Begehrt, bemängelt, geschmäht – Journalismus

Seit es die gesellschaftliche Erwartung gibt, dass von einer Position der Unabhängigkeit aus alles Wichtige objektiv und aktuell allen mitgeteilt wird, sehen sich diejenigen, welche diese Aufgabe übernehmen, mit Vorwürfen konfrontiert, sie würden ihrer Rolle nicht gerecht und ihre Position missbrauchen.

Das christliche „Liebe deinen Nächsten“, Kants kategorischer Imperativ „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“,  Rosa Luxemburgs „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“, Jürgen Habermas’ „herrschaftsfreier Diskurs“ sind vier berühmte Beispiele dafür, dass Gesellschaften ein kräftiges Sollen brauchen, das auch und gerade dann eine Funktion erfüllt, wenn es in der Alltagspraxis verfehlt wird, vielleicht nicht einmal zum Wollen reicht. Mit dem Journalismus gibt sich die moderne Gesellschaft ein Programm öffentlicher Kommunikation, das praktisch unerfüllbar ist. Trotzdem müsste es erfunden werden, wäre es nicht längst vorhanden, trotzdem muss es hoch gehalten werden und sei es nur, um darunter wegzutauchen.

Als philosophischer Gedanke mag sie älter sein, als allgemeine Erwartung gehört sie in die Moderne, in die bürgerlich-demokratische Gesellschaft: die Idee, dass es öffentliche Informationen geben könnte und müsste, die erstens von den Herrschenden nicht zensiert, sondern frei geäußert werden; die zweitens nicht parteiisch sind, sich also mit keinem Interesse gemein machen; die drittens so wahr, so objektiv wie irgend möglich sind, viertens alles Wichtige aufgreifen und fünftens möglichst aktuell verbreitet werden. Diese Idee zu verwirklichen, ist die Aufgabe des Journalismus, ihr verdankt er sein gesellschaftliches Ansehen, das gerade wieder ziemlich auf dem Hund ist; ihretwegen genießt er besondere Rechte.

Fünf Eigenschaften seiner Mitteilungen (unzensiert, unparteiisch, relevant, richtig, aktuell) unterscheiden den Journalismus von anderen Formaten öffentlicher Kommunikation wie Werbung, Öffentlichkeitsarbeit und Unterhaltung. Journalistische Veröffentlichungen werden seit jeher bemängelt, ja verdammt, weil sie aus der Sicht ihrer Kritiker diese Eigenschaften nicht oder nur unzureichend erfüllen. Über kaum einen Beruf wird so viel Hohn und Spott ausgeschüttet. Das fiel schon dem großen Max Weber auf, der in seiner berühmten, im Revolutionswinter 1918/1919 gehaltenen Rede über „Politik als Beruf“ zum Thema Journalismus festhielt: „Die ganz unvergleichlich viel schwereren Versuchungen, die dieser Beruf mit sich bringt, und die sonstigen Bedingungen journalistischen Wirkens in der Gegenwart erzeugen jene Folgen, welche das Publikum gewöhnt haben, die Presse mit einer Mischung von Verachtung und jämmerlicher Feigheit zu betrachten.“

Als Schuldige werden meistens entweder die Journalisten selbst ausgemacht oder die Medienorganisationen, in welchen die Redaktionen arbeiten. In beiden Fällen kann die Kritik durchaus zutreffend adressiert sein. Wenn etwa einzelne Journalistinnen oder Journalisten lieber Öffentlichkeitsarbeit für bestimmte Interessen machen. Oder wenn Verlage bzw. Sender um ihrer Gewinnerwartungen willen mit allen publizistischen Mitteln Auflage, Quote und Klicks erreichen wollen. Vor allem dieser zweite Fall hat seit der Privatisierung der Funkmedien Mitte der 80er Jahre (in Deutschland) massiv zugenommen. Aber bevor man weiter in diese Kerbe schlägt, könnte vielleicht mehr analytische Distanz die eilige Verurteilung in ein besser informiertes, deswegen nicht automatisch milderes Urteil verwandeln.

Öffnet man die Perspektive, zeigt sich, dass die moderne Gesellschaft Grundwerte aufruft, die das richtige Leben nur relativieren kann, nicht selten sogar widerruft. Abhängigkeiten, Ungleichheiten, Konkurrenzverhalten prägen einen Alltag, über dem Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Leitbilder stehen. Mit dem Journalismus sieht es ähnlich aus. Gehen wir die fünf Eigenschaften kurz durch, die ihn auszeichnen sollen.

Unzensiert:

In dem traditionellen Sinn einer staatlichen Kontrolle, wie sie in herrschaftlich-autoritären oder diktatorischen Regimes an der Tagesordnung ist, gibt es hierzulande sicherlich keine Zensur. Haken dahinter. Aber jede einzelne Journalistin und der einzelne Journalist könnten natürlich von redaktionellen Ein- und Übergriffen berichten, die sie als eine Art Zensur erlebt haben. Wo Zensur anfängt und ganz normale soziale Schranken aufhören, ist nicht immer so klar, wie eilige Empörung glauben machen will. Jedenfalls gibt es keine einzige soziale Situation, in der man alles sagen kann.

Unparteiisch:

Die hier gemeinte Unabhängigkeit wird von vielen Seiten her prinzipiell angegriffen.

1. Selbst dort, wo journalistische Unabhängigkeit tatsächlich praktiziert wird, stellt es sich interessierten Akteuren, Unternehmen, Parteien, Verbänden etc., über die Negatives berichtet wird, logischerweise so dar, als stünden Redaktionen unter dem Einfluss der anderen Seite. Für den Journalismus hagelt es deshalb auch dann Vorwürfe, wenn er diesem  Leitwert faktisch folgt.
2. Redaktionen sind in die gesellschaftlichen Kommunikationen eingebunden. Woher sollen sie ihre Informationen bekommen, wenn nicht von politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, sportlichen etc. Akteuren? Sie bekommen immer gezinkte Karten zugespielt und sollen ein sauberes Blatt daraus machen.
3. Alle Organisationen und Personen, für die es folgenreich ist, welches Bild sie in der Öffentlichkeit abgeben, versuchen auf die redaktionelle Arbeit Einfluss zu nehmen. Die Explosion der Öffentlichkeitsarbeit beweist es, der PR-Druck ist immens.
4. Die Verlage und Sender, von welchen die Redaktionen finanziert werden, müssen bei Strafe des Bankrotts dafür sorgen, dass wenigstens das Geld wieder hereinkommt, das sie für die journalistische Arbeit ausgeben. Kostendruck ist allgegenwärtig.
5. Den Journalistinnen und Journalisten, die von ihrer Arbeit leben wollen, kann es nicht gleichgültig sein, ob ihre Texte und Bilder auch wirtschaftlich erfolgreich sind, ob das Medium, in dem sie publizieren, Aufmerksamkeit findet, für Werbung attraktiv ist und/oder sich gut verkauft.

Unter allen diesen Voraussetzungen sich trotzdem ein Stück Unabhängigkeit zu bewahren, ist eine starke Leistung. Aber diese Unabhängigkeit darf gerade dann, wenn sie praktiziert wird, nicht mit umstandsloser Anerkennung rechnen. Sich von nichts und niemandem binden, sich nirgends einbinden und vereinnahmen zu lassen, kann auch negativ gedeutet werden als Mangel an Gesinnung, als Charakterlosigkeit; am Ende sogar als Opportunismus, denn Berichterstattung und Kommentierung finden ja statt, so dass die Konkurrenten und Kontrahenten im Publikum unschwer einen Anlass finden werden, sich benachteiligt bzw. die andere Seite bevorzugt zu finden.

Relevant:

Zwar lässt sich für den größten Teil der Veröffentlichungen, der aus Unterhaltung, Werbung und Öffentlichkeitsarbeit besteht, sicher sagen, dass er das Kriterium gesamtgesellschaftlicher Relevanz nicht erfüllt. Aber positiv zu bestimmen, dieses Thema ist für alle wichtig und das andere nicht, wird stets eine Gratwanderung bleiben. Unsere Gesellschaft ist viel zu bunt, bietet so verschiedenartige Lebensmöglichkeiten, dass es notwendigerweise ein breites Spektrum an Relevanzkriterien gibt. Damit ist jetzt nicht die Hülle und Fülle an Special-Interest-Medien gemeint, sondern die harte Frage, was heute und morgen für alle von großer Bedeutung ist.

Diese Frage beantwortet sich eben nicht einfach damit, was gerade viel Resonanz findet. Gerade das scheinbar Nebensächliche, das bislang wenig Beachtete, kann sich als folgenschwer erweisen. Soll heißen, auch der Journalismus, der redlich sich bemüht, kann daneben liegen, wird teils zu recht, teils zu unrecht sich Vorwürfe einhandeln, Themen nicht rechzeitig aufgegriffen, andere überbewertet und dritte gar nicht gesehen zu haben. Wieder gilt die Devise, du hast keine Chance, nutze sie. Der ständigen Qual der Wahl, dieses, jenes oder doch ein ganz anderes Thema aufzugreifen, ist nur mit Routine schmerzstillend beizukommen. Weshalb sich Redaktionsneulinge verwundert die Augen reiben, mit wie wenig Diskussion sich der journalistische Alltag über die Runden rettet.

Richtig:

Das Berliner Boulevardblättchen „BZ“ versprach in diesen Tagen „Die Wahrheit über die Ukraine“. „Bild“ und „Der Spiegel“ werben gleichermaßen damit, dass sie Wahrheiten veröffentlichen. Philosophen und Erkenntnistheoretiker raufen sich seit Jahrhunderten die Haare über das „Ding an sich“, wie man dazu (nicht) vordringen, wie man es (nicht) erkennen kann. „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, sagt Heinz von Foerster, aber der Journalist soll uns nach der Lektüre von Agenturmeldungen, begleitender Socialweb-Recherche und – wenn es hoch kommt – ein paar Telefonaten Wahrheiten im Minutentakt servieren. Ohne Zweifel kann eine Mitteilung sachlich angemessener sein als eine andere; ohne Zweifel werden uns Medien, die es nur auf unsere Aufmerksamkeit abgesehen haben, lieber aufregen als sachgerecht informieren; ohne Zweifel ist es ein vorsätzlicher Missbrauch des Wahrheitsbegriffs, wenn er von Massenmedien für Werbezwecke eingespannt wird. Aber für den Journalismus muss in Sachen Wahrheit genügen, was in jedem Arbeitszeugnis ein Ungenügend ist: er hat sich bemüht.

Aktuell:

In der Medienwissenschaft wird Aktualität oft nicht nur zeitlich, sondern auch sozial und sachlich verstanden. Aktualität dient dann als eine Art Sammelbegriff zur Charakterisierung journalistischer Veröffentlichungen und meint, dass sie neu, wichtig und sachlich zutreffend sind bzw. sein sollen. Allerdings hat die Zeitdimension, hat die Beschleunigung stetig an Bedeutung gewonnen. Es findet kaum noch ein als relevant eingeschätztes Ereignis statt, zu dem kein Live-Ticker läuft. Parallel zu einem laufenden Ereignis „in Echtzeit“ informative Mitteilungen über dieses Ereignis zu geben, ist ein harter Job. So richtig funktioniert es eigentlich nur im Sport, wo Positiv- und Negativwerte klar unterschieden sind wie etwa im Fußball: Ein Tor ist besser als eine Torchance, ein Platzverweis wichtiger als irgendein Foul, ein Elfmeter interessanter als ein Einwurf. Wo der Ordnungsrahmen eindeutig und die Zuordnung des jeweiligen Vorfalls selbstverständlich ist, lässt sich leicht berichten. Aber solche Voraussetzungen sind in Wirtschaft, Politik und Kultur nur ausnahmsweise gegeben. Wer zwischen Zwölfuhrläuten und Mittag gehaltvolle Informationen (er)finden muss, wird sich schon deshalb öfter mal blamieren, weil nach Tisch alle klüger sind.

Fassen wir zusammen: Journalisten, darauf verweist schon ihr Name, sind diejenigen, die es an den Tag bringen. In der Veröffentlichung steckt zwangsläufig ein Risiko: Jetzt wissen es alle, können es zumindest wissen. Das wird nicht jedem gefallen. Die Auseinandersetzung um ihre Qualitäten, die Kritik an ihrer Praxis gehört zur journalistischen Arbeit wie der Buchstabe zum geschriebenen Wort. Dass sich die Redaktionen in Deutschland daran nicht gewöhnen mögen, dass sie dazu neigen, die Schotten majestätsbeleidigt dicht zu machen, ist wahrscheinlich das Schlechteste, das über den Journalismus hierzulande gesagt werden muss.

 

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