland nicht nur Ermittlungsteams (bei der Kripo gibt es Frauen bereits seit den 1970er Jahren), sondern auch Streifen idealerweise je mit einem Mann und einer Frau besetzt.

Das bewegt selbst unsere Film- und Fernsehlandschaft zur Veränderung der Frauenrolle. In Krimis werden Frauen bei der Arbeit gezeigt und Dank der vielen Verhöre kann man relativ sicher sein, dass sie miteinander über etwas anderes als einen Mann sprechen. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Namen haben, ist groß. Liegt der enorme Erfolg deutscher Krimis vielleicht u.a. daran, dass sie Frauen und Männer gleichberechtigt bei der Arbeit zeigen? [5]

Es gibt eine unglaubliche Vielfalt an Modellen aus der Realität, der Literatur, der Kunst, der Wissenschaft und auch aus der Filmbranche, an denen wir uns orientieren können, um Frauen wie Männer als ganzheitliche, unfragmentierte Menschen verschiedener Formen, Farben, Altersgruppen und sozialer Schichten wahrzunehmen und darzustellen und uns gegen Vereinheitlichung, Klischierung und Sexualisierung zur Wehr zu setzen.

Besonders Film- und Kulturschaffende können nur gewinnen, indem gerade sie die Gendernormen hinterfragen und relativieren.[6]

Wer legt denn eigentlich Gender (-Performance) als prioritäres Identitätsmerkmal fest? [7]

 


 

[1] In der deutschsprachigen Wikipedia-Definition heißt es hierzu: Im postfeministischen Diskurs wird Sexismus sehr viel weitergehender definiert. Hier wird es als Sexismus betrachtet, von anderen zu erwarten oder zu verlangen, dass sie Geschlechternormen verkörpern. Verwandt mit diesem Ansatz sind die Diskussionen um die heterosexistische Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Menschen, die nicht ins gängige Geschlechterkonzept passen.

In der Psychologie und Sozialpsychologie wird Sexismus häufig über vorurteilsbesetzte (negative) Einstellungen und diskriminierende Verhaltensweisen gegenüber Personen aufgrund ihres Geschlechts oder noch breiter als „stereotype Einschätzung, Bewertung, Benachteiligung oder Bevorzugung einer Person allein auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit … Diese Definitionen umfassen auch Stereotypisierungen, Abwertungen und Diskriminierungen gegenüber Männern.

In der soziologischen Forschung wird mehr der strukturelle Aspekt des Sexismus betont. Hier heißt es, Sexismus sei kulturell bedingt, institutionell verankert und individuell verinnerlicht. Es sei ein weitergetragenes Denken, Glauben, Meinen und ein Handeln als gesellschaftliche Praxis, welches Männer privilegiere und Frauen unterwerfe. Hierdurch werde das Tun von Frauen abgewertet und Frauen (und Männer) würden auf bestimmte Rollen festgeschrieben.

[2] „In their traditional exhibitionist role women are simultaneously looked at and displayed, with their appearance coded for strong visual and erotic impact so that they can be said to connote to-be-looked-at-ness‚.“ (Mulvey 1989: 19).
Der Mann ist der Träger des Blickes des Zuschauers und kann laut Mulvey in einer patriarchalen Ordnung nicht zum Sexualobjekt gemacht werden. Der Blick des männlichen Protagonisten und des Zuschauers werden zu einem. In psychoanalytischen Kategorien ist die weibliche Figur problematisch, da sie die Abwesenheit des Penis und damit eine Kastrationsdrohung darstellt. Zwei Möglichkeiten, diese Angst zu kompensieren, sind Sadismus – die Abwertung, Bestrafung bzw. schlussendliche Rettung der weiblichen Figur – und die Fetischisierung des Blickobjekts. Mulvey untersuchte in diesem Artikel hauptsächlich klassische Hollywoodfilme von Sternberg (etwa Marlene Dietrich als Fetisch) und Hitchcock. Den skopophilischen, voyeuristischen Blick an sich zu zerstören, ist ihr Ziel. Sie kommt zu dem Schluss, dass es im klassischen Hollywoodfilm keinen Platz für eine weibliche Subjektivität gibt.

[3] Die Fehlüberlegung besteht in der Gleichsetzung von biologischer Geschlechtlichkeit und grammatikalischem Genus. Diese Gleichsetzung ist unstatthaft, denn es gibt ja drei Genera (Maskulinum, Femininum, Neutrum) aber bloß zwei Geschlechter. Auch wird allem Ungeschlechtlichen (der Ofen, die Wolke, das Fass) ein Genus beigeordnet, was wiederum zeigt, dass biologisches Geschlecht und grammatikalisches Genus keinesfalls gleichgesetzt werden dürfen. Das Genus wird aber nicht bloß geschlechtlich oder ungeschlechtlich, sondern – in unserem Zusammenhang grundlegend – auch übergeschlechtlich (als Androgynum) verwendet: Der Mensch, der Gast, der Flüchtling – die Person, die Persönlichkeit, die Waise – das Kind, das Individuum, das Geschwister – sie alle können männlich oder weiblich sein.

[4]Mit dem Bundesbeschluss von 1993 wurde bestimmt, dass neue Gesetzestexte und Totalrevisionen von Gesetzen in geschlechtsneutraler bzw. nichtdiskriminierender Sprache verfasst sein müssen.

[5] In der Studie „Gender Roles & Occupations: A Look at Character Attributes and Job-Related Aspirations in Film and Television“ untersucht das Geena Davis Institut die Darstellung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz anhand von 11.927 Sprechrollen. Das Ergebnis u.a (hier, letzter Abschnitt):
„From 2006 to 2009, not one female character was depicted in G-rated family films in the field of medical science, as a business leader, in law, or politics. In these films, 80.5% of all working characters are male and 19.5% are female, which is a contrast to real world statistics, where women comprise 50% of the workforce.“
mehr Ergebnisse hier, Tabellen 6 und 7

[6] Anke Enkelke greift in Ladykracher die fotografischen Identitätsstudien von Cindy Schermans aus den Neunzigerjahren, dem Zeitalter der Identitätsforschung, auf.

[7] Butler sagt: There is no gender identity behind the expressions of gender; … identity is performatively constituted by the very „expressions“ that are said to be its results.‘ (Gender Trouble, p. 25). In other words, gender is a performance; it’s what you do at particular times, rather than a universal who you are… Seen in this way, our identities, gendered and otherwise, do not express some authentic inner „core“ self but are the dramatic effect (rather than the cause) of our performances.

 

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