Kein Kredit für Antisemiten: Wie SPIEGEL und WELT die Regierung in Athen enttarnen

Gegen den griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis wurden Antisemitismus-Vorwürfe erhoben. Ein genauerer Blick in die Quellen zeigt: zu unrecht.

„Zum Holocaust duldet Deutschland kein loses Gerede“, weiß Jan Fleischhauer im aktuellen SPIEGEL und hat die Antisemiten in der neuen griechischen Regierung auch gleich ausgemacht. Darunter auch der neue Star, der Finanzminister Yanis Varoufakis. Im Jahr 2005 hatte ihm der australische Sender SBS-Radio als Kommentator gekündigt , weil er anti-israelische Ansichten vertreten haben soll. Beschwert hatte sich ein Verein namens ICJS (Issues of Concern for Justice and Society). Dabei handelt es sich um einen australischen Thinktank, der um die „Zukunft unserer westlichen jüdisch-christlichen Kultur“ besorgt ist und sich zum Ziel gesetzt hat, für eine ausgewogene Berichterstattung zu sorgen. Anlässlich des jüngsten Attentats in Frankreich wurden auf der Seite vornehmlich islamfeindliche Artikel verlinkt. Es handelt sich also nicht unbedingt um eine Organisation, deren Urteilen man ohne Vorbehalte folgen sollte. Das hält den Historiker Thomas Weber, auf den sich Fleischhauer beruft, nicht davon ab, in der WELT unkommentiert auf die Seite des Vereins zu verweisen.

Den griechischsprachigen Kanal des australischen Senders musste Varoufakis nach 15 Jahren Mitarbeit verlassen. Was hatte er sich zu Schulden kommen lassen? Dankenswerterweise stellt der ICJS ein Transkript der fraglichen Radiosendung zur Verfügung. Varoufakis kritisierte ausführlich und mit Kenntnis im Detail die Politik der israelischen Regierung in den palästinensischen Gebieten. Die Grenzbefestigungen bezeichnete er als „concrete monster“, Betonmonster. Er hatte im selben Jahr zusammen mit der Künstlerin Danae Stratou im Rahmen des Projekts The Globalising Wall die Grenzgebiete bereist.

„Varoufakis äußerte sich im australischen Radio voller Empathie für Selbstmordattentate gegen Israelis“, weiß Weber in der Welt zu berichten. Laut des auf der ICJS-Seite veröffentlichten Transkripts war folgendes passiert: Nach einer drastischen Schilderung der Zustände in den Palästinensergebieten führte Varoufakis aus: „And they just wonder when some of those Palestinians loads himself [sic] with dynamite and blows himself up.“ – „Und da wundert sich noch einer, dass die Palästinenser sich mit Dynamit beladen und in die Luft sprengen.“

Weber will auch herausgefunden haben, dass „Varoufakis das Existenzrecht Israels als jüdischen Staat infrage“ stelle, und zwar in einem Text auf seiner eigenen Webseite. Tatsächlich findet sich dort der Satz: „The Jews are no people, and if they are, they are a lousy people.“ Die Aussage stammt allerdings nicht von Varoufakis. Sie ist im Text als Zitat von Bruno Kreisky, übrigens selbst jüdischer Abstammung, in einem Interview mit einem holländischen Journalisten ausgewiesen. Es ist nicht einmal Varoufakis, der Kreisky hier zitiert, sondern der österreichische Bankier Klaus Kastner. Varoufakis gibt Kastners Aussagen nur wieder, um anschließend darauf zu antworten. Der Austausch geht um die Haltung Kreiskys. Nirgendwo in dem Text äußert Varoufakis seine Ansichten zum Staat Israel.

Man muss schon sehr eilig googeln und sich dann das weitere Nachlesen sparen, um zu dem Urteil zu kommen, Varoufakis stelle das Existenzrecht Israels in Frage. Das wäre ungefähr so, als würde jemand Herrn Weber als Antisemit bezeichnen, weil im Titel seines Textes das Wort „judenfeindlich“ vorkommt.

In der griechischen Regierung mag es Knallköpfe mit teils zweifelhaften, teils radikalen und teils inakzeptablen politischen Ansichten geben. Varoufakis gehört, nach allem was er sagt, nicht dazu. Er hat die israelische Politik in den Palästinensergebieten kritisiert, sehr emotional und vielleicht zu hart, aber an keiner Stelle das Existenrecht des Saates Israel bestritten.

Varoufakis selbst ging transparent mit der Angelegenheit um und nahm 2010 in seinem Blog nochmal zu der damals fünf Jahre zurückliegenden Kontroverse Stellung. Anlass war die Rezension eines Buches, das an Beispielen aus Kanada zeigt, wie „’zero-tolerance to antisemitism’ morphed into an instrument by which to shield Israeli policies in the Middle East from rational and fair scrutiny“, wie also wichtige und notwendige politische Diskussionen durch Schlag-Drauf Argumente wie Antisemitismus-Vorwürfe abgewürgt werden. In der Hinsicht sieht es bei unseren beiden Beispielen kaum besser aus. Denn genau das machen Weber und Fleischhauer in ihren Artikeln: Erst schlecht recherchieren, dann Fehlurteile ungeprüft abschreiben, und das mit dem Ziel, den Gegner zu diffamieren, anstatt sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Mehr zum Thema: Im Tal der Ahnungslosen. Ein Interview zur deutschen Griechenland-Berichterstattung mit dem Publizisten Robert Misik (2.2.15),  Athen: Der Rauswurf der Spar-Sadisten und der Plan von Finanzminister Varoufakis von Ralph Heidenreich und Stefan Heidenreich (1.2.15)

Update: Während wir noch am Korrigieren waren, hat sich auch Robert Misik der Sache angenommen: Wie die „Springer“-Presse Yanis Varoufakis zum Judenfeind macht

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