Fernsehen aus der Zeitkapsel: RTL ist kreativ bankrott.

| 19.03.2015 | 5 Kommentare

Mit totgerittenen Formaten, bewährten Gesichtern und Variationen des Immergleichen versucht RTL, den Erfolg der Vergangenheit zu konservieren. Der Sender lebt von der Substanz und ist dabei, den Anschluss an eine neue Medienkultur zu verlieren. Es ist der Staub des Gewohnten, der das Gebilde noch zusammenhält.

„Gibt es ein Wiedersehen mit Alles-Schluckerin Melanie Müller, Wort-Verdreherin Brigitte Nielsen und dem allerersten Dschungelkönig Costa Cordalis? Und haben auch andere Dschungel-Lieblinge wie die verpeilte Larissa Marolt oder Nacktschnecke Micaela Schäfer eine Chance?“ Diese Fragen stellte Bild.de seinen Lesern gestern und gab auch gleich die wenig überraschende Antwort: Ja, RTL plant eine Sommerausgabe des Dschungelcamps.

Auf das bewährte Zusammenspiel mit der BILD kann sich RTL nach wie vor verlassen. Auf sein Gespür für das Publikum schon lange nicht mehr. Und so hätten die Fragen eigentlich lauten müssen: Wie verzweifelt muss man sein? Fällt denen denn gar nichts mehr ein? Der Sender, trotz oder gerade wegen seines Krawall-Images über lange Jahre Branchenprimus und Taktgeber der deutschen Fernsehlandschaft, ist völlig aus dem Tritt geraten.

Neue (das heißt in aller Regel von irgendwoher adaptierte) Formate wie die auf einem niederländischen Vorbild basierende Comedyserie Männer! Alles auf Anfang oder die Casting-Show Rising Star scheitern in einer Tour; die Quoten sind seit 2011 rückläufig. Wie groß die Unsicherheit in der in den ehemaligen Kölner Messehallen untergebrachten Sendezentrale ist, zeigt das dahindarbende Nachmittagsprogramm, dessen Reform man noch letztes Jahr groß ankündigte. Nach diversen Flops läuft dort inzwischen von 14 bis 17 Uhr die Doku-Soap Verdachtsfälle, bei der Zuschauer dabei zusehen können, „wie Verdächtigte und deren Familien und Freunde mit einer vermeintlichen Strafanklage leben“. Man muss sich hier gar nicht über die Qualität solcher Formate (oder die des Senders insgesamt) auslassen. Die Programmplanung spricht Bände. Der ausbleibende Erfolg auch. Mit Trash hat RTL früher mehr Aufmerksamkeit erzielt.

Tatsächlich fällt es schwer, sich an die letzte gelungene Programminnovation, den letzten wirklich „großen TV-Event“ oder – auch das in der Vergangenheit ein Indikator für Relevanz – den letzten großen Tabubruch zu erinnern, der von RTL ausging. War es in den Nuller-Jahren?! Das Programm des Senders, der die Entwicklung des deutschen Fernsehens in den 1990ern wie kein anderer prägte, jedenfalls ist ziemlich genau dort stehen geblieben. Er klammert sich an in die Jahre gekommene Erfolgsformate wie Dschungelcamp, Wer wird Millionär, Supertalent oder DSDS – trotz deutlicher Abnutzungserscheinungen. Das C-Promi-Recycling Let’s Dance walzt der Sender (bei sinkenden Quoten auch hier) auf drei Monate und eine allwöchentlich abendfüllende Sendezeit aus. Am Mittwochabend moderiert ein von den Öffentlich-Rechtlichen kommender Günther Jauch-Klon, der höhere journalistische Ansprüche gegen die Aussicht auf eine lebenslange Festanstellung in einer Art 90er Jahre-Zeitkapsel eingetauscht zu haben scheint, STERN TV (zugegebenermaßen ein Programm eines lizenzierten Drittanbieters).

Überhaupt das Personal: Mit Peter Kloeppel, Günther Jauch, Katja Burkard, Frauke Ludowig et al. prägen den Sender seit Ewigkeiten dieselben Gesichter. Dazu ein paar wenige jüngere „Talente“ wie Daniel Hartwig, der im Vergleich zu seiner Ko-Moderatorin Sylvie Meis (einer Art Kleiderpuppe mit integrierter Sprachsoftware) bei Let’s Dance tatsächlich als Entertainer durchgeht, aber bislang kein eigenes Format erfolgreich zu tragen in der Lage war.

Die Krise der Kölner ist natürlich auch den Umbrüchen einer sich rapide wandelnden Medienlandschaft geschuldet, viele seiner Probleme teilen sie mit ARD/ZDF und den anderen Privaten. So sind die Folgen der Digitalisierung für die großen TV-Sender, obwohl die Zuschauerzahlen nachwievor (trügerisch) hoch sind und die Werbeerlöse stimmen, letztlich nicht minder disruptiv als für Verlage. Die Vorstellung vom Fernsehen als „natürlichem“ Leitmedium oder – ohnehin romantisierend – „Lagerfeuer der Nation“ ist Geschichte. Gleichzeitig sehen sich Fernsehmacher heute nicht nur mit einer über die Jahre stetig gewachsenen Zahl frei verfügbarer Konkurrenzprogramme konfrontiert, sondern vor allem mit jener Content-Flut, die über das Internet ihren Weg zum Nutzer findet. Dazu gehören aber auch internationale TV-Produktionen, die die deutschen Sender insgesamt, aber insbesondere RTL in seinem ureigenen Metier, der Unterhaltung, alt aussehen lassen.

Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auf die ungleichen Rahmenbedingungen und vor allem die enormen Ressourcen verwiesen, über die beispielsweise die Macher US-amerikanischer Serien verfügen. Das stimmt und geht doch an den Problemen vorbei. Denn zum einen zeigen Produktionen diverser, teils deutlich weniger potenter europäischer Sender, dass Innovationen keine Frage des Geldes sind. Und selbst wenn man sich – mit guten Gründen – von dem Gedanken verabschiedet, dass hierzulande jemals den US-Vorbildern vergleichbare Serien entstehen: Das erklärt nicht, warum amerikanische TV-Stars wie Jimmy Kimmel und Jimmy Fallon in den USA regelmäßig virale Erfolge erzielen (bis in die Social Media-Timelines vieler Deutscher hinein), während RTL im Internet jenseits der eigenen „Video on Demand“-Plattformen kaum stattzufinden scheint.

 

RTL und BILD verhalten sich zueinander wie zwei Hunde, die sich auf der Straße aufgeregt kläffend an den Genitalien schnüffeln und dabei unaufhörlich im Kreis laufen. Auch da schaut man als Passant hin.

 

Die Idee für RTL-Samstag Nacht war auch geklaut, in der konkreten Umsetzung aber spiegelte und prägte die Sendung Humor und Befindlichkeiten der damaligen Zeit. Und sie war Sprungbrett für eine Gruppe von Comedians und Autoren, die eine ganze Generation, im Fall von Olli Dittrich bis heute, komödiantisch begleitet hat. Die RTL-Exporte der letzten Jahre hießen Cindy aus Marzahn und Markus Lanz, geprägt hat der Sender schon lange nichts und niemanden mehr. Angesichts der trostlosen Ambitionslosigkeit dessen, was insbesondere RTL an Unterhaltungsformaten beispielsweise am Freitagabend abspult, gereichen schon eine Helene Fischer-Parodie von Carolin Kebekus oder ein Böhmermann-Video hierzulande zur Sensation. Es stellt sich die Frage, warum es andernorts dagegen, unter hyperkompetitiven Rahmenbedingungen und in nicht minder durchökonomisierten, auf planbaren Erfolg setzenden Apparaten, nicht nur ab und an gelingt, sondern gängige Praxis ist, aus den Strukturen heraus kreative, überraschende Akzente zu setzen und zum Mainstream zu machen.

Totgerittene Formate, das Festhalten an bewährten Gesichtern – dahinter steckt der verzweifelte Versuch, den Erfolg der Vergangenheit, der stark an etablierte Marken geknüpft ist, zu konservieren und die Erosion der eigenen Relevanz aufzuhalten. Es ist der Staub des Gewohnten, der das Gebilde noch zusammenhält. Und die Marketing-Symbiose mit dem Boulevard. RTL und BILD verhalten sich zueinander wie zwei Hunde, die sich auf der Straße aufgeregt kläffend an den Genitalien schnüffeln und dabei unaufhörlich im Kreis laufen. Auch da schaut man als Passant immer wieder hin. Ein klares Konzept, eine inhaltlich wie ästhetisch überzeugende Antwort auf aktuelle und kommende Herausforderungen des Fernsehens sieht anders aus.

Noch stimmen die Zahlen. RTL ist profitabel, profitabler als die Konkurrenz, aber im Kerngeschäft vermutlich am Zenith angekommen. Und die Schonfrist für Frank Hoffmann, den nicht mehr wirklich neuen Nachfolger Anke Schäferkordts als RTL-Chef, dürfte vorbei sein. Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden. RTL war immer eher Ballermann, nie Avantgarde. Auch die Erfolge der Vergangenheit basierten letztlich darauf, etwas in Kultur und Gesellschaft Vorhandenes aufzugreifen, populär zu verarbeiten und schließlich mit maximaler Wirksamkeit massenmedial zu verbreiten. Als Zuschauer musste man das nicht mögen, auch nicht einschalten, doch entziehen konnte man sich dem nur schwer. Die Kölner trafen den Nerv der Zeit. Heute sind sie – im doppelten Wortsinn – drauf und dran die Nerven zu verlieren. Sollte RTL-Veteranin Frauke Ludowig auch 2020 noch allabendlich aus der Requisite ins Exclusiv-Studio geschoben werden und dann genauso aussehen wie in den Nullerjahren, als der Abstieg des ehedem alle vor sich hertreibenden Senders begann, haben ihre Maskenbildner endgültig einen Fernsehpreis für ihre Restauratoren-Arbeit verdient. Beim Sender ist der Lack heute bereits ab. Da glänzt nichts mehr. RTL lebt von der Substanz, von Variationen des Immergleichen. Der Sender ist kreativ bankrott.

 

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